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9. Kapitel.
Nach Milazzo

Der Abzug der Bourbonischen aus Palermo gestaltete sich zu einem wahren nationalen Feste, um so mehr, als sie auf Grund der getroffenen Übereinkunft alle politischen Gefangenen in Freiheit setzten, die sich, den ersten Familien angehörig, in Castellammare in Haft befanden. Der Anblick der teuren Verurteilten, die in entsetzlichen Kerkern so viel erduldet hatten, erfüllte die ganze Bevölkerung mit Jubel, und rührend war die Aufnahme, die sie jenen Märtyrern bereitete. Ich hatte mein Hauptquartier in einem Pavillon des königlichen Palastes aufgeschlagen, von wo man die ganze Via Toledo überschaut und auf der anderen Seite ihre Verlängerung in der Richtung nach Monreale. Wenige Kilometer südlich von Palermo. Von hier konnte ich mich an dem Schauspiel erfreuen, das ein großes, leidenschaftliches Volk in seiner freudigen Erregung darbietet. Die Befreiten wurden von einer unermeßlichen Menge, die vor Freude über die Befreiung ihrer Lieben fast von Sinnen war, im Triumph vor meine Wohnung geführt. Ich empfing den köstlichen Schatz ihrer Dankbarkeit, und eine Träne feuchtete meine Wange.

Es begann nun eine Zeit der Ruhe, deren alle bedurften, besonders die Tausend. Arme Jünglinge, erlesen aus der Bevölkerung aller italienischen Lande, die ihr, an Beschwerden und Entbehrungen nicht gewöhnt, großenteils noch Studenten und junge Doktoren, dennoch euch alle mit verschwindenden Ausnahmen einem heldenmütigen Martyrium für die Befreiung dieses unseres Vaterlandes geweiht hattet, das von den Fremden bekriegt und vielleicht mit Recht zur Sklavin gemacht war, dieweil es einst die Welt beherrscht hatte. Denn die Eroberung der ganzen damals bekannten Welten trug eine schwere Schuld in sich, da sie zur notwendigen Folge hatte, daß Völker ihrer Rechte beraubt und zu Sklaven gemacht wurden, was dann den Eroberern den allgemeinen Haß zuzog.

Die Tausend, die größtenteils keine Seeleute waren, hatten das Übel des Meeres überwunden, um den Wechselfällen der Schlachten sich auszusetzen, und waren über fast unzugängliche Pässe nach Palermo gelangt, wo sie ein Heer von 20 000 Mann aus den besten bourbonischen Truppen verjagten und mit Hilfe der Bevölkerung ganz Sizilien in 20 Tagen befreiten. Der Feind jedoch entfernte sich von uns, um sich zu neuen Schlachten vorzubereiten, und wir mußten uns, daher ebenfalls in den Stand setzen, ihm nochmals zu begegnen. Es wurden nunmehr in Palermo und auf der ganzen Insel, soweit sie von den Bourbonischen geräumt war, Musterungen eingerichtet, Waffenkäufe auswärts abgeschlossen, in der Hauptstadt eine Kugelgießerei eingerichtet und unermüdlich daran gearbeitet, Pulver und Kartuschen herzustellen. Palermo, der Waffenplatz des Despotismus, wurde in wenigen Tagen eine Pflanzstätte der Kämpfer für die Freiheit. Welch ein erhebender Anblick: in den kühleren Tagesstunden die feurigen jungen Söhne von Trinakrien bei den militärischen Übungen zu schauen, wo sie eine Gewandtheit und Hingebung an den Tag legten, die wohl das Herz des Veteranen erfreuen mußte, dessen Lebenstraum die Befreiung Italiens war. Italien hätte sich damals gänzlich befreien können, wenn die Lässigkeit der einen und die Böswilligkeit der anderen nicht den Heldenmut der Nation in jenem ruhmvollen Augenblick niedergehalten hätte.

Unser Aufenthalt in Palermo nach der Räumung der Stadt durch die Feinde wurde ferner zu Werken der Wohltätigkeit benutzt. Eine große Zahl von Jungen, die sich auf der Straße herumzutreiben pflegten, die ihnen meist zu einer Schule der Verderbnis wurde, sammelte man, brachte sie in geeigneten Anstalten unter und erzog sie zu dem Beruf des ehrenwerten Bürgers und Vaterlandsverteidigers. Man verbesserte die Lage der bestehenden Wohltätigkeitsanstalten und versah die bedürftigen Schichten der Stadt und diejenigen Elemente, die durch das Bombardement oder im allgemeinen durch den Krieg geschädigt worden waren, mit Lebensmitteln. Auch wurde die diktatoriale Verwaltung organisiert unter eifriger Anteilnahme mehrerer ausgezeichneter Patrioten Siziliens, unter denen der hervorragende Rechtsanwalt Francesco Crispi, einer der Tausend, an erster Stelle stand.

Nachdem die nationalen Streitkräfte in 3 Divisionen eingeteilt worden waren, erhielten sie den Namen »Heer des Südens«. Dieses brach dann bald gegen Osten auf zur Vollendung der Mission der Befreiung, die es auf sich genommen hatte.

Während der Tage des Kampfes in Palermo war dort ein kleines italienisches Dampfschiff, die »Nützlich«, mit etwa 100 der Unsrigen ein getroffen, die von Marsala aus, wo sie wohlbehalten gelandet waren, noch zeitig genug die Hauptstadt erreichten, um an den letzten Kämpfen teilzunehmen. Ferner kam das Korps Medici, etwa 2000 Mann stark, auf 3 Dampfern in Castellammare, wenige Miglien westlich von Palermo, an, Stadt am westlichsten Teil der Nordküste der Insel (nicht zu verwechseln mit dem Fort Castellammare bei Palermo selbst). noch ehe die sämtlichen bourbonischen Truppen sich eingeschifft hatten. Andere Kontingente aus allen Provinzen Italiens folgten, und in Kürze fanden wir uns in trefflichster Verfassung und imstande, nach verschiedenen Teilen der Insel fliegende Abteilungen zu detachieren, um die Anerkennung der neuen Regierung zu bewirken, was keine Schwierigkeit hatte, da sie schon überall ausgerufen worden war, und den Feind aufzusuchen, wo er sich noch befand. Eine Division unter General Türr setzte sich nach der Mitte der Insel in Bewegung. Die rechte Division, die General Bixio kommandierte, wurde nach der Südküste von Sizilien, die linke, von General Medici befehligte, nach der Nordküste dirigiert mit dem Auftrag, so viel Freiwillige, als sich stellen möchten, auszuheben und sich schließlich alle an der Meerenge von Messina wieder zusammenzufinden.

Ferner traf in Palermo der General Cosenz mit 2000 Mann ein; ihnen folgten andere, die von den verschiedenen Hilfsausschüssen für Sizilien entsandt waren, welche Ausschüsse sich in mehreren Provinzen gebildet und ihren Mittelpunkt in Genua unter der Leitung des Doktor Bertani hatten.

Die Kolonne Cosenz ging ebenfalls nach Messina ab, um Medici zu verstärken, den ein starkes bourbonisches Korps unter Bosco bedrohte, das von Messina ausmarschiert war und über Spadafora Spadafora an der östlichen Nordküste, unweit Milazzo. herankam, um den Unsrigen entgegenzutreten. Bosco war an der Spitze von 4000 Mann trefflicher Truppen von Messina aufgebrochen, um die Verbindung dieser Stadt mit Milazzo aufrechtzuerhalten und einen Handstreich auf das Korps Medici zu versuchen, das Barcellona, Barcellona südöstlich von Milazzo, ebenfalls an der unweit der Nordküste entlangführenden Straße.) Santa Lucia und einige umliegende Dörfer besetzt hielt. Er griff in der Tat Medici an, wurde aber abgewiesen und wich auf Milazzo zurück, indem er die Ebene südlich davon besetzte und die Umgegend belästigte. Es war unerläßlich, uns dieser feindlichen Macht zu entledigen, die als einzige noch das offene Land hielt. – Von General Medici über die Bewegungen des Feindes und seine Stärke unterrichtet, machte ich mir die Ankunft des Obersten Corte mit etwa 2000 Mann in Palermo zunutze und ließ, ohne zu gestatten, daß sie den Fuß aufs Land setzten, einen Teil von ihnen auf den Dampfer »City of Aberdeen« hinüberschaffen, auf dem ich mich dann auch selbst einschiffte. Am nächsten Tage erreichten wir Patti. Patti wiederum weiter westlich an der Küstenstraße. Nachdem ich mich hier mit den Generalen Medici und Cosenz vereinigt hatte, zu denen die am Meeresufer marschierende Brigade noch nicht gestoßen war, beschlossen wir, die Bourbonischen am frühen Morgen des nächsten Tages anzugreifen.


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