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5. Kapitel.
Verdrießliche Untätigkeit

Das Fieber, das ich mir in Roverbella geholt, ließ mich nicht wieder los; ich hatte den ganzen Feldzug hindurch unter ihm zu leiden und kam deshalb recht abgemattet in der Schweiz an. Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf, daß es gelingen würde, auf lombardischem Gebiet wiederum etwas ins Werk zu setzen. In der Schweiz lebten zahlreiche junge Leute, die, nachdem sie einen Vorgeschmack des Lebens in der Verbannung erfahren, bereit waren, koste es was es wolle, den Feldzug wieder aufzunehmen. Die schweizerische Regierung war freilich nicht eben gesonnen, sich durch Förderung des italienischen Aufstandes das Mißfallen Österreichs zuzuziehen. Andererseits sympathisierte die italienische Bevölkerung des Kantons Ticino naturgemäß mit uns und man durfte wenigstens von den einzelnen in jenem Teile der Schweiz, wo die große Mehrheit der Emigranten sich aufhielt, Unterstützung erwarten.

Ich hatte mich in Lugano ins Bett legen müssen, als ein Oberst der schweizerischen Bundestruppen mir den Vorschlag machte: falls wir bereit wären, das Kriegsglück nochmals zu versuchen, so werde er, nicht als Angehöriger der schweizerischen Regierung, sondern als Luini (dies war sein Name) nebst seinen Freunden uns in jeder möglichen Weise fördern und unterstützen. Ich teilte diesen Vorschlag Medici mit, der damals das einflußreichste Mitglied im Generalstab Mazzini's war; der aber antwortete mir: »Wir werden etwas Besseres tun.« Ich begriff, daß diese Antwort von einer höheren Stelle kam und erkannte daraus, daß meine Anwesenheit in Lugano unnütz sei. So wandte ich mich von der Schweiz aus mit 3 Gefährten nach Frankreich, um von dort weiter nach Nizza zu gehen und mich zu Hause von den Fieberanfällen zu kurieren, die mich ständig heimsuchten. Ich gelangte nach Nizza und verbrachte dort im Schoße meiner Familie einige Tage, in denen ich mich bemühte, meine Gesundheit wieder herzustellen. Da ich jedoch noch mehr am Geiste als am Körper litt, so bekam mir das ruhige Verweilen in meinem Hause nicht und ich ging nach Genua, wo sich die allgemeine Erregung über die Demütigung, die das Vaterland erlitten hatte, deutlicher geltend machte. Dort beendigte ich meine Kur.

Der Gang der Ereignisse in Italien ließ damals noch nicht das Schlimmste erwarten, erregte aber doch wohlbegründetes Mißtrauen. Die Lombardei war ihrem Tyrannen wieder anheimgefallen. Das piemontesische Heer, das ihre Verteidigung auf sich genommen hatte, war verschwunden, nicht vernichtet, aber die Leiter hatten sich von ihrer Ohnmacht überzeugt. Jenes Heer mit seinen ruhmreichen Traditionen, das aus der trefflichsten Mannschaft bestand, unterlag einem Alp, einer unerklärlichen, aber trostlosen, schrecklichen Ungunst des Geschicks. Sei es nun was es wolle, der Geist des Truges, der Unredlichkeit ward ihm zum Fluche, der Geist unseres Unglücks leitete sein Geschick und schlug seine Tatkraft in Fesseln. Das piemontesische Heer hatte keine Schlachten verloren, sich vielmehr – wer kann sagen, weshalb? – vor dem geschlagenen Feinde zurückgezogen, unter dem Vorwand, sich vor den Umtrieben der Radikalen, die in Italien zunahmen, schützen zu müssen. Naturgemäß dämpfte sich und erlosch infolge der Kälte und Zweideutigkeit der Fürsten bei der Truppe das Feuer der Begeisterung für die Sache Italiens. Dieses nämliche Heer, das, von der ganzen Nation getragen, wie es wenigstens anfangs der Fall war, Wunder getan hätte, wenn es unter der Führung eines Mannes, der die Furcht und das Mißtrauen erstickt hätte, geradenwegs auf das Ziel losmarschiert wäre, war zu einem Nichts geworden und zog sich, in Auflösung, aber unbesiegt, aus der Lombardei zurück – und ebenso die Kriegsflotte, noch weniger besiegt, aus dem Adriatischen Meere. Der Gnade und Barmherzigkeit des barbarischen Zwingherrn preisgegeben, lagen die Völker am Boden, die mit so großer Hingebung und so viel Heldenmut, ohne irgend jemandes Hilfe, das schimpfliche Joch abgeschüttelt hatten, sie, die, als sie allein waren, in 5 ewig denkwürdigen Tagen die krieggewohnten Soldaten Österreichs wie eine Herde Vieh verjagt hatten!

In den Herzogtümern, die noch im Machtbereich unseres Heeres waren, schoß die Reaktion wieder ins Kraut; ebenso in Toskana, das ein Diktator regierte, über den die Geschichte urteilen wird. Garibaldi meint offenbar Francesco Domenico Guerrazzi aus Livorno, einen der Führer der demokratischen Partei Toskanas, dem Großherzog Leopold II. im Oktober 1848 die Bildung des Ministeriums übertrug. Nachdem aber Leopold im Februar 1849 sein Land fliehend verlassen hatte, trat Guerrazzi zuerst mit Montanelli und Mazzini zusammen als Triumvir, endlich im März 1849 als Diktator an die Spitze des Großherzogtums. In diesen Ländern bewaffneten sich die Bauern, die, von Priestern, Spionen und Helfershelfern des Fremden angeführt, sich zu jeder Zeit gegen eine liberale Regierung bewaffnen werden. In den römischen Staaten waren Rossi und Zucchi Über Zucchi s. oben. Pellegrino Rossi, geb. 1787, lebte nach 1815 im Ausland, zuerst in der Schweiz, dann in Frankreich. Hier war er Professor der Staatswissenschaften in Paris, später im eigentlichen Staatsdienst, wurde Pair von Frankreich, 1845 französischer Gesandter an der Kurie. Seit dem Sturze Louis Philippe's lebte er als Privatmann in Rom, aber bereits im September 1848 berief ihn Pius IX. an die Spitze eines gemäßigt liberalen Ministeriums, doch wurde Rossi am 15. November d. J. von den Radikalen ermordet (s. u.). an die Leitung der Politik und des Heeres berufen worden, um mit ihren gefeierten Namen von ehemals die rückschrittlichen Absichten zu decken, die bereits wieder die Herrschaft gewannen. Die betrogenen Bevölkerungen, die die Morgenröte der Erhebung geschaut, knirschten vor Wut. Bologna empfing an dem unvergeßlichen 8. August das erste Geschenk der von Priestern herbeigerufenen Österreicher, nämlich Flintenschüsse, und verjagte dann die Erschreckten bis auf das andere Ufer des Po. Anfang August 1848 rückte ein österreichisches Korps unter Feldmarschallleutnant v. Welden eigenmächtig in den Kirchenstaat ein. Bologna, von den päpstlichen Truppen geräumt, schien nicht imstande, sich zu widersetzen. Aber der Übermut einiger österreichischer Offiziere, die in die Stadt gekommen waren, reizte die Bevölkerung, und es kam am 8. August zu einem mehrstündigen, erbitterten Straßenkampf, infolgedessen die Österreicher nicht nur die Stadt räumten, sondern gänzlich abzogen. Auch die Bevölkerung von Neapel machte hochherzige Anstrengungen gegen ihren Henker, war dabei aber weniger glücklich. Sizilien, das als Bollwerk der Freiheit Italiens dagestanden hatte, geriet aus Mangel an einem Mann, der seine Geschicke zu lenken vermochte, in ein unsicheres Schwanken bei der Wahl politischer Einrichtungen. In Neapel hatte König Ferdinand II. schon am 15. Mai 1848 gewaltsam das Parlament aufgelöst und die Gegenrevolution begonnen. Andererseits verharrte Sizilien noch im Aufstande gegen das bourbonische Königtum. Kurz, Italien, das allerorten voll von Begeisterung und von Elementen der Aktion war, die wohl fähig gewesen wären, sich nicht nur zu verteidigen, sondern auch den Feind auf seinem Grund und Boden anzugreifen, war durch die Kraftlosigkeit, Schwäche und Treulosigkeit seiner Lenker, des Königs, der Gelehrten und der Priester, zu tatenloser Unterwerfung verurteilt.

Während ich mich in Genua aufhielt, erschien dort Paolo Fabrizi und forderte mich im Namen der sizilischen Regierung auf, mich nach der Insel zu begeben. Ich stimmte freudig zu, und mit 72 teils alten, teils neuen Gefährten, in der Mehrzahl wackeren Offizieren, ging ich an Bord eines französischen Dampfers. Wir kamen bis Livorno; ich hätte gewünscht, an Bord zu bleiben, aber da die großherzigen, begeisterten Livornesen Die Stadt Livorno war der Hauptsitz des Liberalismus im Großherzogtum Toskana. unsere Ankunft erfuhren, so blieb nichts übrig, als diesen Vorsatz aufzugeben. Wir gingen also ans Land und ich gab (was ich vielleicht nicht hätte tun sollen) den stürmischen Bitten der Livornesen nach, die in der Vorstellung, daß wir uns allzu weit von dem Schauplatz der Hauptereignisse entfernten, leidenschaftlich erregt waren. Man sicherte mir zu, daß ich in Toskana eine starke Streitmacht erhalten würde, die sich dann auf dem Weitermarsche durch Freiwillige noch vergrößern sollte, so daß ich die Möglichkeit erhielte, zu Lande den neapolitanischen Staat zu erreichen und so der italienischen Sache und Sizilien in viel wirkungsvollerer Weise zu Hilfe zu kommen. Ich ließ mich auf diese Vorschläge ein, wurde aber bald meines Irrtums gewahr. Man telegraphierte nach Florenz, aber die Antworten in betreff des erwähnten Planes fielen ausweichend aus; den von den Livornesen geäußerten Wünschen wurde nicht offen widersprochen, weil man sich fürchtete; aber wer etwas von der Sachlage verstand, konnte bereits merken, daß die Florentiner Regierung von ihnen nichts weniger als erbaut war. Wie dem aber sei, bereits war unser Aufenthalt entschieden und unser Dampfer ohne uns abgefahren.

Doch hielten wir uns in Livorno nur kurze Zeit auf. Wir bekamen dort einige Gewehre, aber mehr durch den guten Willen des Hauptes der Volkspartei, Petracchi, und der übrigen Freunde als auf Veranlassung der Regierung. Auch schlossen sich uns nur einige wenige Mitstreiter an; man sagte uns, wir möchten nach Florenz gehen, wo mehr geschehen werde; aber das Gegenteil trat ein.

Großartig war in Florenz der Empfang seitens der Bevölkerung, aber die Regierung verhielt sich gleichgültig und ließ uns hungern. So war ich genötigt, um meine Schar zu beköstigen, den Kredit einiger meiner Freunde in Anspruch zu nehmen. Der Großherzog befand sich in der toskanischen Hauptstadt, aber die Leitung der Dinge lag bei Guerrazzi. Ich schreibe Geschichte und hoffe, dem großen Italiener kein Unrecht zu tun, wenn ich die Wahrheit sage. Ich fand Montanelli, den die öffentliche Meinung mit Recht hochstellte, so wie ich ihn mir vorgestellt hatte: loyal, offen, bescheiden, das Wohl Italiens erstrebend, mit dem glühenden Herzen eines Märtyrers; aber die Gegnerschaft anderer machte jede günstige Entschließung wirkungslos, und so vermochte die kurzdauernde Machtstellung des hochgemuten, tapferen Kämpfers von Curtatone Den Piemontesen war in dem Feldzuge gegen Österreich von 1848 auch ein kleines toskanisches Kontingent zu Hilfe gekommen, das sich am 9. Mai d. J. bei Curtatone und Montanara am Mincio heldenmütig geschlagen hatte. wenig Gutes zu schaffen. Da ich erkannte, daß ein längerer Aufenthalt in Florenz nutzlos und lästig sein würde, so faßte ich den Entschluß, in die Romagna zu marschieren, wo ich mehr auszurichten hoffte und von wo es im äußersten Falle leichter gewesen wäre, über Ravenna nach Venedig zu gelangen. Aber neue und härtere Prüfungen erwarteten uns auf dem Apennin. Auf dem Wege nämlich, auf dem wir auf Veranlassung der toskanischen Regierung die notwendigen Lebensmittel vorfinden sollten, fanden wir nichts als das Wohlwollen der Anwohner, die zwar den guten Willen, aber nicht die Mittel hatten, unseren Bedürfnissen abzuhelfen. Endlich verbot sogar ein schriftlicher Befehl der Regierung an den Bürgermeister eines Grenzstädtchens, uns ferner Subsistenzmittel zu liefern, und hieß die unwillkommenen Abenteurer das Land räumen. Unter solchen Umständen erreichten wir Filigari An der toskanisch-romagnesischen Grenze. und fanden dort ein Verbot der päpstlichen Regierung vor, die Grenze zu überschreiten. Wenigstens verfuhren die Priester doch folgerichtig: sie behandelten uns offen als Feinde!

Mittlerweile trat in jenen Berggegenden die schlechte Jahreszeit ein, und auf den Wegen reichte uns der Schnee bis an die Knie. Es war November. Wahrlich, es lohnte die Mühe, aus Südamerika zu kommen, um gegen den Schnee in den Apenninen zu kämpfen! Diejenigen italienischen Regierungen, denen ich zu dienen die Ehre gehabt hatte und durch deren Länder ich marschiert war, hatten sich nicht imstande gezeigt, meinen armen, hochgemuten Genossen auch nur einen warmen Mantel zu gewähren. Es war ein kläglicher Anblick, zu sehen, wie jene braven jungen Leute in der rauhen Jahreszeit inmitten der Berge zum größten Teil in leinenen Kleidern, einige geradezu in Lumpen, einherzogen und des notwendigsten Lebensunterhaltes auf dem Boden ihres Vaterlandes entbehrten, das gewohnt ist, alle Räuber und Schufte der ganzen Welt in üppiger Weise zu unterhalten! Alles Geld, das ein größerer Teil der Offiziere noch besaß, wurde zusammengelegt und daraus eine gemeinsame Kasse gebildet, und so brachten wir mit Hilfe des trefflichen Gastwirtes von Filigari einige Tage kläglich hin. Mittlerweile nahmen die Schweizer des Papstes auf der anderen Seite der Grenze militärische Stellungen ein und bereiteten sich auf jede Weise vor, dem Versuch einer Überschreitung der Grenze durch uns zu begegnen, freilich im Innern gedemütigt durch das schimpfliche Tun, das ihre elende Regierung ihnen vorschrieb. Für längere Zeit war unsere Stellung in Filigari nicht haltbar. Es blieb uns daher nichts anderes übrig, als sie aufzugeben und ins Toskanische zurückzukehren. Allerdings hatte ich die Weisung der toskanischen Regierung an jenen Bürgermeister gelesen, dem befohlen wurde, uns so schnell wie möglich loszuwerden, und wir hätten somit nur die Wahl gehabt, uns zu demütigen oder uns gegen die Regierung in den Kampf zu werfen. Ebenso aber hätten wir auch, um auf römischem Gebiet vorwärts zu kommen, gegen die, die gerüstet waren, uns den Einmarsch zu wehren, die Waffen gebrauchen müssen. In eine solche, geradezu verbrecherische Verlegenheit hatten uns die Regierenden gebracht, von denen die Italiener ihre Befreiung erhofften. Und doch hatten wir den Ozean durchmessen, zwar ohne Schätze, aber allein von dem Vorsatz getrieben, Italien unser Leben darzubringen, von jeder selbstsüchtigen Absicht frei, bereit, dem Vaterlande selbst unsere politischen Grundsätze aufzuopfern und um seinetwillen selbst solchen zu dienen, die infolge einer ruchlosen Vergangenheit unser Vertrauen nicht verdienten. Die Namen eines Guerrazzi, eines Pius, verehrten wir damals im innersten Herzen, und doch waren sie es, die dort im Schnee, von allen Mitteln entblößt, jene kleine Schar noch jugendlicher Veteranen verharren ließen, deren Gebeine gar bald bei der Verteidigung von Rom gegen die Ausländer über das Land des Unglücks zerstreut werden sollten, das sie im Angesicht des Todes befreien zu können verzweifelten.

Die Einwohner von Bologna hörten von uns und entrüsteten sich über das verbrecherische Verfahren mit uns. Bologna ist eine Stadt, die sich nicht ohne Wirkung entrüstet, wie das die Österreicher wohl wissen. So geriet die päpstliche Regierung der Stadt in Schrecken, und es wurde mir infolgedessen gestattet, nach Bologna zu kommen und mit dem Befehlshaber der päpstlichen Schweizer, dem General Latour, Rücksprache zu halten. Als General Latour auf dem Söller seines Palastes stand, riefen ihm die Bolognesen zu: »Entweder kommen unsere Brüder hierher oder Ihr geht herunter von Eurem Söller.« So langte ich denn in Bologna an unter den Jubelrufen seiner hochherzigen Einwohnerschaft, die ich beruhigen mußte, da sie sich entschlossen zeigte, sich der Fremden und Rückschrittler zu entledigen. Indem ich dann mit Latour ausmachte, daß wir durch die Romagna nach Ravenna marschieren durften, wo wir uns nach Venedig verschiffen sollten, Venedig hatte sich bekanntlich im Jahre 1848 ebenfalls von Österreich losgerissen und unter Daniele Manin als Republik konstituiert. empfahl ich jenem noch, einer mantuanischen Abteilung, die aus Genua aufgebrochen war, um zu uns zu stoßen, schleunigst Unterstützung zukommen zu lassen. Ferner hatte ich in einer Unterredung mit Zucchi noch durchgesetzt, daß Freiwillige aus der Romagna unsere Schar vermehren durften, und in der Tat brach eine von einem Hauptmann Bazzani aus Modena befehligte kleine Schar auf, um sich in Ravenna mit uns zu vereinigen.

Bei diesem Anlaß sah ich in Bologna zum ersten Male den tapferen Angelo Masina, den es genügte ein einziges Mal zu sehen, um ihn zu lieben und zu schätzen. Masina war nach dem Rückzug des römischen Kontingents aus der Lombardei, wo er hochgemut gestritten hatte, in Bologna und dessen Nachbarschaft zurückgeblieben und stand damals an der Spitze der bolognesischen Volkspartei, die am letztvergangenen 8. August ihre Stadt heldenmütig von den Österreichern befreit hatte, und er hielt seine durch die verräterische Feigheit der Priester und Rückschrittler gewaltig erregte Partei in Schranken. Zu gleicher Zeit aber zog Masina, getrieben von seiner glühenden Vaterlandsliebe, Pferde und Mannschaft (zum Teil auf eigene Kosten) zusammen und bildete eine Kompagnie Lanzenreiter, die durch die Schönheit des Menschenmaterials, die schmucke Uniformierung und ihre Tapferkeit den Neid jedweder Miliz hätte erregen können. Mittels des beherrschenden Einflusses seiner Persönlichkeit entzündete Masina bald die Leidenschaft der Bevölkerung, bald hielt er sie zurück. Sicherlich hatten er und Pater Gavazzi Ein radikal gesinnter Priester, der damals in Bologna eine Rolle spielte. die Bolognesen wesentlich beeinflußt und unsere Befreiung aus Filigari bewirkt. Masina war damals entschlossen, ebenfalls nach Venedig zu gehen, da er des müßigen Daseins überdrüssig war, auch von den Freunden der Fremden und Priester dazu gedrängt wurde. Er traf in Comacchio Im Süden des Po-Delta. seine Vorbereitungen zur Reise nach der Königin der Adria.

Mittlerweile gelangte ich mit meiner Schar in der Stärke von 150 Mann nach Ravenna, wo dann Bazzani mit 50 Rekruten zu mir stieß. Aufs neue hatten wir in Ravenna mit der priesterlichen Regierung uns herumzuzanken. Es war in Bologna mit Zucchi verabredet worden, daß wir in Ravenna die Ankunft der Mantuaner abwarten sollten, um dann insgesamt uns nach Venedig einzuschiffen; allein das Mißtrauen und die Furcht, die meine wenigen schlecht bewaffneten und noch schlechter bekleideten Genossen erregten, waren so groß, daß sie bei den Priestern den dringenden Wunsch erweckten, sich so schleunig wie möglich unser zu entledigen. So bedeutete mir – nach einigem Hin- und Herreden – Latour, mich ohne Zeitverlust einzuschiffen. Ich erwiderte ihm, ich würde erst dann in See gehen, wenn die erwartete Schar angekommen sein würde. Es kam von Seite der Päpstlichen zu Drohungen, aber wie denn die Ravennater sich ebensowenig wie die Bolognesen vor Drohungen fürchten, so beschaffte jene mutvolle Bevölkerung Waffen und Munition, um, wenn es zu Gewalttätigkeiten gegen uns käme, uns beizuspringen. »Die Furcht eines vor dem andern beherrscht die Welt«, sagte sehr zutreffend einer meiner Freunde. Wie dem sei, die Völker, die sich am wenigsten fürchten, werden insgemein am wenigsten mißhandelt. Das zeigte sich auch damals in Ravenna, und die übermächtigen Gebieter von Säbeln und Kanonen, denen Tausende krieggewohnter Söldner zur Verfügung standen, wagten es nicht, sich mit wenigen armen, fast waffenlosen Liebhabern Italiens zu messen.

Nicht viel anders war die Lage Masina's in Comacchio. Die päpstliche Besatzung wollte ihn nötigen, sich überhastet einzuschiffen, aber er widersetzte sich, um die Sache nach seiner Bequemlichkeit vorzubereiten und seinen Marsch mit uns in Einklang zu bringen, dem Drängen jener und traf, unterstützt von der Einwohnerschaft unter dem hochgemuten Nino Bonnet, wirksame Verteidigungsmaßregeln. So triumphierte auch in Comacchio die gerechte Sache. »Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen!« Ich werfe heute mit Sprichwörtern um mich; hoffentlich verzeihen es mir diejenigen, die so viel Geduld haben, mich zu lesen. Hier aber muß ich gemäß der Pflicht des Geschichtschreibers eines jener Menschen Erwähnung tun, denen das Italien der Monarchen und Priester Denkmäler setzt. Die Dinge befanden sich in dem oben beschriebenen Zustand, als ein römischer Dolch unsere Bestimmung von Grund aus änderte, uns Verfehmten es ermöglichte, das Bürgerrecht zu erwerben, und uns auf dem Festland einen neuen Zufluchtsort eröffnete.

Als Schüler Beccaria's Cesare Beccaria, Rechtsgelehrter aus Mailand (1738-1794) und Philanthrop, besonders bekannt als Gegner der Todesstrafe. bin ich ein Feind der Todesstrafe und tadele deswegen den Dolchstoß des Brutus, den Galgen, der, statt verdientermaßen sich mit dem zwergenhaften Minister Ludwig Philipp's Guizot. zu zieren, den bescheidenen Leichnam eines Sohnes von Paris aufweist, der nur sein gutes Recht begehrte, und vor allem den entsetzlichen Scheiterhaufen, der schon für sich allein den Beweis erbringt, daß der Priester eine Ausgeburt der Hölle ist. Gleichwohl werden die Harmodios, Pelopides und Brutus, die ihr Vaterland von den Tyrannen befreiten, von der alten Geschichte uns nicht in so düsteren Farben vorgeführt wie die modernen Volksfresser diejenigen sehen möchten, die die Rippen des Herzogs von Parma Herzog Karl III. von Parma, einer der niederträchtigsten unter den kleinen Tyrannen Italiens im 19. Jahrhundert, wurde im Jahre 1854 in den Straßen seiner Residenz ermordet – zur großen Erleichterung des ganzen Herzogtums und selbst seiner Gemahlin., des Bourbon von Neapel u. dgl. m. mit dem Dolche trafen.

Unsere Lage war also, wie wir oben auseinandergesetzt haben, eine klägliche, als ein römischer Dolch uns unserer Verfehmung enthob und würdig machte, einen Teil des Heeres Roms zu bilden. Die alte Welthauptstadt befreite sich, an jenem Tage ihres alten Ruhmes würdig, von einem Schildträger der Tyrannei, dem furchtbarsten von allen, und badete die marmornen Stufen des Kapitols mit seinem Blute. Pellegrino Rossi, den übrigens Garibaldi mit Unrecht als Schildträger der Tyrannei bezeichnet, wurde nicht auf dem Kapitol, sondern beim Betreten des päpstlichen Palastes, der sog. Cancelleria, wo damals das römische Parlament tagte, ermordet, als er sich zu dessen Eröffnung begab. – Garibaldi bemerkt hier: Ein Sohn Rossi's hat mit mir in der Lombardei gedient und ist ein ausgezeichneter, tapferer Offizier. Sein Vater mag ein Genie gewesen sein, wie manche behaupten, aber ein Genie und ein Ehrenmann muß der Sache des eigenen Landes dienen, und das Papsttum verriet diese in jenen Tagen. Ein junger Römer hatte das Eisen des Marcus Brutus wiedergefunden.

Der Schrecken über die Ermordung Rossi's hatte aber unseren Verfolgern den Mut benommen, und von unserer Abreise war keine Rede mehr.

Rom und Italien gelangten mit dem Tode des päpstlichen Ministers freilich nicht zu dem politischen Zustand, den wir gewünscht hätten; doch besserte sich wenigstens die Lage Roms im Sinne der italienischen Freiheit, deren Todfeind der der Maske des Reformators beraubte Papst war und für immer sein wird. Was aber uns angeht, die wir der römischen Kurie ein Gegenstand des Abscheus und des Schreckens waren, so ließ denen, die nach dem Tode Rossi's übrig blieben, die Furcht unsere Anwesenheit auf der Halbinsel immerhin erträglich erscheinen. Jener Dolchstoß verkündete denen, die mit dem Ausland unterhandelten, daß das Volk sie kannte und daß es nicht gewillt war, sich wieder in die Knechtschaft zu begeben, in die jene es mit Hilfe von Lüge und Verrat zurückzuführen trachteten.


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