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8. Kapitel.
Die Verteidigung von Rom

Die Unterbringung der Legion in San Silvestro war nur von kurzer Dauer, denn schon am folgenden Tage erhielt sie den Befehl, auf dem Petersplatz zu kampieren, und in der Folge, die Stadtmauer von Porta San Pancrazio bis Porta Portese zu besetzen. San Silvestro liegt inmitten der Stadt (am linken Tiberufer); der Petersplatz bekanntlich auf dem rechten Ufer des Flusses. Die angegebene Mauerstrecke umzieht Rom im Westen, von wo man der Ankunft der Franzosen entgegensah. Das Eintreffen der Franzosen stand bevor und man mußte sich rüsten, sie zu empfangen.

Der 30. April war bestimmt, den Ruhm der jungen und unerfahrenen Verteidiger Roms hell erstrahlen zu lassen und die schimpfliche Flucht der Söldner der Priester und der Reaktion zu beleuchten. Der Verteidigungsplan des Generals Avezzana war jenes Veteranen der Freiheit würdig, der mit unermüdlicher Tätigkeit für alles vorgesorgt hatte und sich auf allen Punkten einfand, wo seine Anwesenheit erforderlich sein konnte. – Mit der Verteidigung des Mauerringes von San Pancrazio bis Portese beauftragt, hatte ich außerhalb der beiden Tore vorgeschobene Positionen befestigt, unter Einbeziehung der die Lage beherrschenden Paläste Villa Corsini (oder Quattro Venti), des sogenannten Vascello, und anderer verteidigungsfähiger Punkte. Betrachtete man die beherrschende Lage dieser von mir geschaffenen Befestigungen, so sah man leicht ein, daß alles darauf ankam, sie nicht in den Besitz des Feindes geraten zu lassen, indem, wenn sie einmal verloren waren, es schwierig oder unmöglich war, die Verteidigung der Stadt durchzuführen.

In der Nacht auf den 30. April entsandte ich nicht nur Kundschafter auf die beiden Straßen, die zu den von uns bewachten Toren führten, sondern zwei kleine Patrouillen erhielten Order, sich seitwärts am Wege in einer gewissen Entfernung in den Hinterhalt zu legen, um wenigstens einige feindliche Kundschafter abzufangen. Bei Tagesanbruch erblickte ich mir zu Füßen einen feindlichen Kavalleristen, der mich um sein Leben bat. So geringfügig auch die Gewinnung eines Gefangenen war, so gestehe ich doch, daß ich darüber erfreut war und darin ein gutes Vorzeichen für den Tag erblickte. Es war Frankreich, das vor mir auf den Knien lag und ehrenvolle Sühne tat für das schimpfliche und unwürdige Verhalten seiner Lenker. – Die Gefangennahme war durch jene Patrouille erfolgt, die der junge Ricchieri aus Nizza mit großer Hingebung und Kaltblütigkeit befehligte. Eine Schar feindlicher Kundschafter war von den Unsrigen in die Flucht geschlagen worden und die Fliehenden, die an Zahl stärker waren als diese, hinterließen sogar verschiedene Waffenstücke. Nimmt man die Annäherung eines Feindes wahr, so empfiehlt es sich stets, einige Leute auf den Straßen, auf denen er heranzieht, in den Hinterhalt zu legen. Man erzielt dadurch so gut wie sicher zwei Vorteile: erstens erkennt man, bis wohin die Spitze der feindlichen Kolonne gelangt ist, und zweitens macht man einige Gefangene.

Mittlerweile wurde von den beherrschenden Erhebungen bei Rom das feindliche Heer wahrgenommen; es zog auf der Straße heran, die von Civitavecchia zur Porta CavalleggieriIm Nordwesten des Mauerringes. führt, und marschierte in Kolonnen. Als es auf Kanonenschußweite herangekommen war, stellte es auf den Höhen eine Anzahl von Geschützen auf und schickte mehrere Abteilungen aus, die geradenwegs zum Angriff auf die Mauern vordrangen. Die Art, wie der feindliche Anführer den Angriff betrieb, war wahrhaft kläglich: Don Quichote beim Angriff auf die Windmühlen! Er verfuhr nicht anders, als wenn es keine Wälle und Mauern gegeben hätte oder als wenn diese von kleinen Kindern verteidigt worden wären. In der Tat, General Oudinot, der Sprößling eines Marschalls des ersten Kaiserreichs, hatte es, um die vier »Brigands d'Italiens« auseinanderzusprengen, nicht der Mühe wert gehalten, sich eine Karte von Rom zu verschaffen. Allein er sollte bald inne werden, daß es Männer waren, die ihre Stadt wider gedungene Söldner, die Republikaner nur dem Namen nach waren, verteidigten. – Die hochgemuten Söhne Italiens ließen mit großer Kaltblütigkeit den Feind herankommen, dann aber donnerten sie ihm aus den Mündungen ihrer Gewehre und Kanonen einen mörderischen Willkommensgruß entgegen und töteten eine große Anzahl derer, die sich am weitesten vorgewagt hatten. Von der Höhe der Quattro Venti aus hatte ich den Angriff des Feindes und den herrlichen Empfang beobachtet, der ihm von den Unsrigen von Porta Cavalleggieri und den umliegenden Mauern aus zuteil wurde. Mir schien ein Angriff auf die rechte Flanke des Feindes wohl ausführbar, und ich sandte zwei Kompagnien dorthin, die ihn in große Verwirrung brachten. Doch wurden sie dann von einer weit überlegenen Anzahl von Feinden zurückgeworfen und genötigt, sich auf den Soutien, nämlich bis zu den letzten Häusern jenes Teils von Rom, zurückzuziehen.

In diesem ersten Treffen hatten wir den Verlust des hochgemuten Hauptmanns Montaldi zu beklagen. Wer Goffredo Mameli und den Hauptmann de Cristoforis gekannt hat, vermag sich eine Vorstellung von Montaldi zu machen: die nämliche körperliche Beschaffenheit und die nämliche Sinnesart. Montaldi bewahrte als Befehlshaber seiner Leute in einem Gefecht dieselbe Kaltblütigkeit wie im Manöverfelde oder wie beim vertrauten Gespräch im Freundeskreise. Vielleicht besaß er nicht die gleiche Bildung wie jene beiden hochgemuten Kämpen der Freiheit Italiens, aber die nämliche Unerschrockenheit, die nämliche Tapferkeit und das nämliche Genie. Wie geeignet wäre er zum Feldherrn gewesen; Männer von seiner Art aber bewahrt Italien noch und wird ihnen seine Söhne anvertrauen am Tage des Gerichts für gewisse Übermächtige oder der Sühne für erlittenes Unrecht. – Montaldi gehörte der italienischen Legion von Montevideo vom ersten Augenblick ihrer Bildung an. Er war damals noch sehr jung, nahm dann aber mit der ihm eigenen Tapferkeit an unzähligen Treffen teil und war hernach einer der ersten, die sich meldeten, um von Montevideo aus das Weltmeer zu durchschiffen und sich der Sache des Vaterlandes zu weihen. Mit Stolz darf Genua den Namen Luigi Montaldi's neben den seines kriegerischen Dichters Goffredo Mameli Goffredo Mameli, der Theodor Körner des italienischen Unabhängigkeitskampfes von 1848/49. Geboren 1828, starb er 1849 an den Folgen der bei der Verteidigung Roms erhaltenen Wunde. Er ist der Dichter des berühmten Kampfliedes, das beginnt »Fratelli d'Italia, Italia s'è desta (Italienische Brüder, Italien steht auf!)«. Vgl. über ihn: Italienische Patrioten von Gräfin Evelina Martinengo Cesaresco (Deutsche Ausgabe, Leipzig 1903), S. 215-239. auf seine Ehrentafel schreiben.

Als dann aber die Franzosen in den Bereich unserer Positionen bei den erwähnten Häusern gelangt waren, wurden sie von uns unter Kreuzfeuer genommen. Sie machten Halt, suchten sich unter Benutzung aller Vorteile, die das Terrain darbot, sowie hinter den Mauern der zahlreichen Villen der Umgegend zu decken und feuerten von dort, soviel sie vermochten. In dieser Weise kam das Gefecht eine Zeitlang zum Stehen: aber nachdem uns von innen Verstärkungen zugekommen waren, beschossen wir den Feind mit so großem Nachdruck, daß er immer mehr Terrain verlor. Endlich artete sein Rückzug in eilige Flucht aus, und die Kanonen von den Mauern sowie ein Ausfall der Unsrigen aus Porta Cavalleggieri vervollständigten unseren Sieg. Der Feind ließ eine Anzahl von Toten und Hunderte von Gefangenen zurück und floh in Auflösung ohne Halt zu machen bis Castel Guido. Castel di Guido, ca. 20 km westlich von Rom.

Dem hochgemuten General Avezzana, der die Verteidigung organisiert hatte, gebührt die Ehre dieses Tages in erster Linie. Er zeigte sich während des Kampfes unermüdlich da, wo dieser am heftigsten tobte, und ermutigte durch seine Stimme wie auch durch seine mannhafte Gegenwart unsere jungen Streiter. Auch General Bartolommeo Galletti und dessen römische Legion standen uns während der Schlacht zur Seite und trugen nicht wenig zum Siege bei. Ebenso beteiligten sich General Arcioni und die von ihm befehligte Abteilung, obwohl sie spät eintrafen, an der Niederwerfung des Feindes und machten ebenfalls Gefangene in beträchtlicher Anzahl. Ferner hielten sich auch ein Bataillon junger Studenten und andere kleine, der Legion angegliederte Abteilungen während der Kämpfe vortrefflich. Ein Oberst Haug, ein geborener Preuße, der später (im Jahre 1866) mit mir zusammen General war, diente mir während der ganzen Aktion als Adjutant und legte als solcher große Tapferkeit und Kaltblütigkeit an den Tag. Marrocchetti, Ramorino, Franchi, Coccelli, Brusco (Minuto), Peralta und meine sämtlichen Waffengefährten von Montevideo bewährten ihren alten, so rechtmäßig erworbenen Ruf der Tapferkeit. Auch die wackeren Masina, Daverio, Nino Bonnet und andere, die ich gerne noch namentlich aufführte, zeigten ein über alles Lob erhabenes Verhalten.

Dieser erste Waffengang gegen eine kriegsgewohnte Truppe hob die Zuversicht unserer Legionäre sehr erheblich, was sich dann in den folgenden Kämpfen auswies.

Noch an dem nämlichen Tage, an dem der Angriff der Franzosen erfolgt war, erhielt ich den Befehl, sie zu beobachten. Ich marschierte also mit der Legion und einer kleinen Reiterabteilung nach Castel Guido, wo wir einen Teil des Tages im Angesicht des Feindes verweilten. Am Nachmittag erschien dann ein französischer Arzt als Parlamentär, den ich der Regierung zusandte. General Oudinot fühlte sich zu schwach für den Angriff auf Rom und suchte durch Verhandlungen Zeit zu gewinnen, um inzwischen Verstärkungen aus Frankreich abzuwarten. Wir aber hätten seine Schwäche und seine Verzagtheit benutzen können, um ihn wieder in das Meer zurückzuwerfen und dann Abrechnung zu halten!

Im Laufe des Mai fanden die beiden Waffentaten von Palestrina und von Velletri statt. Das alte Präneste, im Osten von Rom; Velletri, südsüdöstlich von Rom an der Route nach Neapel. In beiden bedeckte sich die Legion mit Ruhm. Die Söldner des Bourbonen, von Neapel nämlich, die bereits eine Zeitlang im Bunde mit Franzosen, Österreichern und Spaniern in das römische Gebiet eingedrungen waren, kamen nach Palestrina und griffen uns an, wurden aber glänzend zurückgeworfen. Bei diesem Zusammenstoß zeichneten sich Manara mit seinen hochgemuten Bersaglieri, ferner Zambianchi, Marrocchetti, Masina, Bixio, Daverio, Sacchi, Coccelli neben anderen aus. Das Treffen vor Velletri, in dem der führende General Rosselli den Oberbefehl hatte, war einigermaßen ernster. Dort standen sich der König von Neapel in Person mit seiner ganzen Heeresmacht und wir mit etwa 8000 Mann aller Waffengattungen gegenüber. Wir waren von Rom ausmarschiert, um dem neapolitanischen Heer in den Rücken zu kommen, und verfolgten die Straße von Zagarolo nach Monte Fortino. Ich war vom General Rosselli zum Führer des Haupttreffens bestimmt; aber da sich Oberst Marrocchetti mit der italienischen Legion, die von ihrer Bildung an mir besonders untergeben war und zum größten Teile aus meinen alten Waffengefährten bestand, in der Vorhut befand, so marschierte ich mit der Vorhut, indem ich von den Einwohnern Nachrichten über den Feind einzog, die ich dann an das Hauptquartier gelangen ließ. Aus diesen sorgfältig gesammelten Nachrichten konnte ich entnehmen, daß der Feind auf dem Rückzug begriffen sei, worin ich mich auch nicht täuschte. Als ich mit der Vorhut auf die Höhen gelangt war, die Velletri nach der Richtung von Monte Fortino hin beherrschen, ließ ich Halt machen und die Legion zur Rekognoszierung der Gegend sich auf beiden Seiten der Straße, die nach Velletri führt, entfalten. Von dem dritten Linienregiment aber, das auch zur Vorhut gehörte, blieb der Hauptteil in geschlossener Kolonne auf der Straße als Reserve stehen, während einige Kompagnien aufgelöst und rechts und links in die Weinberge gesandt wurden, die die tief eingeschnittene Straße beherrschen. Hinter dem dritten Regiment wurden an einer beherrschenden Stelle, wo die Straße sich verengt, zwei Geschütze aufgestellt und endlich die Reiterei Masina's teils zu Kundschafterzwecken vorausgesandt, teils in Reserve zurückbehalten.

Der Feind hatte bereits das Gepäck und die Kanonen auf der Via Appia nach Neapel vorausgesandt; der größere Teil seiner Macht aber befand sich noch in Velletri, und da er nun von der geringen Stärke unserer Truppen ihm gegenüber benachrichtigt wurde, so wollte er wenigstens eine Rekognoszierung unternehmen. Er ließ also eine Heeressäule auf der Straße gegen uns vorgehen, die von starken Schützenlinien an den Flanken, in den Weinbergen, verstärkt und unterstützt wurde, und griff dann mit großem Nachdruck unsere Vorposten an, die auf unser Gros zurückgeworfen wurden. Zu gleicher Zeit griff die Avantgarde der feindlichen Reiterei die wenigen Reiter unserer Schar an, die auf der Landstraße als Kundschafter vorgegangen waren. Um ihnen Hilfe zu bringen, ließ ich auf die feindliche Reiterei unsere kleine Kavallerie-Reserve los, die jene tapfer zurückwarf. Aber da die Unseren nun bis auf die Spitze des Hügels vorstießen, wurden sie von dort aus auf der Landstraße der Spitze der gegen uns marschierenden Hauptkolonne ansichtig, die dort soeben erschien. Naturgemäß gingen die Unsrigen zurück, nun wieder ihrerseits von der bourbonischen Kavallerie verfolgt. Und da erstere größtenteils aus junger, des Krieges noch nicht gewohnter Mannschaft bestand, so kamen sie in aufgelöster Flucht zurück. Da ich mich dessen im Angesicht so vieler Feinde wie Freunde schämte, so beging ich die Unklugheit, mich mit meinem Pferde quer über die Straße zu stellen, um das Ungestüm der Fliehenden aufzuhalten, und das gleiche taten einige meiner Adjutanten und mein hochgemuter schwarzer Begleiter Andrea Aguiar. Einen Augenblick später erblickte man an der Stelle, die ich einnahm, einen wirren Knäuel gestürzter Menschen und Pferde. Nicht imstande, ihre Pferde aufzuhalten, prallten unsere Reiter mit so großer Wucht auf uns, daß sie uns umwarfen und selbst über uns stürzten. Wir bildeten so in dem Einschnitt der Straße einen unförmlichen Knäuel, und nicht ein einziger Fußgänger hätte passieren können, so sehr war die Straße verstopft. Darüber kamen nun die feindlichen Reiter heran, um uns niederzuhauen; doch gelang es uns, der Verwirrung, in der wir uns befanden, Herr zu werden, und gleich darauf begannen unsere in den Weinbergen rechts und links von der Straße aufgestellten Legionäre auf das Kommando ihrer Offiziere ein nachdrückliches Feuer gegen den Feind, den sie zurückwarfen, wodurch wir aus unserer kläglichen Lage befreit wurden. Außerdem aber hatte sich eine Kompagnie junger Leute, die ich zur Rechten hatte, als sie mich fallen sahen, wie die Rasenden auf den Feind geworfen, und ich glaube, ich verdanke meine Rettung hauptsächlich diesen braven Jungen, denn da Rosse und Reiter über mich gestürzt waren, so war ich in einer Weise gequetscht worden, daß ich mich nicht rühren konnte. Endlich vermochte ich mich mit vieler Mühe wieder aufzurichten und befühlte meine Glieder, um mich zu vergewissern, daß nichts gebrochen sei. Der Angriff der Unsrigen aber rechts von der Straße, wo der Schlüssel der Aufstellung war, unter Führung von Masina und Daverio wurde mit so großer Wucht ausgeführt, daß nicht viel daran fehlte, daß die Unsrigen mit den Feinden zugleich in Velletri eingedrungen wären.

Als ich dann näher an diese Stadt herankam, konnte ich mit Sicherheit feststellen, daß die Feinde ihre Dispositionen für den Rückzug getroffen hatten. In Bestätigung der Auskunft, die mir über den Marsch des Gepäcks und der schweren Artillerie zugegangen war, erblickte ich jetzt die feindliche Kavallerie in Schwadronen aufgestellt jenseits Velletri, zur Seite der Via Appia, d. h. also auf der Straße, auf der der Rückzug vor sich gehen sollte.

Mittlerweile hatte ich von allem dem kommandierenden General Meldung erstattet; doch unglücklicherweise verweilte unsere Hauptmacht noch weit rückwärts in der Gegend von Zagarolo, um die Lebensmittel zu erwarten, deren Ankunft aus Rom sich verzögerte, wogegen ich meine Leute unterwegs ernährt hatte, indem ich die Ochsen schlachten ließ, die sich in großer Anzahl in den umliegenden, reichen Kardinälen gehörigen Farmen fanden. Hier macht Garibaldi die Bemerkung: Ich will ohne Leidenschaft von Mazzini sprechen, freilich auch nicht gegen die Stimme meines Gewissens lügen – und wenn ich Mazzini sage, so meine ich die römische Regierung von damals, denn Mazzini war tatsächlich damals Diktator von Rom, wiewohl er die mit dieser Stellung verbundene Verantwortlichkeit nicht tragen wollte, von der er doch die Macht hatte, da die beiden Triumvirn Saffi und Armellini ehrenwerte, aber unselbständige Leute waren. Also der Diktator Mazzini, dem Avezzana und ich im Wege standen, entfernte ersteren nach Ancona und ich wurde bei der Verteidigung von Porta San Pancrazio belassen, während zum General en chef Oberst Roselli ernannt wurde, ein Mann, der, glaube ich, an der Spitze seines Regiments durchaus seine Pflicht getan hätte, aber nicht genügende Erfahrung besaß, um das Heer der Republik als Höchstkommandierender zu leiten. Endlich, gegen 4 Uhr nachmittags – nachdem unser Treffen in den frühen Morgenstunden stattgefunden hatte – kamen der kommandierende General und die vordersten Truppen der Hauptmacht heran. Ich gab mir alle Mühe, die Ankommenden davon zu überzeugen, daß der Feind im Rückzug begriffen sei, aber es war vergebens. Nichtsdestoweniger befahl der General Rosselli gleich bei seiner Ankunft einen Vorstoß zu Rekognoszierungszwecken und ließ dann die Truppen alle Vorkehrungen zu einem Angriff für den nächsten Morgen treffen. Aber der Feind zog es vor, nicht erst zu warten, wie es unserem Vorteil entsprochen hätte, und räumte Velletri in der Nacht, indem er die Leute die Stiefel ausziehen und die Räder der Geschütze umwickeln ließ, um den Rückzug mit desto weniger Geräusch zu bewirken. Beim Morgengrauen wurde uns hinterbracht, die Stadt sei verlassen worden, und von den Höhen erblickten wir den Feind, wie er in Hast auf der Appischen Straße gegen Terracina und Neapel zurückging. Unser Hauptkorps mit dem kommandierenden General zog nun von Velletri aus wieder nach Rom, ich aber erhielt den Befehl, einen Einfall in das Neapolitanische zu machen auf der Straße von Anagni, Frosinone, Ceprano und Rocca d'Arce, wohin ich auch mit den Schützen Manara's, die die Vorhut bildeten, gelangte. Das Regiment Masi, die italienische Legion und unsere schwache Reiterei folgten nach. Der hochgemute Oberst Manara, der mit seinen Schützen die Vorhut bildete, verfolgte den ein feindliches Korps befehligenden General Viala, der keinen Augenblick Halt machte, um auch nur festzustellen, wer ihn verfolgte. In Rocca d'Arce aber kamen verschiedene Abordnungen aus den benachbarten Orten zu uns, um uns als ihre Befreier zu begrüßen und uns zu bitten, in das Königreich einzurücken, wo wir, wie sie verhießen, allseitig freudig aufgenommen werden und alles uns zuströmen würde.

Es gibt im Leben der Völker wie in dem der Individuen entscheidungsvolle Augenblicke. So bot sich hier eine feierliche, entscheidende Gelegenheit dar, freilich hätte es eines weitschauenden Sinnes bedurft, sie wahrzunehmen! Ich dachte nicht anders als nach San Germano San Germano ist der alte Name von Cassino, am Fuß des weltberühmten Klosters Montecassino, etwa auf der Mitte des Weges von Rom nach Neapel. weiter vorzustoßen, wohin wir mit wenig Mühe und ohne irgendwelches Hindernis gelangt sein würden, und rüstete mich dazu. Man befand sich dann im Herzen der bourbonischen Staaten und hatte die Abruzzen im Rücken, deren kräftige Bewohner nur allzu geneigt waren, sich für uns zu erklären. Die gute Gesinnung der Bevölkerung, die Demoralisation des feindlichen Heeres, das in zwei Schlachten geschlagen war und, wie mir wohlbekannt war, seiner Auflösung entgegensah, da die Soldaten nach Hause zurückzukehren wünschten; dazu der glühende Eifer meiner jugendlichen Streiter, die, bisher in allen Treffen siegreich, bereit waren, sich fernerhin wie die Löwen zu schlagen, ohne sich um die Zahl der Feinde zu kümmern; ferner Sizilien noch nicht zur Ruhe gebracht, sondern neu ermutigt durch die Niederlagen seiner Bedrücker: alle diese Umstände ließen mit größter Wahrscheinlichkeit auf gutes Gelingen hoffen, wenn wir kühn vorwärts marschierten. Nun wohl, ein Befehl der römischen Regierung berief uns nach Rom zurück, das aufs neue von den Franzosen bedroht war. Um diesen Akt unzeitiger Schwäche, diesen schweren Fehlgriff zu bemänteln, stellte man es in mein Belieben, den Rückmarsch nach Rom längs der Abruzzen zu nehmen.

Wenn derjenige, der mich veranlaßte, im Jahre 1848 nach der Kapitulation von Mailand wieder über den Ticino zu gehen, und der nicht nur die Freiwilligen in der Schweiz von mir fernhielt, sondern sie hernach auch nach dem Siege von Luino zur Desertion von mir brachte, indem er mir durch Medici sagen ließ, sie würden es besser machen; wenn derjenige, der ohne meine Ansicht einzuholen mich nach Palestrina entsandte, dann aber, als ich dort siegreich gewesen, ich weiß nicht aus welchem Grunde, mich unter dem Oberbefehl des Generals Rosselli als Höchstkommandierenden nach Velletri gehen ließ: wenn – kurz gesagt – Mazzini, dessen Einfluß in dem Triumvirat unbestritten vorwog, hätte begreifen wollen, daß auch ich etwas vom Kriege verstehen müsse, dann hätte er den Höchstkommandierenden in Rom lassen, mich aber mit der zweiten Unternehmung – gegen Velletri – ebensogut allein betrauen sollen wie mit der ersten (gegen Palestrina) und es mir überlassen, in das Königreich Neapel einzufallen, dessen geschlagenes Heer nicht die Möglichkeit besaß, seine Verluste zu ersetzen, während die Bewohner uns mit offenen Armen erwarteten. Welche Veränderung der gesamten Lage, welche Zukunft bot sich Italien dar, das damals noch nicht durch die fremde Invasion entmutigt worden war! – Statt dessen beruft er alle Streitkräfte des römischen Staats, von der neapolitanischen Grenze bis Bologna, und zieht sie aufs neue in Rom zusammen, um sie so dem Gewaltherrn von der Seine, der, wenn seine 40 000 Mann nicht ausgereicht, 100 000 entsandt hätte, auf einem Brett darzubieten, um uns alle auf einmal zu verspeisen. Wer Rom und seine 18 Kilometer langen Mauern kennt, der weiß, daß es unmöglich ist, die Stadt mit geringer Macht gegen ein an Zahl und in jeglicher kriegerischen Ausrüstung überlegenes Heer, wie es 1849 die Franzosen waren, zu halten. – Die Streitkräfte, über die Rom verfügte, durften nicht sämtlich zur Verteidigung der Hauptstadt verwendet werden, sondern man mußte sie zum größeren Teile in die festen Punkte werfen, deren das römische Gebiet eine große Anzahl aufweist, ferner das Volk überall zu den Waffen rufen, mich aber meinen siegreichen Einmarsch in das Herz des Königreichs fortsetzen lassen; und endlich, nachdem man soviel wie immer möglich an Verteidigungsmitteln herausgeschafft, mußte die Regierung selbst die Hauptstadt verlassen und sich an einem zentral gelegenen, verteidigungsfähigen Platze niederlassen. Allerdings mußten gleichzeitig auch gewisse, durch das öffentliche Wohl erforderte Maßnahmen gegen das priesterliche Element getroffen werden, die man ebenfalls versäumte, so daß dieses Element aus sehr übel angewandter Rücksichtnahme in der Lage blieb, nach Bequemlichkeit zu konspirieren, zu intrigieren und – kurz – zum Fall der Republik und zum Unglück Italiens beizutragen. Wer weiß, was die Folgen derartiger heilsamer Maßregeln gewesen wären? Mußten wir fallen, so wären wir doch erst gefallen, nachdem wir alles versucht, was getan werden konnte und was zu versuchen unsere Pflicht war, und sicherlich erst nach dem Falle Ungarns und Venedigs!

Als ich nun von Rocca d'Arce nach Rom zurückgekommen war und gewahr wurde, wie man dort die nationale Sache handhabte und daß das Verderben unausbleiblich sei, verlangte ich die Diktatur – nicht anders wie ich in gewissen Fällen meines Lebens das Steuer einer vom Sturm gegen die Felsen geschleuderten Barke verlangt hätte. Aber Mazzini und die Seinen nahmen an meiner Forderung Anstoß. Wenige Tage später jedoch, nämlich am 3. Juni, als der Feind sie hinters Licht geführt und sich der die Stadt beherrschenden Stellungen bemächtigt hatte, die wir dann vergebens, um den Preis kostbaren Blutes, zurückzuerobern versuchten: da, sage ich, schrieb das Haupt der Triumvirn an mich und bot mir den Posten des Obergenerals an. Allein ich war an dem ehrenvollen Platz, den ich einnahm, engagiert und befand daher für gut, ihm zu danken und das blutige Werk jenes unheilvollen Tages fortzuführen. Oudinot nämlich, der dank der Verhandlungen, mit denen er die Regierung der Republik eingeschläfert, die Verstärkungen, deren er bedurfte, hatte heranziehen können, bereitete sich nunmehr vor, zu Taten überzugehen, und kündigte Rom an, daß er die Feindseligkeiten am 4. Juni wieder aufnehmen würde, und die Regierung verließ sich auf das Wort des verräterischen Söldlings Bonaparte's.

Vom April an, wo zuerst die Gefahr an die Stadt herangetreten war, bis zum Juni war an keine Maßnahme der Verteidigung gedacht worden, am wenigsten zugunsten der wichtigen beherrschenden Stellungen außerhalb der Stadt, die den Schlüssel zu ihr bilden. Und ich erinnere mich, daß am 30. April, nach dem Siege, General Avezzana und ich in einer Konferenz bei Quattro Venti beschlossen hatten, diese vorspringende Position nebst einigen anderen weniger wichtigen, seitlich gelegenen zu befestigen. Aber General Avezzana war nach Ancona gesandt und ich mit anderen Aufgaben beschäftigt worden. Nur wenige Gefährten befanden sich außerhalb der Porta Pancrazio und Porta Cavalleggieri als vorgeschobene Posten, seit der Feind von jenen Gegenden nach Castel Guido und Civitavecchia hin zurückgewichen war. Ich war nun von Velletri zurück und befand mich, ich gestehe es, in düsterer Stimmung wegen des unheilvollen Verlaufs, den die Sache meines armen Vaterlandes genommen hatte. Die Legion lag bei San Silvestro, und man dachte an nichts anderes, als die Leute nach den Mühen des Feldzugs sich ausruhen zu lassen. Oudinot aber, der die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten für den 4. Juni angekündigt hatte, hielt es für zweckdienlicher, den Angriff schon in der Nacht vom 2. zum 3. durch Überfall zu beginnen. Gegen Morgen wurden wir durch den Schall von Flintenschüssen und Kanonendonner, der von Porta San Pancrazio herübertönte, aus dem Schlafe geweckt. Alarm wurde geblasen und, wennschon noch müde, waren die Legionäre in einem Augenblick unter den Waffen und im Marsch nach der Stelle, von der der Kampfeslärm kam. Die Abteilungen der Unsrigen aber, die die äußersten Stellungen besetzt hatten, waren bereits in verräterischer Weise überrascht und niedergehauen oder gefangen genommen worden, und der Feind war bereits Herr der beherrschenden Stellungen von Quattro Venti und anderer, als wir eilends die Porta San Pancrazio erreichten. Noch hoffte ich, daß die Feinde das Eroberte nicht würden behaupten können, und ließ das Kasino von Quattro Venti angreifen. Ich erkannte, daß hier das Schicksal Roms auf dem Spiele stand: daß Rom gerettet sei, wenn diese Stellung wieder in unsere Hände käme, daß es aber verloren sei, wenn sich der Feind dort behauptete. So wurde jener Punkt nicht nur mit hingebender Tapferkeit, sondern mit wahrem Heldenmut angegriffen, zuerst von der ersten italienischen Legion, dann von den Schützen Manara's und endlich von den verschiedenen anderen Truppenkörpern, die bis tief in die Nacht hinein, einander abwechselnd, anstürmten, stets von unserer, auf der Stadtmauer postierten Artillerie unterstützt. Aber der Feind, der ebenfalls die Wichtigkeit der erwähnten Stellung erkannte, hatte sie mit dem Kern seiner besten Truppen besetzt, und vergebens waren die immer wiederholten Versuche unserer erlesensten Mannschaften, sie zurückzuerobern.

Die von dem tapferen Masina geführten Italiener drangen sogar in das Kasino ein und kämpften dort Leib an Leib mit den Franzosen, indem sie in wiederholtem Ansturm selbst die kriegsgewohnten Soldaten Afrikas zum Wanken brachten. Es entwickelte sich dort ein entsetzliches Handgemenge, aber die numerische Überlegenheit des Feindes war allzu groß, und starke Abteilungen frischer Truppen, die immer wieder von ihm vorgeschickt wurden, machten die heldenmütigen Anstrengungen der unsrigen zunichte. – Ich schickte der italienischen Legion die Abteilung Manara's, meines Ruhmesgefährten in allen Kämpfen, zu Hilfe, die zwar an Zahl nur klein, aber überaus tapfer und der am besten organisierte und disziplinierte Truppenteil in Rom war. Eine Zeitlang stand der Kampf, endlich aber konnten die Unsern dem sich immer verstärkenden Gegner nicht mehr die Spitze bieten und mußten zurückgehen.

Dieses Treffen des 3. Juni 1849, eines der ruhmvollsten für die italienischen Waffen, dauerte vom Morgengrauen bis in die ersten Stunden der Nacht. Zahlreich waren die Versuche, das Kasino von Quattro Venti zurückzuerobern, und alle mörderisch. Noch am Abend, als die Dämmerung schon eingetreten war, ließ ich von einigen noch frischen Kompagnien des Regiments Unione, denen andere als Rückhalt dienten, einen abermaligen Angriff machen. Mit großer Unerschrockenheit drangen sie bis zum Kasino vor, und wieder entspann sich hier ein verzweifeltes Ringen; aber die Wucht des Feindes war zu groß, und jene Braven mußten, nachdem sie ihren Kommandeur und viele Leute verloren hatten, ebenfalls zurückgehen. Masina, Daverio, Peraita, Mameli, Dandolo, Ramorino, Morosini, Panizzi, Davide, Melara, Minuto (welche Namen!) und viele andere Helden, deren ich mich im einzelnen nicht mehr erinnere, waren die Opfer der Priester und der Söldner einer brudermörderischen Republik. Wird Rom, wenn es von den Schwarzkünstlern und Räubern frei sein wird, diesen stolzen Söhnen Italiens ein Denkmal auf den Trümmern des Mausoleums errichten, das die Priester dem fremden Räuber und Mörder erbaut haben?

Die erste italienische Legion, die höchstens 1000 Mann zählte, verlor 23 Offiziere, die fast alle den Tod fanden. Groß waren auch die Verluste des Korps Manara und des Regiments Unione, die mit der nämlichen Tapferkeit gestritten hatten; dazu kamen dann noch Offiziere anderer Abteilungen, deren ich mich nicht mehr erinnere.

Der 3. Juni entschied über Roms Geschick. Die besten Offiziere und Unteroffiziere waren tot oder verwundet; der Feind war im Besitz des Schlüssels aller beherrschenden Punkte geblieben und setzte sich, an Truppenzahl und an Artillerie überaus stark, dort unerschütterlich fest. Wenn er aber von den starken Punkten in der Umfassungslinie aus, die er durch Überraschung und Verrat gewonnen hatte, nunmehr die regelrechte Belagerungsarbeit begann, als wenn er es mit einer Festung ersten Ranges zu tun hätte, so zeigt das, daß er Italienern begegnet war, die sich zu schlagen verstanden. – Ich gehe über die Belagerungsarbeiten, die Parallelen, Bresche-Batterien, das Bombardement aus den Mörsern usw. hinweg. Ich glaube, das alles ist bis ins einzelne von andern berichtet worden, und ich könnte es auch nicht mit großer Genauigkeit darlegen, da mir in diesem Augenblick die dazu erforderlichen Daten und Dokumente fehlen. Was ich jedoch erhärten kann, ist, daß vom April bis zum Juli unsere jungen Streiter einem kriegsgeübten, an Zahl gewaltig überlegenen, besser organisierten und mit ungeheuren Mitteln versehenen Heer auf das rühmlichste Widerstand leisteten. Allerorten wurde jeder Fußbreit Boden verteidigt, und nicht ein einziger Fall von Flucht einem so furchtbaren Feind gegenüber ereignete sich noch fiel ein Treffen vor, in dem die Unseren der Wucht und Übermacht ohne wahrhaft homerische Kämpfe wichen.

Wie ich schon sagte, waren die verschiedenen Abteilungen der besten Offiziere und Mannschaften beraubt. Bei den Linientruppen, den ehemaligen Päpstlichen, hatten sich manche anfangs trefflich gehalten; jetzt aber, da sie wahrnahmen, daß die Sache bedenklich wurde, boten sie jenen Anblick von Trägheit und Widerwilligkeit, der die Vorstufe des Mißtrauens und Verrates ist; sie zeigten das nämlich in jesuitischer Weise, wie sie es in der Schule der Priester gelernt, in dem Widerstand gegen die ihnen aufgetragenen Verrichtungen. Hauptsächlich die höheren Offiziere, die bereits auf die Herstellung der päpstlichen Herrschaft hofften, die aber die republikanische Regierung nicht hatte ihrer Posten entheben wollen oder können, setzten nicht nur den Befehlen, die sie erhielten, passiven Widerstand entgegen, sondern leiteten auch ihre Mannschaft aller Grade zur Widersetzlichkeit an, was meinem Stabschef, dem hochgemuten wackeren Manara, keine geringen Verdrießlichkeiten verursachte, zugleich aber ein unzweifelhafter Vorbote des Verderbens war. – Man versuchte einen nächtlichen Ausfall; aber indem sich eine plötzliche Verwirrung, die die an der Spitze Marschierenden ergriff, auf die ganze Angriffskolonne fortpflanzte, wurde das Gelingen des Unternehmens gänzlich vereitelt. Von den Punkten außerhalb der Stadt hielten wir nur noch wenige, da es an Kräften mangelte, sie zu besetzen. Nur das Vascello wurde durch die Tapferkeit Medici's und seiner Leute bis zum äußersten gehalten, und als es aufgegeben wurde, war das weitläufige Gebäude in einen Trümmerhaufen verwandelt.

Die Lage gestaltete sich von Tag zu Tage schwieriger. Unser wackerer Manara begegnete stets größeren Schwierigkeiten bei der Anordnung des für die allgemeine Sicherheit notwendigen Dienstes der Posten und der Linie, und die Mängel des Dienstes trugen dann sicherlich dazu bei, den Zugang durch die Breschen, die die Kanonen der Söldner Bonaparte's bereits erzielt hatten, diesen zu erleichtern. Jene Punkte wurden bei Nacht unter geringfügigen Verlusten gewonnen, weil sie unzureichend bewacht waren.

Hätte Mazzini – und man darf die Schuld auf keinen anderen werfen – wie er im Entwerfen von Bewegungen und Unternehmungen schnell bei der Hand war, die entsprechende Fähigkeit praktischer Ausführung und, wie er stets prahlte, die Begabung der Kriegsleitung besessen, und hätte er sich außerdem herbeigelassen, auf solche der Seinigen zu hören, die nach ihrer Vergangenheit mutmaßlich etwas vom Kriege verstanden, dann würde er weniger Fehler gemacht haben und hätte bei den Vorfällen, die ich hier schildere, wenn nicht Italien retten, so doch wenigstens die Katastrophe Roms für unbestimmte Zeit hinziehen können. Vielleicht hätte er auch die Hauptstadt erst verlassen, nachdem sie die Ehre in Anspruch genommen, zu allerletzt, nach Venedig und Ungarn, gefallen zu sein. – Am Tage vor seinem glorreichen Tode war Manara von mir zu Mazzini gesandt worden, um ihm den Plan zu unterbreiten, Rom aufzugeben und mit allen noch verfügbaren Mannschaften und Kriegsmaterialien, die doch immer noch nicht ganz gering waren, feste Stellungen in den Apenninen aufzusuchen. Ich weiß nicht, warum das nicht geschah. Die Geschichte hat keinen Mangel an Beispielen derartiger rettender Entschlüsse. Von einem solchen in der Republik Rio Grande habe ich selbst Zeugnis abgelegt. Ein anderes Beispiel, nicht aus weit abliegender Zeit, bieten uns die Vereinigten Staaten von Amerika. Daß es nicht ausführbar gewesen sei, trifft nicht zu, denn wenige Tage später habe ich ja mit etwa 4000 Mann die Stadt verlassen. Die Volksvertreter, zum überwiegenden Teile junge und energische Patrioten, die in ihrem Distrikt die Liebe der Bewohner besaßen, hätten sich dorthin begeben und deren Vaterlandsliebe aufrufen können, und so hätte man noch einmal das Glück erprobt. – Statt dessen sagte man sich zwar, daß die Verteidigung der Stadt unmöglich sei, aber jene Vertreter blieben auf ihren Posten. Gewiß ein mutiger Entschluß, der die einzelnen ehrte, aber nicht löblich vom Gesichtspunkt des Wohles und des Ruhmes und nicht zu billigen, solange noch eine beträchtliche Anzahl Bewaffneter übrig blieb, um zu streiten, und während noch Ungarn und Venedig gegen die Feinde Italiens in Waffen standen. So erwartete man also den Einmarsch der Franzosen, um diesen die Waffen zu übergeben, die nur dazu dienen sollten, die schmerzensvolle, schimpfliche Periode der Knechtschaft zu verlängern. Ich freilich verließ mich auf die Handvoll Gefährten und gedachte mich nicht zu unterwerfen, sondern das freie Land zu gewinnen und das Kriegsglück ferner zu versuchen.

Herr Cass, der amerikanische Gesandte, der den Stand der Dinge durchschaute, ließ mir am 2. Juli 1849 sagen, er wünsche mich zu sprechen. Ich begab mich zu ihm und fand ihn auf der Straße. Er hatte die Freundlichkeit, mir zu sagen, in Civitavecchia stehe eine amerikanische Korvette zu meiner Verfügung, falls ich den Wunsch hätte, mich mit denjenigen meiner Gefährten, die kompromittiert erscheinen möchten, einzuschiffen. Ich erwiderte, ich dankte dem hochherzigen Vertreter der großen Republik, sei aber entschlossen, mit denen, die sich mir anschließen wollten, Rom zu verlassen, um nochmals zu versuchen, das Los meines Vaterlandes, das ich nicht für verzweifelt hielte, zu ändern. Ich wandte mich demgemäß nach Porta San Giovanni Am Lateran, im Südosten der Stadt., um zu meinen Leuten zu stoßen, denen ich Befehl gegeben hatte, dorthin zu marschieren und sich vorzubereiten, die Stadt zu verlassen. Als ich den Platz am Tore erreichte, fand ich den größten Teil der Meinigen schon versammelt, und die übrigen kamen dann auch an. Außerdem stellten sich zahlreiche einzelne aus verschiedenen Abteilungen, die unsere Absicht ahnten, und andere, die benachrichtigt waren, ebenfalls ein, um sich uns anzuschließen und der Demütigung, die Waffen zu den Füßen der von den Priestern herbeigeführten Soldaten Bonoparte's niederzulegen, zu entgehen.


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