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14. Kapitel.
Einzug in Neapel am 7. September 1860

Mein Einzug in die große Hauptstadt erscheint mir mehr im Lichte eines Wunders als der nackten Wirklichkeit. Nur von wenigen Adjutanten begleitet, zog ich durch die Reihen der bourbonischen Truppen, die die Stadt noch hielten und bereitwilliger, als sie es damals vor ihren eigenen Generalen zu tun pflegten, vor mir das Gewehr präsentierten.

Der 7. September 1860! Welcher der Söhne Partenopes wird sich nicht dieses glorreichen Tages erinnern? Am 7. September fiel das verabscheute Herrschergeschlecht, das ein großer englischer Staatsmann William Gladstone (1851). den Fluch Gottes genannt hat, und aus den Trümmern seines Sturzes erhob sich die Souveränität des Volkes, der ein unglückliches Verhängnis leider stets nur kurze Dauer gönnt. Am 7. September zog ein Sohn des Volkes, von wenigen seiner Freunde begleitet, die sich Adjutanten nannten (Missori, Nullo, Bassi, Mario, Stagnetti, Canzio), in die stolze Hauptstadt des feurigen Renners Das Roß ist das Wappentier der Stadt Neapel. ein, von 500 000 Einwohnern jubelnd begrüßt, deren begeisterter, unbeugsamer Wille ein ganzes Heer matt setzte und sie zum Sturz einer Gewaltherrschaft und zur Hervorsuchung ihrer eigenen heiligen Rechte bewog: ein Antrieb, der ganz Italien hätte in Bewegung setzen und auf den Weg der Pflicht führen können, ein wütender Aufschrei, der stark genug gewesen wäre, die hochfahrenden und unersättlichen Lenker der Staaten zahm zu machen und in den Staub zu stürzen!

Und in der Tat bewirkten der Jubel und die imponierende Haltung der unübersehbaren Bevölkerung, daß das bourbonische Heer, das noch die Forts und die Hauptpunkte in der Stadt hielt und letztere hätte zerstören können, sich jeder Gewalttat enthielt. – Ich zog in Neapel ein, während sich noch die ganze Südarmee in weiter Entfernung an der Meerenge von Messina befand, aber der König von Neapel hatte gleichwohl bereits am Tage zuvor sein Schloß verlassen und sich nach Capua zurückgezogen. Das noch warme Nest des Monarchen wurde von den Volksbefreiern eingenommen, und die weichen Teppiche des königlichen Schlosses von dem derben Schuh des Proletariers gedrückt. Das sind Beispiele, aus denen auch die Regierungen, die sich fälschlich Befreier nennen, eine Lehre ziehen sollten und sie zur Hebung der Lage der Menge anspornen; doch dienen sie leider nicht hierzu infolge der Selbstsucht, des Dünkels und der Hartnäckigkeit der Männer der Privilegien, die sich auch dann nicht bessern, wenn der Löwe des Volks, zur Verzweiflung gebracht, an ihrer Tür brüllt, um sie in wilder, aber gerechter Wut, der Frucht des von der Tyrannis gesäten Hasses, zu zerreißen!

In Neapel wie in allen Provinzen, die wir von der Meerenge an durcheilt hatten, war die Bevölkerung erhaben in ihrer Begeisterung und Vaterlandsliebe, und ihr über alles Lob erhabenes Verhalten trug zu den herrlichen Erfolgen sicherlich viel bei. – Ein anderer für die nationale Sache sehr günstiger Umstand war das stillschweigende Einverständnis der bourbonischen Kriegsflotte, die, wenn sie uns entschieden feindlich gewesen wäre, unser Vorrücken auf die Hauptstadt wesentlich hätte verzögern können. Aber unsere Dampfer transportierten frei und ohne Hindernis die Korps der Südarmee an der ganzen neapolitanischen Küste entlang, was bei einer entschieden feindlichen Gesinnung der Flotte nicht möglich gewesen wäre.

Mehr als in Palermo hatte in Neapel der »Cavourismus« unermüdlich gearbeitet und legte mir nicht geringe Hindernisse in den Weg. Ja, er wurde geradezu herausfordernd, sobald er durch die Nachricht, daß das sardinische Heer in den Kirchenstaat eingerückt sei, Auf die Nachricht von den Erfolgen Garibaldi's bestimmte Cavour den König Viktor Emanuel, ein Heer in die Marken und Umbrien einrücken zu lassen, sowohl um die Gunst des Augenblicks zur Erwerbung dieser Provinzen, die 1859 nicht geglückt war, zu benutzen, als auch um der Entwicklung im Süden näher zu sein, wo im Interesse der Einigung Italiens zu verhüten war, daß Garibaldi sich republikanischen Tendenzen zuwende; endlich aber und vor allem galt es, durch möglichst baldige Schaffung eines fait accompli, d. h. der Annektion des bourbonischen Königreichs, dem Eingreifen des Auslands zuvorzukommen. Cavour's Staatskunst hat sich kaum je genialer gezeigt und glänzender bewährt als in jenem schicksalsschweren Augenblick. einen Rückhalt gewonnen hatte. Jene, auf die Korruption gegründete Partei hatte nichts unversucht gelassen. Zuerst hatte sie sich mit der Hoffnung geschmeichelt, uns jenseit der Meerenge aufzuhalten und unser Unternehmen auf Sizilien zu beschränken. Dazu hatte sie ihren großherzigen Beschützer zu Hilfe gerufen, und bereits war ein französisches Kriegsschiff in Faro erschienen; aber der Einspruch des Lord John Russel, der im Namen Albions der französischen Majestät gebot, sich nicht in unsere Angelegenheiten zu mischen, hatte die günstigste Wirkung für uns. – Was mich aber bei den Umtrieben jener Partei am meisten verletzte, war der Umstand, daß ich dabei gewisse Personen, die mir teuer waren und an denen ich nie gezweifelt hätte, beteiligt fand. Diese unbestechlichen Männer gaben heuchlerisch vor, unter der Herrschaft einer schrecklichen Notwendigkeit zu stehen. Der Notwendigkeit, Feiglinge zu sein! Der Notwendigkeit, sich vor dem Götzenbilde einer augenblicklichen Macht im Staube zu wälzen, ohne den kraftvollen, imposanten, männlichen Willen eines Volkes begreifen und verstehen zu können, das, entschlossen, um jeden Preis zu existieren, sich anschickt, jene Götzenbilder zu zerstören und wieder zu dem Schmutz zu machen, aus dem sie hervorgegangen sind. Diese Partei, die aus käuflichen Journalisten, aus gemästeten Würdenträgern und Schmarotzern jeder Art bestand und stets bereit war, in jeder Form der Erniedrigung und unter Preisgebung ihrer selbst dem zu dienen, der sie bezahlt, und stets bereit, den Herrn zu verraten, wenn dieser zu stürzen droht, diese Partei möchte ich mit Würmern auf einer Leiche vergleichen; ihre Zahl bezeichnet den Grad, den die Verwesung schon erreicht hat. Nach der Zahl dieser Würmer kann man auch die Verdorbenheit eines Volkes abschätzen. Ich hatte Demütigungen von jenen Herren zu leiden, die sich nach unseren Siegen als unsere Gönner aufspielten, uns aber den Gnadenstoß versetzt hätten, wie sie ihn Franz II. versetzten, wenn wir unterlegen wären – Demütigungen, die ich mir nicht hätte gefallen lassen, wenn es sich um etwas anderes als um die heilige Sache Italiens gehandelt hätte. – So kommen zum Beispiel ohne unser Erfordern 2 Bataillone des sardinischen Heeres bei uns an, eine Sendung, deren wahres Ziel war, die Beute der reichen Partenope sich nicht entgehen zu lassen, sie vielmehr sich zu sichern; vorgegeben aber wurde, jene Bataillone sollten sich unter meinen Befehl stellen, wenn ich es verlangte. Ich verlange es und man antwortet mir, man müsse das Gutachten des Gesandten einholen; dieser wird befragt und antwortet, man müsse in Turin die Erlaubnis einholen. Und mittlerweile schlugen sich meine hochgemuten Gefährten und siegten am Volturno, nicht nur ohne die Hilfe auch nur eines einzigen Soldaten des regulären Heeres, sondern auch ohne die Scharen, die die hochherzige Jugend von ganz Italien uns senden wollte und die Cavour und Farini hinhielten oder gefangen setzten.

Die wenigen Tage, die ich in Neapel verbrachte, waren nach dem liebevollen Empfang, den mir die hochherzigen Einwohner bereiteten, im wesentlichen mit Verdrießlichkeiten ausgefüllt, eben infolge der Umtriebe und Schliche jener Satelliten der Monarchen, die kaum etwas anderes sind als Priester des Bauches, unsittliche und lächerliche Streber, die die unedelsten Mittel in Anwendung brachten, um jenen armen Teufel von Fränzchen König Franz II. von Neapel, der erst im Jahre zuvor den Thron seiner Väter bestiegen, übrigens sich bereits von dem nämlichen selbstsüchtigen und autokratischen Geiste erfüllt gezeigt hatte wie diese, und deshalb sein Schicksal durchaus verdiente., dessen einzige Schuld darin bestand, auf den Stufen eines Thrones geboren zu sein, zu stürzen und in der Weise, die allen bekannt ist, zu ersetzen.

Alle kennen die Bemühungen, die vor der Ankunft der Tausend einen Aufstand zustande bringen sollten – um letzteren das Verdienst, den Bourbon gestürzt zu haben, vorwegzunehmen und sich dann mit wenig Mühe und Verdienst ein schönes Ansehen bei Italien zu geben. Und das hätte sich auch ganz gut bewerkstelligen lassen, wenn die Monarchie verstanden hätte, ihren Agenten zugleich mit den hohen Gehältern auch etwas mehr Mut und weniger Besorgnis um ihre eigene Haut zu verleihen. Die Freunde Savoyens hatten aber nicht den Mut zu einer Revolution – und diese wäre doch damals auf dem von anderen gelegten Grunde leicht zu errichten gewesen, wie jene ja sonst Meister darin sind, sich fremdes Verdienst anzueignen –, aber viel Mut hatten sie zum Intrigieren, Aufhetzen, zur Störung der öffentlichen Ordnung. Und während sie zu der glorreichen Expedition nichts beigetragen hatten, spielten sie sich, als nur noch wenig zu tun übrig blieb und das Vollbringen leicht geworden war, als unsere Gönner und Verbündete auf, landeten Truppen des sardinischen Heeres in Neapel – versteht sich, um die große Beute zu sichern – und gelangten bis zu dem Grade von Gönnerschaft, daß sie uns 2 Kompagnien des nämlichen Heeres am Tage nach der Schlacht am Volturno, am 2. Oktober, sandten. Stets der Gnadenstoß!

Es handelte sich darum, eine Monarchie zu stürzen und eine andre an ihre Stelle zu setzen, ohne den guten Willen oder die Fähigkeit, die Lage jener armen Völker zu verbessern, und es war wirklich ein schönes Schauspiel zu sehen, wie jene großen Herren der Monarchie jede Art unheilvoller Beeinflussung anwandten, um das Heer, die Flotte, den Hof, die Minister zu bestechen, und sich der unlautersten Listen bedienten, um ihre schimpfliche Absicht zu erreichen. Ja, herrlich war die Geschäftigkeit aller jener Trabanten, die sich als Bundesgenossen des Königs von Neapel gebärdeten, ihm ihren Rat aufdrängten, ihn zu »brüderlichen« Verhandlungen zu bewegen suchten und ihn mit Nachstellungen und Verrat umgaben. Und hätten sie für ihre jämmerliche Haut nicht allzu große Besorgnis gehabt, so hätten sie sich Italien als Befreier vorstellen können. – Welch schönes Ergebnis, wenn es gelang, die Tausend und die ganze Demokratie Italiens mit langer Nase abziehen zu lassen! Denn es sind eben die schon zubereiteten großen Bissen, die diesen reich galonierten Befreiern Italiens behagen!

Natürlich intrigierten die Anhänger Cavour's auch in Palermo und säten Mißtrauen unter die Bevölkerung, indem sie sie zu vorzeitiger Annexion drängten. Sie zwangen mich, das Heer am Volturno am Vorabend einer Schlacht zu verlassen und nach Palermo zu eilen, um die von jenen in Besorgnis versetzten Einwohner zu beruhigen. Diese meine Abwesenheit brachte der Südarmee die Niederlage von Caiazzo ein, die einzige auf diesem ganzen glorreichen Feldzuge.


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