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3. Kapitel.
Von Quarto bis Marsala

Als alle an Bord und alles für die Fahrt nach Sizilien bereit war, trat wieder ein Zwischenfall ein, der auch die Entschlossensten stutzig machte und die Unternehmung beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Zwei Boote, die gewissen Schmugglern gehörten, waren mit Munition, Zündhütchen und dem kleineren Waffenbedarf beladen worden und sollten sich in der Gegend des Vorgebirgs von Portofino Am Golf von Rapallo. und des Leuchtturms von Genua einfinden; aber obschon wir in jener Richtung mehrere Stunden lang suchten, vermochten wir sie nicht zu entdecken. Dieses Fehlen der Kriegsmunition bedeutete für uns den empfindlichsten Mangel – wer darf es wagen, sich auf eine kriegerische Unternehmung einzulassen ohne Munition? Gleichwohl nahmen, nachdem wir den ganzen Morgen in jeder Richtung gesucht und Öl und Unschlitt in Camugli Comogli zwischen Nervi und Rapallo. für die Maschine eingenommen hatten, die beiden Dampfer die Richtung nach Süden, und wir verließen uns auf Italiens Glück! Doch mußten wir, um Munition zu beschaffen, einen toskanischen Hafen anlaufen. Wir wählten Talamone, Zwischen Grosseto und Orbitello. und ich kann die sämtlichen Behörden von Talamone und Orbetello nicht genug rühmen für die herzliche und großmütige Aufnahme, die wir fanden. Besonders ist der Oberstleutnant Giorgini, der oberste militärische Kommandant, zu rühmen, ohne dessen Mitwirkung wir unzweifelhaft nicht imstande gewesen wären, uns mit dem Nötigen zu versehen. Wir fanden in Talamone und Orbetello nicht nur Munition, sondern auch Kohlen und Kanonen, wodurch unsere Expedition nicht wenig erleichtert und gefördert wurde.

Da wir in Sizilien eingreifen wollten, so erschien es nicht übel angebracht, eine Diversion in den Kirchenstaat zu versuchen, um dadurch diesen sowie das bourbonische Königreich von Norden zu bedrohen. Das mußte mindestens den Erfolg haben, die Aufmerksamkeit des Feindes oder der Feinde für einige Tage dorthin zu richten und sie über den eigentlichen Zweck der Unternehmung in die Irre zu führen. Ich machte Zambianchi einen dahin zielenden Vorschlag, den er entschlossen annahm. Und er hätte sicherlich mehr ausgerichtet, wenn ich imstande gewesen wäre, ihm mehr Mannschaft und Kriegsbedarf zu überlassen, während er gezwungen war, mit nur etwa 60 Leuten sich der schwierigen Aufgabe zu unterziehen.

Endlich traten wir von Santo Stefano Auf der Halbinsel des Monte Argentario, unweit Orbitello. aus, wo noch etwas Kohle geladen wurde, am Nachmittag des 9. Mai die direkte Fahrt nach Sizilien an, den Bug nach Marettimo Marettimo, Insel westlich von Sizilien, zur Inselgruppe der Aegaden gehörig. gerichtet. Die Schiffahrt ging glücklich von statten, obwohl uns zwei ärgerliche Zwischenfälle von einem und demselben Menschen bereitet wurden, der nämlich die fixe Idee hatte, sich ertränken zu müssen, und uns damit zweimal viel Last machte, ohne doch sein Ziel zu erreichen. Er hatte sich von der Piemonte aus ins Meer geworfen, und wir retteten ihn ungeachtet der schnellen Fahrt des Dampfschiffes dank jener schnell entschlossenen Kühnheit, die dem Seemann so gut steht: das Schiff stoppen, ein Boot ins Wasser lassen und sich selbst mit der ganzen Schnelligkeit, deren der Seemann fähig ist, ohne die Gefahr zu ermessen, in das Boot werfen, dann zu dem mit den Wellen Ringenden in der Richtung, die von Bord aus angegeben wird, rudern, war ebenso schnell ausgeführt wie erzählt. Der italienische Matrose steht in solchen Augenblicken, die Gewandtheit und Mut in hohem Maße verlangen, keinem anderen nach. – Jener Mensch aber, der so entschlossen schien zu sterben, änderte seine Ansichten, sobald er die Kälte des Wassers und die Nähe des Todes empfand, denn, einmal im Meere, schwamm er wie ein Fisch und machte alle Anstrengungen, um seine Retter zu erreichen. – Trotzdem führte er hernach dasselbe Stücklein von der Lombardo aus auf, und dieses Mal wurde die Torheit des vorgeblichen Selbstmörders für die Expedition fast verhängnisvoll. Er hatte jenes erste Experiment von der Piemonte aus in Talamone ausgeführt. In diesem Hafen, wo wir die Leute hatten ans Land gehen lassen, damit sie es bequemer hätten als an Bord, wo sie naturgemäß beengt waren, schiffte sich jener Mensch auf der Lombardo ein, insgeheim, denn da wir ihn für geisteskrank hielten, hatten wir ihn von der Piemonte ausgesetzt und dem Kommandanten von Talamone empfohlen. Wie er es nun aber fertig gebracht haben mag – kurz, er kam dann auf der Piemonte zum Vorschein und wurde darauf von dem Boote, das ihn rettete, auf die Lombardo zurückgebracht. Von dieser aus machte er seinen letzten Versuch, sich zu ertränken, am Abend des 10. Mai, dem Vorabend unserer Landung in Sizilien.

An jenem Abend des 10. Mai hatte ich, in der Hoffnung, Marettimo zu erspähen, die Maschine der Piemonte, die das schnellere Schiff war, wacker in Gang setzen lassen. Die Lombardo war, weil sie eben weniger schnell war, und auch infolge des Sprunges jenes Menschen ins Meer, zurückgeblieben und außer Sicht gekommen. Als ich nun Marettimo doch noch nicht zu erblicken vermochte, gedachte ich wieder des Schwesterschiffes, das ich nördlich vermuten mußte und das sich nur wie eine zarte Wolke am fernen Horizont zeigte. Sofort bemächtigten sich meiner Reue und Furcht, die infolge des Einbruchs der Nacht sich noch steigerten. Es war mir recht verdrießlich, daß wir uns, durch meine Schuld, von der Lombardo getrennt hatten, was unsere ohnehin schwierige Unternehmung nur noch mehr erschweren mußte. Ich ließ also mein Schiff sogleich in der Richtung auf den anderen Dampfer wenden. In demselben Maße aber, wie das Dunkel der Nacht zunahm, vermehrte sich auch meine Besorgnis; jede Minute dehnte sich mir zur Stunde, und da ich von dem Zwischenfall mit jenem Menschen, der sich ins Meer gestürzt hatte, nichts wußte, so war ich einige Zeit im Zweifel, ob die Lombardo etwa verloren gegangen sei. Es läßt sich kaum beschreiben, was ich in jener kurzen Zeit litt und wie schwere Vorwürfe ich mir selbst machte wegen der törichten Ungeduld, Marettimo alsbald erblicken zu wollen. Endlich jedoch zeigte sich die Lombardo, und nun blieben wir dicht beieinander, so daß sie natürlich nicht verloren gehen konnte; aber es war ein abscheuliches Furchtgefühl gewesen, das ich durchgemacht hatte.

Jetzt indes, zum Schluß der Reise, sollte ich noch Schlimmeres durchmachen. Von dem Punkte aus, an dem sich die Piemonte bei Anbruch der Nacht befunden hatte, waren mehrere unbekannte Schiffe sichtbar gewesen. Auch Bixio hatte sie wahrgenommen, aber bei der großen Entfernung nicht erkennen können. Als er nun aber uns entdeckte, die wir, statt ihn zu erwarten, wie es sonst der Fall gewesen war, mit ganzer Geschwindigkeit auf ihn zukamen, hielt er uns für ein feindliches Schiff und entfaltete die größte Schnelligkeit, um südwestwärts steuernd sich von uns zu entfernen. – Das war wirklich zum Verzweifeln! Ich erkannte seinen Irrtum und ließ alle zwischen uns verabredeten und nicht verabredeten Signale geben; selbst Feuerzeichen nämlich wurden in Anwendung gebracht, die wir verabredet hatten nicht zu brauchen, um nicht Verdacht zu erregen. Doch hatten auch diese keinen Erfolg, und so eilten wir hinter dem Schwesterschiff her, um es in der Dunkelheit nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Endlich kamen wir glücklicherweise in seine Nähe. Trotz des Geräusches der Räder vernahm man drüben meine Stimme, und nun kam alles wieder in Ordnung. Wir fuhren den übrigen Teil der Nacht hindurch Bord an Bord, und am Morgen sichteten wir Marettimo und steuerten südwärts auf die Insel zu.

Während der Überfahrt hatte ich aus der gesamten Mannschaft 8 Kompagnien gebildet und an deren Spitze die erlesensten Offiziere der Expedition gestellt. Sirtori war zum Chef des Generalstabes ernannt worden, Acerbi zum Intendanten, Türr zum Adjutanten. Auch die Waffen und die wenigen Kleidungsstücke, die vor der Abreise hatten beschafft werden können, waren verteilt worden.

Zuerst bestand die Absicht, in Sciacca An der Südküste von Sizilien zwischen Marsala und Girgenti. ans Land zu gehen, aber da der Tag schon vorgeschritten war und wir besorgten, auf feindliche Kreuzer zu stoßen, so wurde beschlossen, in dem nähergelegenen Hafen von Marsala Marsala ist der westlichste Punkt der Insel. zu landen (11. Mai 1860). Als wir uns nun aber der Westküste Siziliens näherten, entdeckten wir Segelschiffe und Dampfer. Auf der Rede von Marsala lagen im Hintergrunde zwei Kriegsschiffe, die sich als englische herausstellten. Entschlossen, gleichwohl in Marsala zu landen, steuerten wir auf den Hafen zu und erreichten ihn gegen Mittag. Als wir einfuhren, fanden wir dort Handelsschiffe verschiedener Völker.

Wahrhaftig, unsere Unternehmung war vom Glück begünstigt und geleitet worden; wir hätten zu keinem günstigeren Zeitpunkt ankommen können! Die bourbonischen Kreuzer nämlich hatten an demselben Morgen den Hafen von Marsala ostwärts steuernd verlassen, während wir von Westen her uns näherten, und befanden sich, als wir einfuhren, noch in Sicht gegen Kap San Marco Unweit Sciacca. hin, so zwar, daß, als sie bis auf Schußweite herankamen, wir bereits die ganze Mannschaft der Piemonte an Land hatten und mit der Ausschiffung der Lombardo begannen. – Die Maßnahmen der Kommandanten der feindlichen Schiffe, die natürlich ungeduldig waren, uns in Grund und Boden zu schießen, wurden durch die Gegenwart der beiden englischen Kriegsschiffe aufgehalten, und das gab uns Zeit, unsere Ausschiffung zu beendigen. Auch dieses Mal diente Albions edle Flagge dazu, Blutvergießen zu hintertreiben, und ich, der Benjamin jener Beherrscher des Weltmeeres, genoß zum hundertsten Male ihres Schutzes. – Gleichwohl ist die von unseren Feinden ausgestreute Nachricht ungenau, wonach die Engländer unsere Ausschiffung in Marsala direkt durch ihr Eingreifen gefördert hätten. Die Schrecken und Ehrfurcht einflößenden englischen Farben, die man auf den beiden Kriegsschiffen der mächtigsten Flotte und auf der Ansiedlung Ingham wehen sah, machten die bourbonischen Söldner unschlüssig und ich kann wohl sagen, brachten ihnen Schande, denn es wäre ihre Pflicht gewesen, aus ihren überlegenen Batterien sofort auf die Handvoll Leute Feuer zu geben, die mit Gewehren von der Art bewaffnet waren, wie die Monarchie die italienischen Freiwilligen in den Kampf zu senden pflegt. Allerdings befanden sich drei Viertel meiner Freiwilligen noch auf der Mole, als die Bourbonen endlich begannen, ihre Feuerschlünde sprühen zu lassen und Granaten und Kugeln zu senden, die glücklicherweise niemandem Schaden taten. Die Piemonte aber, die von den Unsrigen im Stich gelassen war, wurde von den Feinden fortgeschleppt, die die Lombardo zurückließen, weil sie auf den Sand gesetzt war.

Obschon durch das unerwartete Ereignis völlig überrascht, nahmen uns die Bewohner von Marsala nicht übel auf; das Volk jubelte uns zu, die Reichen hielten sich allerdings zurück. Ich fand das alles sehr natürlich. Wer sich gewöhnt hat, alles nach Prozenten zu berechnen, ist sicherlich nicht besonders erbaut beim Anblick weniger Verzweifelter, die in einer verderbten Gesellschaft den Krebs der Vorrechte und der Lüge ausrotten wollen, um sie gesunden zu lassen – namentlich wenn diese Verzweifelten in geringer Anzahl ohne Kanonen und ohne Panzerschiffe sich gegen eine Macht vorwagen, die wie die der Bourbonen für riesengroß galt. Die Großen oder die privilegierten Stände wollen daher, ehe sie es wagen, sich auf ein Unternehmen einzulassen, sicher sein, von welcher Seite der Wind des Glückes bläst und wo die großen Streithaufen sind, und die Überwinder können dann sicher sein, sie ihren Winken gehorsam zu finden, ohne Ziererei, ja, wenn nötig, mit freudigem Eifer. Ist das nicht die Geschichte der menschlichen Selbstsucht in allen Ländern? – Das arme Volk dagegen nahm uns jubelnd und mit unverkennbarer Zuneigung auf. Es dachte aber an nichts anderes als an die Erhabenheit des Opfers, an die schwierige, hochherzige Unternehmung, der jene Handvoll hochgemuter Jünglinge entgegenging, die von der Ferne her ihren Brüdern zu Hilfe herbeigeeilt waren.

Wir verbrachten den übrigen Teil des 11. Mai und die folgende Nacht in Marsala, wo ich begann, die Dienste Crispi's in Anspruch zu nehmen, eines ehrenwerten und sehr befähigten Sizilianers, der mir bei der Verwaltung und in der Anknüpfung der unumgänglichen Beziehungen in dem mir ganz unbekannten Lande von größtem Nutzen war.

Man begann von der Notwendigkeit der Diktatur zu sprechen, und ich nahm sie ohne Widerrede an, da ich in ihr stets den Rettungsanker in dringenden Fällen und in den großen Krisen der Völker gesehen habe.

Am Morgen des 12. Mai traten die Tausend den Marsch auf Salemi Salemi liegt gerade östlich von Marsala, in einer Entfernung von über 30 km Luftlinie. an; da jedoch die Entfernung bis dahin für eine Etappe zu groß war, so machten wir bei dem Landgut Mistretta Halt und verbrachten dort die Nacht. Den Eigentümer des Gutes trafen wir nicht an, aber sein noch jugendlicher Bruder machte in liebenswürdiger und hochherziger Weise den Wirt. In Mistretta bildete ich eine neue Kompagnie unter Griziotti. – Am 13. marschierten wir nach Salemi, wo die Einwohnerschaft uns freundlich aufnahm. Hier begannen Mannschaften von Sant' Anna d'Alcamo Alcamo im Nordwesten der Insel, unweit Castellamare. und einige andere Freiwillige aus der Insel uns zuzuströmen. – Am 14. besetzten wir Vita oder San Vito Nördlich von Salemi; davon nordöstlich Calatafimi, wo das bourbonische Heer zur Verteidigung der Straße nach Palermo aufgestellt war. und am 15. erblickten wir zum ersten Male den Feind, der Calatafimi besetzt hielt und auf die Nachricht, daß wir uns ihm näherten, den größten Teil seiner Streitkräfte auf den Höhen entfaltet hatte, die »Klage der Römer« heißen.


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