Max Eyth
Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
Max Eyth

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18.

Bonn, den 13. November 1883.

Ein Windstoß in der Herbstnacht – davor ist mir nie bange. Was ich fürchte, sind die naßkalten, kriechenden Nebel, die das Mark in den Knochen erkälten und uns die Arbeitsfreude aus der Seele ziehen. Doch hierfür ist es noch zu früh, selbst im November, wenn ich auch nicht leugnen kann, daß ich sie spüre.

Die Lokomobilprüfung in Berlin hat mir gut getan. Erstlich war es wieder einmal gesunde, geradlinige Arbeit, ein wenig langweilig, gründlich und pedantisch, wie es auch im neuen deutschen Reich nicht anders sein kann, aber doch auf ein Ziel losgehend, das wir fünf Richter wohl auch erreichten. Dann freute es mich herzlich, daß mein alter Zeichenmeister Wolf aus Kuhnschen Tagen, jetzt selbst ein großer Fabrikant in Buckau, als Sieger aus dem Kampf hervorging, und endlich lernte ich in meinen Mitrichtern Leute kennen, an die ich mich stets gerne erinnern werde. Da war als Leiter des Ganzen Geheimrat Schotte, den vor Jahren mein Wanderbuch verführt hatte, durch das Neckartal zu pilgern, eine Wirkung, die ich dem Buche nie zugetraut hätte. Da war ein liebenswürdiger Gas- und Wassermann, Professor Bunte aus München, den es höchlich belustigte, meine Freude zu sehen, wenn an der Türklinke meines Gasthofzimmers morgens früh in Briefform ein neues Mitglied des Reichsvereins hing. Mit dem Brandenburger Verein, der die Prüfungen veranstaltete, das heißt der das Landwirtschafts- und das Finanzministerium bewogen hatte, die Prüfungen veranstalten zu lassen, kam ich kaum in Berührung, da sich nur ganz ausnahmsweise ein Mitglied desselben heranwagte. Doch bleibt mir einer dieser Herren für immer im Gedächtnis. Ich war in halbem Arbeiteranzug damit beschäftigt, die Bremse zu bedienen, als mich der Herr wohlwollend und bedauernd ansprach. Als er erfuhr, daß ich von Bonn sei, wurde er plötzlich lebhafter. »Denken Sie sich,« rief er »da bekomme ich kürzlich einen Brief aus Bonn von einem Herrn – Sie werden ihn schwerlich kennen –, der einen allgemein Deutschen Verein gründen will. Aus Bonn!! Ein halber Engländer, wie ich höre. Und wissen Sie, wieviel der Mensch Jahresbeitrag für seinen Verein verlangt? Zwanzig Mark! So viel hat ja kein Mensch in Deutschland für einen Verein. Zwanzig Mark!! Na, wenn er drei Mark oder besser noch zwei Mark verlangen würde, könnte man ja daran denken. Aber zwanzig Mark!« – Eine Zeitlang genoß ich das aufrichtige Entsetzen, das ich dem fremden Herrn eingeflößt hatte, und dann, langsam und vorsichtig, stellte ich ihm den Zwanzigmarkmann aus Bonn vor. Wir schieden als die besten Freunde. Ich glaube, er wäre noch am gleichen Tag Mitglied geworden, wenn nicht die Bremse im entscheidenden Augenblick aufgeschnellt wäre, so daß ich meine Aufmerksamkeit auf das zu trocken gewordene Bremsband richten mußte. Als ich mich wieder nach Herrn von Sydow, meinen neuen Freund, umsah, war er verduftet. – –

Auf der Rückreise ging ich wieder über Magdeburg und hielt, einer Aufforderung entsprechend, einen Vortrag über meine Pläne vor den großen Rübenzuckerbauern dieser hochkultivierten Gegend, wobei nicht viel mehr herauskam als Rauch und Bier und freundliches Händeschütteln. Doch brachte mir die Begegnung mit der landwirtschaftlichen Aristokratie der Provinz Sachsen einige wichtige Briefe, die den Besuch wohl wert waren.

Überhaupt war der Briefsegen der letzten vier Wochen fast reicher, als ich wünschen kann. Vieles hochinteressant, weniges ermutigend. Ich wollte, ich könnte Euch das Wesentliche mitteilen, allerdings auch die Neugier dazu, mit der ich es studiere. Oft ist mir zumute, als wäre ich auf einer Entdeckungsreise, einem nie befahrenen Strom entlang, voll Klippen und Sandbänken, Stromschnellen und verfilzten Sümpfen. Ist er schiffbar bis ans Ziel?

Rimpau-Schlanstedt, einer meiner besten Freunde – es sei hier ein für allemal bemerkt, daß sich zwischen der »guten Sache« und mir völlige Identität herausgebildet hat –, schreibt wenig; was er aber sagt, hat Hand und Fuß. Er klagt natürlich, wie alle, über Gleichgültigkeit und Unglauben, läßt aber nicht nach, zu werben, und da er ein hohes Ansehen in seiner Provinz genießt, gelingt ihm da und dort ein guter Fang. Ich vermute, die Herren treten gegen besseres Wissen und Gewissen bei, um ihm einen Gefallen zu tun; einige sagen dies offen. Ich lasse mir darob keine grauen Haare wachsen. Wenn sie nur kommen.

Sehr interessant war ein Brief des Präsidenten des Sächsischen Zentralvereins, von Nathusius-Königsborn, dem Bruder des Althaldenslebeners. Er sei gegen die Bewegung gewesen, denn er habe, wie die meisten, noch immer den Verdacht nicht loswerden können, daß ich ein Agent Fowlers sei, und das Ganze darauf hinauslaufe, Dampfpflüge zu verkaufen, bis er zufällig mein Wanderbuch gelesen habe. Wie wunderlich doch manchmal ein Rädchen ins andre greift! Nun nehme er allerdings keinen Anstand mehr, der Sache näherzutreten. Dann läßt er sich über die vorhandenen Vereine aus. Die einen seien demokratisch organisiert, aber fast mittellos, so daß sie unfähig seien, etwas Ernsthaftes zu unternehmen. Andre haben einen mehr aristokratischen Charakter und seien so viel als tot für die wirkliche Arbeit des Landwirts. Alles gipfele für sie in politischen Fragen und Bestrebungen. Der Landwirtschaftsrat, die beratende Spitze des gesamten deutschen Vereinswesens, habe zum Beispiel vor etlichen Jahren einen großgedachten Ausstellungsplan lebhaft befürwortet, aber nicht ein Finger habe sich gerührt, ihn auszuführen. Es fehlen die Leute, es fehle das Geld. Der Berlinismus, der über das Weichbild Berlins hinaus nichts schaffe, habe die draußen noch immer lahmgelegt. Ich werde selbst einsehen, was unter solchen Umständen für meinen Gedanken übrigbleibe. Aber einen nochmaligen Versuch sei er wert, und deshalb trete er bei.

Anders lautet das Urteil eines Mannes, auf den ich, durch Hörensagen verführt, große Hoffnungen gesetzt hatte, des Exministers der Landwirtschaft, von Friedenthal. Er habe eine halbe Lebensarbeit an den Aufbau des preußischen Vereinswesens gerückt, schreibt er, und halte es für vortrefflich, wenn auch nicht für ganz unverbesserlich. Es falle ihm nicht ein, einem nebelhaften Projekt zulieb an seiner eignen Schöpfung zu rütteln. Dasselbe schrieb er nicht ohne Entrüstung, wenn auch in etwas andern Worten meinem hochgeschätzten Freund Thiel, der zum Glück die idealen Schöpfungen seines früheren Chefs zu genau kennt, um sich irremachen zu lassen. Dieser Mann ist Goldes wert für uns; denn von außen ist in die Backsteinmauer des geheiligten Bureaukratismus eine Bresche nicht zu schießen.

Wenig hoffnungsvoller schreibt Graf Bernstorff aus Hannover, wo die näheren Beziehungen zu England den Boden für meine Saat etwas krümeliger gemacht haben, und in der Hannoverschen Landwirtschaftsgesellschaft die Frage ernsthaft und nicht ohne Wohlwollen besprochen wird. Die deutschen Verhältnisse seien eben grundverschieden von denen Englands. Er würde mit beiden Händen zugreifen, wenn er dies nicht am eignen Leib erführe. Ohne staatliche Unterstützung, diesen Krebsschaden einer selbständigen Vereinstätigkeit, denke niemand daran, sich zu rühren, und nehme Schulmeisterei und Maßregelung von oben willig in den Kauf. Deswegen werde mein Plan in den Geburtswehen ersticken. Wenn er aber je zum Leben komme, so müsse ihm durch das maßlose Gerede in diesen Kreisen der Atem ausgehen. Aber dennoch – zu einem Versuch sei auch er bereit.

Wollt Ihr nun noch etwas von Süddeutschland hören? In Baden vorläufig tiefe, ungestörte Stille. Meine Württemberger freuen sich des Schwaben und sind voll platonischen Wohlwollens, dem ein gut Teil Mitleid beigemischt scheint. »Aber einen Versuch – na, da müssen wir dem Landsmann zu Gefallen mitmachen.

Wer weiß – es hat schon manche blinde – –.« Sie haben eine kräftige, wenn auch oft stockende Ausdrucksweise. Man muß verstehen, wie sie's meinen. Und ich glaube wahrhaftig, sie meinen es gut.

Bayern: scharfe Ablehnung, fast überall, wo ich anklopfe, teils in Tönen zornigen Jammers über den unüberwindlichen Partikularismus, teils im stolzen Gefühl dieses üppig blühenden Gewächses. Aber ich hoffe, wenn ich mit der Zeit stärker klopfe, kann auch dort der Ton sich ändern.

Und dabei wird mein lieber Freund Kiepert-Marienfelde schon ungeduldig. »Hundertzehn Mitglieder, und in den letzten Wochen kaum einen des Tags! Es gehe nicht vorwärts, wie er gehofft habe. Die Sache sei offenbar zu wenig bekannt. Man müsse mehr Lärm schlagen.« »Man« bin ich; und ich schlage doch seit Juli auf das Fell des deutschen Michels, daß mir der Schweiß von der Stirne tropft. Allerdings fährt Kiepert in seinem letzten Brief wehmütig fort, wenn er bei irgend jemand die Sache zur Sprache bringe, sei stets die erste Frage: »Wieviel trägt die Regierung bei?« Wenn er dann sagen müsse, daß ich an Regierungsbeiträge nicht einmal denken wolle, sei alles aus. »Ein verrückter Engländer!« Das schrieb er zwar nicht wörtlich, aber doch in der milderen Form: »ich sei eben doch ›drüben‹ gar zu englisch geworden.« Aber ich verstehe nicht bloß schwäbisch, lieber Freund!

In dieser Weise geht es weiter. Der Stoff drängt sich um mich, fast zum Ersticken. Ein Teil des amtlichen Berichts über die Lokomobilprüfung, den zu schreiben ich versprochen habe, hängt mir wie ein Mühlstein am Hals. Dem Ingenieurverein zu Köln habe ich leichtfertigerweise einen Vortrag über ägyptische Zuckerfabriken zugesagt. Jetzt mahnen mich die Herren alle vierzehn Tage an mein Versprechen. »Keine Zeit!« schreiben sie kopfschüttelnd, »was denn das heißen solle? Ich habe mich doch zur Ruhe gesetzt.« Gewiß; aber wie man sich bettet, so liegt man.

Nein, l. M., zur Ruhe und »Sammlung«, die Du mir mit vollem Recht empfiehlst, bin ich trotz der ergrauenden Haare vielleicht noch zu jung; vielleicht gewinne ich nie das nötige Alter. Denn ich suche umsonst nach einem Beispiel, das mir zeigt, wo der Geist des Abgekehrtseins von der Arbeit, vom Leben, von der Welt die Früchte bringt, die man ihm nachrühmt. Unsre nächsten Pflichten liegen auf dieser gottgeschaffenen, wenn auch oft genug gottverlassenen Erdkugel. Sie ehrlich zu erfüllen, soweit es geht, ist vielleicht der beste Gottesdienst. Die Weisheit Salomos von der Eitelkeit alles Irdischen ist die Weisheit des satten, müden Alters. Ist es wahrscheinlich, daß das Gefühl des Menschen in seiner körperlichen und geistigen Schwäche der Wahrheit näher steht als die Erkenntnis des Gesunden? Klein ist freilich alles, was wir tun, verächtlich klein; aber es sind Millionen, die mithelfen an den großen Aufgaben der Menschheit. Das multipliziert sich: und es ist nur unsre persönliche Eitelkeit, die sich darüber ärgert. –

Nachschrift.

»Hipp, hipp, hurra!« wenn ich nun doch einmal ein verrückter Engländer sein soll. Soeben erhalte ich von diesem vortrefflichen Kiepert ein Telegramm: »Fünfundsechzig Mitglieder des Teltower Vereins schicken Ihnen ihre Grüße, nachdem sie soeben dem Provisorium des Reichsvereins für Landwirtschaft beigetreten sind.«

Nun möchte ich aber wissen, wer verrückter ist: die Deutschen oder die Engländer?


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