Max Eyth
Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
Max Eyth

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5.

Bonn, den 15. November 1882.

Das Ereignis der Woche war die Jahresversammlung der Sektion Bonn des landwirtschaftlichen Vereins der Rheinprovinz, die vor acht Tagen in Poppelsdorf abgehalten wurde. Mit der Versammlung, welche drei landwirtschaftliche Reden und ein Festmahl von fünf Gängen zierten, war eine Vieh- und Geräteausstellung verbunden, von der man mir schon drei Tage zuvor erzählt hatte. Als ich mich deshalb in aller Frühe auf den Ausstellungsplatz begeben wollte, um nach meiner Gewohnheit einen Überblick über das Ganze zu gewinnen, ehe das Studium im einzelnen beginnen konnte, begegnete mir Professor Werner, der Schriftgelehrte in Tierzuchtfragen. Ihm folgte ein Knecht, welcher einen Strick um den Leib geschlungen hatte, als wollte er eine gefährliche Bergtour unternehmen. Ich fragte nach dem Ausstellungsplatz. Lächelnd ob meiner Unwissenheit wies Werner auf den Mann mit dem Strick. Mein Erstaunen legte sich erst, als derselbe in einer benachbarten Wiese, auf welcher bereits unter der Obhut einer festlich gekleideten Frau zwei Kühe weideten, das Seil von Baum zu Baum spannte und der Frau half, die Kühe daran festzubinden. Im Lauf des Vormittags kamen noch dreiundzwanzig weitere Tiere verschiedenen Geschlechts und von acht verschiedenen Rassen. So wenigstens sagte mir der Herr Professor, der es wissen mußte. Die Geräteausstellung bestand aus einer Putzmühle und zwei Pflügen. Die zwei Pflüge wurden jedoch zur Freude des Ausstellers sofort verkauft und waren verschwunden, ehe die Preisrichter erschienen waren, die sich beim Frühschoppen etwas verspätet hatten. Sie waren deshalb genötigt, die Putzmühle allein zu prämiieren. Auch für die Rinderausstellung stellt eine wohlwollende Regierung bestimmte Summen zur Verfügung, die es ermöglichen, wenn die Ausstellung schlecht beschickt ist, jedes Tier mit einem kleinen Preis zu beglücken. Die Arbeit der Richter wird hierdurch wesentlich vereinfacht.

Trotz dieses befriedigenden Ergebnisses konnte ich wahrend des Festmahls einer gewissen Niedergeschlagenheit nicht Herr werden. Das Vieh war mir gleichgültig, sehr mit Unrecht; was mich bedrückte, war die Geräteabteilung. Wo soll das hinaus, wenn einmal, wie in andern Ländern, die Arbeiternot wirklich fühlbar wird? War das eine Ausstellung am Ort einer landwirtschaftlichen Versuchsanstalt, die, wie ich vermute, die Aufgabe hat, den Bauern Maschinen in die Hand zu zwingen? Wenn die Weber und Spinner, die Schiffer und Fuhrleute unsrer Tage den Kampf ums Dasein nur noch mit Maschinen erfolgreich bestehen können, glauben denn die Herren Landwirte, sie allein werden mit ihren zehn Fingern auskommen wie bisher? Es wäre in der Tat Zeit, wenn ich ein Durchschnittsbild der Verhältnisse gesehen haben sollte, etwas Leben in die Bude zu bringen. Ob es auf meinem Wege geht, weiß der Himmel. Je mehr ich mich wieder in der deutschen Heimat umsehe, um so bedenklicher wird mir die Sache. Alles scheint von oben, von der Regierung erwartet zu werden. Wo es irgend fehlt, sind auch die »liberalsten« Blätter bereit, zu schreien: Da seht ihr's wieder! Warum macht die Regierung nicht dies oder das? Warum regt sich Bismarck nicht? Und regt er sich nicht, so ist weder für deutsche Kolonien, noch für Sparkassen, noch für Exporthandel, noch für Schutzzölle, noch für Schulreform, noch für Kulturkämpfe, noch für Blitzzüge nach Rom und Petersburg, noch für Briefmarken etwas zu hoffen. Alles selbständige Handeln scheint den Leuten ausgequetscht zu sein. Was ihnen blieb, ist die nörgelnde Oppositionsstimmung, wenn dann wirklich etwas versucht wird, das die alten Gewohnheiten stört. Wieviel trotzdem von oben herab geschieht, setzt mich fortwährend in neues Erstaunen. Die großartige und im ganzen wohlgeölte Maschine arbeitet in der Tat nicht schlecht. Aber die freudige Mitwirkung des Selbsthandelns, wie man es in England gewohnt ist, kann keine Regierungsmaschine ersetzen und, wie ich fürchte, auch nicht brauchen. Das ist das Wölkchen »wie eines Mannes Hand«, das ich an meinem Horizont aufsteigen sehe.

Am Abend dieses ereignisvollen Tags, als der Rheinwein alles um uns her vergoldete, hörte ich ein Geschichtchen, das mir wieder Mut einflößte. Ich verdanke es Professor Werner, der seine tiefere Bedeutung nicht einmal ganz zu schätzen schien. Er ist gleichzeitig Vorsteher des Musterguts, das mit der Akademie in Verbindung steht. Um einen akademisch-reinen Hof zu erhalten, ist es auf dem Gute Brauch, am Abend den Stalldünger auf einen Wagen zu laden und diesen am andern Morgen nach einer entfernteren Dungstätte zu führen. Eine Ecke des von den Stallgebäuden umgebenen Hofs bildet ein alter Turm, wie solche in den Rheinlanden aus Ritterzeiten her gefunden werden. Sein zinnengekröntes flaches Dach ist auf zerfallenen Holztreppen kaum mehr zu erreichen. Nun begab es sich, daß ein Trüpplein Poppelsdorfer Akademiker von Bonn zurückkehrend nächtlicherweile am Hof vorüberkam und den beladenen Düngerwagen friedlich im Mondlicht schlummern sahen. Da erfaßte einen der jungen Herren ein genialer Gedanke, dessen Ausführung die andern freudig unterstützten. Der Wagen wurde vorsichtig und leise umgestürzt, Räder, Deichsel und Leitern abgenommen; sodann die einzelnen Teile mit unendlicher Mühe die Turmtreppe hinaufgeschleppt und oben auf der Plattform wieder zusammengestellt. Doch nicht genug. Es fanden sich in einem Winkel des Hofs etliche Körbchen und zwei Milchkübel; Taschentücher wurden mit Eifer der Arbeit geopfert. So wanderte auch der Inhalt des Wagens nach oben und wurde säuberlich wieder aufgeladen. Schließlich mußte noch die Stelle, wo die Ladung gelegen hatte, sorgfältig gereinigt werden. Dann gingen die Sechse, im Gefühl, eine große und schöne Tat vollbracht zu haben, etwas beschmutzt, völlig erschöpft und ganz nüchtern in der Morgendämmerung zu Bett. Mit dem ersten Sonnenstrahl erschien der Stallknecht, um seinen Dünger ins Feld zu fahren, aber der Wagen war verschwunden; auch von seinem Inhalt keine Spur zu entdecken. Er sucht im Hof, in den Ställen, er läuft hinaus ins Feld, halb geistesirr sich fragend, ob der Wagen vielleicht von selbst davongefahren sein könnte. Auch dies war nicht der Fall. Er holt den Verwalter. Beide suchen aufs neue, im Hof, im Stall, auf dem Feld, ohne Erfolg. Ratlos holt man den Herrn Professor. Erneutes Suchen, erneuter Mißerfolg. Alles, was gefunden wird, ist schließlich der Herr Direktor der Akademie. Sie stehen im Hof umher und erzählen sich Geschichten von spiritistischen Erscheinungen; aber in diesem Maßstab war denn doch noch nie etwas vorgekommen. Die Ratlosigkeit hatte eine beängstigende Höhe erreicht, so daß einer der Beteiligten hilfesuchend gen Himmel blickt. Da sieht er die Deichsel des Wagens, die über die Zinne des Turms herausragt und im Licht der Morgensonne förmlich strahlt. Alles stürmt die morschen Treppen hinauf. Der Wagen! der Wagen ist wieder gefunden.

Aber wie zum Donnerwetter kam er hinauf? Und wichtiger noch – wie ins Kuckucks Namen bringen wir ihn herunter?!

Einer der sechs jungen Herren geht in diesem Augenblick zufällig und schlaftrunken am Hof vorüber. Er ist in höchstem Grad erstaunt über das, was er gewahr wird. Noch immer ist die Korona in völliger Ratlosigkeit ratschlagend beisammen. Da wagt er in größter Bescheidenheit einen unmaßgeblichen Vorschlag: »Wenn man den Wagen entleeren wollte und ihn dann in seine einzelnen Teile zerlegte?«

Sein Vorschlag wird dankbar angenommen. In diensteifriger Weise beaufsichtigt er die weiteren Arbeiten. Gegen Mittag ist wieder alles in Ordnung und der gefällige junge Herr empfängt mit liebenswürdiger Bescheidenheit den Dank der Gutsverwaltung und die Lobsprüche des Herrn Geheimrats. –

Nein! ein Volk, dessen Jugend solcher Taten fähig ist, die nicht um schnöden Gewinn, nicht um ehrgeiziger Streberei willen im Schweiß des Angesichts ihre Nächte opfert, nur um einem ideellen Zweck zu dienen – ein solches Volk mag zuweilen auf Irrwege geraten, aber verloren ist es nicht. – – –

Dünkelberg kam kürzlich von Eutin zurück, wo er seine Herbstferien als Gast und Berater des Großherzogs von Oldenburg zuzubringen pflegt, und brachte mir eine Nachricht, die vielleicht meinem ganzen Lebensplan eine andre Richtung geben wird. Ein dort ansässiger, offenbar sehr rühriger Ökonomierat Petersen steht an der Spitze einer »Deutschen Vieh- und Herdbuchgesellschaft«, welcher eine Anzahl der hervorragendsten Landwirte Deutschlands angehören. Diese Gesellschaft soll die Absicht haben, sich allmählich in eine allgemeine deutsche landwirtschaftliche Gesellschaft umzugestalten. – Um so besser! Das würde mir viele Mühe und Arbeit ersparen, die mehr und mehr wie eine kaum zu erklimmende Felswand vor mir aufsteigen. Nur höre ich gleichzeitig, daß die seit kurzem bestehende Gesellschaft mit sich selbst in heftigem Zwiespalt liege, da sich die Herren über das, was ein richtiges Herdbuch sei, nicht verständigen können. Dir genügt es, zu wissen, daß es ein amtlich geführtes Stammregister der Rinderaristokratie Deutschlands bedeutet. Gut ist, daß ich mir die Weiterentwicklung der Sache in aller Ruhe ansehen kann.


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