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94.
Mancher freut sich auf fremde Hab,
Daß viel er beerbe und trage zu Grab,
Die mit seinem Gebein dann Nüss' werfen ab. Sinn: die ihn lange überleben und aus seinem Tode Nutzen ziehen.

Von Hoffnung auf Erbschaft

Ein Narr nur wird sich darauf spitzen,
Eines andern Erbe zu besitzen
Oder für ihn im Rat zu schalten,
Sein Gut, Pfründ, Amt einst zu verwalten;
Auf des andern Tod gar mancher baut,
Des End er nimmermehr doch schaut,
Hofft einen zu tragen hin zu Grab,
Der mit seinem Gebein wirft Birnen ab.
Wer eines andern Tod begehrt,
Nicht weiß, wann ihm die Seel ausfährt,
Der tut den Esel selbst beschlagen,
Der ihn gen Narrenberg wird tragen.
Es sterben junge, starke Leute,
So find't man auch viel Kälberhäute,
Es geht nicht über die Kühe allein.
Einem jeden genüge die Armut sein,
Er begehre nicht, daß sie größer werde.
Seltsamer Umschwung herrscht auf der Erde:
Bulgarus Ein italienischer Rechtsgelehrter des 12. Jh. mußte den Sohn beerben,
Den sah er wider Erwarten sterben;
Auch Priamus Vgl. Kap. 26. sah seine Erben
(Wie er doch hoffte) alle sterben;
Des Vaters Tod suchte Absalon
Und fand an der Eiche Er blieb auf der Flucht an einer Eiche hängen und wurde dort getötet (2. Samuel 18, 9). Erbe und Thron.
Manchem ein Erbe wird über Nacht,
An das er nie zuvor gedacht,
Manchem wird auch ein Erbfolger kund,
Dem lieber war, ihn beerbte ein Hund.
Nicht jeder wird seiner Hoffnung so
Wie Abraham und Simeon froh. Dem hundertjährigen Abraham wurde von Gott ein Sohn verheißen (1. Mose 17, 16 ff.); Simeon wurde versprochen, daß er nicht sterben werde, bevor er Christus gesehen habe (Lukas 2, 25 ff.).
Laß die Vöglein sorgen! Wann Gott will,
Dann kommet Glück, Zeit, End und Ziel.
Das beste Erbe ist jenes Land,
Drauf aller Hoffnung hingewandt;
Doch wirds nur wenigen zuerkannt.


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