Stendhal
Bekenntnisse eines Ichmenschen
Stendhal

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Siebzehntes Kapitel

Spanischer Charakter

Rom, 30. Dezember 1835.

Wenn ich meinen Vater mit Recht um Geld bat, z. B. wenn er es mir versprochen hatte, so brummte er, wurde böse und gab mir statt der versprochenen sechs Franken nur drei. Das empörte mich: wie kann man ein Versprechen nicht halten?

Die spanischen Empfindungen, die ich meiner Großtante Elisabeth verdankte, trugen mich in die Wolken, ich dachte an nichts als an Ehre und Heldentum. Ich besaß nicht die mindeste Geschicklichkeit, die geringste Kunst, mich zu drehen und zu wenden, die geringste jesuitische Heuchelei. Dieser Fehler ist mir geblieben trotz aller Erfahrung, aller Vernunftgründe und der Reue über eine Unmenge von Betrügereien, denen ich aus Donquichotterie zum Opfer gefallen bin. Noch heute werde ich täglich beim geringsten Einkauf um einen oder zwei Paoli betrogen. Wegen der Vorwürfe, die ich mir eine Stunde darauf mache, habe ich mich daran gewöhnt, wenig zu kaufen. Manchmal fehlt mir ein Jahr lang ein kleines Stück Hausrat im Wert von zwölf Franken, weil ich sicher bin, beim Ankauf betrogen zu werden. Das würde mich mehr verdrießen, als der Besitz dieser Kleinigkeit mich freuen würde...

Dieser Charakterzug ist schuld daran, daß Geldfragen eine so heikle Sache zwischen einem fünfzigjährigen Vater und einem fünfzehnjährigen Sohne, meinerseits mit einem Anfall tiefer Verachtung und verhaltener Entrüstung endeten.

Bisweilen erzählte ich meinem Vater – nicht aus Schlauheit, sondern rein zufällig – mit beredten Worten von etwas, das ich mir kaufen wollte, ohne zu ahnen, daß ich ihn mit meiner Leidenschaft ansteckte; dann gab er mir ohne weiteres, ja gern alles, was ich brauchte...

Hätten meine Angehörigen mich zu behandeln gewußt, sie hätten aus mir den üblichen Provinztrottel gemacht. Der Unwille, den ich infolge meiner spanischen Empfindungen von klein auf in höchstem Maße empfand, hat mir trotzdem den Charakter gegeben, den ich besitze. Aber welcher Charakter ist das? Es fiele mir schwer, das zu sagen. Vielleicht erkenne ich die Wahrheit mit fünfundsechzig Jahren, wenn ich so alt werde.

Ein Bettler, der mich in tragischem Stil anredet, wie es in Rom Brauch ist, oder im Komödienstil, wie in Frankreich, erregt meinen Unwillen, denn erstens ist es mir widerlich, in meiner Träumerei gestört zu werden, und zweitens glaube ich nicht ein Wort von dem, was er mir sagt. Gestern auf der Straße sagte eine vierzigjährige, aber noch gut aussehende Frau zu einem Manne, mit dem sie ging: »Bisogna comprar« (man muß doch leben). Dies ehrliche Wort hat mich zu Tränen gerührt. Armen, die mich anbetteln, gebe ich nie etwas, und ich glaube, nicht aus Geiz ...

Mein spanischer Charakter raubt mir den Sinn für das Komische. Von allem Gemeinen blicke ich weg und lösche es aus meinem Gedächtnis aus. Wie als zehnjähriger Knabe, als ich den Ariost las, schwärme ich für alle Erzählungen von Liebe, vom Walde mit seiner tiefen Stille, und vom Edelmut. Die geringste spanische Erzählung, wenn nur Edelmut darin vorkommt, rührt mich zu Tränen, während ich mich vom Charakter von Molières Chrysale abwende, mehr noch von der Bosheit, die den Grundzug von »Zadig«, »Candide« und andern Werken Voltaires bildet ...

Heute erscheinen mir Ariosts Helden als Stallknechte und Lastträger, deren Kraftmeierei mich langweilt. Von 1796 bis 1804 machte mir Ariost nicht seinen wirklichen Eindruck. Die zärtlichen und romantischen Stellen nahm ich durchaus ernst. Sie bahnten ohne mein Wissen den einzigen Weg, auf dem die Rührung zu meiner Seele dringen kann. Wirklich gerührt werde ich nur nach einer komischen Stelle. Daher meine fast ausschließliche Vorliebe für die komische Oper, daher der Abgrund, der meine Seele von allem trennt, was sich im Jahre 1830 den Mut nur mit einem Schnurrbart vorstellen kann.Dieser Absatz ist aus einer späteren Stelle eingeschoben.

Diese spanische Gesinnung, die ich von meiner Großtante Elisabeth habe, macht mich noch in meinen Jahren zu einem unerfahrenen Kinde, einem Narren, der »zu irgendeiner ernsten Sache immer unfähiger wird«, wie mein Vetter Colomb, ein echter Spießbürger, wörtlich sagte. Die Unterhaltung des echten Spießbürgers über Menschen und Leben, die nichts als eine Häufung häßlicher Einzelheiten ist, versetzt mich in tiefen Spleen, wenn ich ihn aus Höflichkeit eine Weile anhören muß. Darin steckt auch das Geheimnis meines Abscheus vor Grenoble im Jahre 1816, den ich mir damals nicht erklären konnte.

Auch heute, mit zweiundfünfzig Jahren, kann ich mir die unglückliche Stimmung nicht erklären, die mich am Sonntag befällt. Ich bin heiter und zufrieden, und nach zweihundert Schritten auf der Straße sehe ich, daß die Läden geschlossen sind. »Ach! heute ist Sonntag!« sage ich mir. Und sofort ist meine ganze Glücksstimmung verflogen. Ist es Neid auf die zufriedenen Mienen der Arbeiter und Bürgersleute im Sonntagsstaat? Umsonst sage ich mir: ich verliere zweiundfünfzig Sonntage im Jahr und vielleicht zehn Festtage. Es ist stärker als ich; ich habe kein Mittel dagegen als angestrengte Arbeit.

Dieser Fehler – mein Abscheu vor Chrysale – hat mich jung erhalten. Das wäre also Glück im Unglück, ebenso wie das, wenig Frauen besessen zu haben. Da ich fast nie spießbürgerliche Frauen besessen habe, bin ich mit zweiundfünfzig Jahren nicht im geringsten blasiert, d. h. geistig, denn physisch bin ich natürlicherweise beträchtlich abgestumpft, so daß ich sehr wohl vierzehn Tage bis drei Wochen ohne Weib leben kann. Diese Fastenzeit ist mir nur in der ersten Woche peinlich...


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