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An Johann Christian Dieterich

[Göttingen.] Auf dem Garten
den 27sten April 1796

Mein lieber Dieterich!

Deinen freundschaftsvollen Brief habe ich am vergangenen Sonntage auf dem Garten erhalten und mit großer Rührung in der Stube gelesen, in welcher wir bisher so manchen Sonntag-Nachmittag vergnügt zugebracht haben. Ich glaubte, Du wärest gegenwärtig. So wie er, nach meiner Überzeugung, von Herzen geschrieben war, so kannst Du mir auch glauben, daß er wieder zum Herzen gegangen ist. Aber darin irrst Du, mein lieber, teurer Freund, wenn Du glaubst, daß ich nicht an Dich dächte. Es würde Dich gewiß sehr bewegen, wenn ich Dir sagen wollte, was ich empfunden habe, als an dem Morgen Deiner Abfahrt der Postillon das Signal gab. Ich verspüre nur zu deutlich, daß die Zeit ziemlich schnell heranrückt, wo wir uns zum letztenmale sehen werden; ich werde mich wohl zuerst entfernen. – Doch das ist genug getrauert für einen so herrlichen Tag wie der heutige. Das übrige wollen wir auf einen Winter-Abend, etwa von 1809 versparen, der für uns beide, wie ich glaube, ein ganz sonderbarer Winter sein wird. Nun meine Geschichte:

Sobald Du nicht mehr unterwegs wärest, wurde, wie billig, das Wetter zusehends besser. Ich faßte also den Entschluß noch nach dem Garten zu gehen, wohin ich auch freitags abends um halb 9, in der Stromayerschen Kutsche, unter Abfeurung von 2 bis 3 unangenehmen Gesichtern, die eine gewisse Person immer für diese Feierlichkeit parat hält, glücklich abfuhr. Die Tage waren alle vortrefflich, an jedem habe ich die Sonne auf und untergehen sehen, und heute nachmittag stach sie förmlich, so, daß ich, um meine Haut nicht zu verderben, und weil keine Wolke da war, das Schnupftuch (mit Respekt zu sagen, hätte Braunhold gesagt) nehmen mußte. Am Sonntag schlug eine Nachtigall den ganzen Morgen in der Laube nach Willichs Garten, obgleich noch kein Blättchen daran war. Was wird das nicht werden, wenn erst Du und die Blätter kommen! Die Schwalben habe ich dieses Jahr gerade um eine halbe Minute eher gehört als gesehen. Ich lag am Freitage, als dem Tage meiner Abreise, um halb 2 Uhr auf dem Canapee und ruhte, als mich auf einmal das Zwitschern einer Schwalbe ermunterte. Ich wischte die Augen, suchte die Pantoffel, dachte an die Wette und natürlich an Dich (an den ich, NB., nicht denken soll, wie die Leute sagen), das mochte etwa 30 Sekunden betragen, und sah hinaus. Und siehe, da saß eine Schwalbe. Ich habe zwar, auf Ehre, nichts weiter von ihr als den Schwanz gesehen und die Stimme gehört, die nicht von dieser Seite, ich meine der Schwanzseite kam. – O, dachte ich, das ist das Hauptstück für die Wette, und schlug das Fenster zu. In den Kalender schrieb ich:

»Den 22sten Aprilis den Schwanz einer Schwalbe gesehen und ihre (nicht dessen) Stimme deutlich gehört. – Ist die Bouteille Champagner gewonnen?«

So viel von den Schwalben. Nun von einer andern Entdeckung etwas. In der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag habe ich, Punkt 2 Uhr des Nachts, da ich nicht ruhte, auf dem Garten bemerkt, was gegen die Nachtigall gar fürchterlich abstach und was Dich freuen wird: WANZEN. Ich glaubte, der Himmel – von der Bettlade fiele mir auf den Kopf. Es sind nun gerade 29 Jahre, daß ich die letzte zu Clausthal gesehen habe. Ja es ist würklich an dem, es liefen mir zwei über die Hand, die so groß waren, ich lüge nicht, wie die sogenannten Gotteslämmchen, wie man hier die kleinen Käfer (Coccinellen) nennt. Ist das nicht abscheulich? Daß sogleich Krieg erklärt wurde, wirst Du mir auf mein Wort glauben. Den folgenden Tag wurde alles demoliert. Um indessen meinen Feind nicht zu verachten, wovon man traurige Exempel hat, wurde sogleich an eine Demarkations-Linie gedacht, und ich zog mich etwas näher nach Weende und kampierte in der folgenden Nacht auf dem Canapee, unter dem König und der Königin von England und den beiden Zirkassierinnen, an denen der untere Teil fehlt; da hatte ich natürlich Friede. Das wäre nun meine Geschichte auf dem Garten. Doch noch nicht alles. Unser guter, lieber Stallmeister hat mich zweimal traktiert, einmal mit saurem Kohl, der aussah wie gesponnenes Gold und schmeckte wie Goldeswert, und dann mit dem Viertel eines Auerhahns, keinen von St. Jacobis Kirchspitze, versteht sich. Wenn es Dir hierbei irgendwo wässert, so rate ich zu einem Stückchen Edamer, im Bücher-Gewölbe, mit der Serviette auf einen Makulatur-Ballen. Es schmeckt herrlich, wenn man – dabei an etwas Besseres denkt und nichts Besseres hat.

Nun wahrlich, da ist ein Bogen voll und noch kein Wort von dem was jenseits des Weender Tores vorgeht.

Also kurz: Professor Grellmann sagte mir heute, daß gewiß auf 200 inskribiert seien, darunter 5 Grafen, und es strömt noch immer; in meinem Auditorio habe ich einige über 70 und fange morgen an; es mögen leicht 80 werden, so viele habe ich in einigen Jahren nicht gehabt. – Die gute Madame Kirsten, präsumtive Tochter des alten Kästners, ist in den Wochen gestorben. Es war eine Geschichte, wie die mit der seligen Lotte, bei welcher sie auch begraben liegt. Auch dieser Tod ist mir sehr nahe gegangen; es war eine vortreffliche Person, ich habe das Begräbnis aus dem Kammerfenster am 23ten mit angesehen! An dem Tage Deiner Abreise war die Kindtaufe, und am Mittewochen starb sie schon. So nahe liegen sich manche Dinge in der Welt!

Meine liebe Frau, ich und die Kinder sind alle recht wohl, ein gewisses Paar darunter wartet vorzüglich auf Dich allein, die übrigen auf Dich und die Maikäfer. Mimi fragte mich heute sehr ernstlich: wo ist denn Großvater? Mein Schatz? Gerne wollte ich aus dieser Frage hier einen Scherz machen, aber wer das Gesichtchen und die Unschuld darin gesehen hat, kann es nicht. Will, Will wird alle Tage handfester, und Wiese schöner. In die letzte weiß ich mich nicht zu finden, wenn sie nicht unklug wird, so wird sie sehr klug. Gestern hielten ihr ein paar Damen auf der Chaussee, die ich nicht kannte, eine Lobrede, die wenigstens sehr von Herzen zu gehen schien. Ich sah dabei durch die Jalousien. Das waren aber Lobreden von der Chaussee, ich wünschte, sie kämen aus einem bessern Quartier. Der Himmel gebe es; ich erwarte nicht viel, ihr Auge ist mir für diese Jahre viel zu starr, und das Auge sitzt bei dem Frauenzimmer, wie Du weißt, so, wie bei uns, zwar im Kopfe, das ist wahr. Aber was bei uns noch außerdem im Kopfe sitzt, soll sich, wie man sagt, bei manchen Frauenzimmern, ich weiß nicht recht wohin, ich glaube – in das Kopfzeug gezogen haben.

Nun, mein lieber Dieterich, empfehle mich vor allen Dingen Deinem lieben Sohn und seinem Jeannettchen und sage ihnen, daß ihre liebe Kleine mich vor ihrer Abreise noch auf dem Garten besucht hätte, das freute mich sehr. Ferner grüße recht herzlich die ganze Friedheimische Familie und, wenn Du durch Gotha gehst, auch Herrn und Madam Schröpfer.

Herrn Professor Hindenburg melde doch den Empfang seines Briefs mit dem verbindlichsten Dank für seine große Freundschaft. Ich werde ihm ehestens schreiben. Nun lebe recht wohl. Ich bin Dein

ewig treuer G.C.Lichtenberg

Soeben da ich über Hals und Kopf schließen will, kömmt meine Frau unter Abfeuerung eines ihrer Festtags-Gesichtchen und bittet mich, ein Pfund Tee zu bestellen und etwas Futter-Parchent. Ich schreibe das so hin wie es mir diktiert wird und verspare die Einleitung auf den mündlichen Vortrag.

Dieses schreibe ich am 28ten April in der Stadt. Nach den neusten Zetteln zu urteilen wird wohl oben im Text statt 5 Grafen 4 stehen müssen. Doch bin ich noch nicht genug orientiert um so etwas genau zu wissen.

Heute fange ich an zu lesen!!

Alles küßt und grüßt Dich.
G.C.L.

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