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An Johann Christian Dieterich

[Hannover, 8. April 1772]

Lieber Dieterich

Vor allen Dingen ehe ich es vergesse, diesen Abend trinke mit Deiner Gesellschaft in meinem Namen die lateinische Gesundheit: ut nobis bene stet oder auch stent; ich habe sie heute auf ein Zettulgen geschrieben, worin ich etwas Geld gewickelt hatte, das ich den Armen gab, ich halte sie für den Spiegel aller Gesundheiten.

Nun weiter. Deinen Brief bekomme ich soeben erst, weil es aber trübe ist, so beantworte ich ihn gleich, und wenn es für Dich und Deine Haus-Ehre noch so etwas fort pocht wie jetzt, so kann der Brief ziemlich ausfallen, von der Länge allein verstanden.

Daß Du mir immer noch so im Sinn liegst als am Tag meiner Abreise, ist die reine Wahrheit, und wenn man die Decke über die Sinne so aufknüpfen könnte wie die Hosen, so wollte ich Dir alles weisen, nein ich halte etwas auf ihn

Herr Bruder und Gevattersmann,
Es ist mir fast, als hätt' er
Es mir mit etwas angetan.
Bei gut und bösem Wetter,
Bei hunderttausend Zeitvertreib
Für Ober- und für Unterleib,
Beim Lesen und beim Essen
Kann ich ihn nicht vergessen.

So hoch hat mein Blut lange nicht gestanden, denn höher als Knittel-Verse kommt es jetzt gar nicht mehr. Wie doch jedes Tier seine eigne Art hat, wer sollte die 8 Zeilen für eine Empfindung der Freundschaft halten, aber sie ist es wahrlich, so rein, so ganz ohne Zusatz, als man sie in Deutschland im besten Grund und Boden findet und in Frankreich zu Papier bringt.

Herr Magister Falck und sein Hofmeister (denn das sind die jungen Herren doch meistens) haben sich einige Tage bei mir aufgehalten und haben in meinem Hause logiert. Herr Magister hat auch eine Nacht bei mir vor der Stadt zugebracht. Ich habe ihm Herrenhausen, Montbrillant und den Wallmodischen Garten mit den Statuen allda gezeigt. Ich tat allerlei Fragen an ihn wegen Göttingen, weil aber der gute Mensch immer um die Zeit zu Bette ging, da ich auszugehen pflegte, so konnte er mir die wenigsten beantworten.

Was gibt es denn in Deinem Haus, wer sitzt auf dem Canapee und wer ist am lustigsten? Wer von Deinen Freunden geht Dir Ostern ab, und wer von den meinigen. Schick mir doch einen Meß-Catalogum.

Mit meiner Meßkunst für Eheleute, an der ich zuweilen schrieb, wenn ich einmal ganz für mich lachen wollte, hat es neulich ein seltsames Ende genommen. Ich wollte mir ein Buch nähen: Heinrich, sagte ich, gebe er mir eine Nadel, Zwirn habe ich, der Kerl ist ein Schneider und hat Nadeln und Zwirn immer bei sich. Was für eine, Herr Professor. Eine für meinen Zwirn, Heinrich. Hier ist eine, Herr Professor. Aber Wetter, in diese Nadel bringe ich den Zwirn nicht, das Öhr ist viel zu klein. Sie müssen ihn einmal mit den Fingern spitz drehen, so geht es, Herr Professor. Nicht doch, die Nadel gefällt mir, aber gebe er mir bessern Zwirn, der geht nicht. Können Sie diesen brauchen, der ist feiner. Heinrich, der ist zu fein, der taugt zum Büchernähen nicht, eine größere Nadel, geschwind, und den alten Zwirn, ich kann da nicht stundenlang einfädeln. Ja aber, Herr Professor, wenn Sie es so machen wollen, so werden Sie in Ewigkeit nicht welche treffen, die so sind, wie Sie sie haben wollen, es kommt auf den Vorteil an, so kann man sie alle brauchen. Heinrich, sagte ich, nehme er einmal das Büchelgen dort, ich habe es geschrieben, und stecke er es in den Ofen. Warum das, Nichts, es steht etwas drinnen, das ich noch gestern für neu hielte, aber ich sehe, es ist nichts Neues unter der Sonne, man weiß alles schon, und damit flog die Meßkunst für Eheleute in den Ofen.

Von dem Hut, den ich nicht aufsetzen konnte, habe mich vorige Woche scheiden lassen, und ich trage nun einen Hannöverischen.

Hier ist eine Antwort auf meines Bruders Brief, befördere ihn mit der ersten Gelegenheit nach Gotha, der arme Schelm ist ganz hungrig nach meinem Brei, ich habe ihm daher auch das Maul recht voll geschmiert. Er ist ungehalten auf Dich, daß Du mich wegen meines Göttingischen Flaußes bei ihm verklagt hast, und sagt, er würde Dir die Peruque mündlich zausen, so gut stehn sich Beklagte und Richter zusammen.

Sage mir doch, wann gehst Du denn nach Leipzig oder nach Gotha? Und wann kommst du wieder zurück, vergesse mir nicht dieses zu berichten oder ich berichte Dir für keinen Pfennig mehr.

Meine Gesundheit ist sehr gut, wäre ich in den Monaten Januar und Februar so gesund gewesen, ich hätte Wunder getan. Hier geht alles natürlich zu. Ich wohne nun völlig im Garten, eine vortreffliche Wohnung für ein ruhiges Gewissen. Ich kann fischen und habe einen Vogelherd und sehr schöne Spaziergänge, zuweilen wenn ich da gehe, zufrieden und satt, und überhaupt der Kopf mit dem Unterleib im Gleichgewicht steht, so wünsche ich mir öfters hier ewig in diesem Gartenhaus zu wohnen, ich achte dann die ganze Welt nicht des Insektes wert, das in einer Träne ertrinkt. Von ganzer Seele ist dieses gesprochen, ich habe einige Abende in Hannover ganz allein zugebracht, denen ich nur einige wenige meines Lebens gleichsetzen kann, Stunden von denen ich sagen kann, die habe ich gelebt, und niemand weiß es, vielleicht in eben der Stunde, da ein mitleidiger Offizier sagte, dort sitzt der arme Teufel (denn ich muß gestehen, die Offiziere hier bekümmern sich mehr um meine Anstalten als irgendein Stand hier) bei dieser trüben Nacht, ausgeschlossen von den Freuden der Bouteille und der – – – Bouteille, in dem Augenblick beneidete ich selbst seinen Oberfeldmarschall so wenig als den Invaliden, der von den Brosamen lebt, die von seiner Hundsfütterer Tisch fallen.

In dieser Verfassung denke ich oft an den Grafen Struensee in Kopenhagen, von dem mir bisher etlichemal geträumt hat, was würde er für meine Ruhe geben! Gottlob, daß unsere Köpfe noch so feste stehen, hierauf gründet sich nur die Gesundheit, die ich an Deinem Tisch diesen Abend ausbringe, ut nobis bene stet.

Grüße mir Christelchen, Herrn von Tönnies, von Richter, Esqr. Boie, Herrn Falck, Neyron, die Herren von Adams wenn Du sie siehst, Herrn von Lemon, Rodney, Browne und Vaughan, den Herrn Grafen von Wittgenstein und Herrn Hofrat und den Grafen von Salmour, das ganze Haus von Herrn Grattenauer an bis zur Mamsell Lenchen, die mich so derb ausschimpfen kann, Deine Kinder ja nicht zu vergessen. Dieses ist zwar viel und mühsam auszurichten, aber doch angenehmer als Poyntzens Auftrag alle Göttingische Mädchen zu küssen.

Was macht der Kirchenrat, hat er geschrieben oder beschäftigen sich seine Finger mit Gertrudchen. Er kann ja mit der Linken schreiben, oder wenn er links ist, mit der Rechten.

Vor allen Dingen grüße mir die beiden Jungfer Köchinnen Marie und Regine, ich esse zuweilen gerne etwas Gutes, deswegen lasse ich keine Köchin unge – – – grüßt. Vergesse es ja nicht, ich habe meinem Spion sub N° 3 schon Befehl gegeben sich zu erkundigen, ob es ausgerichtet worden ist. Wenn Du es nicht tust, so tut es Herr Falck für mich, der ja wohl Marie und Regine sieht. Regine muß zugleich wissen, daß sie mir mein Bette in der Kammer die in den Hof geht parat hält, denn ich besteige es sehr bald, aber doch Dein Canapee noch eher.

Ich muß alle Nacht geladenes Gewehr in der Stube haben, weil in Hannover, so wie in Göttingen, die Leute nicht alle gleich ehrlich sind und es etliche gibt, die den Weg nach dem Galgen durch die Gartenhäuser nehmen.

den 9ten April

Heute habe ich mit einem englischen Tubus der 120 Reichstaler kostet in einem entlegenen Haus die Zärtlichkeit eines Kammermädchens und eines Bedienten beobachtet, der Auftritt schien dem Akteur mehr als 120 Taler wert zu sein. Der Kerl lag wahrlich einmal auf den Knien, ich konnte ihn ganz übersehen, aber seine Hand konnte ich nicht finden, glaube ich, und wenn mein Tubus 500 gekostet hätte. Die Szene war sehenswert.

Heute regnet es den ganzen Tag entsetzlich. Unter meinem Fenster blüht ein Aprikosenbaum. Ich habe eine Schwalbe gesehen. Ich habe etwas Kopfschmerzen. Dieser Absatz klingt fast, als wenn man Phrases in einer Grammaire liest, also geschwind nach der Grammaire

Je suis le vôtre.
G.C. Lichtenberg

Christelchen soll ehestens einen Brief haben, wo nicht, so sage ich ihr die Ursache auf dem Canapee selbst mündlich.

*


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