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An Friedrich August Lichtenberg

An Herrn Geh. Archivarius Lichtenberg zu Darmstadt frei Frankfurt

Göttingen, den 31. Oktober 1783

Mein lieber Alter,

Deinen Brief, den ich bloß einer seltnen Zusammenkunft von Zerstreuungen wegen so spät beantworte, hat mich in mannigfaltiger Rücksicht betrübt. Einmal, da er mir leider die Nachrichten von meinem Bruder gibt, die ich aber, mein bester Freund, zu glauben nur allzugroße Ursache habe, und dann, daß Du darin den Gedanken äußerst, ich sei wegen des bewußten Geldes ungehalten über Dich. Wollte Gott, Du hättest so sehr unrecht im ersten Punkt, als Du im andern hast. Es kann sein, daß ich einmal etwas gegen meinen Bruder geäußert habe, was dahin einschlägt, das war aber kein Unwillen, sondern weil ich aufgefordert wurde Dich zu unterstützen, so rechnete ich ihnen kurz vor, was eigentlich erst geschehen müßte, und das tat ich bloß, weil ich ganz außer Stande war Dir zu dienen. Von meinem Unwillen bist Du allzeit frei gewesen, und aus Deinem sehr rechtschaffenen und offenherzigen Verfahren zu urteilen, werden wir auch lebenslang Freunde bleiben. Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, daß ich Dir nicht zu dem verhelfen kann, was Dir gehören mag. Tue mir also das zur Liebe und rede mir künftig nicht mehr von Verpflichtung. Es ist sonderbar was ich für Brüder habe. Beide im Herzen gut, allein der eine ein leichtsinniger Verschwender, und der andere grade das Gegenteil. Über den ersten betrübe ich mich in der Seele, und über den andern ärgere ich mich zuweilen und dann lache ich auch zuweilen über ihn, daß mir die Tränen die Backen herunterlaufen, er ist der seltsamste Knauser, den ich gekannt habe. Allein den muß man gehen lassen. Er ist der ordentlichste Mensch von der Welt, treu und beliebt in seinem Dienste und in linea recta ascendente gewiß der reichste Mann in unserer Familie bis in die Zeiten Karls des Großen hinauf. Es haben mich Leute, die es wissen können, versichert, daß sein Vermögen nicht viel unter 10 000 Taler sein könne. Er liebt Dich sehr; er wird nie heuraten und Du oder Deine Nachkommen, von denen ich bald nähere Nachrichten erwarte, habt gewiß etwas von ihm zu erwarten. Nur da das Geld wo nicht ganz seine Seele, doch wenigstens ein gutes Stück davon ist, so ist in seinem Leben nicht daran zu kommen.

Da ich in einer Viertelstunde schon wieder lesen muß, so verspare ich einiges bis auf einen nächsten Brief und bitte nur noch dem einsamen Wirtenberger recht zuzusetzen, das sind wahre Spitzbubenstreiche von dem Kerl.

Herrn Hofrat Heynes Antwort hegt bei.

Nun bitte ich noch mich Deiner Frau Liebsten und allen Freunden mich tausendmal zu empfehlen und überzeugt zu sein, daß ich zeitlebens unverändert verharren werde

Dein treuster Freund
G. C. Lichtenberg

Göttingen, d. 31. Okt. 1783

Stecke was ich Dir in diesem Brief gesagt habe in Dein Herz, und den Brief selbst in den Ofen.

*


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