Iwan Andrejewitsch Krylow
Fabeln
Iwan Andrejewitsch Krylow

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97. Die Wölfe und die Schafe

Die Schafe litten von den Wölfen sehr,
und zwar ward es so arg zuletzt,
daß schon die Ehr
der Tiere Obrigkeit antrieb, hier einzuschreiten.
Stracks eine Kommission ward eingesetzt,
der man den Fall tat unterbreiten.
Zwar waren Wölfe drin die meisten Glieder,
doch nicht von allen Wölfen spricht man schlimm;
man sah schon hin und wieder,
daß Isegrim
ganz friedlich an dem Schaf vorüberschritt,
wenn – schon gestillt sein Appetit.
Warum denn sollen Wölfe nicht im Rate sitzen?
Man muß die Schafe freilich schützen,
allein die Wölfe doch auch nicht bedrängen
und nicht beengen.
Auf einer waldumsäumten Matte
hält Sitzung man. Nach gründlicher Debatte
wird endlich ein Dekret votiert,
es sei hier Wort für Wort zitiert:
»Sobald ein Wolf es sollte wagen,
den neuen Ordnungen zum Hohn,
ein Schaf zu kränken,
so ist das Schaf befugt, den Wolf beim Kragen
zu nehmen ohne Ansehn der Person
und, sonder einiges Bedenken,
den Schuldigen ans nächste Amt zu liefern,
sei es bei Fichten oder Kiefern:
Und dies Gesetz soll man nicht mehren und nicht mindern.«
Inzwischen seh' ich gar nicht, daß es helfe,
obwohl gesagt, man soll die Wölfe hindern,
zu schädigen die Wolleträger
und sie zu beißen,
so sind es immer doch die Wölfe
(das Schaf sei nun Beklagter oder Kläger),
die in dem Wald die Schafe reißen.


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