Iwan Andrejewitsch Krylow
Fabeln
Iwan Andrejewitsch Krylow

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6. Der Wolf und das Lamm

Der Starke gibt dem Schwachen stets die Schuld.
Es meldet davon die Geschichte
vielfältige Berichte,
doch schreiben wir Geschichte nicht.
Drum höret mit Geduld,
wie in der Fabel man darüber spricht.

Ein Lämmlein kam an einem heißen Tag
an einen Bach,
um seinen Durst zu löschen – aber ach,
es traf sich schlimm,
daß hungrig sich umhertrieb Isegrim.
Er sieht das Lamm und will's entleiben.
Doch um mit Fug und Recht die Sache zu betreiben,
schreit er: »Wie denn, du Schuft hast dich erfrecht,
mit ungewaschner Schnauze mir zu trüben
den reinen Wasserstand
durch Schlamm und Sand?
Für diese Frechheit sollst
du mit dem Kopf mir büßen!« –
»Erlauchter Wolf, wenn du Gehör mir zollst,
so wag' ich anzuführen,
daß ich ja abwärts hier, zu deinen Füßen,
wohl hundert Schritt weit trinke,
ich konnte also nicht den Schlamm aufrühren.« –
»So wär' ein Lügner ich nach diesem Winke?
Ist solche Unverschämtheit wohl erhört?
Dafür allein wirst du mit Recht verzehrt.
Noch fällt mir ein indessen,
daß, als vorletzten Sommer her du kamst,
du gegen mich dich grob benahmst,
ich hab' es nicht vergessen.« –
»Ach Gott, ich bin ja noch kein Jahr am Leben«,
seufzt hier das Lamm. – »So war's dein Bruder, Wicht!« –
»Ich habe keine Brüder nicht«,
versetzt das Lamm mit Beben. –
»So war's ein Ohm, ein Vetter,
kurz irgend jemand deines Blutes.
Ihr, eure Hirten, eure Hunde, Wetter,
ihr alle wünschet mir nichts Gutes.
Ihr schadet mir, wo ihr nur könnt,
jetzt will für alle Unbill ich mich rächen
an dir, da mir's vergönnt.« –
»Was ist denn aber mein Verbrechen?« –
»Schweig, ich will nichts mehr hören.
Meinst du, ich hätte weiter nichts zu tun,
als herzuzählen deine Sünden?
Wir lassen das auf sich beruhn,
da schon genügt, daß ich dich will verzehren.«
Drauf packt der Wolf das Lamm, im Walde zu verschwinden.


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