Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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38

Der Anwalt Folgat war soeben aufgestanden. Er hatte sich am Fenster vor einen Spiegel gestellt und war im Begriff, sich zu rasieren, als die Tür heftig aufgerissen wurde. Blaß und bestürzt trat der alte Antoine herein.

»O mein Herr, welch ein Unglück!«

»Nun, was?«

»Fort ist er! Entflohen! Verschwunden!«

»Wer?«

»Herr Jacques.«

Die Überraschung des Anwalts war so groß, daß ihm fast das Rasiermesser aus der Hand gefallen wäre; dennoch rief er:

»Das ist nicht wahr!«

»Leider ist es wahr, mein Herr! Jedermann in der Stadt erzählt es. Man kennt sogar Einzelheiten. Jemand sagte mir, er habe Herrn Jacques gestern abend gegen elf Uhr wie einen Wahnsinnigen die Rue nationale entlangeilen sehen.«

»Das ist lächerlich!«

»Ich habe noch niemand als Fräulein Denise verständigt, und diese schickt mich zu Ihnen, um es Ihnen zu sagen . . . Sie dürften wohl Erkundigungen einholen . . .«

Dieser Rat war überflüssig. Der Anwalt eilte, sich zu rasieren und anzukleiden. In wenigen Minuten war er fertig und sprang mit großen Schritten die Treppe hinab, als er, durch den Vorsaal schreitend, sich gerufen hörte. Er wandte sich um. Denise winkte ihm in den kleinen Salon, wo sie sich gewöhnlich aufhielt. Er gehorchte. – Sie und er waren die einzigen, welche von dem verzweifelten Unternehmen Jacques' am vorhergegangenen Abend wußten; denn obwohl sie kein Wort über diese Angelegenheit miteinander gewechselt hatten, konnten sie doch ihrer beiderseitigen Haltung die Sorge um den gewagten Schritt anmerken. Folgat hatte den ganzen Abend über kaum zehn Worte gesprochen, und Denise war nach der Abendmahlzeit sogleich auf ihr Zimmer gegangen.

»Nun, wie steht es?« fragte sie.

»Das umlaufende Gerücht ist falsch«, erwiderte Folgat.

»Wer weiß!«

»Eine fluchtweise Entfernung wäre ein Geständnis. Nur die Schuldigen fliehen, und Herr von Boiscoran ist unschuldig. Beruhigen Sie sich also, mein Fräulein! Lassen Sie sich, um der Barmherzigkeit willen, nicht durch dieses unselige Gerücht beunruhigen!«

Wer hätte nicht, gleich ihm, das arme junge Mädchen bemitleidet! Sie war bleich wie ihre Halskrause und zitterte heftig; aus ihren Augen drangen die Tränen hervor, und mit jedem ihrer Worte stieg ein Seufzer aus der Brust.

»Wissen Sie, wohin Jacques gestern abend gegangen ist?«

»Ja.«

Sie wandte sich halb ab und sagte mit kaum vernehmlicher Stimme:

»Er hat eine . . . eine Person wiedersehen wollen, deren Einfluß auf ihn vielleicht sehr mächtig ist . . . Möglich, daß sie ihn umgestimmt, zu einer Unbesonnenheit fortgerissen hat. Oder warum könnte sie sich nicht entschlossen haben, ihn der Schmach der Schwurgerichtsverhandlung zu entziehen?«

»Nein, Fräulein, nein!«

»Diese Person ist Jacques' böser Geist. Sie liebte ihn ohne Zweifel. Sie war vielleicht untröstlich darüber, daß er mein Gemahl werden sollte. Vielleicht ist sie, um ihn zur Flucht zu bestimmen, mit ihm entflohen.«

»O fürchten Sie nichts. Fräulein, Frau von Claudieuse ist einer solchen Hingebung unfähig.«

Fräulein von Chandoré prallte zurück, und ihre Augen, weit aufgerissen, zeigten ihre Bestürzung.

»Frau von Claudieuse?« stammelte sie.

Der Anwalt übersah mit einem Blicke seine ganze Unvorsichtigkeit. Er glaubte annehmen zu dürfen, daß Jacques seiner Braut alles mitgeteilt habe, und die Form, in welcher sie zu ihm sprach, hatte ihn in seinem Irrtum bestärkt.

»Ach, also Frau von Claudieuse ist es«, fuhr das junge Mädchen fort; »diese Frau, welche von allen mit einer Heiligen verglichen wird! . . . Und ich selbst habe neulich in der Kirche die Inbrunst ihres Gebetes bewundert, ich habe sie beklagt von ganzer Seele . . . Jetzt, ja, jetzt fange ich an zu begreifen, was man mir verhehlte . . .«

Der junge Anwalt war aufs äußerste niedergeschlagen über seinen begangenen Fehler.

»Niemals«, sagte er, »niemals, mein Fräulein, verzeihe ich mir, diesen Namen vor Ihnen ausgesprochen zu haben.«

Sie lächelte traurig.

»Vielleicht haben Sie mir damit einen großen Dienst geleistet«, versetzte sie. »Aber ich bitte Sie um Gottes willen, erkundigen Sie sich, was geschehen ist!«

Der Anwalt ging sogleich, und er hatte nur wenige Schritte zu tun, um sich zu überzeugen, daß wirklich etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse . . . Die ganze Stadt war in Bewegung. Die Bewohner standen schwatzend an ihren Türen. Menschengruppen besprachen sich mit überraschender Lebhaftigkeit.

Der Anwalt beschleunigte seinen Gang und traf an der Ecke der Rue nationale auf drei oder vier Leute, deren Bekanntschaft er bei seinem verlängerten Aufenthalte in Sauveterre absolut nicht hatte umgehen können.

»Nun, Herr Anwalt«, sprach einer von diesen ihn höflich an, »Ihre Verteidigung scheint ja sehr kurz abgeschnitten worden zu sein.«

»Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte Folgat mit kaltem Tone.

»Weil Ihr Klient sich dünngemacht hat.«

»Wissen Sie das so genau?«

»Gewiß! Ich weiß es von der Frau eines meiner Arbeiter, die die Flucht zuerst entdeckt hat. Sie ging zum Mähen hinter die alten Mauern des Schlosses, als sie auf einmal ein großes Loch in der Gefängnismauer entdeckte. Gleich machte sie Lärm, der Posten kam herbeigelaufen, und man verständigte den Staatsanwalt.«

Für Herrn Folgat lag in diesem Vorkommnis noch kein Beweis.

»Nun, und Herr von Boiscoran?« fragte er.

»Ist nicht mehr zu finden!« versetzte der Bürger eifrig. »Es ist, wie ich Ihnen sage. Ich hab's außerdem von einem Freunde, der es selber von einem Angestellten der Unterpräfektur gehört hat . . . Blangin, der Wärter, ist, wie es scheint, stark im Verdacht . . .«

»Ich habe die Ehre, mein Herr!« unterbrach ihn der Anwalt, ließ den Bürger stehen und schoß wie ein Pfeil über den Neumarkt, Die Unruhe hatte ihn völlig ergriffen. Zwar glaubte er nicht an eine Flucht, aber er hielt ein unvorhergesehenes Ereignis dennoch für möglich.

Vor dem Gefängnis hatten sich wenigstens hundert Personen, die von den Wachtposten mit Mühe zurückgehalten wurden, mit emporgerecktem Halse und aufgesperrtem Munde versammelt. Der Anwalt durchbrach die Menge und trat ein. Im Hofe, vor der Wärterloge, waren der Staatsanwalt, der Polizeikommissar, der Gendarmeriehauptmann, Herr Sénéchal und endlich Herr Galpin-Daveline in lebhafter Unterhaltung begriffen.

Der Untersuchungsrichter sah noch bleicher aus als gewöhnlich und hatte, wie man in Sauveterre sagt, eine Hundelaune. Nicht ohne Grund. Er war ebenso plötzlich wie Folgat von dem Geschehenen unterrichtet worden und nicht weniger eilig gekommen. Aber seinen ganzen Weg entlang hatte er unzweideutige Beweise dafür erhalten, daß, wenn die öffentliche Meinung Jacques von Boiscoran nicht günstig gewesen, sie es ebensowenig dem Untersuchungsrichter war. Von allen Seiten hatte er spöttische Begrüßungen, Witzeleien oder sehr fragwürdige Beileidsbezeigungen vernommen. Zwei Individuen, die er der Verbindung mit dem roten Doktor Seignebos verdächtigte, hatten sogar, ihn mit den Ellenbogen anstoßend, gemurmelt: »Nieder mit den Verbrecherfabrikanten!«

Er bemerkte den Anwalt Folgat zuerst.

»Sie kommen wohl, um Informationen einzuholen?« fragte er ihn.

Folgat war indes nicht der Mann, der sich an einem und demselben Tage zweimal überraschen ließ. Er wußte seine Besorgnisse hinter einer steifen Begrüßung zu verbergen und erwiderte:

»Es sind gewisse Schwätzereien zu mir gedrungen, die mich aber nicht in die geringste Bewegung gesetzt haben. Herr von Boiscoran hat ein zu starkes Vertrauen zu seiner Sache und zu der Justiz seines Landes, als daß er den Gedanken zur Flucht fassen könnte . . . Ich bin einfach nur gekommen, um mit ihm zu beratschlagen.«

»Und Sie haben sehr recht gehabt!« rief Daubigeon. »Herr von Boiscoran befindet sich ruhig in seiner Zelle und macht sich wenig aus den umlaufenden Gerüchten . . . Niemand anders als Frumence Cheminot hat die Flucht ergriffen. Frumence ist ein Springinsfeld; man ließ ihm im Gefängnisse gewisse Freiheiten, machte ihn sogar zu einer Art von Hilfswärter; er hat dies benützt, ein Loch in die Mauer zu brechen und sich davonzumachen.«

Im Hintergrunde stand mit einer zerknirschten Duckmäusermiene der Wärter Blangin.

»Führen Sie den Herrn Verteidiger zu Herrn von Boiscoran«, sagte ihm trocken Herr Galpin-Daveline, der vielleicht fürchtete, Daubigeon werde eine öffentliche Vorlesung bitterer Epigramme zum besten geben, deren er sich im besonderen so oft zu erfreuen hatte.

Der Wärter verneigte sich tief und gehorchte. Aber kaum befand er sich mit Herrn Folgat allein in der Vorhalle des Gefängnisses, so blies er eine seiner Backen auf und klopfte mit der geschlossenen Hand daran.

»Schön angeführt!« sagte er und brach in ein Gelächter aus.

Der Anwalt tat, als verstehe er ihn nicht. Es paßte ihm nicht, sich das Ansehen zu geben, als sei er von den Ereignissen der letzten Nacht unterrichtet oder als habe er gar daran teilgenommen, was doch auch nicht geschehen war.

»Aber es ist noch nicht alles vorüber«, fuhr Blangin fort. »Die Gendarmen sind in Bewegung. Wenn sie meinen Cheminot ertappten! Der Kerl ist so dumm, daß der dümmste Untersuchungsrichter ihm sofort die Würmer aus der Nase ziehen könnte. Und das wäre eine nette Geschichte, wenn sie der Sache auf den Grund kämen.«

Der Anwalt erwiderte noch immer nichts, Folgat, den die Ungeduld quälte, drängte zum Weitergehen.

Er fand Jacques angekleidet auf seinem Bett ausgestreckt und konnte auf den ersten Blick erraten, daß ein großes Unglück geschehen war.

»Wieder eine Hoffnung entschwunden, nicht wahr?« rief er ihm zu.

Der Gefangene richtete sich mühsam auf und setzte sich auf den Bettrand.

»Ich bin verloren, und diesmal rettungslos!« erwiderte er mit dem Ausdruck der tiefsten Niedergeschlagenheit.

»Unmöglich!«

»Hören Sie, was geschehen ist!«

Der Anwalt vernahm erbebend die in der Wiedergabe doch immerhin sehr abgeschwächte Erzählung der Ereignisse des letzten Abends.

»Nur zu wahr!« rief er, als Jacques geendet hatte. »Wenn Herr von Claudieuse seine Drohung ausführt, ist die Verurteilung sehr wahrscheinlich.«

»Sagen Sie lieber: sie ist gewiß; zweifeln Sie nicht daran, daß er die Drohung wahr macht! . . . Und das Schrecklichste ist, daß ich ihn deswegen nicht einmal tadeln kann. Die Eifersucht der Männer ist in den meisten Fällen nichts als eine Frage der Eigenliebe. Wenn sie betrogen werden, so werden sie nicht ins Herz getroffen, sondern in ihrer Eitelkeit verletzt. Anders ist es mit dem Grafen von Claudieuse . . . Er liebte seine Frau, er betete sie an, sie war sein Glück und sein Leben, und indem man sie ihm entzog, nahm man ihm alles, ja alles! Indem ich ihn sah in dem Übermaß des Schmerzes und der Wut, habe ich erst recht begriffen, was Verletzung ehelicher Pflichten heißt . . . Er hat auf einmal alles verloren. Seine Frau hatte einen Liebhaber, sein von ihm am meisten geliebtes Kind ist nicht sein! . . . Ich leide fürchterlich, aber was er erduldet, ist namenlose Marter! . . . Die Rache ist feig und unedel, aber ebenso war es die Verletzung. Ich würde an seiner Stelle ebenso handeln!«

Folgat war geschlagen.

»Und nachher, als Sie das Haus verließen?« fragte er.

Jacques strich sich mit der Hand mehrmals mechanisch über das Gesicht, als ob er seine Gedanken sammeln wolle.

»Nachher«, erwiderte er, »bin ich entflohen, wie ein Mensch, der eben ein großes Verbrechen begangen hat. Die Gartentür war offen, ich rannte hinaus. Welche Richtung ich genommen, welche Straßen ich durchschritten habe, bin ich mit einiger Gewißheit zu sagen unfähig. Ich hatte nur die eine Idee: mich von diesem verfluchten Hause so rasch und so weit als möglich zu entfernen. Ich war nicht mehr bei Besinnung, ich lief und lief. Als ich wieder zu überlegen begann, fand ich mich im freien Felde, eine Meile von Sauveterre, auf dem Wege nach Boiscoran. Der tierische Instinkt, widerstandsfähiger als der Geist, hatte mich auf den gewohnten Weg und in die Nähe meines Hauses geführt . . . Im ersten Augenblick hatte ich Mühe, zu begreifen, warum ich mich da befand. Es war mir wie einem Betrunkenen zumute, der, erwachend, den Kopf noch voll Alkoholdunst, sich zu erinnern sucht, was während der Zeit seiner Trunkenheit geschehen ist . . . Leider wurde ich dadurch nur zu der entsetzlichsten Wirklichkeit zurückgeführt. Ich mußte mich unbedingt ins Gefängnis zurückbegeben. Blangin erwartete mich von Angst gepeinigt, denn es war zwei Uhr morgens . . . Er führte mich hierher, ich warf mich angekleidet auf mein Lager und schlief einen fürchterlichen Schlaf voll finsterer Träume; ich sah mich mit Ketten belastet im Zuchthause, ich sah mich am Arme eines Priesters das Schafott besteigen. Und jetzt noch fragte ich mich, ob ich wach bin oder ob der abscheuliche Alpdruck noch fortdauert.«

Herr Folgat wandte sich ab und zerdrückte eine Träne im Auge.

»Unglücklicher!« murmelte er.

»Oh! Ja, ich bin sehr unglücklich, in der Tat!« erwiderte Jacques . . . »Ich hätte der ersten Eingebung dieser Nacht folgen sollen, als ich mich auf offener Straße befand . . . nach Boiscoran gehen, in meine Wohnung treten und mir das Gehirn ausblasen . . . dann wäre jetzt alle Qual vorüber.«

So war er denn aufs neue zu diesen verhängnisvollen Selbstmordgedanken gelangt.

»Und Ihre Eltern?« fragte Folgat.

»Meine Eltern! . . . Glauben Sie denn, daß diese die Schmach meiner Verurteilung überleben werden?«

»Und Fräulein von Chandoré?«

Jacques erbebte und rief lebhaft:

»Gerade um ihretwillen sollte ich ein Ende machen! Arme Denise! Gewiß würde ihr Schmerz fürchterlich sein, wenn sie von meinem Selbstmord vernähme . . . Aber sie ist noch nicht zwanzig Jahre alt; die Erinnerung an mich würde in ihrer Seele erlöschen, mein Bild unbestimmter in ihr werden, aus Wochen würden Monate, aus Monaten Jahre, und sie würde sich endlich trösten . . . Ist leben denn nicht vergessen?«

»Nein!« versetzte der Anwalt. »Sie denken das nicht, was Sie sprechen. Sie wissen nur zu gut, daß Denise nicht vergessen kann.«

In den Augen des Unglücklichen schimmerten Tränen.

»Es ist wahr«, sagte er mit bewegter Stimme, »ich glaube, daß ich, mich vernichtend, auch Denise träfe. Erwägen Sie aber, was ihr Leben nach meiner Verurteilung wäre. Vergegenwärtigen Sie sich die Empfindungen, mit denen sie sich dann jeden Augenblick des Tages sagen würde: ›Der, welchen ich einzig liebte, ist im Zuchthause, verdammt, in Gemeinschaft der ärgsten Verbrecher zu leben, auf immer besudelt, entehrt, gebrandmarkt! . . . Ach, tausendmal lieber doch den Tod!‹«

»Jacques! . . . Herr von Boiscoran, vergessen Sie, daß ich Ihr Wort habe?«

»Der Beweis, daß ich es nicht vergessen habe, liegt darin, daß ich hier bin. Allein, lassen Sie es gehen, wie es will, der Tag wird nicht fern sein, an dem Sie mich so elend sehen, daß Sie der erste sind, der mir eine Waffe in die Hand gibt.«

Der junge Anwalt gehörte jedoch zu denjenigen Charakteren, welche durch Hindernisse nicht entmutigt, sondern leidenschaftlich angeregt werden. Schon hatte er sich von der heftigen Erschütterung erholt.

»Bevor wir die Karten wegwerfen«, sagte er, »warten wir wenigstens, bis die Partie verloren ist. Sind Sie verurteilt? Noch nicht! Sie sind unschuldig, und es gibt noch eine göttliche Gerechtigkeit, um die Mißgriffe der menschlichen Gerechtigkeit wiedergutzumachen. Noch niemand hat uns gesagt, daß Herr von Claudieuse sprechen wird. Wir wissen nicht einmal, ob er in diesem Augenblicke nicht bereits seinen letzten Seufzer ausgehaucht hat.«

Mit einem Sprunge war Jacques auf seinen Füßen und wurde noch bleicher.

»Ah, still!« rief er. »Diese schlimme Idee, daß er vielleicht nicht wieder werde aufstehen können, kam mir schon gestern abend. Gebe Gott, daß es anders sei, denn ich wäre dann sicherlich sein Mörder. Es war bei meinem Erwachen mein erster Gedanke. Ich hätte gern Erkundigung über sein Befinden eingezogen, doch wagte ich's nicht.«

Nicht minder als der Gefangene, fühlte sich der Anwalt von einer peinlichen Angst befallen.

»Wir können in dieser Ungewißheit nicht mehr bleiben«, sagte er. »Was könnten wir uns noch sagen, ohne das Schicksal des Grafen Claudieuse zu kennen, von welchem das Ihrige abhängt? Gestatten Sie mir daher, daß ich Sie jetzt verlasse . . . Sobald ich etwas Sicheres weiß, setze ich Sie in Kenntnis. Aber vor allem . . . keine Schwäche, was auch kommen möge! . . .«

Er empfahl sich. Bei Doktor Seignebos fand er sicher die gewünschte Auskunft. Er eilte zu ihm.

»Kommen Sie endlich?« rief ihm der Mediziner entgegen. »Ich lasse zwanzig Kranke verderben, um auf Sie zu warten; denn ich war fest überzeugt, daß Sie kommen würden . . . Was ist denn gestern abend bei den Claudieuse passiert?«

»Nun, Sie wissen jedenfalls . . .«

»Nichts weiß ich. Die Wirkung habe ich gesehen, aber die Ursache kann ich nur vermuten. Die Wirkung ist folgende: Gestern abend, gegen zwölf Uhr, war ich, von Anstrengungen gebrochen, eben im Begriff mich niederzulegen, als plötzlich an meiner Klingel gerissen wurde . . . Ich liebe es nicht, daß man bei mir so arg lärmt, und stand auf, um dem Lärmmacher tüchtig den Kopf zu waschen, da drang der Diener des Grafen Claudieuse, indem er meinen Diener, der ihn zurückhalten wollte, beiseite schob, wie ein Verrückter bei mir ein und rief, ich möchte eilen, sein Herr liege im Sterben.«

»Allmächtiger Gott!«

»Das rief ich auch, denn wenn auch der Graf sehr krank war, glaubte ich doch sein Ende nicht gar so nahe . . .«

»So ist er also tot?«

»Keineswegs! . . . aber wenn Sie mich unaufhörlich unterbrechen, kommen wir zu keinem Ende.« Und indem der Doktor rückwärts laufend seine Brille putzte und wieder zurechtsetzte, fuhr er fort:

»Im Handumdrehen war ich angekleidet, und mit drei Sätzen war ich in der Rue Mautrec. Man ließ mich in den Parterresaal eintreten. Da sah ich zu meinem Erstaunen den Grafen auf dem Sofa ausgestreckt. Er war bleich und kalt, seine Züge waren fürchterlich entstellt, und an der Stirn hatte er eine leichte Wunde, aus welcher ein schmaler Blutstreifen hervorgedrungen war. Ich glaubte wahrhaftig, es sei alles vorbei . . .«

»Und die Gräfin?«

»Frau von Claudieuse kniete neben ihrem Gatten und versuchte mit Hilfe ihrer Frauen ihn durch Reiben und heiße Tücher auf der Brust wieder ins Leben zu rufen. Ohne diese kluge Fürsorge wäre sie in dieser Stunde Witwe, während sie es nun im Gegenteil vielleicht noch lange nicht sein wird . . . Dieser unglückliche Graf hat eine eisenfeste Seele in seinem Leibe . . . Wir trugen ihn zu viert in sein Zimmer und legten ihn, nachdem er vorher noch stark erwärmt worden war, in sein Bett. Bald darauf schlug er die Augen auf, und eine Viertelstunde später hatte er sein volles Bewußtsein wieder und sprach ganz frei, wenn auch mit noch schwacher Stimme . . . Ich fragte, was geschehen sei, und zum ersten Male vermißte ich in dem Augenblicke bei der Gräfin die Kaltblütigkeit. Sie stotterte und sah mit einem ängstlichen Ausdruck auf ihren Gatten, als ob sie in seinen Augen lesen wolle, was sie mir antworten dürfe . . . Statt ihrer antwortete er selbst, aber mit unverkennbarer Verlegenheit. Er erzählte mir, daß er sich allein befunden habe, und da er sich besser als gewöhnlich zu fühlen geglaubt, sei ihm der Gedanke gekommen, seine Kräfte zu versuchen. Er habe sich erhoben, einen Morgenrock angelegt und sei hinuntergestiegen. Aber in den Parterresaal eintretend, habe ihn eine Ohnmacht erfaßt, und er sei unglücklicherweise mit dem Kopfe gegen die Ecke eines Möbelstücks gefallen.

Ich merkte wohl, daß man mich täuschte, und sagte ihm bloß, er habe sehr unvorsichtig gehandelt, was er hoffentlich nicht wiederholen werde.

›Oh, seien Sie ruhig‹, erwiderte er, seine Frau eigentümlich ansehend, ›ich begehe keine Unvorsichtigkeit mehr, ich habe große Lust, gesund zu werden, und habe des Lebens nie mehr bedurft als jetzt.‹«

Der Anwalt öffnete die Lippen, um etwas zu bemerken, aber der Doktor schloß ihm mit einer Handbewegung den Mund.

»Warten Sie«, sagte er, »ich bin noch nicht fertig«, und immer noch seine Brille eifrig putzend, fuhr er fort:

»Ich wollte mich nun entfernen, als plötzlich eine Kammerfrau eintrat und mit sehr angstvollem Gesicht der Gräfin sagte, daß die ältere ihrer Töchter, die kleine Marthe, welche Sie kennen, von schrecklichen Krämpfen ergriffen worden sei. Natürlich begab ich mich zu ihr und fand sie in einer nervösen Krisis von sehr bedenklichem Charakter. Mit größter Mühe nur konnte ich sie beruhigen, und als ich sie, einen Zusammenhang ihres Unwohlseins mit dem Unfalle des Vaters vermutend, in der Lage zu sehen glaubte, daß ein Gespräch möglich sei, sagte ich ihr in väterlichem Tone:

›Nun, mein Kind, sage mir, was dir zugestoßen ist.‹

›Ich fürchte mich‹, erwiderte sie zögernd.

›Vor was denn, mein Liebling?‹

Sie erhob sich in ihrem Bette und suchte den Blick ihrer Mutter; ich stellte mich aber so, daß sie diese nicht sehen konnte, und wiederholte meine Frage.

›Es war so, Doktor‹, erklärte sie. ›Man brachte mich eben zu Bett, als es schellte. Ich stand auf und ging ans Fenster, um zu sehen, wer so spät noch komme. Ich sah, daß die Kammerfrau öffnete, mit einem Licht in der Hand, und dann, gefolgt von einem Herrn, den ich nicht kannte, nach dem Hause zurückging.‹

Die Gräfin unterbrach sie lebhaft.

›Es war ein Beamter des Gerichts, der einen dringenden Auftrag auszurichten hatte‹, sagte sie.

Ich tat aber, als hörte ich sie nicht, und wandte mich wieder an Marthe.

›War es denn dieser Herr, der dir so große Furcht erregte?‹

›O nein!‹

›Nun, was dann?‹ fragte ich weiter, mit einem verstohlenen Blick auf die Gräfin, die wie auf Kohlen stand und doch ihrer Tochter nicht Schweigen zu befehlen wagte.

›Der Herr war kaum ins Haus getreten‹, fuhr Marthe fort, ›als ich sah, wie sich zwischen den Bäumen eine Statue bewegte und ganz leise die Lindenallee entlanghuschte.‹«

Folgat erbebte.

»Sie erinnern sich wohl, Doktor, daß Marthe uns bereits früher sagte, eine Statue im Garten habe ihr einen unüberwindlichen Schrecken eingeflößt.«

»Allerdings; aber hören Sie weiter! Die Gräfin unterbrach, indem sie näher trat, ihre Tochter.

›Verbieten Sie ihr doch, sich solche Gedanken in den Kopf zu setzen, lieber Doktor‹, sagte sie. ›Während das Kind in Valpinson vor nichts Furcht hatte und ohne Licht abends durchs ganze Schloß ging, erschrickt sie hier vor allem, und wenn der Abend kommt, glaubt sie, daß unser Garten sich mit Schatten bevölkere . . . Du bist doch schon zu groß, Marthe, um dir einbilden zu können, daß Statuen von Stein sich beleben und bewegen können.‹

Das Kind erschauerte.

›Ja früher, Mama, habe ich auch nicht so etwas geglaubt. Aber diesmal bin ich gewiß . . . Ich wollte vom Fenster weggehen, aber ich konnte nicht, es war zu deutlich, ich habe genau hingesehen . . . Die Statue stellte sich gegen die letzte Linde, ganz nahe am Fenster des Salons . . . Dann hörte ich einen lauten Schrei, weiter nichts. Der Schatten war noch immer unterm Baume, ich konnte jede seiner Bewegungen sehen, er bog sich hinüber und herüber, richtete sich höher oder bückte sich zur Erde . . . Plötzlich wieder zwei Schreie . . . oh, so entsetzlich! Da hob der Schatten unterm Baum den Arm in die Luft . . . so – und dann entfloh er. Aber gleich darauf trat ein anderer hervor und verschwand ebenso schnell.‹«

Herr Folgat war vor Überraschung wie versteinert.

»Ja, diese Schatten!« sagte er.

»Sind sehr verdächtig, nicht wahr? Sie haben mich ebenso beunruhigt wie Sie. Ich gab mir allerdings den Anschein, als ob ich Marthes Erzählung scherzhaft aufnähme, und suchte ihr erklärlich zu machen, wie man im Finstern oft den seltsamsten optischen Täuschungen ausgesetzt sei. Und als ich mich dann entfernte, wobei der Diener, der mich vorher gerufen hatte, mir leuchtete, war die Gräfin sicher der Meinung, daß ich nicht den mindesten Argwohn habe . . . Gleichwohl hatte ich noch etwas Besseres als Argwohn, denn sowie ich den Fuß in den Garten setzte, ließ ich ein Geldstück fallen, welches ich zu diesem Zwecke schon bereit gehalten hatte. Natürlich hatte ich mir die Linde ausgewählt, die dem Salon am nächsten stand, um nach dem Geldstück zu suchen, wobei der Diener mir leuchtete . . . Nun, Herr Folgat, ich garantiere Ihnen, daß es kein Schatten war, welcher den Boden um die Linde herum zertreten hatte. Und wenn die Fußspuren, die ich bemerkte, von einer Statue herrührten, so hatte diese Statue allerliebste Nagelschuhe an . . .«

Dies hatte der junge Anwalt erwartet.

»Es ist nicht zu bezweifeln«, rief er, »daß die Szene einen Zeugen gehabt hat.«


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