Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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4

Weder der Doktor Seignebos noch Herr Galpin-Daveline, die ihren Ehrgeiz darein setzten, die Sache mit stoischer Unempfindlichkeit auszufechten, hatten sich die geringste Bewegung erlaubt, um zu erfahren, was draußen vorging.

Der Doktor hielt sich bereit, seine Operation von neuem vorzunehmen, und so methodisch, so kaltblütig, als wäre er zu Hause in seinem Kabinett, wusch er den Schwamm, dessen er sich soeben bediente, und trocknete seine Pinzetten und sein Skalpell.

Der Untersuchungsrichter seinerseits stand mitten im Zimmer mit gekreuzten Armen aufrecht da und schien, indem sein Auge ins Weite starrte, unergründlichen Grübeleien nachzuhängen. Vielleicht träumte er, daß sein guter Stern ihm endlich zu dem großen Schlag verholfen, den er so lange mit seinen heißesten Wünschen herbeigesehnt hatte.

Herr von Claudieuse dagegen war weit entfernt, solche Seelenruhe zu teilen. Unruhig warf er sich auf seinem Bett hin und her und rief, als Herr Sénéchal und Herr Daubigeon bleich und bestürzt eintraten: »Warum all der Tumult draußen?«

»Mein Gott!« seufzte er, nachdem er die Katastrophe erfahren, »und ich seufzte hier darüber, daß ich mich halb ruiniert sah. – Zwei Menschen umgekommen! Das ist das wahre Unglück! O über die armen Opfer ihres Mutes! Bolton, ein Bursche von dreißig Jahren! Guillebault, ein Familienvater, der fünf Kinder unversorgt zurückläßt!«

Die Gräfin, die soeben eintrat, hatte die letzten Worte ihres Gatten gehört. »Solange uns noch ein Bissen Brot übrigbleibt«, unterbrach sie ihn mit tief erschütterter Stimme, »soll es weder den Kindern Guillebaults noch Boltons Mutter an irgend etwas mangeln!«

Sie konnte nicht weiterreden.

Die Bauern, die Cocoleu entdeckt hatten, drängten sich in das Zimmer, indem sie ihren Gefangenen vor sich herstießen.

»Wo ist der Richter?« fragten sie. »Da ist ein Augenzeuge.«

»Was? Cocoleu?« rief der Graf.

»Ja, er weiß etwas, er hat es gesagt; er muß es vor dem Gericht wiederholen, damit der Brandstifter aufgefunden werde!«

Herr Seignebos hatte die Augenbrauen gerunzelt.

Er verabscheute Cocoleu, und aus guten Gründen; denn sein Anblick erinnerte ihn an jenes drastische Experiment, von welchem man sich so viel in Sauveterre erzählt hatte und noch jetzt erzählte.

»Werden Sie ihn wirklich verhören?« fragte er Herrn Galpin-Daveline.

»Warum nicht?« antwortete der Richter in trockenem Ton.

»Weil er vollständig schwachsinnig, stupid – mit einem Wort ein Idiot ist. Weil er unfähig ist, die Bedeutung Ihrer Fragen und die Tragweite seiner Antworten zu erfassen.«

»Er kann uns die wichtigsten Aussagen liefern . . .«

»Der? . . . Ein der Vernunft beraubtes Geschöpf? Das kann nicht Ihr Ernst sein! Es ist unmöglich, daß die Justiz die unzusammenhängenden Aussagen eines Wahnsinnigen in Rechnung bringe!«

Herrn Galpin-Davelines Unzufriedenheit äußerte sich nur in verdoppelter Schroffheit.

»Ich weiß, was ich zu tun habe«, sagte er.

»Und ich«, bestand der Doktor, »ich kenne meine Pflicht. Sie haben die Beihilfe meiner Kenntnisse gefordert; ich biete sie Ihnen. Ich erkläre, daß der geistige Zustand dieses Burschen derartig ist, daß er nicht einmal unter der Form einfacher Aufklärung vernommen werden kann. Ich appelliere aus diesem Grunde an den Herrn Staatsanwalt.«

Er hoffte auf ein Wort der Ermutigung von Seiten des Herrn Daubigeon.

Als aber dieses ausblieb, fuhr er fort: »Hüten Sie sich, meine Herren, Sie begeben sich auf einen Weg, der keinen Ausgang hat. Was werden Sie beginnen, wenn dieser Unglückliche auf Ihre Fragen mit einer formellen Anschuldigung antwortet? Werden Sie denjenigen, den er beschuldigt, verfolgen?«

Die Bauern hörten mit offenem Munde diesem Streite zu.

»Oh! Cocoleu ist nicht so unschuldig, wie man glaubt«, sagte einer von ihnen.

»Der Hund – er weiß sehr wohl zu sagen, was er will«, setzte ein anderer hinzu.

»Ich verdanke ihm jedenfalls das Leben meiner Kinder«, sprach Frau von Claudieuse mit sanfter Stimme. »Er erinnerte sich ihrer, als ich mich wie von einem Schwindel befallen fühlte und als sie von aller Welt vergessen waren. Komm her, Cocoleu, komm her, mein Freund; es will dir niemand etwas Übles tun . . .«

Er bedurfte nur zu sehr dieser guten Worte.

Über alle Begriffe erschrocken durch die Brutalitäten, deren Opfer er soeben gewesen war, zitterte der arme Schwachsinnige so heftig, daß ihm die Zähne klapperten.

»Ich habe keine . . . keine . . . Furcht«, stotterte er.

»Nochmals – ich protestiere!« beharrte der Doktor.

Er hatte soeben gemerkt, daß er in seiner Ansicht nicht allein dastand.

»Ich glaube in der Tat, daß es gefährlich wäre, Cocoleu zu verhören«, sagte der Graf von Claudieuse.

»Ich glaube es auch«, versicherte Herr Daubigeon.

Aber der Richter, mit den fast unumschränkten Rechten ausgerüstet, wie das Gesetz sie den Untersuchungsbeamten einräumt, war Herr der Situation.

»Ich bitte Sie, meine Herren«, sprach er in einem Ton, der keinen Einwand mehr gestattete, »lassen Sie mich nach meinem Ermessen handeln.«

»Laß sehen«, fuhr er mit seiner sanftesten Stimme fort, indem er sich niedersetzte und gegen Cocoleu wandte. »Hör mich an und versuche mich zu verstehen. Weißt du, was es in dieser Nacht in Valpinson gegeben hat?«

»Feuer«, antwortete der Idiot.

»Ja, mein Freund, ein Feuer, durch welches das Haus deines Wohltäters zerstört wurde; ein Feuer, in dem soeben zwei arme Feuerwehrleute umgekommen sind. Und das ist nicht alles. Man hat einen Mordversuch auf den Grafen von Claudieuse gemacht. Siehst du ihn dort auf seinem Bette liegen, verwundet und mit Blut bedeckt? Siehst du den Schmerz der Frau von Claudieuse?«

»Verwegenheit, Starrsinn, Torheit!« brummte der Doktor in den Bart.

Herr Galpin-Daveline hatte es gehört.

»Mein Herr«, sprach er heftig, »zwingen Sie mich nicht, mich daran zu erinnern, daß Leute da sind, welche in jedem Augenblick bereit sein müssen, meine Würde aufrechtzuerhalten!«

Dann fuhr er, sich wieder zu dem Schwachsinnigen wendend, fort: »All dieses Unglück, mein Freund, ist das Werk eines schändlichen Brandstifters. Du verabscheust diesen Elenden, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Cocoleu.

»Du willst, daß er bestraft wird?«

»Ja, ja!«

»Nun wohl! Du mußt mir helfen, ihn zu entdecken, damit er von den Gendarmen ergriffen, ins Gefängnis geworfen und gerichtet werde. Du kennst ihn, du hast selbst gesagt, daß du ihn kennst.«

Er hielt einen Augenblick inne; als aber Cocoleu in seinem Schweigen fortfuhr, wandte er sich mit der Frage: »Zu wem hat der arme Teufel denn überhaupt gesprochen?« an die Bauern.

Ja, das wußte keiner von ihnen zu sagen. Man erkundigte sich, man forschte, aber vergebens. Vielleicht hatte Cocoleu die Auskunft gar nicht gegeben, die man ihm zuschrieb.

»Soviel ist sicher«, erklärte einer der Meiersleute von Valpinson, »daß dieser arme, hirnlose Bursche sozusagen niemals schläft und jede Nacht wie ein Wachhund um die Häuser schleicht.«

Das schien für Herrn Galpin-Daveline ein Lichtstrahl zu sein.

Indem er jählings die Form seines Verhörs veränderte, fragte er:

»Wo hast du den Abend zugebracht?«

»In . . . in . . . dem Hof.«

»Schliefst du, als die Feuersbrunst ausbrach?«

»Nein!«

»Du hast also ihren Anfang gesehen?«

»Ja!«

»Wie hat sie angefangen?«

Hartnäckig hielt der Idiot, mit dem furchtsamen und unterwürfigen Ausdruck des Hundes, der in dem Auge seines Herrn zu lesen sucht, die Blicke auf Frau von Claudieuse gerichtet.

»Antworte, mein Freund«, sprach die Gräfin, »gehorche!«

Gleich einem Blitzstrahl glänzten Cocoleus Augen auf.

»Man . . . man hat das Feuer angesteckt . . .« stotterte er.

»Absichtlich?«

»Ja!«

»Wer?«

»Ein Herr.«

Es war nicht einer unter den Zeugen dieser Szene, der nicht, um besser zu hören, den Atem angehalten hätte. Nur der Doktor richtete sich mit dem Ausruf empor: »Dieses Verhör ist unsinnig.«

Aber der Untersuchungsrichter schien ihn nicht zu hören, und indem er sich zu Cocoleu herabbeugte, sprach er mit vor Aufregung zitternder Stimme: »Du hast ihn gesehen, diesen Herrn?«

»Ja.«

»Und du kennst ihn?«

»Sehr . . . sehr wohl!«

»Du kennst seinen Namen?«

»O ja!«

»Wie heißt er?«

Der Ausdruck schrecklicher Seelenangst verzerrte Cocoleus fahle Züge; er zögerte, dann aber antwortete er endlich mit einer gewaltsamen Anstrengung: »Bois . . . Bois . . . Boiscoran.«

Ein unzufriedenes Gemurmel und ungläubiges Hohngelächter erhob sich bei Nennung dieses Namens. Auch nicht der Schatten eines Argwohns, eines etwaigen Zweifels ließ sich unter den Zuhörern spüren.

»Herr von Boiscoran ein Brandstifter? Wem in aller Welt will man das glauben machen?«

»Es ist unsinnig!« erklärte Herr von Claudieuse.

»Unsinnig!« bestätigten Herr Sénéchal und Herr Daubigeon.

Der Doktor Seignebos hatte seine Brille abgenommen und rieb sie mit triumphierender Miene.

»Was hab' ich vorhergesagt?« rief er. »Doch der Herr Untersuchungsrichter hat es nicht der Mühe wert gehalten, auf meine Bemerkungen zu achten.«

Der Herr Untersuchungsrichter aber war bei weitem der Aufgeregteste von allen. Er war sehr blaß geworden, und nur mit sichtlicher Anstrengung gelang es ihm, seine unbewegliche Gemessenheit beizubehalten.

»An Ihrer Stelle«, murmelte der Staatsanwalt, indem er sich zu ihm beugte, »würde ich nicht weitergehen und den ganzen Vorgang als nicht geschehen betrachten.«

Aber Herr Galpin-Daveline war einer von jenen durch überspannte Wertschätzung ihrer eigenen Person geblendeten Leuten, die sich eher in Stücke hauen lassen, als daß sie zugeben, sich in irgend etwas geirrt zu haben.

»Ich werde bis zum Äußersten gehen«, antwortete er. »Verstehst du wohl, mein Bursche, verstehst du wohl, was du sagst?« fragte er, von neuem sich zu Cocoleu wendend, inmitten so tiefer Stille, daß man das leiseste Geräusch einer Fliege vernommen hätte. »Begreifst du, daß du jemanden des entsetzlichsten Verbrechens beschuldigst?«

Ob nun Cocoleu begriff oder nicht, um was es sich handelte, jedenfalls war er von entsetzlicher Aufregung ergriffen. Große Schweißtropfen rannen über seine eingedrückten Schläfen herab, nervöse Zuckungen schüttelten seine Glieder und verzerrten sein Gesicht.

»Ich . . . ich sage die Wahrheit!« stotterte er.

»Hat Herr von Boiscoran das Feuer in Valpinson angesteckt?«

»Ja.«

»Wie hat er es angefangen?«

Cocoleus verworrener Blick irrte unablässig von dem Grafen von Claudieuse, der tief entrüstet schien, zu der Gräfin, die mit schmerzlicher Überraschung zuhörte.

»Sprich!« drang der Untersuchungsrichter in ihn.

Nach nochmaligem Zögern begann der Idiot zu erklären, was er gesehen hatte. Es bedurfte wenigstens fünf Minuten langer Anstrengungen, Stöhnens und verzweifelnden Stotterns, bis es Cocoleu gelang, seinen Zuhörern begreiflich zu machen, daß er gesehen habe, wie Herr Boiscoran, den er sehr wohl kannte, ein Journal aus seiner Tasche gezogen, es mit einem Schwefelholz angezündet und es unter einen Strohhaufen gesteckt, der dicht neben zwei mächtigen Holzhaufen lag, welch letztere sich gegen die Mauer eines mit Branntwein gefüllten Gebäudes lehnten.

»Das geht bis zum Wahnsinn!« schrie der Doktor, der hiemit ohne Zweifel die Meinung aller Anwesenden aussprach.

Mittlerweile war es Herrn Galpin-Daveline gelungen, seine Aufregung zu beherrschen.

»Bei der ersten Äußerung der Zustimmung oder Mißbilligung«, sprach er, mit einem boshaften Blick um sich schauend, »rufe ich die Gendarmen und lasse alle hinausweisen. – Da du Herrn Boiscoran so gut gesehen hast«, fuhr er, sich wieder an Cocoleu wendend, in seinem Verhör fort, »wie war er denn gekleidet?«

»Er trug«, sagte der Idiot, immer auf eine fürchterliche Weise seine Worte herausstoßend, »helle Hosen, eine braune Weste und einen großen Strohhut. Seine Hosen steckten in den Stiefeln.«

Zwei oder drei Bauern warfen sich erstaunte Blicke zu, als wären sie endlich doch von einem Verdacht ergriffen. Denn in diesem von Cocoleu beschriebenen Kostüm waren sie gewohnt, Herrn von Boiscoran zu begegnen.

»Und was tat er«, fuhr der Richter fort, »nachdem er das Feuer angesteckt?«

»Er versteckte sich hinter einem Holzhaufen.«

»Und dann?«

»Dann legte er seine Flinte an, und als der Herr heraustrat, schoß er sie auf ihn ab.«

Den Schmerz seiner Wunden vergessend, richtete sich Herr von Claudieuse entrüstet in seinem Bett auf.

»Es ist ungeheuerlich«, rief er, »zuzulassen, daß dieser elende Idiot einen Ehrenmann mit seinen blödsinnigen Anschuldigungen beschimpft. Wenn er gesehen hat, daß Herr von Boiscoran das Feuer ansteckte, um mich zu töten, warum hat er nicht Alarm geschlagen, warum hat er nicht geschrien?«

Zur größten Verwunderung Herrn Sénéchals und Herrn Daubigeons wiederholte Herr Galpin-Daveline bereitwillig die Frage: »Warum hast du nicht um Hilfe gerufen?«

Aber die Anstrengungen, denen er sich seit einer halben Stunde unterworfen, hatten den unglücklichen Burschen erschöpft. Er brach in ein wildes Gelächter aus, und zu gleicher Zeit von einem Anfall seines Leidens ergriffen, fiel er schreiend und um sich schlagend hin. Man mußte ihn hinaustragen.

Der Untersuchungsrichter hatte sich erhoben. Bleich, erregt, mit zusammengezogenen Augenbrauen stand er da und schien das Weitere zu überlegen.

»Was werden Sie nun beginnen?« fragte der Staatsanwalt ihn ins Ohr.

»Verfolgen«, antwortete er mit leiser Stimme.

»Wirklich . . .!«

»Was kann ich in meiner Lage anders tun? Gott ist mein Zeuge, daß, als ich in diesen unglücklichen Idioten eindrang, meine einzige Absicht war, die Nichtigkeit seiner Anklage ans Licht zu bringen. Das Ergebnis hat meine Erwartung getäuscht . . .«

»Und jetzt?«

»Jetzt darf von keinem Zögern mehr die Rede sein. Zehn Zeugen haben dem Verhör zugehört; meine Ehre steht auf dem Spiel. Ich muß entweder die Unschuld oder – die Schuld des durch Cocoleu Angeklagten an den Tag bringen. – Wollen Sie«, fuhr er fort, indem er auf das Lager des Herrn von Claudieuse zutrat – »mein Herr, wollen Sie mir sogleich, zu dieser Stunde, etwas über Ihre Beziehungen zu Herrn von Boiscoran mitteilen?«

Unwille und Überraschung entflammten die Züge des Grafen. »Ist es möglich, rief er, »daß Sie dem eben Gehörten Glauben schenken?«

»Ich glaube nichts, Herr Graf«, sprach der Richter. »Meine Aufgabe ist, die Wahrheit zu entdecken; ich suche sie . . .«

»Der Doktor hat Ihnen gesagt, wie es mit der geistigen Verfassung Cocoleus steht.«

»Herr Graf, ich bitte Sie, mir zu antworten.«

»Nun wohl«, antwortete Herr von Claudieuse in heftigem und mit einer zornigen Bewegung begleiteten Ton, »meine Beziehungen zu Herrn von Boiscoran sind weder gut noch schlecht; wir haben überhaupt nichts miteinander zu tun.«

»Es heißt, daß Sie sehr schlecht miteinander stehen.«

»Weder gut noch schlecht. Ich verlasse Valpinson fast nie, Herr von Boiscoran lebt fast das ganze Jahr über in Paris. Er ist nie zu mir gekommen; ich habe nie den Fuß über seine Schwelle gesetzt.«

»Man hat Sie in ziemlich ungemessenen Ausdrücken über ihn reden hören.«

»Das ist möglich. Wir haben weder das gleiche Alter noch die gleichen Neigungen, weder dieselbe Meinung noch denselben Glauben. Er ist jung, ich bin alt. Er liebt Paris und die große Welt, ich liebe nur die Einsamkeit und meine Jagd. Ich bin Legitimist, er war Orleanist und ist Demokrat geworden. Ich glaube, daß nur der Nachkomme unseres legitimen Königs das Land retten kann; er ist der Überzeugung, daß die Republik das Heil Frankreichs ist. Aber man kann sich politisch feindlich gegenüberstehen und deshalb fortfahren, sich zu achten. Herr von Boiscoran ist ein Ehrenmann. Er ist einer von denen, die während des Krieges ihre Pflicht tapfer erfüllten. Er hat sich gut geschlagen; er ist verwundet worden.«

Sorgfältig notierte Herr Galpin-Daveline die Antworten des Grafen.

»Es handelt sich nicht allein um politische Meinungsverschiedenheiten«, fuhr er fort, nachdem er seine Aufzeichnungen geendet.

»Sie haben mit Herrn von Boiscoran Zwiste in eigenen Privatinteressen gehabt.«

»Das waren nichtssagende Dinge.«

»Um Vergebung, Sie haben Prozesse miteinander geführt.«

»Unsere Güter stoßen aneinander. Wir sind durch einen unglücklichen Bach getrennt, der ein ewiger Zankapfel zwischen den Grenznachbarn ist.«

Herr Galpin-Daveline schüttelte den Kopf.

»Sie haben keine anderweitigen Mißhelligkeiten gehabt, Herr Graf?« fragte er. »Die ganze Umgegend weiß davon, daß es heftige Wortwechsel zwischen Ihnen gegeben hat.«

Der Graf von Claudieuse schien außer sich.

»Es ist wahr, wir haben einige Worte gewechselt. Herr von Boiscoran hatte zwei verwünschte Dachshunde, die fortwährend ihren Zwingern entschlüpften und in meinem Gebiete jagten . . . Es ist unglaublich, was sie mir an Jagdwild zugrunde richteten.«

»Sehr wohl . . . und als Sie eines Tages Herrn Boiscoran im Walde begegneten, drohten Sie ihm, auf seine Hunde zu schießen.«

»Ich war in Wut, das gesteh' ich; aber ich hatte unrecht, tausendmal unrecht, ich drohte ihm   . .«

»Das eben ist's! Sie waren beide bewaffnet, Sie erhitzten sich, Sie drohten! – Er hat auf Sie angelegt . . . Leugnen Sie nicht; zehn Personen haben es gesehen; ich weiß es; er selbst hat es mir gesagt.«


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