Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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2

Von Sauveterre nach Valpinson rechnet man ungefähr eine Meile Entfernung, das heißt eine Landmeile von sieben Kilometern.

Aber Herr Sénéchal hatte ein gutes Pferd, vielleicht das beste des Bezirks, wie er, als er den Wagen bestieg, seinen beiden Reisegefährten versicherte.

In der Tat hatten sie in kaum zehn Minuten die Feuerwehrleute erreicht, die eine gute Weile früher abgezogen waren.

Und doch beeilten sich diese braven Leute, meist Handwerksmeister, Maurer, Schieferdecker und Zimmerleute von Sauveterre, aus allen ihren Kräften. Von einem halben Dutzend dampfender Pechfackeln beleuchtet, zogen sie keuchend den holprigen Weg entlang, indem sie die beiden Spritzen und den Karren mit den Rettungsgeräten vor sich herschoben.

»Mut, meine Freunde, Mut!« rief ihnen der Bürgermeister zu, während er an ihnen vorbeifuhr.

Etwa drei Minuten später erschien ein Bauer zu Pferde, durch die Nacht dahinsausend gleich einem fahrenden Ritter.

Herr Daubigeon befahl ihm anzuhalten. Er gehorchte.

»Ihr kehrt aus Valpinson zurück?« fragte Herr Sénéchal.

»Ja«, antwortete der Bauer.

»Wie steht es mit dem Grafen von Claudieuse?«

»Er ist zu sich gekommen.«

»Was hat der Arzt gesagt?«

»Daß er vermutlich durchkommen wird. Und ich eile zur Apotheke, um Arznei zu holen.«

Um besser zu hören, beugte sich Herr Galpin-Daveline aus dem Wagen.

»Wird durch das Gerücht noch niemand beschuldigt?« fragte er.

»Niemand.«

»Und das Feuer?«

»Wasser zum Löschen ist genug vorhanden«, antwortete der Bauer, »aber die Spritzen fehlen . . .«

»Was ist zu tun? . . . bei dem immer stärker werdenden Winde?«

»Oh, welch ein Unglück! Welch ein Unglück!«

Mit diesen Worten gab er seinem Pferd die Sporen.

Der unglückliche Bürgermeister geriet, je mehr er die Sache überlegte, außer sich.

Das verübte Verbrechen erschien ihm wie eine Herausforderung an seine Geschicklichkeit, wie die grausamste Schmähung, die seiner Verwaltung widerfahren konnte.

»Denn in der Tat«, wiederholte er zum zehnten Male seinen Reisegefährten, »ist es erklärlich, ist es logisch, daß ein Übeltäter es gerade auf den Grafen und die Gräfin von Claudieuse abgesehen haben sollte, auf den vortrefflichsten, den hochgeachtetsten Mann des Bezirks, und auf eine Frau, deren Namen mit Tugend und Herzensgüte gleichbedeutend ist.«

Und eifrig begann der Bürgermeister, ohne sich durch die derben Stöße des Wagens stören zu lassen, alles, was er von der Geschichte des Besitzers von Valpinson wußte, zu erzählen.

Der Graf Trivulce von Claudieuse war der letzte Nachkomme einer der ältesten Familien des Landes. Mit sechzehn Jahren hatte er, etwa um 1829, seine Heimat verlassen und war dann lange Zeit nur selten und zu ganz kurzen Besuchen nach Valpinson zurückgekehrt.

Im Jahre 1859 war er Schiffskapitän geworden und zum Konteradmiral bestimmt, als er plötzlich seinen Abschied eingereicht und sich in Valpinson niedergelassen hatte, wo übrigens von dem einstigen Glanz des alten Schlosses wenig mehr übrig war als zwei Türme, die auch schon halb in Trümmern lagen und von mächtigen Haufen geschwärzter und bemooster Steine umgeben waren.

Zwei Jahre lang hatte er einsam hier für sich gelebt, sich, so gut es eben ging, eine Wohnung hergerichtet und sich mit den Vermögensresten seiner Vorfahren, dank seinem unablässigen Fleiße, ein bescheidenes Wohlleben gesichert.

Da meinte wohl jedermann, daß er auch in dieser Weise sein Leben beschließen würde, als das Gerücht sich verbreitete, der Graf würde sich verheiraten.

Und ausnahmsweise war diesmal das Gerücht wahr.

Eines schönen Tages war Herr von Claudieuse nach Paris gereist, und bald darauf erfuhr man durch schriftliche Anzeigen, daß er sich mit der Tochter eines seiner ehemaligen Kollegen, dem Fräulein Geneviève von Tassar, vermählt habe.

Das allgemeine Erstaunen war groß. Zwar war der Graf noch ein wohlaussehender Mann, sogar von auffallend stattlicher Erscheinung; aber er zählte bereits siebenundvierzig Jahre, und Fräulein Tassar de Bruc hatte kaum das zwanzigste erreicht.

Ja, wenn die Neuvermählte arm gewesen wäre, hätte man die Sache begriffen und für ganz in der Ordnung gehalten. Es ist ja so natürlich, daß ein Mädchen ohne Aussteuer die Wünsche des Herzens der Frage äußerlicher Wohlfahrt opfert. Aber dies war nicht der Fall. Der Marquis Tassar de Bruc galt für reich und hatte, wie man behauptete, seinem Schwiegersohn fünfzigtausend Taler ausbezahlt.

Dann, hatte man weiter geschlossen, müßte die junge Gräfin häßlich zum Erschrecken sein, gebrechlich, schwachsinnig vielleicht und verwachsen – oder wenigstens von unausstehlichem Charakter.

Aber weit gefehlt! Sie erschien in ihrem neuen Wohnort – und alles war hingerissen von ihrer edlen und sanften Schönheit; sie sprach zu den Leuten – und alles gab sich dem Zauber ihrer Rede gefangen.

Sollte in der Tat diese Verbindung, wie man in Sauveterre behauptete, eine Heirat aus Neigung gewesen sein?

Wirklich fing man an, es zu glauben, was aber zahlreiche alte Jungfern nicht hinderte, den Kopf zu schütteln und zu behaupten, siebenundzwanzig Jahre Unterschied sei zuviel zwischen zwei Gatten, und die Ehe werde keine glückliche sein.

Die Tatsachen aber hatten diese üble Prophezeiung durchaus Lügen gestraft. Auf zehn Meilen in der Runde gab es keinen friedlicheren Hausstand als den des Herrn und der Frau von Claudieuse. Durch zwei Töchter, die ihnen im Zeitraum von zwei Jahren geboren wurden, schien das friedliche Glück ihres häuslichen Herdes völlig gesichert.

Aus der Zeit seiner früheren Tätigkeit, als er seine entlegenen Güter in Frankreich verwaltete, hatte der Graf freilich den stolzen Ton eines Befehlshabers, eine strenge und kalte Haltung, eine kurze Redeweise beibehalten.

Er war außerdem von so großer Heftigkeit, daß der geringste Widerspruch ihm das Blut ins Gesicht trieb.

Aber die Gräfin war die Ruhe und die Sanftmut selbst, und da sie immer vermittelnd zwischen den Zorn ihres Gatten und denjenigen zu treten wußte, der ihn erregt, da sie beide gerecht, gut bis zur Schwäche, großmütig und mitleidig gegen Notleidende waren, so wurden sie angebetet.

Es gab nur einen Punkt, in welchem der Graf keinen Scherz verstand. Das war die Jagd. Als passionierter Jäger bewachte er das ganze Jahr hindurch sein Wild mit der Ängstlichkeit eines Geizhalses, indem er die Schutzwerke und die Zahl der Jagdhüter verdoppelte und die Wilderer mit einer solchen Wut verfolgte, daß die Bauern sagten: »Es wäre besser, ihn um hundert Pistolen bestehlen, als ihm eine seiner Amseln töten.«

Herr und Frau von Claudieuse lebten im übrigen ziemlich abgeschlossen, ganz durch die Besorgung einer ausgedehnten Landwirtschaft und die Erziehung ihrer beiden Töchter in Anspruch genommen. Nur selten pflegten sie Gäste bei sich zu empfangen, und kaum viermal des Winters sah man sie in Sauveterre bei den Fräulein von Lavarande oder bei dem alten Baron von Chandoré. In jedem Sommer aber zogen sie auf einen Monat nach Royan, wo sie ein Landhaus besaßen. Ebenso pflegte die Gräfin zum Beginn der Jagdzeit mit ihren Töchtern einige Wochen bei ihren in Paris ansässigen Eltern zu verbringen.

Um dieses friedliche Dasein aus seinen Fugen zu heben, bedurfte es keines geringeren Stoßes als der Katastrophe von 1870.

Als der Graf erfuhr, wie die siegreichen Preußen den heiligen Boden des Vaterlandes überfluteten, erwachte in dem alten Schiffskapitän mit aller Macht der Franzose und der Soldat.

Obwohl hartnäckiger Legitimist, erklärte er sich doch bereit, für die Republik zu sterben, wenn nur Frankreich gerettet würde. Ohne den Schatten eines Zögerns bot er Gambetta, den er haßte, seinen Degen dar.

Zum Obersten eines Infanterie-Regiments ernannt, schlug er sich wie ein Löwe vom ersten bis zum letzten Tag.

Als er nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes nach Valpinson zurückkehrte, gelang es niemandem außer seiner Frau, ihm ein Wort über den unglücklichen Feldzug zu entlocken.

Man forderte ihn auf, sich für die Wahlen zu melden, und gewiß wäre er gewählt worden, aber er schlug es aus und sagte, er wisse wohl zu kämpfen, das Reden aber sei seine Sache nicht.

Nur mit halbem Ohr hatten der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter allen diesen Geschichten zugehört, die sie ebenso gut kannten wie Herr Sénéchal.

»Aber«, rief endlich Herr Galpin-Daveline, »kommen wir denn gar nicht vorwärts? Soviel ich um mich schaue, so seh' ich doch keine Spur einer Feuersbrunst.«

»Das ist, weil wir uns in einer Senke befinden«, antwortete der Bürgermeister. »Aber wir kommen schon vorwärts, und wenn wir auf der Höhe des Hügels sein werden, zu der wir eben hinauffahren, dann – beruhigen Sie sich –, dann werden Sie schon sehen –«

Dieser Hügel ist sehr bekannt in dem Bezirk, ja geradezu berühmt unter dem Namen des Berges von Sauveterre. Er ist steil und aus so hartem Granit geformt, daß die Ingenieure, welche die große Straße von Bordeaux nach Nantes anlegten, einen Umweg von einer halben Meile machten, um ihn zu umgehen.

Er beherrscht somit die ganze Landschaft, und auf seinem Gipfel angelangt, konnten Herr Sénéchal und seine Gefährten sich eines Aufschreis kaum erwehren.

»Horresco«, murmelte der Staatsanwalt. Das Feuer selbst war ihnen noch verborgen durch den Hochwald von Rochepommier, aber die Strahlen der Flammen schossen weit über die großen Bäume – den ganzen Horizont mit ihren unseligen Gluten erhellend. – Die ganze Umgegend war in Bewegung. Die Sturmglocke läutete mit eiligen Schlägen von der Kirche zu Bréchy, deren verfallener Turm sich schwarz an dem purpurnen Himmel abzeichnete.

»Die Hilfe kommt zu spät«, sagte Herr Galpin-Daveline.

»Ein so schönes Gut!« rief der Bürgermeister, »und so wohl geordnet.«

Und er trieb sein Pferd den Hügel hinab zum Galopp an, denn Valpinson liegt im Grunde des Tales, fünfhundert Meter von dem kleinen Fluß entfernt.

Hier war alles in Schreck, Verwirrung, Unordnung aufgelöst. Und doch fehlte es weder an Händen noch an gutem Willen. Beim ersten Alarmschrei waren alle Bewohner der Umgegend herbeigeeilt, und es kamen deren noch mit jeder Minute neue an, aber es war niemand da, sie zu leiten.

Vor allem war es die Rettung des Mobiliars, die sie beschäftigte. Die Mutigsten verweilten in den Gemächern und warfen, von einer Art Schwindel befallen, alles aus den Fenstern, was ihnen nur in die Hände fiel. So häuften sich in der Mitte des Hofes drunter und drüber Betten, Matratzen, Stühle, Wäsche, Bücher und Kleider an.

Mit einer gewaltigen Aufregung wurde die Ankunft des Herrn Sénéchal und seiner Begleiter begrüßt.

»Da ist der Herr Bürgermeister!« schrien die Bauern, durch seine Anwesenheit schon ermutigt und bereit, ihm zu gehorchen.

Herrn Sénéchal aber genügte ein Blick, um den Stand der Dinge zu übersehen.

»Ja, ich bin es, meine Freunde«, sagte er, »und ich freue mich über euren Eifer. Es handelt sich in diesem Augenblick darum, unsere Kräfte nicht zu zersplittern. Die Pächterei und die Wirtschaftsgebäude sind verloren, geben wir sie auf. – Vereinigen wir unsere Anstrengungen auf das Schloß. Organisieren wir uns. Der Fluß ist ganz nah; alles heran zur Kette, Männer und Weiber! – Wasser, Wasser! – Da sind die Spritzen!«

In der Tat hörte man sie mit Donnergetöse heranrollen. Die Feuerwehrleute erschienen. Der Hauptmann Parenteau übernahm die Leitung. Jetzt endlich konnte Herr Sénéchal sich nach dem Grafen von Claudieuse erkundigen.

»Der Herr ist dort«, antwortete ihm ein altes Weib, indem sie auf eine etwa hundert Fuß entfernte Hütte mit einem Strohdach zeigte. »Der Doktor hat ihn dorthin tragen lassen.«

»Wir wollen zu ihm gehen«, sprach hastig der Bürgermeister zum Staatsanwalt und zum Untersuchungsrichter.

Auf der Schwelle der einzigen Stube, welche die ärmliche Wohnung enthielt, blieben sie aber stehen.

Es war ein großes Zimmer mit Lehmboden, mit geschwärzten Balken und angefüllt mit Handwerkszeug und Säcken. Zwei Betten mit gewundenen Säulen und mit Vorhängen aus gelbem Serge füllten den Hintergrund aus. Auf dem zur Linken schlief ein kleines Mädchen von vier oder fünf Jahren in eine Decke gehüllt, von der etwa zwei oder drei Jahre älteren Schwester bewacht.

Auf dem Bett zur Rechten lag oder saß vielmehr der Graf von Claudieuse, denn man hatte hinter seinem Rücken alle Kissen aufgehäuft, die man der Feuersbrunst zu entreißen vermocht.

Er saß mit entblößtem und blutbedecktem Rücken da, und der Doktor Seignebos beugte sich in Hemdsärmeln, die er bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt hatte, über ihn und schien, einen Schwamm in der einen Hand, ein Skalpell in der andern, in eine ernste und bedenkliche Operation vertieft.

In einem weißen Musselinkleide stand die Gräfin von Claudieuse zu Füßen des Lagers, auf dem ihr Gatte ruhte – bleich, aber mit gefaßter Ruhe und voll standhafter Resignation. Eine Lampe in der Hand, leuchtete sie dem Doktor nach seinen Anweisungen.

In einem Winkel kauerten mit über den Kopf gezogenen Schürzen zwei Mägde und weinten.

Tief erschüttert entschloß der Bürgermeister sich endlich einzutreten.

Der Graf von Claudieuse war der erste, der ihn bemerkte. »Ah! da ist der brave Sénéchal!« sagte er. »Treten Sie näher, lieber Freund, treten Sie näher! . . . Das Jahr 1871 ist, wie Sie sehen, ein verhängnisvolles Jahr. Von allem, was ich besaß, wird bei Tagesgrauen nichts mehr übrig sein als ein paar Schaufeln Asche.«

»Es ist ein großes Unglück«, antwortete der würdige Bürgermeister, »aber wir befürchteten eins, das noch viel unersetzlicher wäre . . . doch Gott sei Dank, Sie werden am Leben bleiben . . .«

»Wer weiß, ich leide fürchterlich!« . . .

Bei diesen Worten fuhr Frau von Claudieuse zusammen.

»Trivulce«, flüsterte sie mit sanft flehender Stimme, »Trivulce!«

Nie mag ein Liebender auf die Freundin seines Herzens einen zärtlicheren Blick geworfen haben als der, den Herr von Claudieuse auf seine Gemahlin warf.

»Vergib mir, liebe Geneviève, vergib mir meinen Mangel an Mut –«

Ein nervöser Krampf schnitt ihm die Worte ab; gleich darauf rief er mit gellender Stimme: »Himmel und Hölle, Doktor, Sie foltern mich!«

»Hier habe ich Chloroform«, entgegnete kaltblütig der Arzt.

»Ich will keines.«

»Dann entschließen Sie sich, den Schmerz auszuhalten, und bleiben Sie still, denn jede Ihrer Bewegungen vermehrt ihr Leiden.«

Darauf wischte er mit dem Schwamm den feinen Blutfaden ab, der über sein Skalpell rieselte. »Übrigens«, fügte er hinzu, »wollen wir einige Minuten Pause machen . . . Meine Augen und meine Hände werden müde; ich bin eben nicht mehr jung.«

Der Doktor Seignebos zählte sechzig Jahre. Er war ein kleiner Mann mit galligem Teint, mager, kahlköpfig, von einer mehr als nachlässigen Haltung, stets eine goldene Brille auf der Nase, die abzunehmen, sauberzuwischen und wieder aufzusetzen seine Hauptbeschäftigung schien. Sein medizinischer Ruf war groß, man führte in Sauveterre Wunder von Heilungen an, die er vollbracht; dennoch habe er wenig Freunde. Die Arbeiter warfen ihm seine hochmütige Amtsmiene vor, die Bauern seine Gewinnsucht, die Bürger seine politischen Ansichten. Man erzählte sich, eines Abends bei einem Gelage hätte er mit erhobenem Glase ausgerufen: »Ich trinke auf das Gedächtnis des einzigen Arztes, dessen reinen und edlen Ruf ich beneide, auf das Gedächtnis meines Landsmannes, des Doktors Guillotin de Saintes.«

Hatte er wirklich diesen Toast ausgebracht? Gewiß ist, daß er den wütenden Demokraten spielte und daß er die Seele und das Orakel der kleinen sozialistischen Zusammenkünfte der Nachbarschaft war. Er erregte Erstaunen, wenn er das Kapitel der Reformen und die Fortschrittspläne erörterte, von denen er träumte.

Er setzte seine Zuhörer in Schreck durch den Ton, in dem er davon sprach, daß man mit Feuer und Schwert bis auf den Grund der verfaulten Eingeweide der Gesellschaft dringen müsse.

Diese oft wunderlichen Ansichten und Wohlfahrtstheorien und die oft noch wunderlicheren Grundsätze, die er offen kundgab, hatten dann und wann sogar Zweifel an der normalen Verstandesbeschaffenheit des Doktors Seignebos erregt.

Es waren die Wohlwollendsten, die sich damit begnügten, ihn »ein Original« zu nennen. Dieses »Original« war selbstverständlich Herrn Sénéchal, dem einstigen reaktionären Sachwalter, nicht sehr zugetan. Auf den Staatsanwalt der Republik sah er verächtlich wie auf einen unnützen Spürhund alter Scharteken herab. Herrn Galpin-Daveline aber haßte er von Herzen. Dennoch grüßte er sie alle drei, und ohne sich darum zu kümmern, ob er von seinem Patienten gehört wurde oder nicht, sagte er: »Sie sehen, meine Herren, Herr von Claudieuse ist in einer sehr mißlichen Lage . . . Es ist eine mit Schrot geladene Flinte gewesen, die man auf ihn abgeschossen, und die Wirkung, die durch Wunden dieser Art entsteht, ist unberechenbar. Ich wäre wohl geneigt zu glauben, daß kein wesentliches Organ angegriffen ist, aber dafür einstehen kann ich nicht. Ich habe oft in meiner Praxis winzige Verletzungen beobachtet, wie eben ein Schrotkorn sie hervorbringen kann, Verletzungen, die dennoch tödlich waren und erst nach zwölf oder fünfzehn Tagen es erwiesen.«

Er hätte vermutlich noch lange so fortgefahren, wäre er nicht in barschem Ton unterbrochen worden. »Herr Doktor«, sprach der Untersuchungsrichter, »um eines Verbrechens willen, das vollbracht worden ist, bin ich hier. Der Schuldige muß entdeckt und bestraft werden. Und im Namen der Justiz fordere ich von diesem Augenblick an die Beihilfe Ihrer Aufklärungen.«


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