Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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18

Herr Magloire antwortete nicht. Aber nachdem er den Brief gelesen hatte, sagte er: »Ich stehe Herrn von Boiscoran zu Diensten, und sobald die geheime Haft aufgehoben ist, werde ich mich zu ihm verfügen. Ich glaube, wie Fräulein Denise, daß er in seinem Schweigen beharren wird; indessen, da es ein Mittel gibt, einen Brief an ihn gelangen zu lassen, . . . gut, auch ich werde die begangene Unvorsichtigkeit benutzen . . . und ich rate: Man beschwöre ihn in seinem Interesse, im Namen alles dessen, was ihm teuer ist, zu sprechen, sich zu rechtfertigen, sich zu erklären . . .«

Nach diesen Worten empfahl sich Herr Magloire hastig, während er seine Zuhörer bestürzt zurückließ; denn es war ganz augenscheinlich, daß er durch seinen jähen Aufbruch nur den peinlichen Eindruck verbergen wollte, den Jacques' Brief auf ihn gemacht hatte.

»Selbstverständlich«, sagte Herr von Chandoré, »werden wir ihm schreiben, aber er wird das Ende der Untersuchung abwarten.«

»Wer weiß!« flüsterte Denise und fügte nach einem Augenblick der Überlegung laut hinzu: »Man kann es immerhin versuchen!«

Ohne sich weiter zu erklären, ging sie hinaus, eilte in ihr Zimmer und schrieb die folgenden Zeilen:

»Ich muß Sie notwendig sprechen. Unser Garten hat eine kleine Tür, die auf die Ruelle de la Charité hinausgeht, ich erwarte Sie dort. So spät dieser Zettel Sie auch erreicht – kommen Sie jedenfalls.

Denise.«

Nachdem sie das Billett in ein Kuvert gelegt, rief sie die alte Kammerfrau, die sie aufgezogen hatte, und sagte, nachdem sie ihr alles anempfohlen, was die Vorsicht nur erdenken kann:

»Der Gerichtsschreiber Méchinet muß unbedingt diesen Zettel noch heute abend erhalten, geh, beeile dich!«

Schon seit vierundzwanzig Stunden war Méchinet so umgewandelt, daß seine Schwestern ihn nicht mehr wiedererkannten.

Nach Denises Aufbruch hatten sie ihn alsbald aufgesucht, in der Erwartung, er würde ihnen endlich mitteilen, was die geheimnisvolle Zusammenkunft zu bedeuten hatte; aber bei den ersten Worten rief er ihnen zu: »Das geht euch nichts an. Das geht überhaupt niemand etwas an.« Damit war er allein geblieben, noch ganz verwirrt durch sein Abenteuer und den Mitteln nachsinnend, wie es ihm gelingen könnte, sein Versprechen zu erfüllen, ohne sich bloßzustellen. Das war nicht so leicht.

Als der entscheidende Augenblick gekommen war, erkannte er mehr denn je, daß es ihm nicht gelingen würde, den Brief, der ihm in der Tasche brannte, Jacques von Boiscoran zuzustellen, ohne daß Herrn Galpin-Davelines Luchsaugen es bemerkten.

Also blieb ihm schließlich nichts übrig, als nach langem Zögern seine Zuflucht zu der Mitschuld des Mannes zu nehmen, der Jacques bediente: Frumence Cheminot.

Dieser arme Teufel war übrigens ein guter Kerl, dessen Hauptlaster in unbezwinglicher Faulheit bestand und der nichts als die leichten Vergehen eines Landstreichers auf dem Gewissen hatte.

Er liebte Méchinet, der ihm in den Tagen früherer Haft im Gefängnis von Sauveterre hin und wieder eine Prise Tabak oder ein paar Groschen gegeben hatte, damit er sich Wein kaufen könne.

Er machte mithin nicht den geringsten Einwand gegen den Vorschlag des Gerichtsschreibers, Herrn von Boiscoran das Billett zuzustellen und die Antwort zu überbringen. Und treu und ehrlich führte er seinen Auftrag aus.

Aber wenn einmal alles glücklich abgelaufen war, so folgte daraus noch nicht, daß Méchinet sich beruhigt fühlte.

Nicht nur daß die heftigsten Gewissensbisse ihn peinigten, wenn er an seine übertretene Pflicht dachte, er zitterte auch vor dem Gedanken, der Gnade eines Mitschuldigen preisgegeben zu sein.

Wieviel gehörte dazu, um entdeckt zu werden? Eine Indiskretion, eine Ungeschicklichkeit, ein unglücklicher Zufall!

Was wurde dann aus ihm?

Seines Amtes entsetzt, verlor er allmählich alle seine Stellen! Vertrauen und Achtung wurden ihm entzogen. Dann Adieu allen ehrgeizigen Träumen, allen Illusionen auf Vermögen, aller Hoffnungen, durch eine vorteilhafte Heirat eine angenehme Lebensstellung zu erlangen!

Und dennoch – welch bizarrer Widerspruch! – dennoch bedauerte Méchinet nicht, was er getan; und wenn es sein mußte, fühlte er sich bereit, noch einmal anzufangen.

In dieser Verfassung befand er sich, als Fräulein von Chandorés Kammerfrau ihm den Brief überbrachte.

»Was jetzt noch?« rief er ihr zu und fügte, als er die wenigen Zeilen überflogen, in der Befürchtung, daß ein mißliches Ereignis eingetreten sei, hinzu: »Sagt dem Fräulein von Chandoré, daß ich zu ihrem Befehl bin.«

Nach kaum einer Viertelstunde ging er fort und begab sich, um die Neugierigen irrezuführen, mit allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln in die Ruelle de la Charité.

Die kleine Pforte war halb angelehnt, er brauchte sie nur aufzustoßen, um einzutreten.

Obgleich der Mond nicht schien, war die Nacht doch sehr hell. Nach einigen Schritten unter den Bäumen erkannte er Denise und ging ihr entgegen.

»Verzeihen Sie, mein Herr«, begann sie, »daß ich nach Ihnen gesandt habe.«

Alle Angst, die Méchinet ausgestanden, verschwand in diesem Augenblick. Er dachte an nichts mehr als an das Seltsame seiner momentanen Stellung. Seine Eitelkeit schwelgte in dem Bewußtsein, der Vertraute dieses jungen Mädchens, der vornehmsten, der hübschesten, der reichsten Erbin weit und breit zu sein.

»Sie haben ganz recht daran getan, mich kommen zu lassen, wenn ich Ihnen nützlich sein kann, mein Fräulein«, erwiderte er.

In wenigen Worten hatte sie ihn über das Nötige in Kenntnis gesetzt, und als sie ihn nach seiner Meinung fragte, antwortete er:

»Ich glaube, wie Herr Folgat, daß der Kummer und die Vereinsamung anfangen, Herrn von Boiscorans Geistesverfassung auf eine unglückliche Weise zu beeinflussen.«

»Ja, es ist um wahnsinnig zu werden«, sagte Denise leise.

»Ich glaube, wie Herr Magloire«, fuhr der Gerichtsschreiber fort, »daß Herr von Boiscoran, indem er auf seinem Schweigen besteht, seine Lage verschlimmert. Ich habe den Beweis dafür. Herr Galpin-Daveline, der in den ersten Tagen so unruhig war, hat seine ganze Sicherheit wiedergewonnen. Der Oberstaatsanwalt hat ihm geschrieben, um ihm zu seinem energischen Verfahren Glück zu wünschen.«

»Aber – was nun?«

»Ja, nun, mein Fräulein, müßte man Herrn von Boiscoran endlich zum Sprechen bewegen. Ich begreife wohl, daß er seinen Entschluß auf das festeste gefaßt hat. aber wenn Sie ihm schreiben, weil Sie dies doch können –«

»Ein Brief wäre unnütz!«

»Dennoch!«

»Unnütz, sag' ich Ihnen! Aber – ich weiß ein Mittel . . .«

»Dann benutzen Sie es so schnell wie möglich, mein Fräulein!« fiel der Beamte ihr ins Wort, »verlieren Sie keine Minute! Es ist die höchste Zeit . . .«

So hell die Nacht war, vermochte doch Méchinet die Blässe des jungen Mädchens nicht wahrzunehmen.

»Wohlan!« begann sie von neuem, »ich muß selbst bis zu Herrn von Boiscoran gelangen, ich muß ihn sehen, ihn sprechen . . .«

Sie war darauf gefaßt, den Gerichtsschreiber aufschreien, emporfahren zu sehen, aber nichts davon.

»Wirklich?« entgegnete er in äußerst gelassenem Tone. »Doch wie?«

»Blangin, der Gefängniswärter, und seine Frau behalten ihren Posten nur, weil sie davon leben. Warum sollte ich ihnen nicht gegen eine Unterredung mit Jacques die Mittel bieten, sich eine Wirtschaft auf dem Lande zu gründen?«

»Warum nicht?« entgegnete der Gerichtsschreiber. Und leiser fügte er hinzu, den Einblicken seiner Erfahrung entsprechend: »Das Gefängnis von Sauveterre gleicht in keiner Beziehung den Arrestanstalten großer Städte . . . Die Gefangenen sind selten, die Aufsicht ist gleich Null. Wenn die Türen geschlossen sind, ist Blangin der Herr.«

»Ich werde ihn morgen aufsuchen!« erklärte Denise.

Es gibt Abhänge, auf denen man, wenn man sie einmal betreten, nicht wieder zurück kann.

Nachdem Méchinet den ersten Einflüsterungen des Fräuleins von Chandoré nachgegeben, war er für alle Zukunft in ihren Händen.

»Nein, gehen Sie nicht hin, mein Fräulein«, sagte er. »Sie würden weder Blangin genügsam beweisen, daß er sich in keiner Weise in Gefahr begibt, noch seine Geldgier genügend anspornen. Ich selbst werde mit ihm sprechen.«

»Oh, mein Herr!« rief Denise, »wie soll ich jemals –«

»Wieviel kann ich bieten?« unterbrach sie der Gerichtsschreiber.

»Alles, was Sie für angemessen halten, alles –«

»Dann, mein Fräulein, werde ich Ihnen morgen und zur selben Stunde wie heute die Antwort bringen.«

Mit diesen Worten entfernte er sich und ließ Denise so in Hoffnung aufgehend zurück, daß die Tanten Lavarande und die Marquise von Boiscoran, denen sie nichts verraten hatte, sich den Rest des Abends und den ganzen folgenden Tag unaufhörlich fragten: »Was mag wohl die Kleine haben?«

Sie träumte nur davon, daß, wenn die Antwort günstig ausfiele, sie Jacques nach vierundzwanzig Stunden wiedersehen würde, und sagte sich voll Ungeduld: »Wenn nur Méchinet Glück hat!«

Und in der Tat, er hatte es. Genau um zehn Uhr, wie am vorhergehenden Abend, war er an der kleinen Pforte und rief ihr leise entgegen:

»Es ist gelungen!«

So heftig war Denises Erregung, daß sie sich an einen Baum lehnen mußte.

»Blangin willigt ein«, fuhr der Gerichtsschreiber fort. »Ich habe ihm sechzehntausend Francs geboten. Das ist vielleicht zuviel?«

»Nein, viel zuwenig.«

»Er verlangt, daß sie ihm in Gold ausbezahlt werden.«

»Er wird es haben.«

»Endlich knüpft er Bedingungen an die Unterredung, die Ihnen vielleicht sehr hart erscheinen werden.«

»Reden Sie, mein Herr.«

»Obgleich er alle Vorsichtsmaßregeln getroffen für den Fall, daß er entdeckt würde, wünscht Blangin doch, dem vorzubeugen. Folgenderweise will er die Sache geregelt wissen: Morgen abend um sechs Uhr werden Sie an dem Gefängnis vorbeigehen. Die Tür wird offen sein, und an der Tür wird Blangins Frau stehen, die Sie kennen müssen, da sie früher in Ihren Diensten war. Wenn sie Sie nicht grüßt, so setzen Sie Ihren Weg fort; dann wäre ein unerwartetes Hindernis eingetreten. Grüßt sie aber, so gehen Sie zu ihr, sie wird Sie in eine kleine Kammer führen, die mit ihrer Wohnung zusammenhängt. Dort werden Sie bis zu der notwendig ziemlich vorgerückten Stunde verweilen, da Blangin hoffen kann, Sie ohne Gefahr in Herrn von Boiscorans Zelle zu führen. Nach beendeter Unterredung kehren Sie in dies kleine Zimmer zurück, wo ein Bett für Sie bereitstehen wird, und Sie werden den Rest der Nacht dort verbringen . . . Denn das ist die schreckliche Bedingung: Sie werden das Gefängnis nicht vor Tagesanbruch verlassen können.«

In der Tat – das schien schrecklich!

Trotzdem entgegnete Denise nach kurzem Besinnen:

»Gleichviel! Ich willige ein. Sagen Sie Herrn Blangin, daß alles angenommen ist.«

Da Fräulein Denise in die Bedingungen des Gefängniswärters Blangin einwilligte, so war soweit alles gut, alles in Ordnung; aber schwerer war es vielleicht, die Einwilligung des Herrn von Chandoré zu erhalten.

Das arme junge Mädchen begriff dies so wohl, daß es zum erstenmal in seinem Leben sich seinem Großvater gegenüber verlegen fühlte, sich die Rede vorbereitete, nach Ausdrücken suchte.

Aber vergebens hatte sie mit einer Kunst, deren sie sich gestern noch unfähig geglaubt, die Seltsamkeit ihres Begehrens zu beschönigen gesucht.

»Nie!« rief Herr von Chandoré, »nie! niemals!«

Nie, soviel war gewiß, hatte der alte Edelmann sich mit so bestimmter Autorität ausgedrückt. Nie hatten sich seine Augenbrauen so zusammengezogen. Nie hatte er auf ein Verlangen seiner Enkelin »nein« gesagt, ohne daß die Augen »ja« geantwortet hätten.

»Das kann ich nicht dulden!« rief er wiederholt, »daß Denise die Nacht im Gefängnis von Sauveterre zubrächte, um eine Zusammenkunft mit ihrem Bräutigam zu haben, der des Mordes und der Brandstiftung angeklagt ist – die ganze Nacht allein, dem unbeschränkten Gutdünken eines Gefängniswärters, eines harten, rohen, gierigen Mannes überlassen. Nein, das werd' ich nie gestatten!« rief der alte Edelmann noch einmal.

Gelassen ließ Fräulein Denise das Unwetter vorüberziehen.

»Und wenn es dennoch sein muß?« entgegnete sie, als ihr Großvater innehielt.

Herr von Chandoré zuckte die Achseln.

»Wenn es sein muß«, beharrte sie mit erhobener Stimme, »um Jacques dahin zu bringen, daß er ein System aufgibt, das ihn ins Verderben zieht; um ihn zu überzeugen, daß er vor dem Ende der Untersuchung sprechen muß?«

»Das ist nicht deine Rolle, mein Kind!«

»O Großvater!«

»Das ist die Aufgabe seiner Mutter. Was Blangin versprochen hat, für dich zu wagen, das wird er unter denselben Bedingungen auch für sie auf sich nehmen. Mag Frau von Boiscoran die Nacht im Gefängnis zubringen, ich werde einverstanden sein; mag sie ihren Sohn sehen, sie wird ihre Pflicht erfüllen.«

»Ihr wird es nicht gelingen, Jacques Entschluß zu ändern.«

»Und du glaubst mehr über ihn zu vermögen als seine Mutter?«

»Das ist etwas anderes, lieber Papa!«

»Gleichviel!«

Dies »Gleichviel«, wie Herr von Chandoré es aussprach, war nicht weniger als sein »Unmöglich«. Aber er diskutierte. Und wer diskutiert, setzt sich der Gefahr aus, von den Einwänden seines Gegners besiegt zu werden.

»Beharre nicht länger, liebste Tochter«, hob er von neuem an, »mein Entschluß ist unwiderruflich gefaßt, und ich schwöre dir . . .«

»Schwöre nicht, mein guter Papa!« unterbrach ihn das junge Mädchen rasch.

Und so entschlossen war ihre Haltung, so fest ihr Ton, daß der alte Edelmann einen Augenblick verdutzt dastand.

»Wenn ich es aber nicht will?« begann er.

»Du wirst einwilligen, guter Papa, du wirst deine Enkelin, die dich so lieb hat, nicht in die schmerzliche Notwendigkeit versetzen, dir zum ersten Male in ihrem Leben ungehorsam zu werden.«

»Weil ich in der Tat zum erstenmal nicht den Willen meiner Enkelin erfülle?«

»Liebster Papa, laß mich dir sagen . . .«

»Höre du lieber mich an, armes, liebes Kind, und laß mich dir zeigen, welchen Gefahren, welchem Unglück du dich aussetzest . . . Die Nacht in diesem Gefängnis verbringen, das hieße, verstehst du wohl, deine Mädchenehre aufs Spiel setzen, das Glück, die Ruhe deines ganzen Lebens . . .»

»Die Ehre und das Leben Jacques' sind in Gefahr.«

»Arme Unvorsichtige! Bist du sicher, daß er selbst nicht der erste sein könnte, dir deinen Schritt erbarmungslos vorzuwerfen?«

»Er!«

»Die Männer sind so beschaffen, daß sie sich gegen die bewunderungswürdigste Hingebung erzürnen!«

»Es sei. Ich werde unter Jacques ungerechten Vorwürfen weniger leiden, als wenn ich meine Pflicht nicht erfülle.«

Verzweiflung ergriff endlich Herrn von Chandoré.

»Und wenn ich bäte, Denise, statt zu befehlen . . . Wenn dein alter Großvater dich auf den Knien anflehte, diesem unglückseligen Plan zu entsagen?«

»Du würdest mir eine furchtbare Pein verursachen, bester Papa – und es wäre doch umsonst. Denn ich würde deinen Bitten widerstehen, wie ich deinen Befehlen widerstehe.«

»Unerbittlich!« rief der Greis, »sie ist unerbittlich!«

Und plötzlich den Ton ändernd, sprach er: »Ich habe dennoch zu befehlen!«

»Liebster Großvater, um Gottes willen!«

»Und weil nichts dich rühren kann, so werde ich Méchinet und Blangin meinen Willen zu wissen geben.«

Weißer als Marmor, aber mit funkelnden Augen trat Denise einen Schritt zurück.

»Wenn du das tätest, Großvater, wenn du meine letzte Hoffnung zerstörtest . . .« unterbrach sie ihn.

»Nun?«

»Morgen – ich schwöre es dir beim Gedächtnis meiner Mutter – wäre ich in einem Kloster, und du sähest mich nie mehr wieder; nein, auch nicht im Augenblick meines Todes, der nicht lange ausbleiben würde . . .«

Mit verzweifelter Gebärde erhob Herr von Chandoré seine Arme zum Himmel und rief mit rauher Stimme:

»O mein Gott! Das sind unsere Kinder, und das haben wir zu erwarten, wenn wir alt werden! Unser ganzes Dasein ging darin auf, über sie zu wachen; sie sind unsere liebste Sorge, unsere schönste Hoffnung gewesen. Wie wir ihnen unser ganzes Leben Tag für Tag gewidmet, so sind wir bereit, ihnen unser Blut Tropfen für Tropfen dahinzugeben, sie sind unser alles, und wir glauben uns geliebt! . . . Arme Toren! Eines Tages geht ein junger Mann vorüber, lachend, sorglos, strahlenden Auges, ein Liebeswort auf den Lippen, und es ist aus – unser Kind ist nicht mehr unser, es kennt uns nicht mehr . . . Stirb in deinem Winkel, Greis!«

Und wie eine Eiche unter der Axt erlag der alte Edelmann seiner Aufregung, schwankte und fiel schwer auf einen Lehnsessel nieder.

»Oh, es ist furchtbar!« flüsterte Denise. »Es ist furchtbar, was du da sprichst! Wie, du könntest an mir zweifeln?«

Weinend kniete sie nieder, und ihre Tränen rannen über die Hände des Alten.

Bei dieser Empfindung richtete er sich wieder auf und nahm einen letzten Anlauf:

»Unglückliche! Und wenn Jacques schuldig wäre und er bei deinem Erscheinen dir ein Geständnis seines Verbrechens machte . . .«

Denise schüttelte den Kopf.

»Es ist unmöglich«, sagte sie; »und wenn es dennoch wäre, so müßte ich mit ihm bestraft werden, denn ich fühle, daß, wenn er es gewollt hätte, ich seine Mitschuldige geworden wäre . . .«

»Sie ist toll!« seufzte Herr von Chandoré, in seinen Sessel zurückfallend, »sie ist toll!«

Aber er war besiegt, und am folgenden Tage um sechs Uhr abends ging er, das Herz von dem furchtbarsten Schmerz zerrissen, seine Enkelin am Arme führend, die Rue de la Montagne hinab.

Denise hatte die einfachste dunkelste Kleidung gewählt, und das Täschchen, welches sie am Arme trug, enthielt nicht sechzehn-, sondern zwanzigtausend Francs in Gold.

Selbstverständlich hatte man Frau von Boiscoran, die Tanten Lavarande und Herrn Folgat ins Vertrauen ziehen müssen, und zu Herrn von Chandorés tiefstem Schreck hatte niemand einen Einwand gewagt.

Bis zu der Straße, wo das Gefängnis liegt, hatten Großvater und Enkelin kein Wort gewechselt.

Hier aber sagte Denise:

»Ich sehe Frau Blangin vor der Tür, liebster Großvater, laß uns gut achtgeben.«

Sie näherten sich; Frau Blangin grüßte.

»Der Augenblick ist gekommen!« sagte das junge Mädchen. »Auf morgen, liebster Großvater! Komm wohl nach Hause und beunruhige dich nicht.«

Und auf die Frau des Gefängniswärters zutretend, verschwand sie im Innern des Gefängnisses.


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