Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

 << zurück weiter >> 

32

Der Marquis von Boiscoran hatte die Wahrheit gesagt: Bereits durch Denises Mitteilung stark erschüttert, war Herr Magloire vollständig überwunden worden durch die von Herrn Folgat aus Paris gebrachten Neuigkeiten, und er erschien im Gefängnisse mit der festen Überzeugung von Jacques' Schuldlosigkeit.

»Ich bezweifle jedoch sehr, daß er mir meine Ungläubigkeit verzeihen wird«, sagte er zu seinem Kollegen, während sie den Gefangenen in seiner Zelle erwarteten.

Jacques trat bei diesen Worten ein und war noch ganz ergriffen von der letzten Umarmung seines Vaters.

Magloire trat ihm entgegen.

»Jacques«, begann er, »ich pflege niemals meine Gedanken zu verhehlen. Indem ich Sie schuldig glaubte und mir einredete, daß Sie die Gräfin Claudieuse fälschlich beschuldigten, habe ich Ihnen dies freimütig, sogar in grober Weise gesagt. Überzeugt von der Wahrheit Ihrer Behauptungen, komme ich nun, um Ihnen nicht weniger aufrichtig zu gestehen: Ich habe geirrt, indem ich dem Rufe einer Frau mehr glaubte als dem Worte eines Freundes. Wollen Sie mir die Hand geben?«

Jacques nahm die ihm dargebotene Hand und drückte sie mit einem Ausbruch von Freude.

»Wenn Sie an meine Schuldlosigkeit glauben«, rief er, »werden auch andere daran glauben, und die Stunde meiner Rettung ist nahe!«

Aber als er die traurig ernsten Gesichter seiner Verteidiger sah, mußte er sich wohl sagen, daß er zu früh frohlockt hatte. Seine Züge verfinsterten sich; dennoch sprach er mit fester Stimme:

»Wohlan, ich sehe, daß der Kampf sich noch verlängern wird und der Erfolg noch ungewiß ist . . . gleichviel! Seien Sie versichert, daß ich nicht ermatten werde.«

Herr Folgat hatte inzwischen bereits alle seine Papiere, die von Méchinet erhaltenen Abschriften und die flüchtigen Notizen seiner Reise, auf dem Tische ausgebreitet.

»Vor allem«, begann er, »möchte ich Sie von meinen Schritten in Kenntnis setzen.«

Er gab nun dem Gefangenen ein vollständiges und genaues Bild seiner gemeinschaftlich mit Goudar unternommenen Nachforschungen.

»Fassen wir die Lage der Dinge zusammen«, sagte er dann. »Wir sind bis jetzt imstande, dreierlei zu beweisen: Erstens, daß das Haus in der Rue de la Vigne Ihnen gehört und daß jener Sir Francis Burnett, welchen man dort kennt, kein anderer war als Sie. Zweitens, daß Sie in diesem Hause den Besuch einer Dame empfingen, welche nach den Vorsichtsmaßregeln, die sie nahm, darauf schließen ließ, daß sie ein großes Interesse hatte, sich nicht erkannt zu sehen. Drittens, daß diese Besuche nur in einer gewissen Zeit jedes Jahres vorkamen, die genau mit den Reisen und dem Aufenthalt der Gräfin von Claudieuse in Paris zusammenfiel.«

Der Anwalt von Sauveterre gab seine Zustimmung durch Kopfnicken zu erkennen.

»Jawohl«, sagte er, »alles dies ist ein entschiedener Gewinn für den Prozeß.«

»Für uns selbst«, fuhr sein junger Kollege fort, »haben wir noch eine gewisse Neuigkeit, nämlich die, daß die Wirtschafterin des falschen Sir Francis Burnett, Suky Wood, die geheimnisvolle Besucherin in der Rue de la Vigne dennoch beobachtet und gesehen hat, daß sie demnach zu gegebener Zeit sie wiedererkennen wird.«

»Sehr richtig. Dies geht aus der Aussage von Sukys Freundin hervor.«

»Sobald wir daher diese Suky Wood wiederfinden, wird die Gräfin Claudieuse entlarvt werden.«

»Wenn wir sie wiederfinden!« betonte Magloire. »Damit kommen wir unglücklicherweise ins Gebiet der Hypothesen.«

»Gut, seien es Voraussetzungen«, versetzte Folgat; »aber sie gründen sich auf bestimmte Tatsachen, und ihre Wahrscheinlichkeit läßt sich an hundert Beispielen erweisen. Warum sollten wir Suky nicht wiederfinden, da wir ihren Geburtsort und ihre Familie kennen und sie keinerlei Ursache hat, sich verborgen zu halten?«

Und indem er in demselben Maße lebhafter wurde, in welchem die Zahl der dem Angeklagten günstigen Umstände sich mehrte, fuhr er fort:

»Goudar hat schon andere Leute aufgefunden, die schwerer aufzufinden waren, und Goudar ist unser. Sie können überzeugt sein, daß er nicht rasten wird, denn ich habe ihm etwas angedeutet, das Wunder wirkt, die Hoffnung nämlich auf das Haus in der Rue de la Vigne als Lohn für die Rettung des Herrn von Boiscoran. Das Spiel ist zu hoch, als daß er die Partie nicht gewinnen sollte, namentlich da er selbst dabei so viel gewinnt. Wer weiß, was er schon entdeckt hat, seit ich ihn verlassen habe! Und wer vermag zu sagen, was er hier nicht noch entdeckt! Hat er doch schon am ersten Tage Erstaunliches geleistet.«

»Es ist wirklich erstaunlich!« rief Jacques, beglückt über die ihm völlig unerwarteten, fast wunderbaren Resultate.

Der berühmte Anwalt von Sauveterre war älter als Folgat und Jacques und weniger rasch mit seinem Enthusiasmus.

»Ja, es ist erstaunlich«, wiederholte er, »und wenn uns Zeit genug bleibt, so sage ich mit Ihnen: ›Wir setzen es durch.‹ Aber für die Nachforschungen Goudars fehlt es an Zeit, die Schwurgerichtssession ist nahe, und einen Aufschub des Prozesses zu beantragen, scheint mir sehr bedenklich.«

»Überdies will ich keinen Aufschub!« unterbrach ihn Jacques.

»Indessen . . .«

»Um keinen Preis, Magloire! Niemals! Was! Ich sollte mich noch weitere drei Monate quälen lassen? Ich kann nicht mehr, meine Kräfte gehen zu Ende. Weg mit allen Ungewißheiten! Es muß der Sache ein Ende gemacht werden.«

Herr Folgat machte eine abwehrende Bewegung.

»Ereifern Sie sich nicht«, sagte er; »einen Aufschub zu erlangen ist unmöglich. Welcher Vorwand könnte uns berechtigen, ihn zu fordern? Etwa die Unzulänglichkeit der Untersuchung? Die Beweisaufnahme ist im jetzigen Zustand unangreifbar. Wir müßten aber in die Sache ein ganz neues Element einführen, das heißt den Namen der Gräfin von Claudieuse nennen.«

Eine außerordentliche Überraschung malte sich in Jacques' Gesicht.

»Wollen Sie sie denn nicht ohnedies nennen?« fragte er.

»Das hängt von den Umständen ab.«

»Aber ich begreife Sie nicht.«

»Es ist dennoch sehr einfach. Wenn es noch vor Beginn der Verhandlung Goudar gelingt, gegen sie hinreichende Schuldmomente beizubringen, dann nenne ich sie, und dann ändert sich die Sache bedenklich; es beginnt eine neue Untersuchung, in welcher Sie wahrscheinlicherweise nur als Zeuge erscheinen. Wenn aber bis vor dem Tage der Verhandlung keine weiteren Beweise erlangt werden als die, welche wir schon besitzen, dann nenne ich sie nicht, denn dies würde, wie auch Herr Magloire meint, Ihre Sache unwiederbringlich zu einer verlorenen machen.«

»Ja, dies ist auch meine Ansicht«, bemerkte der alte Anwalt.

Die Bestürzung Jacques' war ohne Grenzen.

»Indessen«, warf er ein, »wenn ich vor den Geschworenen erscheinen muß, wird meine Verteidigung es doch wohl nötig machen, meine Beziehungen zu Frau von Claudieuse zu erwähnen.«

»Nein.«

»Diese erklären doch alles!«

»Wie man's nimmt.«

»Aber glauben Sie denn, mich zu verteidigen und mich retten zu können, ohne die Wahrheit zu sagen?«

Der Pariser Anwalt schüttelte den Kopf.

»Beim Schwurgericht, mein Herr von Boiscoran, ist die Wahrheit von sehr geringer Bedeutung.«

»Oh!«

»Werden denn die Geschworenen diejenigen Ihrer Ausführungen als überzeugend aufnehmen, die sogar Ihr Freund Magloire anfangs zurückgewiesen hat? Nein! Sprechen wir nicht mehr davon, sondern suchen wir eine Erklärung auszudenken, welche die gegen Sie erhobenen Beschuldigungen zu entkräften geeignet ist. Glauben Sie etwa, daß wir die ersten sind, die nach einem solchen Plane arbeiten? Keineswegs. Es gibt wenig Gerichtsfälle, in denen der öffentliche Ankläger alles sagt, was er sagen sollte, und noch weniger, in welchen der Verteidiger alles anführt, was er anführen könnte. Was ist denn die gegen Sie erhobene Anklage anderes als die Aufstellung eines vom Untersuchungsrichter erfundenen Romans, in welchem er Sie als Schuldigen darstellt? Stellen wir ihm einen andern Roman entgegen, in welchem Sie schuldlos sind!«

»Aber die Wahrheit. . .«

»Wird durch die Wahrscheinlichkeit ausgestochen, mein verehrter Klient. Fragen Sie hierüber Herrn Magloire. Die Anklage läßt sich nur durch die Wahrscheinlichkeit beunruhigen, folglich kann nur die Wahrscheinlichkeit die einzige Sorge der Verteidigung sein. Die menschliche Gerechtigkeit, schwach und begrenzt in ihren Mitteln, steigt nicht bis zum tiefsten Grund der Dinge hinab, um die Beweggründe zu erkennen und die Gewissen zu prüfen, sondern sie entscheidet nach den Wahrscheinlichkeiten, nach den Erscheinungen; und es kommen vor Gericht nicht oft Sachen vor, die nicht ihre geheimnisvollen und unaufgeklärten Seiten behielten. Die Wahrheit! rufen Sie. Bilden Sie sich ein, daß Herr Galpin-Daveline sie gesucht hat? Wenn dies der Fall wäre, warum läßt er Cocoleu nicht wieder auftreten? Die Wahrheit! . . . Wer von uns kennt sie denn? Ihre Angelegenheit, Herr von Boiscoran, ist von der Art, daß weder die Anklage noch die Verteidigung noch der Beschuldigte selbst das Geheimnis besitzt.«

Ein langes Schweigen folgte dieser Rede, ein Schweigen so tief, daß man den eintönigen Schritt des Wachtpostens unter den Fenstern des Gefängnisses hören konnte. Folgat hatte alles gesagt, was er für erforderlich erachtete. Er fürchtete, wenn er mehr sagte, eine zu schwere Verantwortung auf sich zu laden. Jacques' Ehre und Leben stand auf dem Spiel, er selbst hatte also über das von der Verteidigung zu befolgende System zu entscheiden.

Gestützt auf seine Entscheidung – setzte man für den Fall des möglichen, wenn nicht sogar wahrscheinlichen Mißerfolgs sich nicht der Gefahr aus, ihn ausrufen zu hören: »Warum habt ihr mir nicht meinen freien Willen gelassen? Es wäre dann nicht so weit gekommen!«

Um diese Richtung genauer anzudeuten, sagte Folgat: »Der Rat, den ich Ihnen gebe, mein verehrter Klient, ist nach meiner Meinung der beste, und ich habe ihn auch meinem Herrn Kollegen mitgeteilt. Leider vermag ich nicht zu behaupten, daß er unfehlbar sei. Ihnen steht die Wahl frei. Welches aber auch Ihre Entscheidung sein möge, ich bleibe Ihnen zur Verfügung.«

Jacques schwieg. Er blieb, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, das Gesicht zwischen den Händen, regungslos wie eine Statue, in Gedanken verloren.

Was beschließen? Seiner ersten Eingebung folgen, alle Schleier zerreißen, die Wahrheit ausrufen – das war gewagt. Aber welcher Triumph, wenn es glückte!

Den Plan seiner Anwälte annehmen, allerhand Scheinbewegungen machen, erlisten, klügeln, lügen . . . das war sicherer, aber wenn die Sache in dieser Weise gelang, war das ein Sieg zu nennen?

Jacques fühlte sich entsetzlich verlegen und befangen. Nur das eine stand ihm klar vor der Seele: wie er auch entschied, sein künftiges Schicksal hing davon ab.

Rasch hob er jetzt den Kopf.

»Welches ist Ihr Rat, Magloire?« fragte er.

Der berühmte Anwalt von Sauveterre zog die Brauen zusammen und sagte in scharfem Tone: »Alles, was Ihnen mein junger Kollege sagte, habe ich bereits Ihrer Frau Mutter vorzutragen die Ehre gehabt. Herr Folgat hat nur den einen Fehler gemacht, daß er in seiner Darlegung zu viele Rücksichten nahm. Der Mediziner fragt, wenn er seine Arznei verschreibt, nicht danach, was der Kranke dazu meint. Möglich, daß unsere Rezepte nicht zu Ihrer Rettung führen, aber wenn Sie sie nicht befolgen, sind Sie sicher verloren.«

Jacques zögerte noch einige Minuten. Die Rezepte, wie Magloire sich ausdrückte, widerstrebten seinem ritterlichen und geraden Charakter von Grund auf.

»So freigesprochen werden«, murmelte er, »welch ein Dasein! Bin ich dann wirklich und für alle schuldfrei? Wird nicht vielmehr dann meine ganze Existenz für immer von unbestimmtem Verdacht verdunkelt sein? Ich würde nicht erhobenen Hauptes aus der Verhandlung hervorgehen, ich würde mich in gewissem Sinne auf einer geheimen Treppe und durch eine Hintertür davonschleichen.«

»Immer noch besser, als durch die Haupttür ins Zuchthaus wandern!« versetzte Magloire schroff.

Bei dem Worte »Zuchthaus« sprang Jacques wie von einem elektrischen Schlage getroffen empor. Er schritt einige Male in seiner Zelle auf und nieder und stellte sich dann seinen Verteidigern gerade gegenüber.

»Ich ergebe mich Ihnen, meine Herren«, sagte er. »Schreiben Sie mir meinen Weg vor, ich werde gehorchen.«

Jacques besaß unter allen Umständen die Eigenschaft, daß, wenn er einmal einen Entschluß gefaßt hatte, er nicht mehr hin und her schwankte, sondern die festgesetzte Richtung einhielt. Ruhig und kaltblütig ließ er sich wieder nieder und fuhr mit traurigem Lächeln fort:

»Gut denn, machen wir den Schlachtplan!«

Dieser Plan hatte seit einem Monat die fortwährende und fast einzige Beschäftigung des Herrn Folgat gebildet. Alles, was er an Geist, Scharfsinn und Erfahrung besaß, hatte er angewendet, um diesen Rechtsfall, der durch das ihm innewohnende leidenschaftliche Interesse in gewissem Sinne der seinige geworden war, kunstvoll zu zerlegen. Er kannte das Verfahren der Anklage so genau wie Galpin-Daveline selbst, und besser noch als dieser deren starke Seiten und deren Schwächen.

»Wir werden also«, begann er, »vorgehen, als ob eine Frau von Claudieuse gar nicht vorhanden wäre. Wir kennen sie nicht mehr. Es gibt für uns kein Zusammentreffen mit ihr in Valpinson und keine verbrannten Briefe.«

»Angenommen!«

»Wir haben weiter zu suchen, nicht wie wir unsere Zeit zugebracht haben, sondern wie wir unsern Ausgang am Abend des Verbrechens erklären. Wenn wir eine möglichst glaubwürdige, möglichst wahrscheinliche Erklärung erfinden können, so bin ich des Erfolgs fast ganz sicher, aber wir dürfen uns hierin nicht vergreifen, es ist der Knoten der ganzen Sache und der Punkt, um welchen sich im wesentlichen die Verhandlung drehen wird.«

In dieser Beziehung schien Jacques nicht vollkommen überzeugt.

»Ist dies denn möglich?« fragte er.

»Es ist unglücklicherweise nur zu gewiß«, erwiderte Folgat. »Wenn ich sage ›unglücklicherweise‹, so geschieht es, weil wir in diesem Punkte eine schwere Anschuldigung gegen uns haben, sicher die entscheidendste, wenn sie wieder erhoben werden sollte, auf die aber Herr Galpin-Daveline nicht das gehörige Gewicht gelegt hat – er war dazu wohl zu fein! –, die aber in den Händen des öffentlichen Anklägers leicht zur Waffe des Gnadenstoßes werden könnte.«

»Ich muß gestehen«, versetzte Jacques, »daß ich nicht recht weiß, wie . . .«

»Erinnern Sie sich nicht an den Brief, den Sie am Tage des Verbrechens an Fräulein Denise geschrieben haben?«

Jacques blickte seine Verteidiger einen um den andern fragend an. »Was tut denn dieser Brief zur Sache?«

»Er belastet uns, mein verehrter Klient. Ist er Ihnen nicht mehr gegenwärtig? Sie sagten darin Ihrer Braut, daß Sie durch eine Sache von größter Wichtigkeit, die keinen Aufschub erleiden könne, von dem Vergnügen abgehalten würden, den Abend bei ihr zuzubringen. Hiermit also sprachen Sie nach reiflicher Überlegung die Absicht aus, Ihren Abend irgendwo anders in einer gewissen Angelegenheit zuzubringen. Und in welcher Angelegenheit? Die Anklage behauptet, es sei die Ermordung des Grafen Claudieuse gewesen. Was entgegnen wir darauf?«

»Aber, entschuldigen Sie! Diesen Brief hat doch Fräulein Denise nicht bekanntgegeben.«

»Dennoch kennt die Anklage sein Vorhandensein. Herr von Chandoré und Herr Sénéchal haben wiederholt, in dem Glauben, Sie zu entlasten, den Inhalt angegeben. Herr Galpin-Daveline wußte so genau davon, daß er bei mehreren Vernehmungen Ihnen gegenüber davon gesprochen hat, und Sie selbst haben eingestanden, was er wissen wollte.«

Der junge Anwalt suchte unter den auf dem Tisch ausgebreiteten Papieren, und bald hatte er das Protokoll gefunden.

»Hören Sie«, fuhr er fort, »was Sie in Ihrer dritten Vernehmung ausgesagt haben:

Frage: Sie beabsichtigen, nächstens Fräulein von Chandoré zu heiraten?

Antwort: Ja.

Frage: Sie brachten seit langer Zeit alle Ihre Abende bei ihr zu?

Antwort: Alle.

Frage: Ausgenommen indessen den Abend des Verbrechens?

Antwort: Unglücklicherweise.

Frage: Mußte hierüber Ihre Braut nicht überrascht sein?

Antwort: Nein, denn ich hatte ihr geschrieben.«

»Hören Sie es, Jacques?« rief Magloire. »Und bemerken Sie wohl, daß Herr Daveline sich in acht nahm, bei diesem Punkte zu beharren. Er fürchtete, Sie stutzig zu machen. Als er Ihr Eingeständnis hatte, war er zufrieden.«

Schon hatte indes Herr Folgat eine andere Abschrift gesucht und gefunden.

»In Ihrem sechsten Verhör«, fuhr er fort, »ist folgendes vorgekommen:

Frage: Ferner ist noch der Zweck nicht festgestellt, weshalb Sie am Abend des Verbrechens mit einem Gewehr ausgegangen sind.

Antwort: Ich werde mich hierüber erst nach einer Besprechung mit meinem Verteidiger erklären.

Frage: Man hat nicht erst Beratung nötig, um die Wahrheit zu sagen.

Antwort: Nichts wird meinen Entschluß wankend machen.

Frage: Ferner verweigern Sie nicht weniger beharrlich die Angabe darüber, wo Sie sich von acht Uhr abends bis Mitternacht befunden haben.

Antwort: Ich werde diese Frage erst gleichzeitig mit der andern beantworten.

Frage: Sie müssen für Ihr Wegbleiben an diesem Abend doch einen sehr ernsten Grund gehabt haben, da Sie doch wohl wußten, daß Ihre Braut, Fräulein von Chandoré, Sie erwartete.

Antwort: Ich hatte ihr geschrieben, daß sie mich nicht erwarten solle.«

»Ah, Galpin-Daveline ist ein gewandter Spürhund!« murmelte Magloire.

»Weiter ist hier«, fuhr Folgat fort, »ein Auszug aus Ihrem vorletzten Verhör:

Frage: Wenn Sie für Sauveterre einen Auftrag hatten, wen pflegten Sie damit zu betrauen?

Antwort: Den Sohn meines Pächters, Michel.

Frage: So war es dieser, welcher am Abend des Verbrechens den Brief, worin Sie Ihrer Verlobten schrieben, sie solle nicht auf Sie warten, nach Sauveterre trug?

Antwort: Ja.

Frage: Sie gaben an. durch eine sehr wichtige Angelegenheit abgehalten zu werden?

Antwort: Dies ist der übliche Vorwand.

Frage: Aber Ihrerseits war es kein Vorwand. Wohin wollten Sie gehen? Wohin sind Sie gegangen?

Antwort: Solange ich meinen Anwalt nicht habe sprechen können, werde ich darüber schweigen.

Frage: Hüten Sie sich! Das System des Ableugnens und Verschweigens ist gefährlich!

Antwort: Ich kenne die Gefahr und scheue sie nicht.«

Jacques war wie niedergedonnert. Unglücklicherweise ging es ihm wie allen Angeklagten, denen man die Protokolle ihrer Verhöre vorlegt. Nicht einer, der da nicht riefe: »Was! Dies habe ich gesagt, ich?«

Er hatte es gesagt, und es war nicht wegzuleugnen, es stand geschrieben und war unterzeichnet. Aber wie hatte er nur so etwas sagen können?

Man muß das erlebt haben, man muß Angeklagter oder Richter gewesen sein, um vollständig zu beurteilen, wie ungleich die Partie ist; um zu begreifen, daß die Anordnungen des Gesetzes nur billig sind, wenn der Angeklagte schuldig ist, daß es aber traurig ist, wenn die Unschuld nicht denselben Schutz findet wie das Verbrechen.

Das war es, was Jacques erkennen mußte. Die Fragen, welche ihm vorgelegt worden waren, erschienen ihm so gewöhnlich und wurden in so langen Zwischenräumen gestellt, daß er sie rein vergessen hatte, und als er sich jetzt wieder an seine Antworten erinnert sah, fand er, daß er in ganz bestimmter Weise eingestanden hatte, am Abend des Verbrechens ein sehr wichtiges Unternehmen vorgehabt zu haben.

»Es ist entsetzlich!« rief er.

Und ergriffen von der erschreckenden Wirklichkeit der Besorgnisse Folgats, fügte er hinzu: »Wie kann ich dem entgehen?«

Vielleicht waren die Verteidiger, insbesondere Magloire, mit diesem Entsetzen ihres Klienten nicht unzufrieden, weil es ihnen seine Fügsamkeit verbürgte.

»Ich habe es Ihnen schon gesagt«, erwiderte Folgat. »Es ist nötig, eine glaubhafte Erklärung auszudenken.«

»Dazu muß ich mich als rein unfähig bekennen.«

Der junge Anwalt schien seine Gedanken zu sammeln.

»Herr von Boiscoran«, sagte er dann, »Sie sind Gefangener, und ich war frei. Ich denke seit einem Monat über einen Verteidigungsplan nach und habe mich demgemäß auch anhaltend mit diesem Angelpunkte beschäftigt.«

»Ah! Nun?«

»Wo sollte Ihre Vermählung gefeiert werden?«

»Bei mir in Boiscoran.«

»Und wo sollte die religiöse Zeremonie stattfinden?«

»In der Kirche zu Bréchy.«

»Haben Sie darüber mit dem Pfarrer gesprochen?«

»Mehrmals. Er selbst sagte mir eines Tages über diesen Gegenstand halb scherzend: ›Ich werde Sie nun wohl bald in meinem Beichtstuhl sehen.‹«

Herr Folgat ließ etwas wie freudiges Erbeben erkennen, was Jacques nicht entging.

»Demnach war«, versetzte er, »der Pfarrer von Bréchy Ihr Freund.«

»Ganz intim, jawohl. Er hat mich einige Male ohne alle Förmlichkeiten zum Mittagessen eingeladen, und ich bin nie in die Nähe seiner Wohnung gekommen, ohne bei ihm vorzusprechen und ihm die Hand zu drücken.«

Die Genugtuung des jungen Anwalts wurde immer sichtbarer.

»Meine Erklärung ist ganz entschieden nicht unwahrscheinlich!« rief er. »Hören Sie mich an und glauben Sie mir, daß ich in bezug auf meine Erkundigungen vollkommen sicher bin. Zwischen neun und elf Uhr am Abend des Verbrechens war in der Pfarrwohnung zu Bréchy kein Mensch anwesend. Der Pfarrer speiste im Schlosse zu Bresson, und die Haushälterin war ihm mit einer Laterne entgegengegangen.«

»Verstanden!« murmelte Magloire.

»Warum, mein verehrter Klient«, fuhr Folgat fort, »warum sollten Sie nicht an jenem Abend zum Pfarrer nach Bréchy gegangen sein? Erstlich haben Sie mit ihm die Einzelheiten Ihrer kirchlichen Trauung besprechen wollen, sodann haben Sie, da er Ihr Freund, ein Mann von Erfahrung und Priester ist, im Augenblick Ihrer Verheiratung seinen Rat einholen wollen, und endlich haben Sie die Absicht gehabt, sich der religiösen Pflicht zu entledigen, an die er Sie gemahnt hat und die Ihnen ein wenig zuwider gewesen ist.«

»Sehr gut!« bestätigte der berühmte Anwalt von Sauveterre.

»Aus dem Grunde also, mein verehrter Klient«, sprach Folgat weiter, »wurden Sie von dem Vergnügen zurückgehalten, jenen Abend bei Ihrer Verlobten zuzubringen. Sie sehen, daß dieser Vorwand den betreffenden Teil Ihrer Anklage widerlegt. Man wird Sie vor allem fragen, warum Sie durch die Sümpfe gegangen sind. Ja, warum? Weil es der kürzeste Weg ist, und weil Sie befürchteten, bei späterem Erscheinen in Bréchy den Pfarrer schon zu Bett zu finden. Nichts ist natürlicher, da es gar wohl bekannt ist, daß dieser ausgezeichnete Gottesmann sonst die Gewohnheit hat, um neun Uhr zu Bett zu gehen. Indes haben Sie sich umsonst beeilt, denn als Sie an die Tür der Pfarrwohnung klopften, kam niemand, um Ihnen zu öffnen.«

Herr Magloire unterbrach seinen jungen Kollegen mit einer Gebärde.

»Bis hierher«, sagte er, »ist alles sehr gelungen . . . da aber zeigt sich eine Unwahrscheinlichkeit. Niemand wird es hier, um von Bréchy nach Boiscoran zurückzukehren, angezeigt finden, durch den Wald von Rodiepommier zu gehen. Wenn Sie das Land hier kennten . . .«

»Ich kenne es durch ganz sorgfältige Nachforschungen«, versetzte Folgat. »Und zum Beweise dessen bin ich, einen Einwand wie den Ihrigen voraussehend, auf eine Auskunft bedacht gewesen. Während Herr von Boiscoran an die Pfarrwohnung zu Bréchy klopfte, ging ein kleines Bauernmädchen, das er weiter nicht kennt, vorüber und sagte ihm, daß es den Herrn Pfarrer auf seinem Wege getroffen, und zwar nahe am Carrefour des Maréchaux. Die Lage des Pfarrhauses, isoliert und am Eingang des Dorfes, macht einen solchen Zufall durchaus annehmbar. Wer dieser von dem kleinen Mädchen gesehene Pfarrer war, hat mir ein Zufall übermittelt. Genau um die Zeit, zu welcher Herr von Boiscoran in Bréchy sein konnte, passierte in der Tat ein Geistlicher die Stelle nahe am Carrefour des Maréchaux, und dieser Geistliche, welcher ebenfalls im Schlosse zu Bresson speiste, ist der Seelsorger einer benachbarten Gemeinde und wurde abgerufen, um einer sterbenden Frau die Letzte Tröstung zu reichen. Das kleine Bauernmädchen log also nicht, sondern täuschte sich nur über die Person.«

»Erstaunlich!« rief Magloire.

»Und was tat der so unterrichtete Herr von Boiscoran?« fuhr Folgat fort. »Er ging in der Richtung des Carrefour fort, und in dem Glauben, den Pfarrer von Bréchy zu treffen, gelangte er bis zum Walde von Rochepommier. Endlich, freiwillig oder nicht, erkannte er, daß das kleine Mädchen ihn zu einem Irrtum verleitet hatte, und er entschloß sich, durch den Wald nach Boiscoran zu gehen. Er war aber, da er auf diese Weise einen ganzen Abend, den er an der Seite seiner Braut hätte verleben können, nutzlos verloren sah, sehr schlechter Laune, und daher kam es, daß er, wie der Zeuge Gaudry ausgesagt hat, vor sich hin Flüche und Verwünschungen ausstieß.«

Der berühmte Anwalt von Sauveterre schüttelte den Kopf.

»Das alles ist meisterlich«, sagte er, »ich erkenne es vollständig an, und ich gestehe in aller Demütigkeit, daß ich nie etwas Ähnliches zustande gebracht hätte; allein Ihre Erzählung erweckt Zweifel durch ihre bewunderungswürdige Einfachheit. Die Anklage wird Ihnen erwidern: ›Wenn dies die Wahrheit ist, warum hat Herr von Boiscoran sie nicht sogleich gesagt? Warum hatte er, um sie zu sagen, erst den Rat seiner Verteidiger nötig?‹«

Man konnte es am Zusammenziehen der Gesichtsmuskeln Folgats sehen, daß er seine Gedanken anstrengte.

»Ich sehe wohl ein«, sagte er, »daß hier der Hauptfehler meiner Erfindung liegt, denn es ist nur zu klar, daß, wenn Herr von Boiscoran gleich am Tage seiner Verhaftung diese Angaben gemacht hätte, er sofort freigelassen worden wäre. Aber wie etwas Besseres finden? Wie nur überhaupt etwas anderes? Was ich gab, ist indessen nur der erste Wurf meiner Idee, und es ist das erste Mal, daß ich ihm Gestalt gegeben . . . Mit Ihrer Hilfe, Herr Magloire, mit Hilfe Méchinets, der mir die wertvollsten Mitteilungen gemacht, und mit Hilfe aller unserer Freunde verzweifle ich noch nicht daran, meiner Erzählung irgendeine geheimnisvolle Besonderheit hinzufügen zu können, welche das systematische Schweigen des Herrn von Boiscoran hinreichend erklärt. Ich habe daran gedacht, die Politik hineinzuziehen und vorzugeben, Herr von Boiscoran habe, um seine ihm auch von andern zugeschriebenen republikanischen Gesinnungen nicht verdächtig zu machen, sich gescheut, seine vertraulichen Beziehungen zum Pfarrer von Bréchy kundzutun.«

»Oh, dies würde die allerschlimmste Wirkung hervorrufen!« unterbrach ihn Magloire. »Wir sind in Sauveterre nicht besonders religiös, aber wir sind Frömmler, lieber Kollege, außerordentliche Frömmler.«

»Deswegen habe ich meine Idee auch gleich wieder aufgegeben.«

Bis hierher war Jacques schweigsam und unbeweglich gewesen, jetzt erhob er sich plötzlich.

»Ist es nicht wunderlich«, rief er mit verhaltener Wut, »ist es nicht unerhört, daß wir uns abquälen, eine Lüge zusammenzusetzen? Und ich bin doch unschuldig! Was könnten wir denn mehr tun, wenn ich wirklich ein Mörder wäre?«

Jacques hatte tausendmal recht; es lag etwas Ungeheuerliches in der Notwendigkeit, in der er sich befand, die Wahrheit zurückzuhalten. Aber seine Verteidiger ließen sich, vertieft in die genaueste Prüfung des Verteidigungsplans, durch seine Ausrufe nicht beirren.

»Gehen wir zu den andern Anklagepunkten über«, sagte Magloire.

»Wenn meine Darstellung annehmbar wäre«, überlegte Folgat, »so wären es die übrigen Punkte von selbst. Aber ist sie es denn? Am Tage seiner Verhaftung hat Herr von Boiscoran als Vorwand seines Ausganges am Abend vorher angegeben, er sei zu seinem Holzhändler nach Bréchy gegangen. Unselige Unklugheit! Darin liegt die Gefahr! Was das übrige anlangt, was hat dies auf sich? Da ist die Rede von dem Wasser, in welchem sich Herr von Boiscoran nach seiner Rückkehr die Hände gewaschen und worin Reste verkohlten Papiers gefunden worden sind. Wir haben, um dafür eine Erklärung zu finden, die Wahrheit nur geringfügig zu ändern. Wir haben nur zu sagen, was Herr von Boiscoran bereits gesagt hat, aber einen andern Beweggrund unterzulegen. Herr von Boiscoran ist ein leidenschaftlicher Raucher, nicht wahr? Nun gut, er war auf seinem Wege nach Bréchy allerdings mit einer Schachtel Zigarren versehen, aber er hatte keine Streichhölzchen. Und dies ist keineswegs eine aus der Luft gegriffene Angabe. Wir liefern dafür Beweise und Zeugen. Wenn wir keine Streichhölzchen hatten, so kam dies daher, daß wir am Abend vorher das Streichholzetui, welches wir, wie alle Welt weiß, gewöhnlich bei uns zu tragen pflegten, bei Herrn von Chandoré hatten liegenlassen, wo es heute noch auf dem Kaminsims im kleinen Salon des Fräuleins Denise liegt. Wir hatten also keine Streichhölzchen und waren schon weit von Boiscoran entfernt, als wir dies bemerkten. Sollten wir nun weitergehen, ohne zu rauchen, oder wieder umkehren? Keins von beiden. Wir tragen ja unser Gewehr bei uns, und wir kennen das Verfahren, welches in solchen Fällen die Jäger anzuwenden gewohnt sind, um sich Feuer zu verschaffen. Wir haben aus einer unserer Patronen die Bleiladung herausgenommen und dann, das Pulver losbrennend, ein Stück Papier in Brand gesetzt. Dieses Verfahren ist nicht ausführbar, ohne daß man sich die Hände schwärzt, und weil wir es mehrfach wiederholten, haben wir uns die Hände stark geschwärzt und uns zwischen den Fingern mit verkohlten Papierresten beschmutzt.«

»Ah, diesmal bravo!« rief der berühmte Anwalt von Sauveterre.

Sein junger Kollege, von dem Beifall angefeuert, fuhr lebhaft fort:

»Dieses Wasser also, welches Sie uns so sehr zum Vorwurf machen, ist der glänzendste Beweis für unsere Schuldlosigkeit, Wären wir Brandstifter, wir hätten dies Wasser weggeschüttet, wie der Mörder den Niederschlag von den aus seinen Kleidern ausgewaschenen Blutflecken, der ihn verraten könnte.«

»Abermals sehr gut!« bestätigte Magloire.

»Und Ihre andern Beschuldigungen«, fuhr Folgat fort, als wenn er im Schwurgerichtstermin sich an den öffentlichen Ankläger wendete, »sind von demselben Werte. Warum haben Sie denn unsern Brief an Fräulein Denise in die Sache hineingezogen? Doch nur, weil er, nach Ihrer Behauptung, bei uns den Vorsatz beweisen soll. Ah – hier sind Sie geschlagen. Sind wir denn so einfältig und allen gesunden Menschenverstandes bar? Ich glaube, in diesem Rufe stehen wir nicht. Was! wir hätten ein Verbrechen vorbereitet, ohne uns zu sagen, daß wir entdeckt werden könnten und daß wir auf ein Alibi bedacht sein müßten? Was! wir wären mit dem bestimmten Zwecke ausgegangen, einen Menschen zu töten, und hätten unser Gewehr mit Hasenschrot und Vogeldunst geladen? Sie haben uns die Verteidigung wirklich leicht gemacht, denn Ihre Anklage hält gar keiner Prüfung stand.«

Jacques drückte durch eine lebhafte Bewegung seinen Beifall aus.

»Dasselbe«, unterbrach er, »habe ich Herrn Daveline ohne Aufhören gesagt, und darauf fand er nie eine Erwiderung. Auf diesem Punkte müssen wir recht gründlich verweilen.«

Herr Folgat zog seine Notizen zu Rate.

»Ich komme nun«, sprach er, »zu einem Hauptumstand, aus dem ich, wenn er Ihnen günstig scheint, in der Verhandlung einen entscheidenden Zwischenfall machen werde. Ihr alter Kammerdiener, mein verehrter Klient, Ihr alter Antoine hat mir gesagt, daß er am Vorabend des Verbrechens Ihr ›Klebb‹-Gewehr gründlich gereinigt habe . . .«

»Mein Gott!« rief Jacques.

»Gut. Ich sehe, daß Sie die Tragweite dieser Tatsache erkennen. Haben Sie seit dieser Reinigung und bis zu dem Augenblicke, da Sie eine Patrone entzündeten, um die Briefe der Frau von Claudieuse und Ihre eigenen zu verbrennen, das Gewehr abgefeuert? Bejahendenfalls sprechen wir nicht weiter davon. Verneinendenfalls aber ist es klar, daß ein Lauf Ihres Gewehres rein geblieben ist, und das wäre Ihre Rettung . . .«

Jacques schwieg eine Minute nachdenklich.

»Es scheint mir«, sagte er endlich, »ich möchte fast behaupten, daß ich am Morgen des Verbrechens ein Kaninchen geschossen habe.«

»Das ist schlimm!« rief Folgat mit dem Ausdrucke der Entmutigung.

»O warten Sie!« erwiderte Jacques. »Auf alle Fälle bin ich sicher, daß ich das Kaninchen auf den ersten Schuß getroffen habe. Ich habe also nur einen Lauf meines Gewehrs schmutzig gemacht. Wenn ich nun in Valpinson mich desselben Laufs bedient hätte, um die Patrone abzubrennen, so wäre ich gerettet. Und dies ist wahrscheinlich. Bei einer Doppelflinte pflegt man automatisch zuerst immer den Drücker rechts zu berühren.«

Herr Magloire zog die Brauen zusammen.

»Es tut nichts«, sagte er. »Auf eine so unsichere Angabe hin können wir unmöglich einen Grund für uns geltend machen, der im Falle des Irrtums gegen uns gekehrt werden könnte. Aber im Verhandlungstermine, wenn man Ihnen Ihr Gewehr vorlegt, untersuchen Sie den Lauf und sagen Sie uns dann, in welchem Zustande es sich befindet.«

Der Verteidigungsplan war nunmehr in seinen allgemeinen Zügen entworfen. Es blieben nur noch Einzelheiten zu vervollkommnen, und die beiden Anwälte wollten sich eben damit beschäftigen, als Blangin, der Wärter, vor der Zellentür erschien und rief, daß die Pforte des Gefängnisses nun geschlossen würde.

»Nur noch fünf Minuten, mein guter Blangin!« rief Jacques, und indem er seine beiden Verteidiger so weit als möglich von dem Guckloch hinwegzog, sagte er mit gedämpfter und unsicherer Stimme:

»Meine Herren, mir ist eine Idee gekommen, welche ich Ihnen mitteilen muß. Es ist unmöglich, daß Frau von Claudieuse seit meiner Verhaftung nicht selbst Qualen erlitte. So gewiß, als sie sich selbst auch nicht durch das geringste Zeichen verraten wird, so gewiß wird sie davor zittern, daß ich zu meiner Verteidigung die Wahrheit an den Tag bringen könnte . . . Sie würde leugnen, ich weiß es, und sie ist ihres täuschenden Zaubers so sicher, daß sie nicht zu fürchten braucht, ihr wunderbarer Ruf werde durch meine Beschuldigungen befleckt werden . . . Gleichviel! Es ist unmöglich, daß sie das üble Aufsehen nicht scheuen sollte. Wer weiß, ob sie, um das zu vermeiden, uns nicht ein Rettungsmittel an die Hand gibt. Warum, meine Herren, sollte nicht einer von Ihnen bei ihr einen darauf bezüglichen Schritt versuchen?«

Herr Folgat war der Mann der raschen Entschlüsse.

»Ich werde ihn versuchen«, erklärte er, »wenn Sie mir ein Wort der Einführung geben.«

Jacques ergriff statt aller Antwort eine Feder und schrieb:

»Ich habe meinem Verteidiger, Herrn Folgat, alles gesagt. Retten Sie mich, und ich schwöre Ihnen, ewiges Schweigen zu bewahren. Lassen Sie mich nicht untergehen, Geneviève, denn Sie wissen nur zu gut, daß ich schuldlos bin!

Jacques.«

»Ist dies ausreichend?« fragte er, dem jungen Anwalt das Billett überreichend.

»Ja, und ich verspreche Ihnen, daß ich vor Ablauf von achtundvierzig Stunden Frau von Claudieuse aufsuchen werde.«


 << zurück weiter >>