Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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36

Zu derselben Zeit, in welcher der Untersuchungsrichter das Hospital verließ, trennten sich Doktor Seignebos und Folgat nach einem einfachen Frühstück, um, der eine zu seinen Kranken, der andere ins Gefängnis zu gehen.

Der junge Anwalt schritt in sich gekehrt, gesenkten Hauptes durch die Straßen, und die Diplomaten unter den Bürgern von Sauveterre, die ihm begegneten, verglichen seine düstere Miene mit dem triumphierenden Blick Davelines und waren überzeugt, daß Jacques von Boiscoran bestimmt verloren sei.

Dies war in demselben Augenblicke fast die Meinung Folgats selbst. Er durchlebte soeben eine jener Phasen düsterer Entmutigung, deren sich auch die tatkräftigsten Menschen nicht erwehren können. Die Mitteilungen der kleinen Marthe und ihrer Gouvernante hatten ihm sozusagen Arme und Beine gebrochen. Er hatte geglaubt, alle Fäden der Sache in Händen zu haben, und plötzlich rissen sie ab, wie noch nie vorher. Und dies war erst der Anfang! Bei jedem seiner Versuche, die Finsternis zu zerstreuen, verdichtete sie sich noch mehr.

Nicht etwa, daß er nun weniger als sonst von Jacques' Unschuld überzeugt gewesen wäre, nein, der Verdacht, der einen Augenblick seine Gedanken gekreuzt hatte, war wie ein Blitz wieder verschwunden. Er nahm, wie Doktor Seignebos, die Wahrscheinlichkeit an, daß ein Mitschuldiger vorhanden sei, der das Verbrechen tatsächlich vollzogen hatte. Welchen Gebrauch sollte aber die Verteidigung von dieser Wahrscheinlichkeit machen? Keinen!

Goudar war ein sehr gewandter Mann; daß er sich ohne weiteres ins Hospital und zu Cocoleu einzuschmuggeln gewußt hatte, war ein Meisterstreich; aber so schlau er auch, ausgerüstet mit allen Listen seines Gewerbes, verfuhr, war es doch noch keineswegs gewiß, daß er den Schwachsinnigen, der sich unerschütterlich hinter der Maske der Blödheit versteckte, zu einem Geständnis bringen werde.

Hätte er noch viel Zeit für sich gehabt! Aber die Tage waren gezählt, und er war genötigt, seine Unternehmungen abzukürzen.

Inzwischen war der junge Anwalt beim Gefängnis angelangt. Er empfand die Notwendigkeit, alle seine Beklemmungen zurücktreten zu lassen. Als daher Blangin ihm voran mit den rasselnden Schlüsseln durch die langen Gefängnisgänge schritt, hatte er seinem Gesicht bereits den Ausdruck der Zuversicht verliehen.

»Endlich sind Sie da!« rief ihm Jacques entgegen.

Er hatte seit dem Tag vorher augenscheinlich entsetzlich gelitten. Das Fieber der Unruhe hatte seine Züge aufgeschwemmt und das Blut in seine Augen getrieben. Ein nervöses Zittern schüttelte ihn. Kaum konnte er es erwarten, daß der Gefängniswärter die Tür wieder schloß.

»Nun, was hat sie gesagt?« fragte er mit heiserer Stimme.

Der Anwalt gab aufs genaueste von seinem vollführten Auftrage Rechenschaft, indem er die Worte der Frau von Claudieuse möglichst vollständig wiederholte.

»Daran erkenne ich sie!« rief der Gefangene. »Es ist, als ob ich sie hörte . . . Was für eine Frau! . . . Mir so Trotz zu bieten!«

Er preßte in seinem Zorn die Hände so stark zusammen, daß die Nägel in das Fleisch eindrangen.

»Sie sehen«, erwiderte Folgat, »daß es nicht versucht werden kann, den Kreis unseres Verteidigungsplans zu überschreiten. Jeder neue Schritt ist nutzlos!«

»Nein!« unterbrach ihn Jacques; »nein, ich bleibe nicht dabei stehen!«

Und nach einigen Augenblicken Nachdenkens fuhr er fort:

»Verzeihen Sie mir, mein werter Herr, daß ich Sie einem solchen Ärgernisse ausgesetzt habe! Ich hätte es voraussehen können, oder vielmehr, ich habe es vorausgesehen . . . Ich wußte wohl, daß ich nicht in dieser Weise den Kampf beginnen durfte. Aber ich war feig, ich hatte Furcht, ich schreckte zurück! . . . Unsinnig! Als wenn ich nicht hätte empfinden können, daß es allezeit erforderlich ist, sogleich die drastischsten Mittel anzuwenden! . . . Gut denn, ich weiß es nun, weiß es nun, und mein Weg ist entschieden . . .«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich werde die Gräfin selbst sehen und sprechen.«

»Oh!«

»Vielleicht schweigt sie mir gegenüber nicht! Unter meinen Augen wird sie wohl das Verbrechen eingestehen, dessen ich beschuldigt bin.«

Folgat hatte dem Doktor Seignebos versprochen, über die Mitteilungen Marthes und der Gouvernante zu schweigen, aber es war ihm nicht versagt, sich ihrer zu bedienen.

»Wenn aber«, sagte er, »Frau von Claudieuse nicht schuldig wäre?«

»Wer dann?«

»Wenn sie einen Mitschuldigen hätte?«

»Gut! Dann nenne sie mir ihn, ich bestehe darauf, es ist unbedingt nötig! Ich will nicht entehrt werden, ich bin schuldlos, ich will nicht ins Zuchthaus.«

Wer in dieser Stimmung Jacques zur Vernunft hätte bringen wollen, müßte so unsinnig gewesen sein wie er selbst.

»Sehen Sie sich vor«, sagte der Anwalt einfach; »unsere Verteidigung ist jetzt schon erschwert, machen Sie sie nicht unmöglich!«

»Ich werde vorsichtig sein.«

»Ein Skandal würde uns gänzlich ruinieren.«

»Seien Sie ohne Besorgnis!«

Folgat schwieg. Wie Jacques das Gefängnis zu verlassen gedachte, ahnte er, und wenn er ihn darüber nicht näher ausforschte, so geschah es, weil seine Stellung als Verteidiger ihm ein Gesetz daraus machte, diese Absicht zu übersehen oder wenigstens so zu scheinen, als wenn er gewisse Dinge nicht sähe.

»Mein verehrter Herr«, ergriff Jacques wieder das Wort, »ich bitte Sie um einen Dienst.«

»Sprechen Sie!«

»Ich möchte so genau wie möglich die Lage der Wohnung der Frau von Claudieuse kennen.«

Ohne ein Wort zu sprechen, nahm Folgat ein Blatt Papier und zeichnete darauf einen Plan von allem, was er von dem Hause in der Rue Mautrec kannte, den Garten, die Diele, den Salon . . .

»Und wo befindet sich das Zimmer des Grafen?«

»Im ersten Stock.«

»Wissen Sie genau, daß er nicht aufstehen kann?«

»Doktor Seignebos sagte es.«

Der Gefangene zeigte eine freudige Bewegung.

»Dann wird alles gut gehen«, sagte er, »und es bleibt mir nur übrig, mein werter Herr Verteidiger, Sie zu bitten, Fräulein von Chandoré sagen zu wollen, ich müsse sie heute sehen, sobald als möglich. Sie möge sich nur von einer ihrer Tanten Lavarande begleiten lassen. Ich beschwöre Sie, sich zu beeilen!«

Der Anwalt beeilte sich in der Tat so, daß er zwanzig Minuten später in der Rue de la Montagne eintraf.

Denise war in ihrem Zimmer. Er ließ sie bitten, herunterzukommen, und teilte ihr den Auftrag Jacques' mit.

»Ich werde zu ihm gehen«, sagte sie einfach.

Dann rief sie eines der Fräulein Lavarande.

»Geschwind, Tante Elisabeth«, befahl sie, »nimm deinen Schal und Hut, ich will ausgehen, und du sollst mich begleiten.«

Der Gefangene rechnete so sicher auf die Eile seiner Braut, daß er sich bereits ins Sprechzimmer hatte führen lassen, als sie eintraf, atemlos vom raschen Gange.

Er nahm ihre Hände und drückte sie an seine Lippen.

»O meine geliebte Freundin«, stammelte er, »wie kann ich dir jemals deine Treue im Unglück genügend danken! Mein ganzes Leben lang, wenn ich gerettet werde, will ich dir meine Dankbarkeit beweisen!«

Er schüttelte jedoch die Rührung von sich ab, die ihn zu ergreifen drohte, und wendete sich gegen die Tante Elisabeth:

»Verzeihen Sie mir«, sagte er, »daß ich Sie um eine Gefälligkeit bitte, welche Sie uns schon einmal erwiesen haben . . . Es ist sehr wichtig, daß niemand höre, was ich Denise anzuvertrauen habe, und ich fürchte, belauscht zu werden . . .»

Gewöhnt, blindlings zu gehorchen, entfernte sich das wackere Fräulein, ohne sich nur einen Gedanken darüber zu gestatten, und begab sich auf ihren Wachtposten im Korridor . . .

Die Überraschung Denises war groß, doch ließ ihr Jacques keine Zeit, ein Wort zu sprechen.

»Du hast mir«, begann er, »an dieser selben Stelle gesagt, daß, wenn ich mich entfernen wolle, Blangin mir die Gelegenheit dazu geben werde.«

Das junge Mädchen prallte zurück.

»Also willst du dennoch fliehen?« stammelte sie bestürzt.

»Nie und um keinen Preis . . . Allein du wirst dich erinnern, daß ich zwar deinen Bitten widerstand, dir aber sagte, ich könne vielleicht eines Tages die Notwendigkeit haben, einige Stunden auf freiem Fuße zu sein.«.

»Ich erinnere mich . . .«

»Ich bitte dich jetzt, den Wärter über diese Angelegenheit auszuforschen.«

»Es ist geschehen. Für Geld ist er jederzeit zu unserer Verfügung.«

Jacques atmete freier auf.

»Nun«, sagte er, »der Augenblick ist jetzt gekommen. Es ist nötig, daß ich morgen abend einige Stunden außerhalb des Gefängnisses zubringe. Ich möchte mich gegen neun Uhr entfernen und würde gegen Mitternacht wieder zurück sein.«

Denise unterbrach ihn.

»Warte!« sagte sie. »Ich werde Frau Blangin rufen.«

Diese erschien im Sprechzimmer, den Mund voll erheuchelter Ergebenheitsversicherungen, indem sie beteuerte, daß sie ganz dem gnädigen Fräulein zu Befehl sei, indem sie sich der Zeit erinnere, da sie im Hause des Herrn von Chandoré gedient habe, der einzigen Zeit ihres armseligen Lebens, an welche sie stets mit Sehnsucht zurückdenke.

»Ich weiß«, unterbrach sie Denise, »daß Sie mir ergeben sind; aber hören Sie, um was sich's handelt.«

Und mit Lebhaftigkeit legte sie die Angelegenheit dar, während Jacques, etwas in den Schatten zurückgezogen, die Reaktion der Frau des Wärters beobachtete.

»Ja, ja, ich sehe das alles recht gut ein«, sagte sie, als Denise geendet hatte, »und wenn ich Herrin im Hause wäre, würde ich sagen: abgemacht! Aber es ist Blangin, welcher Herr über das Gefängnis ist . . . Oh, er ist nicht gerade bösartig, aber er tut seine Pflicht . . . Wir haben ja nur unsern Posten, um zu leben.«

»Habe ich Sie nicht schon bezahlt?«

»O ich weiß, daß das gnädige Fräulein nicht geizt.«

»Und haben Sie mir nicht versprochen, darüber mit Ihrem Manne zu sprechen?«

»Ich hab's auch getan, aber . . .«

»Ich zahle Ihnen eine gleiche Summe wie die frühere . . .«

»In Gold?«

»Sei es, in Gold.«

Ein Blitz der Begierde leuchtete unter den gesenkten Wimpern der Frau auf; gleichwohl verlor sie ihre Selbstbeherrschung nicht.

»Damit ist mein Mann vielleicht zu gewinnen«, sagte sie. »Ich will ihn überreden und ihn dann hierherschicken.«

Sie eilte hinweg.

»Wieviel hast du Blangin bereits gegeben?« fragte Jacques.

»Siebzehntausend Francs.«

»Diese Leute beuten uns auf die schamloseste Weise aus.«

»Ach! Was bedeutet das Geld! Mögen wir selbst alle insgesamt ruiniert werden, wenn du nur frei wirst!«

Frau Blangin brauchte nicht viel Zeit, ihren Mann zu überreden. Schon wurde der schwere Schritt des Wärters im Gange hörbar, und gleich darauf trat er ein, seine wollene Mütze in der Hand, mit einer Leichenbittermiene und unstetem Blick . . .

»Meine Frau hat mir alles gesagt«, erklärte er, »und ich bin einverstanden. Aber wir müssen uns weiter verständigen. Es ist nichts Geringes, was Sie von mir verlangen.«

Jacques unterbrach ihn mit einer Bewegung.

»Übertreiben wir nichts!« sagte er. »Ich gedenke nicht zu entfliehen, sondern nur einmal hinauszugehen. Ich kehre Ihnen wieder, darauf gebe ich mein Wort.«

»Ja Sapperlot, das ist's eben, was mich beunruhigt! Wenn sich's darum handelte, Ihnen ein für allemal die Freiheit zu verschaffen, dann machte ich Ihnen die Tür auf, und Sie gebrauchten die Füße! . . . Ein Gefangener, der die Flucht ergreift, findet sich alle Tage. Sie wollen aber nur hinausgehen, umherspazieren, wiederkommen . . . Teufel noch einmal! Und wenn man Sie in der Stadt träfe? Wenn man Sie fragte, wie Sie hinausgekommen sind? Wenn man Sie zurückbrächte? Was soll ich denn da antworten? Ich will wohl wegen Nachlässigkeit abgesetzt werden, denn ich bin bezahlt und kann lachen. Aber der Mitschuld angeklagt und ins Gefängnis gesperrt werden, halt da! Das mag ich doch nicht.«

Offenbar war dies nur eine Vorrede.

»Wir wollen doch nicht so viele Worte verlieren«, sagte Denise daher. »Erklären wir uns deutlich.«

»Gut! Es ist unmöglich, daß der gnädige Herr durch die Tür hinausgeht. Beim Zapfenstreich, das heißt abends um acht Uhr, beziehen die Wachtposten das Innere des Gefängnisses und bleiben da bis zum Morgen, etwa fünf Uhr morgens. Während dieser Zeit kann ich ohne den Unteroffizier, der den Posten kommandiert, weder öffnen noch schließen.«

Wollte Blangin den Preis steigern? Machte er die Schwierigkeiten ernster, als sie wirklich waren?

»Genug«, versetzte Jacques, »wenn Sie Ihre Einwilligung geben, so gibt es auch ein Mittel zur Ausführung.«

»Ich kenne eins«, erwiderte der Wärter, und viel zu plump, als daß er einen langen Vorbedacht hätte bemänteln können, fuhr er fort:

»Wenn die Sache sich machen soll, so muß der gnädige Herr das Gefängnis gerade so verlassen, wie er's fluchtweise tun würde. Die Mauer, welche die zwei Türme verbindet, ist an einer gewissen Stelle, die ich untersucht habe, nicht über zwei Fuß dick, und man stellt auf der Rückseite, wo sich Schuttboden, von alten Festungswällen herrührend, befindet, keine Wachtposten auf. Ich liefere dem gnädigen Herrn einen Spitzhammer und einen Meißel, und er macht sich ein Loch in diese Mauer.«

Jacques zuckte die Achseln.

»Und am andern Tage, wenn ich zurückgekommen bin, wie wollen Sie dann das Loch erklären?«

Blangin lächelte.

»Natürlich«, antwortete er, »werde ich nicht sagen, daß es die Ratten gemacht haben. Ich habe das alles bedacht. Zu derselben Zeit, wie der gnädige Herr, verschwindet durch das Loch ein Gefangener, welcher nicht wiederkommt.«

»Welcher Gefangene?«

»Frumence Cheminot, Sapperlot! Der fragt nicht viel, wohin er fliegt, und der kann Ihnen selbst das Loch machen helfen, sobald sich der gnädige Herr mit ihm verständigt, aber ohne ihm etwa zu sagen, daß ich bei der Sache beteiligt sei; auf diese Weise werde ich, was auch geschehen möge, nicht bloßgestellt.«

Dieser Plan war wirklich vortrefflich, allein Blangin schrieb sich mit Unrecht die Ehre seiner Erfindung zu. Die Idee kam von seiner Frau.

»Nun gut«, sagte Jacques; »die Sache ist abgemacht. Verschaffen Sie mir den Spitzhammer und den Meißel, zeigen Sie mir die Stelle, wo die Mauer durchbrochen werden soll, und ich werde Cheminot auf mich nehmen. Morgen erhalten Sie das Geld.«

Er schickte sich an, mit dem Gefängniswärter abzugehen, als Denise ihn noch zurückhielt.

»Du siehst, Jacques«, flüsterte sie, indem sie ihre schönen feuchten Augen zu ihm erhob, »ich habe nicht gezaudert, alles zu wagen, um dir diese Stunden der Freiheit zu verschaffen, die du so dringend verlangtest . . . Darf ich dich jetzt fragen, was du vorzunehmen gedenkst?«

Jacques schwieg betreten.

»Wohin willst du gehen?« fuhr sie fort.

Der Unglückliche wurde blutrot im Gesicht und sprach mit unsicherer Stimme:

»Ich beschwöre dich, Denise, bestehe nicht darauf, daß ich dir antworte! Gestatte mir, dies Geheimnis zu bewahren, das einzige, das ich jemals vor dir gehabt habe!«

Zwei große Tränen lösten sich zitternd von den langen Wimpern des jungen Mädchens.

»Ich verstehe dich«, stammelte sie; »ich verstehe dich nur zu gut! . . . Seitdem ich entdecken mußte, daß man mir irgend etwas verbarg, habe ich mich einer Ahnung nicht erwehren können . . . künftig vermag ich nicht mehr zu zweifeln . . . Es ist eine Frau, zu welcher du morgen abend gehen willst.«

»Denise!« flehte Jacques mit zusammengefalteten Händen . . . »Denise, hab Erbarmen!«

Sie hörte nicht darauf, sondern leise den Kopf schüttelnd, fuhr sie fort:

»Zu einer Frau, die du ohne Zweifel geliebt hast, oder die du noch liebst, zu deren Füßen du vielleicht dieselben zärtlichen Worte geflüstert hast, die du zu den meinigen geflüstert! Wie war es möglich, daß du inmitten deiner Bekümmernisse dich ihrer erinnertest? Sie liebt dich doch gewiß nicht! Warum wäre sie sonst nicht erschienen, da sie dich gefangen und fälschlich eines abscheulichen Verbrechens angeklagt weiß?«

Jacques konnte dies nicht mehr ertragen.

»Großer Gott!« rief er, »lieber tausendmal alles sagen, als daß ein schlimmer Verdacht sich in dein Herz schliche! Höre mich daher und verzeihe mir!«

Aber sie hielt ihn auf, indem sie die Hand auf seine Lippen legte.

»Nein«, erwiderte sie zitternd, »nein, ich will nichts wissen, nichts! . . . Ich setze Vertrauen in dich! Vergiß jedoch nicht, daß du mir alles bist: Hoffnung, Zukunft, Leben . . . Wenn du mich getäuscht hättest, so würde ich Unglückliche – das fühle ich nur zu wohl – dich dennoch lieben, aber ich weiß auch, daß ich dann nicht mehr lange zu leiden haben würde.«

»Denise«, wiederholte Jacques, vor Schmerz und Liebe außer sich, »meine angebetete Geliebte, laß mich dir gestehen, daß diese Frau, welche ich dringend sehen muß . . .«

»Nein!« unterbrach sie ihn, »nein! Schweige und tue, was dein Gewissen dir vorschreibt. Ich glaube dir.«

Und indem sie ihm ihre Stirn wie gewöhnlich entgegen neigte, schlüpfte sie so eilig aus dem Sprechzimmer und zog die Tante Elisabeth so rasch mit sich fort, daß er nachschreitend nur noch einen dahingleitenden Schatten am Ende des Ganges wahrnehmen konnte.

Niemals noch bis zu diesem Tage hatte Jacques die Gräfin Claudieuse wahrhaft hassen können, mit jenem blinden und wilden Hasse, welcher nur auf Rache sinnt. Er hatte sie in der Einsamkeit seines Gefängnisses ohne Zweifel mehr als einmal verwünscht, aber stets, selbst im äußersten Zorne, erhob sich vom Grunde seiner Seele das Gefühl des Mitleids und Erbarmens für dieses Weib, das er so heiß geliebt hatte. Er hatte sie ja, das verhehlte er sich nicht, wahnsinnig angebetet. Es waren die ersten Berauschungen des Jünglingsalters, diese köstlichen oder herben Empfindungen, die sich nie vergessen lassen. Selbst in seiner stillen Zelle erbebte er in der Erinnerung an verlebte köstliche Stunden, sah er im Geiste noch ihre schönen Augen in begehrender Sehnsucht schwimmen, vernahm er den süßen Klang ihrer Stimme und atmete den Wohlgeruch, den sie gewöhnlich an sich trug.

Stellung, Zukunft, Ehre hatte sie damals aufs Spiel gesetzt, so daß er sich noch immer versucht fühlte, ihr zu verzeihen . . . Aber ihm das Herz seiner Verlobten zu entziehen, ihm diese edle und himmlische Liebe zu entreißen, die der Reinheit des Feuers glich oh, das brachte das Maß zum Überlaufen!

»Und ich schone sie noch!« sagte er sich in trunkener Wut. »Ich zögere noch, sie zu verlieren! Ich habe dazu kein Recht mehr, ich habe das Dasein Denises zu verteidigen.«

Er war fest entschlossen, sie am andern Tage aufzusuchen, und fühlte, daß ihm der Mut dazu nicht fehlen werde.

Blangin richtete es so ein, daß Cheminot ihn in seine Zelle zurückgeleitete. Jacques hieß ihn eintreten und legte ihm dar, was er von ihm erwarte.

Nachdem Blangin ihm den Vagabunden empfohlen hatte, durfte er sich der Meinung hingeben, Frumence Cheminot werde bei der bloßen Idee, zu fliehen, vor Freude deckenhoch springen. Es war nicht so. Das lächelnde Gesicht des Vagabunden verfinsterte sich, er kratzte sich verblüfft hinterm Ohr.

»Na, heißt das, nehmen Sie's nicht übel«, sagte er, »aber Lust habe ich gerade nicht, fortzugehen.«

Jacques fuhr vor Erstaunen von seinem Stuhl in die Höhe. Wenn Cheminot ihm seine Mithilfe versagte, so war sein Ausgang wenn nicht ganz unmöglich, doch sehr in Frage gestellt.

»Sprechen Sie im Ernst, Frumence?« fragte er.

»Ja, verdammt ernst, mein lieber Herr! Sehen Sie, hier befinde ich mich gar nicht schlecht, ich habe ein gutes Lager, esse alle Tage zweimal, arbeite nichts und kriege mitunter bei dem und jenem ein paar Sous, um mir Wein und Tabak kaufen zu können . . .«

»Aber die Freiheit, mein Lieber . . .«

»Die müssen sie mir doch früher oder später wiedergeben. Ich habe kein Verbrechen begangen, nicht wahr? Ich bin über ein Stückchen Mauer bei einem Obstgärtner weggeklettert, das kostet nicht den Hals. Ich habe Herrn Magloire gefragt, und der hat mir meine ganze Geschichte klargemacht. Ich komme vors Polizeigericht und erhalte drei oder sechs Monate. Davon holt einen der Teufel nicht . . . Wenn ich aber durchbrenne, setzt man die Gendarmen auf meine Fersen, ich werde wieder eingefangen, zurückgebracht, und wie wird man mich nachher behandeln! Nicht zu rechnen, daß es eine sehr ernste Sache ist, aus einem Gefängnis auszubrechen!«

Jacques wurde fast unruhig. Wie sollte er eine so kluge und wohlbegründete Meinung bekämpfen?

»Warum aber sollten die Gendarmen Sie wieder einfangen, mein Lieber?« fragte er.

»Weil's eben Gendarmen sind, guter Herr . . . Aber das ist noch nicht alles. Hätten wir jetzt Frühling, so wollt' ich sagen: Ich bin dabei! Aber wir sind im Herbst, die schlechteste Zeit kommt heran, ich finde keine Arbeit.«

Der unverbesserliche Faulenzer Cheminot bekümmerte sich viel um Arbeit!

»Die Weinlese wird dann ohne Sie vor sich gehen!« bemerkte Jacques.

Der Vagabund machte eine Gebärde des Bedauerns.

»'s ist wahr«, versetzte er, »die Weinlese macht viel Spaß.«

»Nun also . . .«

»Das dauert aber nur vierzehn Tage. Nachher kommt der böse Winter. Der Winter ist mein Feind. Ich hab' ihn durchgemacht, als es Stein und Bein fror und der Schnee in Massen fiel . . . Kein Brot, nicht wissend, wo ich unterkriechen sollte . . . Brrr! . . . Hier gibt's warmes Obdach, warme Kost, warme Schuhe . . .«

»Ja, aber es gibt hier keine Abendstunden . . . gelt, Frumence, so schöne Abendstunden, wo man Branntwein trinkt und Schwänke erzählt, wenn die hübschen Mädchen Bohnen aushülsen oder Mais abkörnen.«

»O ich weiß . . . ich habe bei solchen Gelegenheiten viel Spaß gehabt . . . Aber die Kälte, die Kälte! Wohin gehen ohne einen Sou in der Tasche?«

Auf diesen Punkt wollte Jacques ihn haben.

»Ich habe Geld genug, Frumence.«

»Das weiß ich wohl.«

»Denken Sie denn, ich würde Sie mit leeren Taschen laufenlassen? Ich gebe Ihnen, was Sie verlangen.«

»Wahrhaftig?« rief der Vagabund, und indem er auf Jacques einen Blick heftete, in welchem sich Überraschung, Hoffnung und Freude vermischten, fuhr er fort:

»Ich brauchte viel! Der Winter ist lang . . . ich müßte . . . oh, mindestens fünfzig Pistolen müßte ich haben!«

Fünfzig Pistolen sind fünfhundert Francs.

»Ich gebe Ihnen hundert Pistolen«, sagte Jacques.

Cheminots Augen funkelten. Er glaubte im Geiste schon eine jener unwiderstehlichen Kneipen von Rochefort zu sehen, wo er ein so fröhliches Leben geführt hatte. Aber er vermochte noch nicht völlig an sein Glück zu glauben.

»Der Herr macht sich wohl einen Spaß mit mir?« fragte er demütig.

»Wollen Sie das Geld sofort haben?« erwiderte Jacques. »Warten Sie . . .!«

Er nahm aus der Tischschublade einen Tausendfrancsschein. Aber beim Anblick dieser Note zog der Vagabund die bereits ausgestreckte Hand rasch zurück.

»Oh«, rief er, »solch ein Ding nie! Ich weiß wohl, was dies Papier wert ist, denn ich habe in besseren Zeiten dergleichen gehabt. Aber was sollte ich jetzt damit machen? In meiner Tasche wäre es nicht mehr wert als ein Baumblatt, denn beim ersten Versuch, es zu wechseln, würde man mich beim Kragen nehmen.«

»Ah, dabei ist keine Schwierigkeit. Morgen früh werde ich mich mit Gold versehen, oder mit Hundert-Sous-Stücken, oder kleinen Banknoten, ganz nach Ihrer Wahl.«

Cheminot klatschte fröhlich in die Hände.

»Nehmen Sie von jedem etwas«, rief er, »und ich bin ganz der Ihrige . . . Es lebe die Freiheit!. . . Wo ist die Mauer, die ich durchbrechen soll?«

»Morgen werde ich sie Ihnen zeigen . . . Und von jetzt an, Cheminot, absolutes Stillschweigen!«

Am andern Tage führte Blangin Herrn von Boiscoran zu der Stelle, wo die Mauer des Gefängnisses die geringste Stärke hatte. Es war in einer Art Speisegewölbe, welches nie jemand betrat und in welchem abgenützte Hausgeräte aufgespeichert waren. Hier fand Jacques bereits Hammer und Meißel.

»Und damit uns nichts stört«, sagte der Wärter, »habe ich heut abend zwei Kameraden zum Essen und werde auch den Korporal der Wache dazu einladen . . . Man unterhält sich da, man lacht und denkt nicht an die Gefangenen. Meine Frau paßt auf, und wenn etwa eine Runde naht, so wird sie Ihnen gleich Nachricht geben, und wie der Wind ziehen Sie sich zurück.«

Nachdem alles vorbereitet und die Nacht hereingebrochen war, huschten Jacques und Cheminot, mit einer Kerze versehen, in das Gewölbe und begannen die Arbeit. Es war ein hartes Stück, die alte Mauer zu durchbrechen, und Jacques allein würde nie zum Ziele gekommen sein. Die Stärke erreichte zwar kaum das von Blangin angegebene Maß, aber die Festigkeit überstieg alle Erwartung. Unsere Vorfahren pflegten solid zu bauen. Die Zeit tat das Ihrige, der Mörtel verbündete sich mit dem Stein und erhöhte die Dauerhaftigkeit. Es war, als wenn man einen Granitblock zu durchbrechen hätte.

Der Vagabund hatte glücklicherweise eine feste Hand, so daß er trotz der Vorsicht, die er anwandte, um nicht durch zu starkes Geräusch das Unternehmen zu verraten, in weniger als einer Stunde ein Loch hergestellt hatte, durch das ein Mensch kriechen konnte. Er guckte hinaus und sah forschend umher, und nach kurzer Beobachtung sagte er leise:

»Alles geht gut! Die Nacht ist finster und die Gegend öde . . . Meiner Seel', ich wag's!«

Er kroch hindurch, Jacques folgte und eilte unwillkürlich nach einer Stelle, wo Bäume die Dunkelheit noch dichter machten.

»Nehmen Sie«, sagte er. dort angelangt, indem er Cheminot ein Päckchen Fünffrancsnoten übergab; »fügen Sie diese zu den hundert Pistolen, die ich Ihnen bereits gegeben. Haben Sie Dank, Sie sind ein braver Bursche, und wenn ich mich aus der bösen Geschichte ziehe, werde ich ferner an Sie denken . . . Und nun, trennen wir uns! Brauchen Sie Ihre Beine, seien Sie vorsichtig und . . . auf gut Glück!«

Hierauf entfernte sich Jacques eilig; aber Cheminot schlug nicht, wie ausgemacht war, eine andere Richtung ein.

»'s ist ganz egal«, murmelte er, ohne Jacques aus den Augen zu lassen. »Eine merkwürdige Geschichte ist's doch mit dem armen Herrn! Wo er nur hingehen mag?«

Und die Neugier war stärker als die Vorsicht . . . Er folgte ihm nach.


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