Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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5

Es war niemand in der Gegend, der das schreckliche Übel, mit dem Cocoleu behaftet war, nicht kannte, niemand, der nicht überzeugt war, daß jede weitere Sorge um ihn unnötig sei.

Also glaubten die beiden Männer, die ihn forttrugen, schon genug getan zu haben, wenn sie ihn auf einen Haufen feuchten Strohs niederlegten.

So hatten sie ihn sich selbst überlassen und sich wieder unter die Menge gemischt, um zu erzählen, was sie vernommen. Doch müssen wir einigen Hunderten der um die brennenden Trümmer von Valpinson gedrängten Bauern die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie in ihrer ersten Regung nichts als Flüche und Verwünschungen über das hirnlose Geschöpf ausstießen, welches soeben Herrn von Boiscoran der Brandstiftung beschuldigt hatte.

Leider aber sind die guten, die ersten Regungen meist nur von kurzer Dauer.

Ein elender Mensch, ein niedriger, fauler, böswilliger Trunkenbold, wie es deren auf abgelegenem Lande ebensowohl gibt wie in der Stadt, rief plötzlich: »Und warum denn nicht?« Und diese einzigen Worte wurden der Ausgangspunkt der gewagtesten Behauptungen.

Die Streitigkeiten zwischen dem Grafen von Claudieuse und Herrn von Boiscoran waren allgemein bekannt. Jedermann wußte zwar, daß die ersten Veranlassungen vom Grafen ausgegangen waren und daß sein junger Nachbar stets der nachgebende Teil gewesen war. Warum sollte aber Herr von Boiscoran, wiederholt gekränkt, nicht endlich seine Zuflucht zur Rache gegen einen Menschen genommen haben, den er, wie man annahm, hassen, vor allem aber fürchten mußte?

»Vielleicht – weil er von altem Adel und reich ist?« höhnte der Tagedieb.

Von nun an Umstände zu entdecken, die Cocoleus Beteuerungen unterstützen könnten, bedurfte es nur eines Schritts, und der war bald gemacht. Alsbald bildeten sich Gruppen, unter welchen eine Frau und zwei Männer zu verstehen gaben, daß man sich vielleicht nicht wenig wundern würde, wenn sie alles erzählten, was sie wüßten.

Man drängte sie, zu erzählen; und, wie das selbstverständlich, weigerten sie sich jetzt. Aber schon hatten sie zuviel gesagt. Wohl oder übel wurden sie in das Haus geführt, wo soeben Herr Galpin-Daveline den Grafen von Claudieuse verhörte.

So groß war die Aufregung der Menge und der Lärm, mit dem sie daherkam, daß Herr Sénéchal, erschrocken und in der Befürchtung eines neuen Unglücksfalls, mit dem Ausruf an die Tür stürzte: »Was gibt es noch?«

»Zeugen! Hier sind noch andere Zeugen!« riefen die Bauern.

Herr Sénéchal wandte sich in das Innere der Stube und sagte, nachdem er einen Blick mit Herrn Daubigeon gewechselt, zum Richter:

»Man bringt Ihnen neue Zeugen!«

Ohne Zweifel verwünschte Herr Galpin-Daveline die Unterbrechung.

Aber er kannte die Bauern gut genug, um zu wissen, daß es wichtig war, sofort aus ihrem guten Willen Nutzen zu ziehen, und daß er auf diesen verzichten müßte, wenn er ihrer scheuen Behutsamkeit Zeit ließe, die Oberhand zu gewinnen.

»Wir werden später auf unsere Unterhaltung zurückkommen, Herr Graf . . .« sagte er zu diesem.

»Die Zeugen mögen eintreten«, antwortete er alsdann Herrn Sénéchal, »aber allein, einer nach dem andern.«

Der erste, der vortrat, war der einzige Sohn eines wohlhabenden Pächters aus dem Flecken Bréchy, namens Ribot; ein großer Bursche von fünfundzwanzig Jahren mit breiten Schultern, kleinem Kopf, niedriger Stirn und mächtigen hochroten Ohren.

Er hatte auf zwei Meilen Umkreis den Ruf eines unwiderstehlichen Verführers und war nicht wenig stolz darauf.

»Was wißt Ihr zu sagen?« fuhr Herr Galpin-Daveline fort, nachdem er ihn nach seinem Vor- und Familiennamen und nach seinem Alter gefragt.

Mit einer geckenhaften Miene, die so gut verstanden wurde, daß die Bauern in ein helles Gelächter ausbrachen, richtete Ribot sich keck empor: »Ich hatte am verflossenen Abend eine wichtige, sehr wichtige Angelegenheit jenseits des Schlosses von Boiscoran. Man erwartete mich; ich hatte mich verspätet. Ich nahm also den kürzesten Weg durch das Moor. Ich wußte, daß infolge der Regengüsse, die wir in den letzten Tagen hatten, die Gräben voll Wasser sein würden; aber für eine Angelegenheit wie die meinige findet man immer Mittel und Wege.«

»Erspart Euch diese unnötigen Nebenumstände«, sprach der Untersuchungsrichter kurz.

Der eitle Bursche schien über diese Einwendung mehr erstaunt als beleidigt.

»Wie es dem Herrn Richter beliebt«, antwortete er. »Es war etwas nach acht Uhr, als ich bei den Teichen der Seille ankam. Sie waren dermaßen angeschwollen, daß das Wasser die Steine des Dammes um zwei Daumenhöhe überragte. Ich fragte mich eben, wie ich durchkommen sollte, ohne naß zu werden, als ich Herrn von Boiscoran von der entgegengesetzten Richtung herankommen sah.«

»Seid Ihr sicher, daß er es war?«

»Zum Teufel! Das will ich wohl meinen, da ich ihn gesprochen habe! . . . Aber hört nur! Er schien die Nässe durchaus nicht zu fürchten. Ohne weiteres schlug er seine Hosen zurück, preßte sie in die breiten Schäfte seiner großen gelben Stiefel und ging hindurch. Da erst bemerkte er mich und schien erstaunt darüber. Ich aber war es nicht weniger als er. ›Wie? Sie sind es, unser Herr?‹ sagte ich ihm. – ›Ja‹, antwortete er mir, ›ich muß jemand in Bréchy sprechen.‹ Das war wohl möglich. Dennoch sagte ich ihm noch: ›Da haben Sie sich aber einen wunderlichen Weg gewählt‹; worauf er lachend antwortete: ›Ich wußte nicht, daß das Wasser ausgetreten war, und ich hoffte einige Wasservögel zu erlegen.‹ Mit diesen Worten zeigte er mir seine Flinte. Für den Augenblick fand ich nichts dabei, jetzt aber, nach allem, was sich zugetragen, kommt es mir seltsam vor . . .«

Diese ganze Aussage hatte Herr Galpin-Daveline Wort für Wort aufgeschrieben.

»Wie war er gekleidet?« fragte er dann.

»Warten Sie ein wenig – er trug hellgraue Hosen, ein Jackett aus kastanienbraunem Samt und einen Panama mit breiten Rändern.«

Da begann Schreck und Unruhe sich in den Zügen des Grafen und der Gräfin, Herrn Daubigeons und selbst des Doktors Seignebos zu malen.

Ein Umstand in der Aussage Ribots war es besonders, der sie frappierte. Er hatte gesehen, daß Herr von Boiscoran seine Beinkleider in die Stiefel hineinschob, um über den Damm zu gehen.

»Ihr könnt Euch zurückziehen«, sagte Herr Galpin-Daveline zu Ribot. »Ein anderer Zeuge mag vortreten.«

Dieser andere war ein alter Mann, nicht vom besten Ruf, der eine alte Hütte etwa eine halbe Meile von Valpinson bewohnte. Man nannte ihn »Vater Gaudry«.

Sosehr der Bursche Ribot mit Selbstgefühl aufgetreten war, sosehr zeigte sich dieser Alte in seinen schmutzigen und übelriechenden Lumpen demütig und furchtsam.

»Es mochte etwa elf Uhr abends sein«, begann er, nachdem er seinen Namen genannt, die Aussage, »da ging ich auf einem der kleinen Fußsteige durch das Gehölz von Rochepommier.«

»Um Holz zu stehlen«, sprach der Richter in strengem Ton.

»Um aller Heiligen willen!« jammerte der Alte, indem er die Hände faltete, »wie ist es möglich, so etwas zu sagen! Ich und Holz stehlen, ich! Nein, mein bester Herr, ich wollte nur im Innern des Waldes schlafen, um sicher beim ersten Sonnenstrahl zu erwachen und Pilze und Champignons zu suchen, die ich in Sauveterre verkaufe. So verfolgte ich meinen Weg, als ich plötzlich hinter mir die Schritte eines Menschen vernahm. Natürlich ergriff mich die Angst.«

»Weil Ihr stehlen wolltet?«

»O nein, mein guter Herr – aber es war Nacht, Sie verstehen. Genug also, ich versteckte mich hinter einem Baum, und fast zu gleicher Zeit sah ich Herrn von Boiscoran, den ich sehr gut kenne, vorbeigehen. Trotz der Dunkelheit bemerkte ich, daß er in großer Wut zu sein schien, denn er sprach ganz laut, er fluchte, er gestikulierte und riß von Zeit zu Zeit ganze Hände voll Blätter von den Ästen.«

»Hatte er eine Flinte?«

»Ja, mein Herr, denn eben die Flinte war es, die mich in Furcht versetzte. Ich hielt ihn für einen Jagdhüter.«

Der dritte und letzte Zeuge war eine gute und geachtete Meierin, Frau Courtois, deren Meierei auf der anderen Seite des Gehölzes von Boiscoran lag.

»Ich weiß nicht viel zu sagen«, erklärte sie, als sie befragt wurde, nach kurzem Zögern. »Aber was ich weiß, will ich immerhin angeben. Da wir in diesen Tagen eine Menge Handwerker erwarten und ich morgen Brot backen wollte, war ich mit meinem Esel nach der Mühle am Berge von Sauveterre gegangen, um Mehl zu kaufen. Es war im Augenblick keines vorhanden, aber der Müller sagte mir, er könnte mir welches geben, wenn ich warten wollte, und ich blieb deshalb zum Abendessen dort. Gegen zehn Uhr lieferte man mir einen Sack Mehl aus, den die Burschen auf meinem Esel befestigten, und ich machte mich auf den Rückweg. – Ich hatte schon über die Hälfte davon gemacht, es mochte ungefähr elf Uhr sein, und ich hatte eben das Gehölz von Rochepommier erreicht, als mein Esel einen Fehltritt tat und der Sack herunterfiel. Ich war sehr in Verlegenheit, da ich selbst nicht Kraft genug hatte, ihn wieder aufzubinden, als ich etwa zehn Schritt von mir einen Mann aus dem Walde treten sah. Auf meinen Ruf kam er herbei. Es war Herr von Boiscoran. Ich bat ihn, mir zu helfen, worauf er, ohne sich weiter bitten zu lassen, seine Flinte niedersetzte, den Sack aufnahm und dem Esel wieder aufband. Ich dankte ihm; er antwortete, es sei gern geschehen, und das war alles!«

Immer aufrecht an der Schwelle des Zimmers stehend, dessen Zutritt er der unmäßigen Neugier der Bauern entzog, begnügte sich der Bürgermeister von Sauveterre mit den bescheidenen Funktionen eines Gerichtsdieners.

»Ist noch jemand da, der etwas zu sagen hätte?« rief er, nachdem Frau Courtois sich verlegen zurückzog und vielleicht schon bedauerte, etwas gesagt zu haben.

Da niemand mehr vortrat, schloß er ohne weiteres die Tür, indem er hinzufügte: »Dann geht, meine Freunde, und gebt der Justiz Zeit, sich in Ruhe zu beraten.«

Die Justiz aber, insofern es die Person des Untersuchungsrichters betraf, befand sich in dem Zustande grausamster Verwirrung.

Auf den Tisch, an dem er sich niedergesetzt, stützte sich Herr Galpin-Daveline mit aufgestemmten Ellbogen, bestürzt bis zu dem Grade, daß er gar keine Bewegung mehr versuchte; die Stirn in die Hände gepreßt, saß er da und schien nach einem Ausgang des Engpasses zu suchen, in den er sich hineingewagt.

Plötzlich richtete er sich auf, und sein gewohntes Amtsgesicht vergessend, ließ er die Maske eisiger Unempfindlichkeit fallen.

»Was nun?« rief er, als hätte er in der Angst seiner Seele auf Beistand gehofft oder einen Rat erfleht: »Was nun?«

Niemand gab ihm eine Antwort.

Aller, die ihn umgaben, hatte sich das tiefste Entsetzen bemächtigt, sowohl des Grafen und der Gräfin von Claudieuse, als Herrn Sénéchals, des Staatsanwalts, und selbst des Doktors.

Jeder von ihnen suchte sich noch gegen diese unwahrscheinliche, nicht zu begreifende, unerhörte Anklage zu sträuben.

Endlich, nach kurzem Schweigen, begann der Richter mit eigentümlicher Bitterkeit: »Sie sehen es, meine Herren, ich tat recht, als ich den Cocoleu verhörte . . . Oh, versuchen Sie nicht, es zu bestreiten! Denn jetzt teilen Sie selbst meinen Zweifel und meinen Verdacht. Wer von Ihnen dürfte noch behaupten, daß der Unglückliche nicht durch die Übergewalt einer furchtbaren Aufregung für einige Minuten seine volle Vernunft wiedergewonnen hätte? Als er behauptete, dem Verbrechen beigewohnt zu haben, als er uns den Namen des Schuldigen angab, zuckten Sie die Achseln. Aber andere Zeugen sind aufgetreten, und aus der Übereinstimmung ihrer Aussagen geht eine Fülle der schrecklichsten Vermutungen hervor.«

Er wurde wieder lebhafter.

Die Amtsgewohnheit, stärker als alles übrige, gewann wieder die Oberhand.

»Herr von Boiscoran«, fuhr er fort, »war am Abend nach Valpinson gekommen. Dies ist jedenfalls unwiderruflich. Auf welche Weise aber war er gekommen? Indem er sich zu verbergen suchte. Vom Schlosse von Boiscoran nach Valpinson führen zwei gleichbegangene Wege; der von Bréchy und der, welcher um die Teiche führt. Hat Herr von Boiscoran den einen oder den anderen dieser beiden Wege gewählt? Nein! Um hinzukommen, durchschnitt er geradewegs das Moor, auf die Gefahr hin, dort einzusinken und bis an die Schultern ins Wasser zu geraten. Auf dem Rückweg schlug er sich in den Wald von Rochepommier, trotz der Dunkelheit und trotz der offenbaren Gefahr, sich zu verirren und bis zum Morgen sich nicht wieder zurechtzufinden. Warum das? Was beabsichtigte er damit? – Nicht gesehen zu werden. Das ist augenscheinlich. Und ferner, wem ist er begegnet? Einem Mädchenjäger, dem Ribot, der sich selbst versteckte, um ein Liebesabenteuer aufzusuchen. Einem Holzdieb, Gaudry, dessen einzige Sorge ist, den Gendarmen auszuweichen. Einer Pächterin endlich, der Frau Courtois, die sich durch einen Zufall auf ihrem Wege verspätet hatte. Alle diese Vorsichtsmaßregeln waren wohl getroffen, aber die Vorsehung wacht . . .«

»Ach was, die Vorsehung!« brummte Doktor Seignebos, »die Vorsehung!«

Herr Galpin-Daveline schien die Unterbrechung kaum zu hören. In immer größeren Eifer geratend, fuhr er fort: »Kann man andererseits zugunsten des Herrn von Boiscoran einige Widersprüche in der Zeitangabe anführen? Nein. Wann wurde er, von dieser Seite herkommend, gesehen? Beim Einbrechen der Nacht. Es war gegen halb neun, behauptet Ribot, als Herr von Boiscoran den Damm der Seilleteiche passierte. Also konnte er gegen halb zehn in Valpinson sein. – Um diese Zeit war das Verbrechen noch nicht begangen. Wann begegnete man ihm auf der Rückkehr in seine Wohnung? Gaudry und die Frau Courtois haben es Ihnen gesagt: nach elf Uhr. Da aber war Herr von Claudieuse verwundet und Valpinson in Brand. – Wissen wir etwas von der Gemütsverfassung des Herrn von Boiscoran? Ja – auch das. Auf dem Hinweg war er vollkommen kaltblütig; er war sehr erstaunt, dem Ribot zu begegnen, erklärte ihm aber seine Anwesenheit an diesem ziemlich gefährlichen Orte, und warum er die Flinte über der Schulter hatte. Er mußte, wie er vorgab, jemand in Bréchy sprechen, und zugleich hatte er sich vorgenommen, Wasservögel zu schießen. Ist das annehmbar? Ist es wahrscheinlich? – Doch untersuchen wir sein Verhalten auf dem Rückwege. Er schritt schnell vorwärts, sagt Gaudry aus; er erschien in großem Zorn und riß von Zeit zu Zeit Hände voll Blätter von den Ästen. Was sagte er der Frau Courtois? – Nichts. Da sie ihn rief, durfte er nicht fliehen, das wäre zu auffällig gewesen, aber in aller Eile leistete er ihr den Dienst, um den sie ihn bat. Und weiter? Während einer Viertelstunde hatte er denselben Weg zu machen wie die Frau Courtois. Ging er mit ihr? – Nein. Er eilte voraus, um sein Haus zu erreichen, denn er glaubte den Grafen von Claudieuse tot, denn er wußte, daß Valpinson in Flammen stand; er erwartete zitternd die Sturmglocke läuten, Feuer ausrufen zu hören.«

Es ist nicht gewöhnlich, daß die Justiz auf eine so familiäre Weise verfährt. Doch bestehen im allgemeinen, wo es sich um eine Untersuchung handelt, keine festgesetzten Regeln. Von dem Augenblick an, da ein Untersuchungsrichter einem Verbrechen auf der Spur ist, wird ihm alle Vollmacht überlassen, um den Schuldigen ausfindig zu machen.

Mit unumschränkter Herrschaft, nur von seinem Gewissen geleitet, mit der äußersten Machtvollkommenheit ausgerüstet, handelt er nach seinem Gutdünken.

Aber in der Angelegenheit von Valpinson hatte die rasche Folge der Umstände Herrn Galpin-Daveline mit sich fortgerissen. Zwischen der ersten an Cocoleu gerichteten Frage und dem jetzigen Augenblick hatte er kaum Zeit gehabt, sich zu besinnen. Und da sein Verfahren ein öffentliches gewesen, war er leidigerweise genötigt, es zu rechtfertigen.

»Das ist ja ein Requisitorium in aller Form«, rief der Doktor Seignebos. Er hatte mit einer wütenden Gebärde seine goldene Brille abgenommen und wieder aufgesetzt.

»Und worauf begründet?« fuhr er mit zu großer Heftigkeit fort, als daß es möglich gewesen wäre, ihn zu unterbrechen. »Begründet auf die Antworten eines Unglücklichen, den ich als Arzt für unzurechnungsfähig erkläre. Denn die Intelligenz pflegt nicht im menschlichen Gehirn aufzuflammen und zu verlöschen wie das Gas in einer Laterne. Entweder man ist Idiot oder man ist es nicht; er ist es immer gewesen und wird es immer sein. – Aber, sagen Sie, die übrigen Aussagen stimmen überein. Sagen Sie wenigstens, daß es Ihnen so scheint. Warum dies? Weil Cocoleus Beschuldigungen Sie beeinflußt haben. Würden Sie sich sonst darum kümmern, was Herr von Boiscoran getan oder unterlassen hat? Er ist den ganzen Abend umhergewandert. Hat er dazu nicht das beste Recht? Er ist durch das Moor gegangen. Wer kann ihn daran hindern? Er ist durch den Wald gestreift. Seit wann ist das verboten? Man ist ihm begegnet. Ist das nicht ganz natürlich? Aber nein, ein Schwachsinniger beschuldigt ihn, und nun sind alle seine Handlungen verdächtig. Er redet – und bekundet damit das kalte Blut eines verhärteten Übeltäters. Er schweigt – und beweist dadurch die Gewissensbisse eines Schuldigen, der vor Furcht zittert. Anstatt des Herrn von Boiscoran konnte Cocoleu mich nennen, mich, den Doktor Seignebos. Dann würde man auch für jede meiner Taten verbrecherische Ursachen suchen; und, seien Sie überzeugt, man würde tausend Beweise meiner Schuld entdecken. Man hätte dabei übrigens leichtes Spiel. Bin ich nicht für noch viel freisinnigere Ansichten bekannt als Herr von Boiscoran? Da – da ist das Stichwort: Herr von Boiscoran ist Republikaner. Herr von Boiscoran erkennt keine andere Souveränität, keine andere Verwaltung an als die des Volkes.«

»Doktor«, unterbrach der Staatsanwalt, »Doktor, Sie wissen nicht, was Sie sprechen . . .«

»Ich weiß es wohl, zum Teufel! Ja sogar . . .«

Aber er wurde von neuem unterbrochen, und diesmal durch Herrn von Claudieuse.

»Was mich betrifft«, erklärte der Graf, »so erkenne ich die Kraft der Wahrscheinlichkeiten an, die der Herr Untersuchungsrichter aufgeboten. Aber über die Wahrscheinlichkeiten setze ich eine positive Tatsache: den Charakter des beschuldigten Mannes. Herr von Boiscoran ist ein Ehrenmann und ein Mann von Herz, unfähig, ein so schändliches und gottloses Verbrechen zu begehen . . .»

Auch die übrigen stimmten ein.

»Und ich«, sprach Herr Sénéchal, »ich frage: Warum dieses Verbrechen? Ja, wenn Herr von Boiscoran nichts zu verlieren hätte! Aber wo in aller Welt gibt es einen glücklicheren Menschen, jung, wohlhabend, von bewunderungswürdiger Gesundheit, unermeßlich reich, geachtet und überall gesucht? Außerdem – ein Umstand, der noch Familiengeheimnis ist, aber den ich Ihnen mitteilen kann und der allein genügt, jeden Zweifel zu beseitigen: Herr von Boiscoran ist bis zur Leidenschaft in das Fräulein Denise von Chandoré verliebt und wird ebenso von ihr wiedergeliebt, und seit vorgestern ist ihre Hochzeit auf den zwanzigsten des nächsten Monats festgesetzt.«

Mittlerweile verstrich die Zeit.

Von dem Kirchturm von Bréchy schlug es halb vier. Der Tag war angebrochen und ließ den Schein der Lampen erbleichen. Aus dem Morgennebel hervortretend, brach die Sonne mit ihren freundlichen Strahlen durch die Scheiben.

Aber keiner von den Männern, die in so ernste Betrachtungen vertieft das Bett des Grafen umgaben, schien es zu bemerken.

Regungslos, ohne ein Wort zu sprechen, hatte Herr Galpin-Daveline die Einwürfe angehört, die ihm gemacht wurden. Er hatte wieder so weit Herrschaft über sich gewonnen, daß es schwer gewesen wäre, den durch diese hervorgerufenen Eindruck zu erraten.

Endlich sprach er mit ernstem Kopf schütteln:

»Mehr als Sie alle, meine Herren, bedarf ich des Glaubens an die Unschuld des Herrn von Boiscoran . . . Herr Daubigeon weiß, was ich damit sagen will, und kann es bestätigen. Mein Herz verteidigte vor Ihnen allen seine Rechte. Aber ich bin der Vertreter des Gesetzes, und über meinen Neigungen steht meine Pflicht . . . Hängt es von mir ab, die Anklage Cocoleus, so einfältig, so absurd sie scheint, zunichte zu machen? Kann ich es ungeschehen machen, daß drei unerwartete Aussagen dieser Anklage den beunruhigenden Charakter der Wahrscheinlichkeit verliehen haben?«

Außer sich rief der Graf von Claudieuse: »Und was abscheulich dabei ist: Herr von Boiscoran hält mich für seinen Feind. Daß ihm nur nicht der Gedanke komme, dieser unwürdige Verdacht sei von mir oder meiner Frau aufgestellt worden! O daß ich mich jetzt nicht rühren kann! . . . Meine Herren, darauf wenigstens verlasse ich mich, Herrn von Boiscoran zu bedeuten, daß ich für ihn einstehe wie für mich selbst. Cocoleu . . . der verdammte Idiot; ach, Geneviève, warum ermutigtest du ihn zum Sprechen? Hättest du nicht darauf bestanden, er wäre hartnäckig bei seinem Schweigen geblieben.«

Da unterlag endlich auch Frau von Claudieuse den Ängsten dieser schrecklichen Nacht.

Während der ersten Stunden hatte die Aufregung, die gewöhnlich einer großen Krise folgt, sie aufrecht gehalten; aber seit einem Augenblick war sie auf einem Fußschemel neben dem Lager, auf dem ihre beiden Kinder ruhten, niedergesunken, und das Haupt in den Kissen verbergend, schien sie zu schlafen. – Aber es schien nur so.

Bei der Anrede ihres Gatten erhob sie sich bleich, mit verstörten Zügen und geröteten Augen, und rief mit durchdringender Stimme: »Was . . . man hat versucht, Trivulce zu ermorden, fast wären meine Kinder in den Flammen umgekommen, und ich sollte uns das Mittel entgehen lassen, den elenden Mörder, den schändlichen Brandstifter zu entdecken? . . . Nein, was ich getan habe, das mußte ich tun. Was auch daraus entstehe, ich bereue nichts.«

»Aber Herr von Boiscoran ist nicht schuldig, Geneviève; es ist unmöglich, daß er es ist. Wie sollte ein Mann, der das hohe Glück hat, von Denise von Chandoré geliebt zu werden, der schon die Tage zählt, die ihn von seiner Verbindung mit der Geliebten trennen, wie sollte der ein so gräßliches Verbrechen ersonnen haben?«

»Wenn er unschuldig ist, so mag er es beweisen!« entgegnete die Gräfin streng.

Der Doktor Seignebos biß vor Ärger die Zähne zusammen. »Das heißt wieder einmal Frauenlogik!« murmelte er.

»Man wird nicht ermangeln, seine Unschuld zu beweisen«, sprach Herr Sénéchal, »soviel ist gewiß. Er bleibt dennoch aber für immer verdächtigt. Und, so ist der Geist unseres Volkes, dieser Verdacht wird einen Schatten auf sein ganzes zukünftiges Leben werfen. Nach zwanzig Jahren wird man noch sagen, wenn von Herrn von Boiscoran die Rede ist: ›Ach! ja der – der das Feuer in Valpinson angesteckt hat!‹«

Jetzt war es nicht Herr Galpin-Daveline, sondern der Staatsanwalt, der darauf mit bedrückter Stimme antwortete: »Ich teile zwar die Ansicht des Herrn Bürgermeisters nicht, aber was liegt daran! Nach allem, was vorgegangen ist, kann der Herr Untersuchungsrichter nicht mehr zurückgehen; seine Pflicht und mehr noch das Interesse des Angeklagten untersagen es ihm. Was würden alle die Bauern, die Cocoleus Erklärungen und die Aussage der Zeugen mit angehört – was würden sie sagen, wenn die Anklage aufgehoben würde? Daß Herr von Boiscoran schuldig ist, und daß man ihn nicht verfolgt, weil er reich und adelig ist. – Auf meine Ehre, ich glaube an seine Unschuld. Aber eben weil dies meine Überzeugung ist, so halte ich dafür, daß man nicht eher ruhen darf, als bis man sie unwiderleglich klar dargetan hat. Die Mittel müssen sich finden. Als er Ribot begegnete, sagte er ihm, daß er nach Bréchy ginge, um jemand zu sprechen . . .«

»Und wenn er nicht dorthin gegangen wäre?« wandte Herr Sénéchal ein. »Wenn es nur ein Vorwand gewesen wäre, um die zudringliche Neugier Ribots zu befriedigen? Nun wohl, dieser Umstand wäre bald beseitigt; er hätte nur vor Gericht die Wahrheit zu erklären. Mir ist darum nicht bange. Und – es ist auch ein handgreiflicher Beweis, der mehr als alles übrige Herrn von Boiscoran freispricht: selbst wenn er, was unmöglich ist, die Absicht gehabt hätte, Herrn von Claudieuse zu ermorden, so hätte er seine Flinte mit einer Kugel und nicht mit Schrot geladen.«

»Und er hätte mich nicht auf zehn Schritte verfehlt«, rief der Graf. Heftige Schläge an die Tür unterbrachen ihn.

»Herein!« schrie Herr Sénéchal.

Die Tür öffnete sich und drei Bauern erschienen, mit aufgeregten, aber sichtlich befriedigten Mienen.

»Wir haben soeben«, sagte einer von ihnen, »etwas Sonderbares gefunden!«

»Was?« fragte Herr Galpin-Daveline.

»Man würde es fürwahr für ein Etui halten. Aber Pitard behauptet, daß es die Hülse einer Patrone sei.«

»Zeigt her«, rief der Graf, der sich aus seinen Kissen erhoben hatte. »Ich habe in den letzten Tagen mehrere Schüsse in der Nähe meines Hauses abgefeuert, um die Vögel, welche uns die Früchte verdarben, zu verscheuchen. Ich will sehen, ob diese Hülse mir gehört.«

Der Bauer reichte sie ihm hin.

Es war eine sehr feine Hülse, wie die Patronen zu den amerikanischen Doppelflinten sie meistens haben. Seltsam, sie war geschwärzt durch die Entzündung des Pulvers, aber weder zerrissen noch selbst durch die Explosion verbogen. Sie war so vollkommen unversehrt, daß man noch darauf den Namen des Fabrikanten: Klebb, mit erhabenen Buchstaben geprägt, lesen konnte.

»Diese Patrone hat mir nie gehört«, sprach der Graf.

Aber bei diesen Worten war er sehr bleich geworden, so bleich, daß seine Frau auf ihn zutrat und ihn mit einem fragenden Blick ansah, in welchem sich die fürchterlichste Angst malte.

»Nun?«

Er antwortete nicht.

So mächtig und so beredt wirkte in diesem Augenblick sein Schweigen, daß die Gräfin dem Umsinken nahe schien; sie murmelte:

»So hatte Cocoleu doch seine volle Vernunft!«

Nicht der geringste Umstand dieser jähen Szene war Herrn Galpin-Daveline entgangen.

Auf allen Gesichtern um sich her hatte er den Ausdruck plötzlichen Grauens wahrgenommen.

Dennoch schwieg er und verriet seine Beobachtungen durch keinerlei Bemerkung.

Er nahm aus Herrn von Claudieuses Händen die metallene Hülse, welche ein Beweisstück von der furchtbarsten Wichtigkeit werden konnte; und während einiger Minuten drehte und wandte er sie nach allen Seiten und besah sie mit der sorgfältigsten Aufmerksamkeit.

Sich darauf zu den Bauern wendend, die ehrerbietig mit entblößtem Haupt am Eingang standen, fragte er: »Wo habt ihr diesen Rest einer Patrone gefunden, meine Freunde?«

»Ganz in der Nähe des verfallenen Turmes, der noch vom alten Schloß übrig ist, wo man die Handwerkszeuge aufbewahrt, und der ganz mit Efeu bewachsen ist.«

Mittlerweile hatte Herr Sénéchal schon den Schreck bemeistert, der ihn ergriffen, als er den Grafen von Claudieuse erbleichen und verstummen sah.

»Jedenfalls«, sagte er, »hat der Mörder von dort nicht geschossen. Von jener Stelle aus sieht man nicht einmal den Eingang des Hauses.«

»Das ist möglich«, antwortete der Richter, »aber die Hülse der Patrone fällt nicht notwendig auf den Platz zurück, von dem aus man feuert. Sie fällt herab, wenn man den Lauf der Flinte öffnet, um sie neu zu laden.«

Dieser Einwand war so treffend, daß selbst der Doktor Seignebos nicht zu protestieren versuchte.

»Jetzt«, fuhr Herr Galpin-Daveline fort, »wer von euch, meine Freunde, hat diesen Rest einer Patrone gefunden?«

»Wir waren alle drei zusammen, als wir ihn bemerkten und aufhoben.«

»Gut! Sage mir ein jeder seinen Namen und die Wohnung, damit ich euch, wenn es nötig ist, nach dem Gesetz vorladen kann.«

Sie gehorchten und zogen sich unter ehrfurchtsvollen Verbeugungen zurück, als der Galopp eines Pferdes sich draußen auf dem Hofe, der das Haus umgab, hören ließ. Gleich darauf trat der Bote, der nach Medikamenten in die Stadt geschickt worden war, mit einer wütenden Gebärde ein.

»Der Schuft von Apotheker«, rief er, »es schien gerade, als wollte er mir durchaus nicht öffnen.«

Der Doktor Seignebos nahm die Gegenstände, die man ihm gebracht, in Empfang.

»Ich begreife sehr wohl, mein Herr«, sagte er, sich mit ironischem Respekt vor dem Untersuchungsrichter verbeugend, »wie wichtig es ist, dem Mörder den Hals abzuschneiden, aber ich halte es für nicht weniger dringend, das Leben des Verwundeten zu retten. Ich habe die Behandlung der Wunden länger unterbrochen, als es die Vorsicht vielleicht erlaubte; ich bitte Sie, mich jetzt in Ruhe mein Amt versehen zu lassen.«


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