Emile Gaboriau
Der Strick um den Hals
Emile Gaboriau

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28

Herr Folgat war bereits in Tätigkeit. Vertrauen in seine Sache, die Überzeugung von Jacques' Schuldlosigkeit, der Reiz des Geheimnisvollen, Kampflust, die Ungewißheit des Erfolgs und zugleich die Begier danach, Neigung, Interesse, Leidenschaft, alles vereinigte sich, um die Fähigkeiten des Anwalts anzuregen und ihn anzuspornen.

Und über all dem schwebte noch, geheimnisvoll und nicht mit Worten zu erklären, die tiefe Empfindung, welche dem Vertreter des Rechts Fräulein von Chandoré unbewußt in die Seele gepflanzt hatte. Er war dem Zauber unterlegen wie alle andern, die mit Denise in Berührung kamen. Es war nicht Liebe im gewöhnlichen Sinne des Wortes, und es war nicht Hoffnung auf Besitz, denn er wußte wohl, daß, wie auch die Würfel fallen würden, Denise doch für immer Jacques angehöre; es war aber eine nicht minder mächtige und zarte Empfindung, die ihm den Wunsch einflößte, sich ihr zu widmen und in ihrem Leben, ihrem Glücke einen Wert und eine Erinnerung zu bilden.

Um ihretwillen hatte er alle seine sonstigen Geschäfte und Klienten vernachlässigt und war in Sauveterre geblieben. Um ihretwillen namentlich wollte er Jacques von Boiscoran retten.

Kaum war der Bahnhof in Paris erreicht, als er die Marquise von Boiscoran dem Schutze des alten Antoine überließ und in einem Wagen nach seiner Wohnung eilte. Er hatte bereits am Abend vorher telegraphiert, sein Diener war also bereit. In wenigen Augenblicken war er umgekleidet, und wieder in den Wagen steigend, fuhr er aus, um den Mann zu finden, der nach seiner Meinung am geeignetsten und fähigsten war, die finstern Ränke zu durchdringen und zu lichten.

Dieser Mann war ein gewisser Goudar, welcher bei der Pariser Polizeipräfektur jene Funktionen bekleidete, die zwar schlecht erklärbar sind, aber so gut bezahlt werden, daß sie ein behagliches Leben gestatten.

Es war einer jener Agenten für alles, welche die Polizei zu den schwierigsten und feinsten Unternehmungen und für die gefahrvollsten Ausforschungen an allen Punkten der Welt verwendet, da wo es gilt, gleichzeitig Scharfblick und Takt, beispiellose Unerschrockenheit und unerschütterliche Kaltblütigkeit zu beweisen.

Herr Folgat hatte Gelegenheit gehabt, ihn in einer Angelegenheit der »Diskontogesellschaft auf Gegenseitigkeit« kennen- und schätzen zu lernen. Der Unternehmer dieser Gesellschaft war mit einem Defizit von mehreren Millionen entflohen, Goudar wurde auf seine Spur gesetzt und fand und verhaftete ihn endlich in Kanada, nachdem er drei Monate lang Amerika nach allen Richtungen durchkreuzt hatte. Schon damals hatte Folgat sich vorgenommen, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit sich an diesen geschickten Mann zu wenden.

Goudar war verheiratet und Familienvater und wohnte an der Straße nach Versailles, ganz nahe den Befestigungen. Er besaß ein eigenes kleines Haus, das sehr versteckt lag, mit einem Gärtchen an der Straße und einem großen Garten an der Rückseite, wo er die prächtigsten Pflanzen und Früchte kultivierte und allerlei Tiere hielt.

Es ist nämlich eine bemerkenswerte Tatsache, daß alle diese Polizeimenschen, welche sich den Tag über in der gesellschaftlichen Luft bewegen müssen, das Landleben lieben und, vermutlich abgestoßen von so viel zu ihrer Kenntnis kommender menschlicher Bosheit und Gemeinheit, Tiere und Pflanzen mit ihrer Neigung begünstigen.

Als Herr Folgat vor Goudars hübschem Besitztum den Wagen verließ, sah er eine junge schöne Frau von fünfundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahren mit einem sehr niedlichen kleinen, blonden Mädchen von drei bis vier Jahren in dem Vorgärtchen spielen.

»Ist Herr Goudar anwesend?« fragte Folgat, nachdem er sie begrüßt hatte.

Die junge Frau errötete leicht, und bescheiden, aber nicht verlegen, erwiderte sie mit einer glockenreinen Stimme:

»Mein Mann ist im Garten, und Sie finden ihn leicht, wenn Sie den Gartenweg weitergehen, der ums Haus herumführt.«

Der bezeichneten Richtung folgend, traf Folgat alsbald auf den Gesuchten. Einen alten Strohhut auf dem Kopfe, in Pantoffeln und Hemdsärmeln, mit einer blauen Latzschürze und einer Tasche, wie sie die Gärtner zu tragen pflegen, stand Goudar auf einer Leiter und war beschäftigt, die köstlichen Gutedeltrauben seines dichtberankten Spaliers mit Stricknetzen zu bedecken. Als er den Sand der Gartenwege unter Folgats Füßen knirschen hörte, wendete er sich um.

»Ah, sieh da, Herr Folgat bei mir!« rief er. »Guten Tag, Herr Anwalt!«

Herr Folgat war beim ersten Anblick Goudars förmlich überrascht. Er hätte kaum in ihm seinen Polizeimann wiedererkannt.

Es waren freilich über drei Jahre verflossen, seit er ihn nicht gesehen hatte. Zudem gehörte Goudar zu denjenigen Erscheinungen, die man schwer im Gedächtnis behält; von mittlerer Gestalt, weder stark noch mager, weder braun noch blond, weder jung noch alt . . . ein Paßbeamter hätte gewiß in seine Personenbeschreibung gesetzt: »Gesicht: gewöhnlich; Nase: gewöhnlich; Mund: gewöhnlich; Augen: von unbestimmter Farbe. Besondere Kennzeichen: fehlen.«

Es ließ sich nicht gerade sagen, daß Goudar einfältig aussehe, er hatte aber auch keinen intelligenten Gesichtsausdruck. In seinem Äußern war alles durchschnittlich und unbestimmt. Nicht ein hervorstechender Zug. Man konnte ihn sehen, ohne ihn zu beachten, und ihn vergessen, sobald er vorüber war.

»Sie sehen mich meine Ernte für den Herbst vorbereiten«, sagte er dem Anwalt. »Es ist ein angenehmes Geschäft. Ich stehe indessen sogleich zu Ihrer Verfügung. Nur noch diese drei Trauben, dann komme ich.«

In wenigen Augenblicken war es geschehen, und er stieg von der Leiter.

»Nun, was sagen Sie zu meinem Garten?« fragte er.

Und sofort war er daran, dem Besucher sein Besitztum zu zeigen, und mit der Freude des Besitzers rühmte er die Saftigkeit seiner Kaiserbirnen, die brennenden Farben seiner Dahlien, die Einrichtung seines Hühnerhofes, die Kaninchenställe, ein Bassin für seine Enten von allen Arten und Farben . . .

Herr Folgat verwünschte im Grunde seines Herzens diesen Enthusiasmus. Es wurde dabei Zeit verloren – aber wenn man die Dienste eines Menschen beansprucht, ist es nötig, seinen Eigenheiten zu schmeicheln. Der Anwalt ging scheinbar auf alle seine Lobsprüche ein, und immer mit dem geheimen Gedanken, sich die Geneigtheit des Polizeimannes zu gewinnen, zog er ein Zigarrenetui hervor und präsentierte es ihm geöffnet.

»Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?« fragte er verbindlich.

»Ich danke, ich rauche nie«, erwiderte Goudar, und die Überraschung des Anwalts bemerkend, setzte er hinzu:

»Wenigstens rauche ich nie daheim; ich glaube bemerkt zu haben, daß der Tabakrauch meine Frau stört . . .«

Hätte Folgat seinen Mann nicht bereits besser gekannt, er würde in ihm das Urbild eines gutmütigen, schlichten und derben Grundstücksbesitzers oder kleinen Rentiers gesehen haben, von dem man, nachdem man ihm Höflichkeit bezeigt hat, sich zurückzieht. Aber Folgat hatte ihn in seiner polizeilichen Tätigkeit gesehen, und daraufhin lobte er seinen dicken Spargel, seine Melonen, sein Treibhaus. Endlich führte Goudar ihn in eine Laube am Ende des Gartens.

»Nun, mein lieber Gast, setzen wir uns und reden wir von der Veranlassung Ihres Kommens«, sagte Goudar; »denn daß Sie mich nicht zum bloßen Vergnügen besuchen, ist leicht erklärlich.«

Goudar war eine Persönlichkeit, der man im Leben schon mehr anvertraut hatte als zehn Gelehrten, zehn Anwälten und zehn Ärzten zusammen genommen. Man konnte ihm getrost alles sagen; ohne das mindeste Zögern erzählte ihm daher der Anwalt in einem Zuge die Geschichte Jacques' und der Gräfin Claudieuse.

Goudar hörte ihn an ohne ein Wort der Unterbrechung, ohne eine Bewegung, ohne daß eine Muskel seines Gesichts gezuckt hätte.

»Und was weiter?« fragte er, als Folgat geendet hatte.

»Vor allem möchte ich Ihre Ansicht hören. Finden Sie die Erklärungen des Herrn von Boiscoran stichhaltig?«

»Warum nicht? Ich habe wahrhaftig in meinem Leben noch ganz andere vernommen.«

»Und meinen Sie, daß sie, trotz der gegen ihn angehäuften Beschuldigungen, hinreichen, um seine Unschuld glaubhaft zu machen?«

»Erlauben Sie gütigst! Ich meine gar nichts. Solch eine Geschichte will geprüft sein, bevor man sein Urteil abgibt.«

Er beobachtete den Anwalt lächelnd.

»Wozu die lange Vorrede?« sagte er. »Sie erwarten etwas von mir.«

»Ja, Ihren Beistand, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.«

Der Mann der Präfektur erwartete einen Antrag dieser Art. Nach einer Minute Nachdenkens fuhr er, den Anwalt fest ansehend, fort:

»Wenn ich Sie recht verstanden habe, so wollen Sie eine Gegenuntersuchung zugunsten der Verteidigung in Gang bringen.«

»Gewiß.«

»Und zwar ohne Vorwissen der Anklagepartei.«

»Ganz richtig.«

»Gut. Mir ist es aber unmöglich, Ihnen dabei zu dienen.«

Der junge Anwalt war mit Geschäften dieser Art zu vertraut, um nicht mit einem gewissen Widerstand zu rechnen.

»Dies ist nicht Ihr letztes Wort, mein lieber Goudar«, sagte er.

»Verzeihen Sie! Ich gehöre nicht mir selbst an, ich habe eine Anstellung und tägliche Pflichten.«

»Sie könnten ja einen Monat Urlaub verlangen, der Ihnen gewiß nicht verweigert werden wird.«

»Das ist wahr, aber man wird sich trotzdem auf der Polizeipräfektur wegen dieses Urlaubs besondere Gedanken machen. Man würde mich ohne Zweifel überwachen, und wenn man fände, daß ich mich auf eigene Faust in polizeiliche Angelegenheiten mische, würde man mir tüchtig den Kopf waschen und mich meiner Dienste entheben.«

»Oh! . . .«

»Da gibt's kein ›Oh‹! Man würde tun, wie ich sagte, und mit Recht. Denn wohin gelangten wir zuletzt und was würde aus der persönlichen Freiheit und Sicherheit, wenn der erste beste das Recht hätte, einen Beamten der Polizeiverwaltung anzuwerben und nach seinem Gutdünken zu beschäftigen? Und wo bleibe ich, wenn ich meinen Posten verliere?«

»Die Familie des Herrn von Boiscoran ist reich und würde ihre Erkenntlichkeit für die Rettung eines der Ihrigen großzügig beweisen.«

»Und wenn ich ihn nicht rettete? Wenn ich bei der Bemühung, seine Unschuld klarzulegen, nur neue Beweise seiner Schuld entdeckte?«

Dieser Einwand war so schwerwiegend, daß Herr Folgat nicht einmal den Versuch machte, ihn zu bestreiten.

»Ich bin in der Lage«, erwiderte er, »Ihnen beim Beginn Ihrer Tätigkeit eine bestimmte Summe zu überweisen, die Ihnen bleibt, möge der Erfolg sein, welcher er wolle.«

»Welche Summe? Hundert Louis vielleicht? Gewiß sind hundert Louisdor nicht zu verachten, aber was tue ich damit, wenn ich abgesetzt werde? An mich persönlich denke ich nicht, aber ich habe Weib und Kind, und dieses Nestchen ist mir um alles Glück der Welt nicht feil. Meine Frau, welche weder Vater noch Mutter hat, besitzt nichts außer ihrem Kram von Spitzen und Schals. Meine Stellung ist nicht glänzend, aber sie wirft mir mit den besonderen Belohnungen jährlich etwa sieben- bis achttausend Francs ab, von denen ich zwei- bis dreitausend erspare.«

Der Anwalt unterbrach ihn mit einer freundschaftlichen Bewegung. »Wenn ich Ihnen nun zehntausend Francs anbiete?«

»Ungefähr das Einkommen eines Jahres.«

»Oder wenn ich Ihnen fünfzehntausend zahle?«

Goudar schwieg, aber sein blitzendes Auge sprach mehr als Worte.

»Die Sache des Herrn von Boiscoran ist interessant«, fuhr Folgat fort; »ein derartiger Fall kommt nicht oft vor. Derjenige, welchem es gelingt, die Anklage zu entkräften, würde seinen Ruf gewaltig vergrößern.«

»Auch sich zum Freunde des Gerichts machen?«

»Ich muß gestehen, daß ich daran noch nicht dachte.«

Goudar schüttelte den Kopf.

»Mit mir ist's anders«, versetzte er. »Ich gestehe offen, daß ich weder aus Ehrsucht noch aus Liebe zur Sache arbeite. Ich weiß wohl, daß die Eitelkeit ein starker Beweggrund bei vielen meiner Berufsgenossen ist; ich habe den Vater Tabaret gekannt, ich kannte Lecoq. Aber ich für meine Person bin positiver. Mein Geschäft hat mir nie gefallen, und wenn ich es fortsetze, so geschieht es nur, weil mir das Geld fehlt, um ein anderes zu ergreifen. Es setzt überdies noch meine Frau in Verzweiflung, die nicht eher frei atmen zu können glaubt, als bis ich es aufgegeben habe, weil sie immer befürchtet, daß man mich eines schönen Morgens mit durchgeschnittener Kehle oder einem gehörigen Stich zwischen den Schultern nach Hause bringt.«

Herr Folgat hatte, ohne seine Aufmerksamkeit von Goudars Rede abzulenken, inzwischen eine prall gefüllte Brieftasche hervorgezogen und auf den Tisch gelegt.

»Mit fünfzehntausend Francs«, sagte er, »kann man schon etwas anfangen.«

»Das ist wahr . . . Es stößt da ein Grundstück an meinen Garten . . . Der Blumenhandel wirft in Paris etwas ab und gefällt meiner Frau sehr . . . Auch mit Früchten läßt sich etwas verdienen.«

Der Anwalt sah, daß er seinen Mann gewonnen hatte.

»Vergessen Sie nicht, mein lieber Goudar«, sagte er, »daß diese fünfzehntausend Francs im Falle des Erfolgs nur eine Abschlagszahlung sind. Vielleicht verdoppelt man sie Ihnen. Herr von Boiscoran ist der freigebigste Mann der Welt, und es wird ihm eine Freude sein, den Mann, der ihn rettete, königlich zu belohnen.«

Mit diesen Worten öffnete er seine Brieftasche und entnahm ihr fünfzehn Scheine zu je tausend Francs, welche er auf dem Tisch ausbreitete.

»Bei jedem andern als bei Ihnen«, fuhr er fort, »würde ich zögern, eine solche Summe vorauszuzahlen; denn ein anderer würde sich vielleicht nach Empfang des Geldes wenig mehr um meine Aufträge bekümmern. Dagegen kenne ich Ihre Zuverlässigkeit und bin beruhigt, wenn ich gegen meine Geldscheine Ihr Wort erhalte. Also . . . habe ich Ihr Wort?«

Die Aufregung des Polizisten war groß, er war etwas blaß geworden, so sehr er sich auch sonst zu beherrschen wußte. Er zögerte, indem er die Banknoten mit leise zitternder Hand berührte. Dann erhob er sich plötzlich.

»Warten Sie zwei Minuten auf mich«, sagte er und eilte dem Hause zu.

»Ob er wohl seine Frau um Rat fragt?« dachte der Anwalt.

Dies war auch wirklich der Fall, denn einige Augenblicke später sah er Goudar am Ende der Allee in lebhaftem Gespräch mit seiner Frau erscheinen. Die Unterredung war aber nur kurz. Goudar kehrte rasch in die Laube zurück.

»Es ist abgemacht, ich stehe zu Ihrer Verfügung«, erklärte der Geheimagent.

Folgat reichte ihm erfreut die Hand.

»Haben Sie Dank!« sagte er ihm; »denn von Ihnen unterstützt, bin ich des Erfolges so gut wie gewiß . . . Unglücklicherweise drängt die Zeit. Wann gehen wir ans Werk?«

»Augenblicklich. Gestatten Sie mir nur, mich umzuziehen, und dann bin ich bereit. Es ist indes nötig, daß Sie mir die Schlüssel zu dem Hause in der Rue de la Vigne verschaffen.«

»Ich trage sie bei mir.«

»In diesem Falle gehen wir sofort. Ich muß vor allem das Terrain kennenlernen. Und Sie sollen nicht sagen, daß ich lange Toilette mache.«

Wirklich kehrte Goudar in weniger als einer Viertelstunde umgekleidet zurück; er trug einen langen schwarzen Überrock und Handschuhe, so daß er aussah wie einer jener ehrsamen Kaufleute, die, vom Glück begünstigt, sich vom Geschäft zurückgezogen haben und welchen man oft innerhalb der Bannmeile von Paris begegnet, wo sie sich in der Langeweile ihres Nichtstuns sonnen und an unheilbarer Sehnsucht nach ihrem Kramladen leiden.

»Gehen wir!« sagte er zu dem Anwalt. Und begrüßt von Frau Goudar, welche sie mit ihrem heitersten Lächeln begleitete, stiegen sie in den Wagen und bezeichneten dem Kutscher »Rue de la Vigne Nr. 23« als Ziel.

Es ist eine eigentümliche Straße, diese Rue de la Vigne, wenig bekannt und so wenig besucht, daß Gras auf dem Fahrdamm wächst. Sie ist sehr lang und bildet einen weiten Bogen, dessen Sehne die Straße nach Boulainvilliers ist. Uneben, holperig, nur teilweise gepflastert und festgestampft, gleicht sie weit eher einer Dorfstraße als einer Straße von Paris. Es gibt dort keine Läden, wenig Häuser, aber rechts und links fortlaufende Gartenmauern, über welche hohe Bäume emporragen.

»Ah«, murmelte Goudar, »der Ort ist gut gewählt für heimliche Zusammenkünfte; zu gut, möchte man sagen, denn es wird schwer sein, hier Nachweise zu erhalten.«

Der Wagen hielt vor einer kleinen Tür in einer alten, viele Male ausgebesserten Mauer, der man die Spuren von zwei Belagerungen deutlich ansah.

»Hier ist Nummer 23«, sagte der Kutscher. »Ich kann aber kein Haus sehen.«

Es war wirklich von außen keines sichtbar; als aber Goudar und Folgat durch die Gartentür eingetreten waren, bemerkten sie es mitten in einem großen Garten, einfach und gefällig mit einer doppelten Freitreppe, Schieferdach und frisch gestrichenen Fensterläden.

»Wahrhaftig!« rief der Polizeimann, »wie müßte sich hier ein Gärtner wohl fühlen!«

Der Anwalt merkte wohl, was in ihm vorging.

»Wenn wir Herrn von Boiscoran retten«, sagte er, »so bin ich überzeugt, daß es ihm auf diese Besitzung nicht ankommen wird.«

»Untersuchen wir sie!« versetzte der Agent in einem Tone, der die größte Begier nach Erfolg erraten ließ.

Unglücklicherweise hatte Jacques nur zu sehr recht gehabt. Möbel, Tapeten, Teppiche, alles war neu, und vergebens durchforschten die beiden Besucher die vier Zimmer des Parterres und die vier Zimmer des oberen Stocks, sowie die unteren Räume, wo sich Küche und Vorratsgewölbe befanden, endlich die Dachkammern.

»Wir finden in diesem Hause nicht den geringsten Hinweis«, erklärte Goudar. »Ich werde, um nichts unversucht zu lassen, noch einen Nachmittag opfern, für heute aber ist nichts mehr zu tun. Besser, wir besuchen die Leute der nächsten Nachbarschaft.«

Die Bewohnerschaft der Rue de la Vigne ist, wie schon angedeutet, nicht sehr zahlreich: der Direktor einer Unterrichtsanstalt, ein Viehhändler, ein Bauschlosser, ein Wagenvermieter, fünf oder sechs Grundbesitzer und der unvermeidliche Weinhändler bildeten die gesamte Bevölkerung der Straße.

»Unser Rundgang wird nicht lange dauern«, sagte Goudar, nachdem er den Kutscher angewiesen hatte, an der Straßenecke zu halten.

Weder der Institutsdirektor noch seine Angestellten wußten irgend etwas. Der Viehhändler hatte wohl erfahren, daß das Haus Nr. 23 einem Engländer gehöre, aber er hatte ihn nie gesehen und kannte nicht einmal seinen Namen. Der Schlosser wußte, daß der Besitzer sich Francis Burnett nannte; er hatte für ihn verschiedene Arbeiten geliefert und sie gut bezahlt bekommen. Aber wenn er bei diesen Gelegenheiten auch den Engländer gesehen hatte, so war dies doch nur so flüchtig gewesen, daß er meinte, er werde nicht imstande sein, ihn wiederzuerkennen.

»Wir spielen unglücklich«, sagte der Anwalt nach diesem dritten Besuche.

Besser war die Erinnerung des Wagenvermieters. Er erklärte, daß er den Engländer von Nr. 23 sehr gut kenne, denn er habe ihn zwei- oder dreimal gefahren, und die Personenbeschreibung, die er von ihm gab, paßte genau auf Jacques von Boiscoran. Er erinnerte sich noch, daß eines Abends bei sehr schlechtem Wetter der Engländer mit einer Dame gekommen sei und einen Wagen verlangt habe. Die Dame sei allein eingestiegen, und er habe sie nach dem Place de la Madeleine fahren müssen. Sie sei aber tief verschleiert, und es sei so dunkel gewesen, daß er ihre Gesichtszüge nicht habe sehen können. Das einzige, was er von ihr sagen könne, sei, daß sie mehr als mittelgroß gewesen.

»Immer dasselbe, nichts!« bemerkte Goudar, als sie den Wagenvermieter verlassen hatten. »Die beste Auskunft dürfte vielleicht der Weinhändler geben können. Wenn ich allein wäre, würde ich etwas bei ihm genießen.«

»Ich bin dabei«, entgegnete Folgat.

So geschah es, und zwar zum Glück. Der Weinhändler selbst wußte nicht viel, aber sein Kellner, der bereits fünf bis sechs Jahre in diesem Geschäft aufwartete, kannte Sir Francis Burnett von Ansehen und war mit seiner Wirtschafterin Suky Wood ziemlich vertraut gewesen. Ganz in Dienstbotenmanier gab er eine Menge Einzelheiten.

Suky, erzählte er, war eine sehr große Person, rot im Gesicht wie ihre Hutbänder und graziös wie ein Kürassier in Weiberröcken. Er hatte sich oft und lange mit ihr unterhalten, wenn sie kam, um sich Mittagessen zu holen oder Bier zu kaufen, welches sie sehr gern trank. Sie hatte geäußert, daß sie mit ihrer Stelle sehr zufrieden sei, da sie gut bezahlt werde und fast nichts zu tun habe, sondern dreiviertel des Jahres allein im Hause sei.

Von ihr hatte der Kellner auch gehört, daß ihr Herr noch eine andere Wohnung habe und nur in die Rue de la Vigne komme, um eine Dame zu empfangen. Diese Dame selbst verursachte Suky viel Mißvergnügen, denn sie hatte nicht einmal ihre Nasenspitze gesehen, so klug hatte die Dame stets ihre Vorsichtsmaßregeln getroffen. Aber Suky hatte einen Schwur getan, nicht zu ruhen, bis sie das Gesicht der Dame gesehen habe.

»Und sie hat sicher ihren Zweck früher oder später erreicht!« flüsterte Goudar dem Anwalt ins Ohr.

Endlich erfuhren sie noch durch den Kellner, daß Suky Wood sehr gut mit der Dienstmagd eines alten unverheirateten Rentiers in Nr. 17 befreundet gewesen sei.

»Dort müssen wir hingehn!« entschied Goudar.

Sie trafen das Dienstmädchen allein im Hause, und Goudar wußte sie durch listige Schmeicheleien so gesprächig zu machen, daß ihre Zunge in die geläufigste Bewegung kam und sie alle Angaben des Kellners bestätigte. Suky, deren ganzes Vertrauen sie genoß, hatte sich nicht geniert, ihr mitzuteilen, daß Herr Burnett gar kein Engländer sei und eigentlich nicht Burnett heiße; daß er nur in der Rue de la Vigne diesen falschen Namen zu dem Zwecke angenommen habe, unerkannt seine Geliebte zu empfangen, die eine Dame aus der großen Welt und wunderbar schön sei.

Beim Ausbruch des Kriegs, als sie Paris verlassen wollte, habe Suky ihr gesagt, daß sie nach England zu ihrer Familie zurückkehren wolle.

Hierauf verließen Folgat und Goudar das Haus des Rentiers.

»Was wir erfahren haben, ist allerdings nicht viel«, sagte Goudar im Hinausgehen; »die Geschworenen würden damit nicht zufrieden sein, aber es genügt, um wenigstens teilweise Herrn von Boiscorans Erzählung zu bestätigen. Es ist uns damit bewiesen, daß er hier mit einer Dame zusammentraf, welche zu verbergen er ein großes Interesse hatte. War diese Dame, wie er versichert, Frau von Claudieuse? Das wird Suky uns mitteilen, denn diese hat sie bestimmt noch gesehen. Wir müssen also Suky ausfindig machen . . . Und nun besteigen wir wieder unsern Wagen, um uns zur Polizeipräfektur zu begeben. Sie erwarten mich dann im Café des Justizpalastes. Ich werde nicht länger als eine Viertelstunde ausbleiben.«

Es vergingen aber gut eineinhalb Stunden, und Folgat begann schon unruhig zu werden, als endlich Goudar mit befriedigtem Gesicht wieder erschien. Er bestellte beim Kellner ein Glas Bier und ließ sich neben dem Anwalt nieder.

»Ich bin lange ausgeblieben«, begann er, »aber meine Zeit ist nicht verloren gewesen. Ich habe für einen Monat Urlaub erhalten. Ferner habe ich einen tüchtigen Menschen, der für uns in England nach Burnett und Suky forschen kann. Es ist ein mutiger Junge namens Barousse, fein und gerieben, und spricht Englisch wie ein geborener Londoner. Er fordert außer den Reisekosten täglich fünfundzwanzig Francs und fünfzehnhundert Francs, wenn sein Unternehmen erfolgreich ist. Ich habe eine Zusammenkunft mit ihm um sechs Uhr, um ihm eine endgültige Antwort zu bringen. Wenn seine Bedingungen Ihnen genehm sind, so reist er, von mir mit reichlichen Instruktionen versehen, noch heute abend nach England ab.«

Statt aller Erwiderung zog der Anwalt einen Tausendfrancsschein hervor und reichte ihn dem Polizisten.

»Dies für die ersten Kosten«, sagte er.

Goudar erhielt sein Bier.

»Gut, mein Herr«, entgegnete er. »Ich werde Sie nun verlassen, um in die Rue de la Ferme-des-Mathurins zu eilen und das Haus des Herrn Tassar von Bruc, des Vaters der Frau von Claudieuse, zu umschleichen. Vielleicht springt irgend etwas dabei heraus. Morgen verbringe ich den Tag damit, das Haus in der Rue de la Vigne mit der Lupe zu untersuchen und die Lieferanten auszufragen, deren Verzeichnis Sie mir gegeben haben. In vier oder fünf Tagen werden Sie in Sauveterre ein Individuum eintreffen sehen, welches ich bin.«

Und sich erhebend, fuhr er fort:

»Denn es ist nötig, daß ich Herrn von Boiscoran rette; es ist nötig, und ich will es . . . Es ist ein zu schönes Haus . . . Also, auf Wiedersehen in Sauveterre!«

Es schlug vier Uhr. Folgat verließ das Café gleich nach Goudar, ging den Kai hinab, um die Rue de l'Université zu erreichen und möglichst schnell Herrn und Frau von Boiscoran zu sehen.

»Die Frau Marquise schläft«, sagte ihm der Diener, an den er sich wendete, »aber der Herr Marquis befindet sich in seinem Arbeitszimmer.«

Hier begrüßte ihn der junge Anwalt; der Marquis war noch ganz verstört von der aufregenden Szene am Morgen. Er hatte seiner Gemahlin nur das gesagt, was er längst gedacht hatte, aber er war in Verzweiflung, daß er es unter den vorliegenden Umständen gesagt hatte. Und trotzdem empfand er eine große Erleichterung, denn es war ihm doch ein bedeutender Teil der Zweifel vom Herzen genommen worden, die er so lange insgeheim mit sich herumgetragen hatte.

»Nun?« fragte er den eintretenden Anwalt mit einer sehr veränderten Stimme.

Herr Folgat wiederholte ihm bis ins kleinste die Erzählung der Marquise, seiner Gemahlin; aber er fügte auch, was die Marquise nicht gekonnt und nicht gewußt hatte, noch hinzu, was er von den verzweifelten Absichten Jacques' persönlich wußte. Bei dieser Mitteilung machte der Marquis eine trostlose Gebärde.

»Der Unglückliche!« rief er. »Und ich habe ihn beschuldigt! . . . Er wollte sich töten!«

»Ja«, erwiderte Folgat, »und ich sowie Herr Magloire haben die größte Mühe gehabt, seinen unseligen Entschluß zu überwinden und ihm begreiflich zu machen, daß niemals, was auch geschehen möge, ein Unschuldiger das Recht habe, Hand an sich selbst zu legen.«

Eine Träne rollte über die Wange des alten Edelmannes.

»Ach, so bin ich furchtbar ungerecht gewesen!« murmelte er . . . »Armes, unglückseliges Kind!« Und dann fügte er laut hinzu:

»Ich werde ihn sehen, ich bin entschlossen, Frau von Boiscoran nach Sauveterre zu begleiten. Wann reisen Sie wieder?«

»Mich hält in Paris nichts mehr zurück; was ich tun konnte, ist geschehen, und ich könnte noch heute abend abreisen . . . Aber ich bin wirklich entsetzlich müde. Ich fahre morgen um zehn Uhr fünfundvierzig.«

»Gut; wir reisen miteinander. Es bleibt dabei, nicht wahr? Morgen, um zehn Uhr auf dem Bahnhof. Um Mitternacht sind wir dann in Sauveterre.«


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