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Einleitung

Schon während der Arbeit an meiner »Kultur- und Sittengeschichte Berlins« führte mich die Fülle des sich vor mir ausbreitenden Materials zu dem Entschluß, das galante Berlin in einem besonderen Buche darzustellen. Tatsächlich fließen für diese Darstellung seit dem Mittelalter reiche urkundliche, literarische und bildliche Quellen.

Ich habe versucht zu zeigen wie das galante Leben an der Spree seit seinen ersten Spuren sich entwickelt hat, und welche Umstände auf diese Entwicklung eingewirkt haben.

Diese Entwicklung führte von einer Derbheit, die durch die ältere süddeutsche und westdeutsche Kultur ziemlich spät berührt, aber stark durch das höfische Leben, die allmählich auch in Berlin sich einstellende künstlerische, musikalische und Bühnenkultur beeinflußt wurde, zu einem wirklich galanten Leben. Dieses zeigte gegenüber von Paris, Wien, London auch andere Wesenszüge und auch immer besondere Auswüchse.

Dennoch muß man sagen, daß das Leben in Berlin nie in der Weise von den Einflüssen galanter Kultur bestimmt worden ist, wie das unter vielem Rühmen immer von andern Weltstädten gesagt wird.

Im Gegenteil wird man sagen dürfen, daß die volkstümliche Kritik galanter Erscheinungen nirgends in der Welt so drastisch und vernichtend in Worten, Witzen, Versen und Bildern besorgt worden ist wie in Berlin, dieser Stadt, die eigentlich immer vor allem auf Arbeit eingestellt gewesen ist und wohl auch bleiben wird. Und man wird diese Stadt, so entfesselt zu gewisser Zeit auch ihr galantes Leben erschienen sein mag, nicht hiernach beurteilen dürfen. Jede Weltstadt wird solche Züge aufweisen, die aber letzten Endes nicht so sehr als galante Züge wie als soziale Erscheinungen zu werten sind.

Dieses schnellgewachsene Berlin scheint vielmehr seine, wenn man so sagen darf, galante Inflation bereits überwunden zu haben und auf dem Wege einer Lebensfreude zu sein, die durch eine in Körperkultur und neuen Anschauungen aufwachsende Jugend bestimmt sein wird.

Dies Buch will selbstverständlich nicht streng wissenschaftlich sein. Es will nur einen bisher nicht geschlossen dargestellten Teil des Berliner Lebens und der Berliner Geschichte zusammenfassen und gestalten. Daß dies nicht auf durchaus trockene und nüchterne Weise geschieht, sondern auf eine Art, die auch der Allgemeinheit zugängig ist, – die ja schließlich auch oft genug mit den hier dargestellten Erscheinungen in Berührung kommt – wird hoffentlich dem Buche nicht verargt werden.

Bei dieser Streife durch die mehr vergnügliche Seite des Berliner Lebens mußte selbstverständlich in manchen Teilen der Darstellung sich auch ein amüsanter Ton äußern. Aber schließlich bin ich um den Ernst mancher Erscheinungen nicht herumgegangen und habe mich bemüht, nichts zu beschönigen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich meinen Dank allen denen sagen, die mir mit Material literarischer und künstlerischer Art geholfen haben, insbesondere den Herren vom Kupferstichkabinett, vom Märkischen Museum, wo auch Fräulein Willer sehr hilfsbereit war, sowie Herrn Dr. Bruhn in der Lipperheide-Bibliothek, Herrn Direktor Dr. Arendt von der Magistrats-Bibliothek und manchem Mitglied des Vereins für die Geschichte Berlins.

Hans Ostwald.

siehe Bildunterschrift

Lucas Cranach: Ad imaginem veneris.

Galanter Scherz um 1506, zugleich bezeichnend für den Frauentyp im damaligen Norddeutschland.


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