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Die Venus von Dresden

Der Soldatenkönig war immer schroff abweisend, wenn man versuchte, ihn in die Arme der Frauen zu locken. Das geschah in geradezu raffinierter Weise wieder einmal, als der König und der junge Kronprinz, der spätere alte Fritz, den Dresdner Hof besuchten. Die Schwester Friedrich II. berichtet darüber – sie hatte es gewiß von ihrem Bruder so geschildert bekommen –:

»Eines Abends (1728), als man dem Bacchus gehuldigt hatte, fühlte der König von Polen seinen Gastfreund unbemerkt in ein reichgeschmücktes Zimmer, dessen Meubles und ganze Anordnung von dem ausgesuchtesten Geschmack zeugten. Dieser, von allem was er sah entzückt, blieb stehen, um alle Schönheiten zu betrachten, als man auf einmal eine Tapetenwand hob, die ihm ein ganz neues Schauspiel darbot. Es war dies ein Mädchen in dem Zustande unserer ersten Eltern, nachlässig auf einem Ruhebette hingestreckt. Dieses Geschöpf war schöner, als man Venus und die Grazien malt; sie bot dem Blicke einen Körper von Elfenbein dar, weißer als der Schnee und schöner geformt als die schöne Statue der mediceischen Venus in Florenz. Das Kabinett, welches diesen Schatz einschloß, war von so vielen Kerzen erleuchtet, daß ihr Glanz blendete und der Schönheit dieser Göttin einen neuen Schimmer verlieh. Die Erfinder dieses Schauspiels zweifelten nicht daran, daß der Gegenstand Eindruck auf das Herz des Königs machen werde, aber es kam ganz anders.

Kaum hatte der Fürst einen Blick auf die Schöne geworfen, als er sich unwillig umdrehte, und da er meinen Bruder hinter sich erblickte, diesen sehr derb aus dem Zimmer stieß, das er selbst unmittelbar darauf verließ, sehr erbittert über den Streich, den man ihm hatte spielen wollen. Er sprach an demselben Abende in sehr starken Ausdrücken mit Grumbkow darüber und erklärte ihm geradezu, daß, wenn man dergleichen Auftritte wiederhole, er auf der Stelle abreisen werde. Etwas anderes war es bei meinem Bruder. Trotz der Sorgfalt des Königs hatte er doch Zeit genug gehabt, die Venus des Kabinetts zu betrachten, die ihm nicht so viel Abscheu einflößte, als es bei seinem Vater der Fall gewesen war. Er erhielt sie vom König von Polen als Ersatz für die schöne Orselska, in die er sich verliebt hatte. Die Orselska soll eine Tochter August des Starken gewesen sein, die dieser König keinem andern gönnte.«

siehe Bildunterschrift

Rosalba Carriera: Gräfin Orselska.
Tochter August des Starken.

Als bald darauf der König von Polen am preußischen Hof einen Gegenbesuch machte, brachte er die Orselska mit nach Berlin. Der junge Kronprinz fand Wege, das Verhältnis mit ihr fortzusetzen. Ein Kind von ihr, dessen doch wohl recht zweifelhafte Vaterschaft Friedrich II. zugeschoben wurde, brachte der französische Richter Garrel in Frankfurt a. d. Oder unter. Sie hatte Eigenschaften, die wohl einen jungen, heißblütigen und falscherzogenen Prinzen verleiten konnten. Zeitgenossen berichten von ihr: Sie war sehr gut gewachsen, hatte etwas Großes in ihrem Anstande und eine allerliebste Laune. Sie erschien sehr oft in Mannskleidern, die ihr sehr artig standen. Man sagte, daß sie sehr wohltätig sei; wenigstens war sie außerordentlich freigebig, so daß der König ihr kaum genug Geld zu ihren Ausgaben anweisen konnte; denn sie gab alles her. Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie daher weiter nichts mehr als ihre Edelsteine, deren Wert sich etwa auf 1 500 000 Taler belief. Allein der Graf Sulkowsky, Günstling und Premierminister August III., ließ ihr diese unter dem Vorwande wegnehmen, daß sie dem sächsischen Hofe gehörten. Das kränkendste für die Gräfin bei diesem Verfahren war, daß sie die Gemahlin des Grafen Sulkowsky bald darauf mit einem Teile der Steine bei Hofe erscheinen sah. Sie schien indessen nicht bewegt darüber zu sein, sondern sagte, daß sie durch den Verlust ihres Vaters alles verloren habe, und daß Vermögen, Ehre und Glücksgüter keinen Reiz weiter für sie hätten.

Eine solche großdenkende Person ist nicht gerade allzu häufig unter den Mätressen anzutreffen. Und sie hat vielleicht nur in weiblicher Großmut den jungen Friedrich erhört – der ja sonst so wenig Liebe genoß und wohl um so mehr auf galante Abenteuer verfiel. Jedenfalls war es natürlich, daß der sechzehnjährige Prinz sie bestürmte. Er wußte, daß sie zugänglich war. Und alles, was um ihn herum geschah, konnte ihn gerade nicht zur Abstinenz anspornen. Die Anschauungen, die er zu hören bekam, waren auch nicht geeignet, die Enthaltsamkeit zu fördern. Empfahl doch seine Mutter ihrer Tochter, den Prinzen von Wales zu heiraten und gefällig gegen ihn zu sein, seine Ausschweifungen zu dulden und zu leiten – dann werde sie später mehr König von England sein als er.


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