Carl von Ossietzky
Sämtliche Schriften 1929 - 1930
Carl von Ossietzky

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Gegenspieler

Niemand hat den Hochglanz der wilhelminischen Epoche so vollendet verkörpert wie der Fürst Bülow. Er ist der eigentliche Minister jenes Kaisers gewesen, der Bismarck rüde verabschiedete und dem ernsten Sozialpolitiker Posadowsky beim Vortrag die Teckel zwischen die Beine jagte. Wilhelm liebte die Lächelnden, die Wohlgelaunten, liebte den schmerbäuchigen Podbielski, aus dessen rosigem Bowlegesicht der anspruchslose Humor von hundert Offizierskasinos strahlte. Er kam auch mit dem blendenden Plauderer Bülow zehn Jahre aus. Doch als unter dem tristen Eindruck eines ungeheuren Skandals dem Kanzler einmal der Charme verging, machte er bald Schluß mit ihm. Als der Lächler, der Mann mit den Grübchen, Mohrchen, den treuen Pudel zur Seite, hat sich Bernhard Bülow dem Gedächtnis eingeprägt. So war er die immer heitere Beute der Karikaturisten, seine Kanzlerschaft fällt mit der Blütezeit des ›Simplicissimus‹ zusammen. Wo Andre kämpften, lächelte er und siegte. Ein Zauberer.

Dennoch beschränken sich auch die freundlichsten Nekrologisten darauf, die Weltklugheit, die diplomatische Gewandtheit, die edle Kultur des Verstorbenen zu rühmen. Denn bei tiefer gehender Betrachtung kann nicht verborgen bleiben, daß unter ihm jene Politik eingeleitet wurde, die schließlich zum Kriege führte. Gewiß hat Bülow akute Gefahren stets abgebogen, aber er eröffnete auch jene fatale Außenpolitik, die mit Bluffs und Demonstrativakten der Welt die deutsche Schneidigkeit beweisen sollte aber in Wahrheit nur den Glauben an die deutsche Friedensliebe unterhöhlt hat. Weil Herr Tirpitz seine Schiffe bauen mußte, wurden Englands Verständigungsangebote zurückgewiesen, die Marokkoaffäre brachte Kriegsgefahr mit Frankreich; die einzige Idee war der zur höhern Ehre des monarchischen Prinzips erfolgte enge Anschluß an den Zarismus. Alle von Deutschland erwiesenen Liebesdienste haben Nikolaus nicht gehindert, seine eignen Wege zu gehen. Die Bilanz des Regimes Bülow ist schlecht.

Deutschland brauchte einen Staatsmann, der Kaiser einen Höfling. Bülow hatte beträchtliche staatsmännische Fähigkeiten, aber Neigung und Tradition machten ihn im selben Maße zum Courtisan. Er war bei uns wohl der Letzte von der Linie Talleyrand; einer jener Diplomaten, deren gesellschaftliche Triumphe bereits positive politische Leistungen bedeuten, weil sie im allgemeinen mit niemand als mit ihresgleichen zu tun haben und die Völker nur als ein unvermeidliches Anhängsel aristokratischer Regierungen betrachten. Diese Haltung schützt vor nationalem Banausentum und läßt sich zur Not noch mit einer gewissen Dosis von privatem Liberalismus vereinen. Öffentlich pflegte Bülow davon nur maßvoll Gebrauch zu machen. In innenpolitischen Debatten trat er oft preußischer auf als ein guter Geschmack erlaubt hätte. Er konnte auf die Sozialdemokratie dreschen wie nur ein Koller oder Kröcher, und auf die Freisinnigen, die das Dreiklassenwahlrecht in Grund und Boden kritisierten, münzte er das ärgerliche Wort vom »Asphaltliberalismus«.

Er stand zwischen einem Volk von sechzig Millionen und einem Kaiser, der in den Ministern niemals viel mehr gesehen hat als gehobene Palastdiener, und dieser eine Mann mag ihm allerdings mehr zu schaffen gemacht haben als die geduldigen sechzig Millionen. Bismarcks Begriffe von der Nation waren immer etwas vormärzlich geblieben, aber er ignorierte die Nation nicht, und ein Blick auf Europa bereitete ihm »Cauchemars«. Niemals hat Bülow die heitere Sicherheit des virtuosen Tänzers verloren, aber er hat auch immer nur für die Hofloge getanzt.

Als Kunstfreund war Fürst Bülow ganz vorurteilslos. Er hatte eine zu erlesene ästhetische Bildung, um das Verdikt seines kaiserlichen Chefs über die »Rinnsteinkunst« zu unterschreiben. In seinem Hause sah man oft die von der Zensur geschurigelten Vertreter der junge Literaten. Das gehörte zu seinem privaten Liberalismus. Aber wenn er so um 1905 in einem zwanzig Jahre vorher zuerst erschienenen Versband geblättert und diese Stelle gefunden haben mag:

Mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit:
Ein blutiger Frevel ist diese Zeit!

– so wird er das doch wohl als einen betrüblichen Literatenexceß angesehen haben. Wer schrie denn da so? Ein Herr Arno Holz. Wußte der Herr nicht, daß Deutschland ein mächtig aufstrebendes Land war, mit sauber geordneter Verwaltung, sozialpolitisch fortschrittlicher als die so oft kritiklos verhimmelten Staaten mit der parlamentarischen Demokratie –?

Arno Holz war ein harter, dunkler Gegenspieler dieser Ära des Oberflächenkultes und des falschen Optimismus. Er sah nicht Prosperität sondern Verödung und Entgötterung. Er sah Junkertum und Mammonismus auf der einen Seite, Millionenheere von Ausgebeuteten auf der andern. Es gab damals viele, die ähnlich düster sahen. Aber sie hatten keinen Einfluß und wurden nicht sehr ernst genommen. Ganz folgerichtig empfahl Wilhelm den Schwarzsehern schließlich, ihr Bündel zu schnüren.

Die lebenslängliche Opposition, das Mißtrauen gegen die Götzen seiner Zeit ist es, was Arno Holz seine Bedeutung gibt. Er gehörte nicht zu Jungen, die ein paar Jahre ungebärdig tun, um dann ganz brav in Amt und Ehren einzuschwenken. Seine Haltung wird sein Werk überleben, das zeitbedingt war und heute großenteils schon historisch geworden ist.

Er ist in jedem Lebensalter der Vorläufer gewesen, Sehender und Parolenausgebender mehr denn Schöpferischer. Er war seiner Epoche immer um ein paar Längen voraus, man möchte ihn Futurist nennen, wenn die Bezeichnung nicht schon vergeben wäre. Er lebte immer im Futurum. Sein »Buch der Zeit« ist der erste Posaunenstoß der Moderne, ein Ausblick in eine neue Welt. Da ist zum erstenmal die Fabrik, die Straße, das Gebrodel der großen Stadt, hungerndes Proletariat, unromantisches Elend des geistigen Arbeiters. Gewiß ist die Fülle nicht gebändigt, scharfes realistisches Sehen steht kritiklos neben glatter Pennälerpoesie, unerbittliches Bekenntnis neben Blaublümleinlyrik. Aber trotzdem eröffnet das »Buch der Zeit« den Umsturz in der Literatur; die Makartstube der deutschen Dichtung von 1880 kommt bald zum Gerümpel. Und Arno Holz wird der Herold des Naturalismus, das tönende Organ der Durchbruchszeit. Vieles von dem, was er unternommen hat, ist schnell vergangen, viele seiner ausgestreuten Ketzergedanken – denn Ketzer war er mit jedem Atemzug – haben dennoch ihren Boden gefunden. Wer weiß heute noch von der versuchten »Revolutionierung der Lyrik«, von der Attacke auf den Reim? Oder von seinen großen Dramen, die ehrenvolle Niederlagen sind in dem Jahrhundertkampf der deutschen Literatur um das Theater? Nicht seine oft abstrusen Theorien, nicht die Dramen, nicht die freien Rhythmen des »Phantasus« machen seinen Ruhm aus. Die Verwegenheit der selbstgeschaffenen Formen deckt sich oft nicht mit der Herkömmlichkeit der Inhalte. Dennoch war in allen seinen Versuchen ein Stück Zukunft, in seinem Irrtum noch fruchtbare Saat. Er war Johannes, der Vorläufer – der Täufer einer ganzen Zeit.

Arno Holz ist immer ein sehr streitbarer Mensch gewesen. Sein schroffes Temperament hat ihn noch vor ein paar Jahren in den weihevollen Räumen der Dichterakademie schrecklich Krach schlagen lassen. Die Ironie seines Schicksals wollte es, daß die zwei großen Erfolge seines Lebens jenseits eigentlichen Wirkens, jenseits seiner heiß geliebten Programme lagen. Nur wo der Dichter in ihm den Theoretiker und Gesetzgeber der Dichtkunst narrte, erscheint er ganz frei. Nur wo er sich selbst untreu geworden ist, erscheint er vollendet. Wenn er mit dem Jugendfreund Oskar Jerschke den »Traumulus« schreibt, gelingt ihm eines der besten Stücke Sudermanns, noch heute brauchbar und tausendmal solider gebaut als die schnell verfliegenden Tendenzdramen dieser Tage. Und dann sein keckscher Streich: die Dafnis-Lieder. Dazu steigt er beherzt in die Schreckenskammer der deutschen Literatur, an der auch die abgehärtesten Philologen ohne Aufenthalt vorübereilen, in die Barockdichtung, in den Lohensteinschen Schwulst, und bringt von dieser Extratour ein paar Bündel dreister, übermütiger und sehr fleischlicher Strophen mit. Der Dichter, der sonst ein Fußsoldat mit schwerer Bagage ist und sich in seinen Mußestunden vergnügt, die betreßten Literaturexzellenzen anzurempeln, erscheint hier unrettbar einer breiten, wahrhaft niederländischen Lebenslust verfallen: Preislieder auf einen guten, fetten Tisch folgen Hymnen auf eine zweihundertpfündige Erotik. Warum sich nicht bacchantisch an den Augenblick verlieren? Nur wo er seine verknurrte Dogmatik los wird, wirkt er ganz unbefangen.

Die Weltbühne, 5. November 1929


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