Carl von Ossietzky
Sämtliche Schriften 1929 - 1930
Carl von Ossietzky

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Unselig sind die Friedfertigen –

In ein paar Wochen wird der sozialdemokratische Parteitag in Magdeburg über das Wehrprogramm der Partei zu entscheiden haben. Der Ausgang ist nicht unklar. Die Plattform der Opposition wird verworfen, die offizielle Lesart, dieses Kind der Gedankenlosigkeit und des frühern Generalstabsoffiziers Mayr, angenommen werden.

Wehrprogramme haben jetzt gute Konjunktur in Deutschland. Den Sozialisten folgen die Demokraten. Alle wollen die Reichswehr »erfassen«, mit »wahrhaft republikanischem Geist durchtränken« und wissen nicht, daß sie schon lange von ihr erfaßt und durchtränkt sind. Die Wehrwölfe rechts blicken lächelnden Auges auf die braven Wehrschafe in schwarz-rot-goldner Wolle und freuen sich auf die Mahlzeit.

Wahrscheinlich wird das sozialistische Wehrprogramm nicht unmittelbare aktuelle Bedeutung gewinnen. Das gestattet schon Herr Groener nicht. Übrigens kommt es auch bei der Sozialdemokratie auf ein paar Thesen mehr oder weniger nicht mehr an. Wenn mal im Reichstag gezetert wird, die Sozis hätten kein Herz fürs Militär, dann wird der Genosse Fraktionsredner auffahren und triumphierend die Magdeburger Beschlüsse schwingen. Geschenkt. Ernst wird es erst, wenn das Vaterland wieder einmal ruft. Dann ist die Partei der Mühe eines neuen Umfalls enthoben, dann ist für diesen Fall schon vorgesorgt, und die Opponierenden sind dann nicht nur eine Minderheit, die niedergestimmt wird, was keine großen Folgen zu haben braucht, sie sind auch Verräter am Vaterland, auf dessen Verteidigung sich die deutsche Sektion der internationalen völkerbefreienden Sozialdemokratie festgelegt hat. Man wird also in Magdeburg sozusagen die Sandhaufen für die kriegsgegnerischen Genossen von 19?? schaufeln.

Die sozialistische Linke steht ganz allein. Die Mehrzahl der Parteiblätter ist ihr verschlossen. In diesem Augenblick helfend, unterstützend, Resonanz schaffend beizuspringen, das wäre die die Tragik: der organisierte Pazifismus, der niemals infolge Aufgabe eines lebendigen deutschen Pazifismus. Denn um seine Sache geht es schließlich in Magdeburg. Doch hier beginnt auch grundsätzlicher und taktischer Fehler ein Ding der Masse gewesen ist, liegt grade jetzt schwer krank. Grade jetzt, wo er nicht nur stehen, sondern auch gehen müßte, kommt er nicht in Frage. Er ist nach der dramatischen Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft vom 10. Februar ins Spital gebracht worden. Die noch verbliebenen Gliedmaßen sind für unbestimmte Zeitdauer eingegipst.

Unselig sind die Friedfertigen – Sie werden von ihren Feinden niedergeschlagen, von den Staatsanwälten eingebuchtet, von der unwissenden Menge als Schwächlinge verspottet. Aber wenn sie unter sich sind, dann fressen sie sich gegenseitig auf.

Pazifisten untereinander: das ist ein Kapitel für sich. Nachdem die letzten Kongresse mit ihren unerbittlichen Kämpfen ums Rechthaben für den politisch Vollsinnigen bereits die Überschreitung der Grenze des öffentlichen Ärgernisses bedeuteten, führt jetzt eine an sich nicht sehr wichtige administrative Zänkerei dicht an den Kollaps. Die Auseinandersetzung darüber, ob ein Zwangsabonnement auf das ›Andre Deutschland‹ empfehlenswert sei oder nicht, hat mit dem Rücktritt fast aller Mitglieder des Präsidiums geendet. Fritz Küster, der Herausgeber des ›Andern Deutschland‹ ist siegreich auf dem Blachfeld geblieben, aber rechts und links ist nichts mehr da. Wäre einer der beiden Flügel abgesprungen, man hätte sagen können, daß dies zwar beklagenswert sei, aber in letzter Folge eine Klärung. Hier ist jedoch nicht nur die Rechte – Quidde, Gerlach, Graf Keßler, Oberst Lange abgezogen, sondern auch die von Helene Stoecker vertretene Linke. Das erinnert fatal genug an die berühmten Reinigungen in der KPD. Man hat den Rock so gründlich gereinigt, daß beide Ärmel dabei abgegangen sind. Die Sieger sind nicht zu beneiden. Schon der letzte Vorstand, das Ergebnis eines Kompromisses zwischen Quidde und Küster, begegnete einer weit verbreiteten Abneigung und kostete mehr als ein Drittel der Mitglieder.

Es ist jammerschade um den deutschen Pazifismus, der mit allen seinen Schwächen doch nicht aus der Geschichte dieser letzten zehn Jahre fortgedacht werden kann. Der Pazifismus ist als Idee nicht in die Massen gedrungen, sondern nur in vereinzelten denaturierten Schlagworten, die von den Herren Parteiführern als ungefährlich, oder im Augenblick sogar nützlich, durchgelassen wurden. Es ist noch in schöner Erinnerung, wie robust Herr Hörsing die pazifistischen Kameraden abgeschoben hat, die ihm in den Anfängen des Reichsbanners unersetzliche Dienste geleistet haben. Zwischen knifflicher Dogmatik und überlebensgroßer Toleranz schwankend, konnte der Pazifismus nicht mehr die Werbekraft für eine richtige Volksbewegung aufbringen. Ihm fehlte dafür der Raketenblitz, der Trommelwirbel. Alles Temperament schien für die innern Balgereien aufgespeichert zu sein. Die Friedensfreunde brauchen ganz gewiß nicht immer mit dem Palmenwedel herumzufächern, aber daß sie bei jeder Debatte gleich den Tomahawk schwingen, einer den andern bezichtigt, der reinen Lehre nicht teilhaftig zu sein, das wirkt nicht bestrickend auf die, die gewonnen werden sollen, und die zuschauenden Militaristen gar gehen erleichtert ab, sich als die bessern Menschen fühlend.

Seit Jahren ist der organisierte Pazifismus nicht aus den innern Unstimmigkeiten herausgekommen. Die feinen Leute sind sowieso nach Paneuropa abgewandert, wo noch ministerielle Händedrücke ausgeteilt werden. Der gewöhnliche Soldat des Friedens indessen hat höchstens den Polizeigriff am linken Unterarm zu erwarten. Kommt hinzu, daß das Gros auch der kriegsunlustigsten Bürger sich damit tröstet, in einem vollkommen abgerüsteten Lande zu leben, während die Andern immer scheußlichere Kriegsinstrumente herstellen. Es darf nicht verkannt werden, daß schon aus diesem Grunde der deutsche Pazifismus sehr, sehr ins Hintertreffen geraten ist. Die genfer Abrüstungskomödien fügen ihm mehr Schaden zu, als es seine deutschen Verfolger jemals tun könnten. Und rein agitatorisch ist er in diesem Punkte nicht gut vorgesehen. Wenn seine Redner etwa gefragt werden, ob sie auch Herrn Paul-Boncour für einen aufrichtigen Friedensfreund halten, dann versuchen sie, sich um die peinliche Frage mit ein paar glatten Wendungen herumzuschlängeln. Das schreckt viele ab, die bereit wären, sich überzeugen zu lassen. Hier und in vielen andern Dingen langen weder die alten noch die neuern Formeln aus. Noch ist nichts geschehen, um die Wirklichkeit dieser letzten Jahre konkret zu fassen. Angesichts der Tatsache, daß in Asien und Afrika die Auflehnung gegen die imperialistischen Mächte gewaltig wächst, bedeutet es auch keine Zugkraft mehr, wenn in den Versammlungen wieder und wieder nachgewiesen wird, daß Frieden besser ist als Krieg. Das glauben die Leute auch so. Aber wenn der kommunistische Redner fragt, ob der geschundene chinesische Kuli nicht ein Recht hat, sich zu wehren, ob etwa Abd el Krim nicht ein Recht hatte, zur Empörung aufzurufen, dann serviert der pazifistische Sprecher Humanität oder verweist auf den Völkerbund oder wird ganz einfach grob. Hier muß der deutsche Pazifist noch viel bessere Beziehungen zur Gegenwart finden. Er lebt noch immer stark in der Luft von 1923, wo aller Pazifismus fast nur innenpolitische Aufgabe war.

Es ist das Mißgeschick des alten Pazifismus, wie er etwa von Quidde und Gerlach vertreten wird, daß alles, für was er sich durch lange Jahre eingesetzt hat, sich heute über die verwegenste Erwartung hinaus erfüllt hat, ohne daß der Brandgeruch in der Welt schwächer geworden wäre. Völkerbund, Locarno, Kelloggpakt – wer hätte jemals an solche Möglichkeiten als nahe bevorstehend geglaubt! Aber die Kriegsgefahr ist trotzalledem nicht geringer, sondern eher größer geworden. Aber es ist auch das Mißgeschick der jüngsten, der militantesten Gruppe, die die individuelle Kriegsdienstverweigerung propagiert, daß auch ihre These von der Entwicklung überflogen wird, ehe sie noch richtig Verbreitung gefunden hat. Denn sie setzt die Vorstellung voraus, daß auch der nächste Krieg nicht viel anders sein wird als der vergangene. Wenn im Augenblick der Kriegserklärung kolossale Luftgeschwader über die Grenzen kommen und den Gastod herab schleudern, was bedeutet dann der Ruf: »Ich spiele nicht mit! Ich verweigere!« Es wird alles dem ersten besten Heldenkeller zu strömen, Nationalist und Internationaler, und wenn sich etwa ein gemäßigter und ein militanter Pazifist dort treffen, so können sie ihren Disput in Gottesnamen fortsetzen. Nein, mit der Verweigerung militärischer Dienstleistungen ist es nicht getan. Schon im Frieden müssen die Höllennester ausgenommen werden, wo die Instrumente des Krieges fabriziert werden. Hätte selbst die Ausrufung des Generalstreiks noch Sinn, wenn die Kriegsgefahr im Verzuge ist, die Blutpropaganda der Presse eingesetzt hat, Gerüchte schwirren und von allen Funkstationen die gleiche Lüge in Millionen von Ohren getutet wird –? Was es zu schaffen gilt, ist eine Industriekontrolle durch die Arbeiterschaft. Die Gewerkschaften selbst müssen gestachelt werden, ihre alten Entschließungen nicht vergilben zu lassen, ja, noch weit darüber hinaus zugehen. Denn die schwieriger gewordene Zeit fordert härtere und zugleich diffizilere Mittel.

Es scheint nicht, daß die Gruppe Küsters, die jetzt Alleinherrscherin geworden ist, über stärkere Formeln als die traditionellen verfügt. Sie hat für ihre Arbeit viel Energie und Mut eingesetzt, aber sie ist vornehmlich innenpolitisch engagiert. Ihr Haß gegen den alten und neuen Militarismus, ihr republikanischer Eifer macht sie zu einer Art von radikalisiertem Reichsbanner. Außenpolitisch ist sie ganz von den deutsch-französischen Gegensätzen fasziniert. Sie bemerkt nicht die ungleich größern und schlimmem englisch-russischen, auch nicht, wie die Welt überall nach der Losung »Englisch oder Amerikanisch?« neu Partei nimmt. Die Leute von Hagen sind die eifrigsten Agitatoren, die man sich denken kann. Aber sie leben von der Vorstellung, daß es nur eine einzige kriegerische Gefahr in der Welt gibt, die Deutschland heißt. Sie kämpfen gegen einen deutschen Imperialismus, den es nicht mehr gibt und heute nicht geben kann. Deutschlands Rolle in einem künftigen Krieg wird keine eigne, sondern eine Trabantenrolle sein. Der deutsche offene und heimliche Militarismus ist eine innenpolitische Belästigung, seine Pläne sind vorwiegend antirepublikanisch; sein außenpolitisches Ideal ist das des Landsknechts: er will für irgendwen kämpfen und dabei sein Geschäft machen. Die Hagener fechten mit Mühlenflügeln, wenn sie alle Kriegsgefahren in Deutschland und nur in Deutschland suchen. Sie leben, wie so viele Pazifisten, noch ganz in der Stimmung der Tage des Ruhrkampfes und der Schwarzen Reichswehr. Deshalb wirken sie trotz der scharfen Sprache oft so merkwürdig antiquiert.

Vielleicht ist dieser Versuch einer Skizze der pazifistischen Bemühungen schon überholt, weil nach zehn Jahren Nachkriegsarbeit heute alles auseinanderläuft, müde und verdrossen, abgeschreckt von der Aussicht auf neue Verketzerungen und Tumulte. Soll das wirklich das Ende sein? Es wäre traurig, wenn nicht doch noch ein Mal zum Sammeln gerufen würde. Aber dann müßte auch ganz neu angefangen werden, ohne Traditionen, einerlei, ob liberale oder radikale, ohne mitgeschleppte Wolkenkuckucksheimereien. Die Pazifisten sind immer sauber gewesen und oft hervorragend mutig, aber, die Wahrheit zu sagen, noch öfter gradezu bestialisch unbegabt. Es ist schon schlimm genug, als Friedfertiger über das verheißene Erdreich wandeln zu müssen, das einstweilen noch den reißenden Wölfen gehört. Das Unternehmen wird aussichtslos, wenn man noch dazu dumm ist.

Die Weltbühne, 19. Februar 1929


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