Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Ein Abendbrot mit Hindernissen

Und dann Maronentorte mit süßem Kompott!

– Na, weißt du Schatz, das ist alles mögliche in diesen Zeiten; ich möchte beinahe sagen: übertrieben. Es erinnert beinahe an den seligen Lukullus. Wie war schon der Anfang?

Gefüllte . . .

– Ja richtig: Gefüllte Eierkuchen mit Tomatensoße. Und dann Gänsebraten – – ach nein, Gänse sind ja nicht mehr aktuell: Putenbraten!

Natürlich: Putenbraten!

– Also eine richtige dreisätzige Symphonie. Unsere Dienstmädchen werden glauben, wir hätten das große Los gewonnen.

Ach wo, Alfred: sie wissen doch, daß wir deinen Geburtstag feiern, und noch dazu deinen fünfzigsten. Dabei kann man sich schon ein bißchen anstrengen.

– Und das schönste ist, daß wir beide allein diese Feierlichkeiten aufessen werden. Es kommt doch niemand weiter?

Kein Mensch, sagte Frau Georgi. Das heißt: Unsere Freundin, die Vogelsang, möchte ich eigentlich noch ganz schnell dazu laden. Die ist doch jetzt Strohwitwe . . .

– Ach ja, ihr Mann hat ja geschäftlich in Warschau zu tun: und die Vogelsang ist wirklich eine nette Person. Da habe ich wirklich gar nichts dagegen. Also telephonier ihr gleich!

Die Gattin ließ sich verbinden.

Hier Georgi! Hören Sie, Frau Vogelsang, möchten Sie nicht heut' abend ein bißchen zu uns kommen? Es ist nämlich Geburtstag meines Mannes, und wir haben Putenbraten . . .

– Putenbraten? Ach, entzückend. Da komme ich furchtbar gern,– – das heißt, – das geht ja gar nicht! Es kommt ja selbst jemand zu mir!

Wer denn?

– Frau Siebert, meine Jugendfreundin; Sie kennen sie doch?

Nein, bedaure: also das ist wirklich sehr schade, wir hatten uns schon so auf Sie gefreut! Können Sie denn das mit der Frau Siebert nicht auf einen andern Tag verlegen?

– Unmöglich, liebe Frau Georgi! Das einzige wäre, – ich wüßte einen Ausweg –

Nun?

– Würden Sie mir erlauben, Frau Siebert mitzubringen? Sie ist so nett, ich versichere Ihnen! Und da Sie doch eine Pute haben, die reicht doch!

Aber wir kennen Ihre Freundin doch gar nicht!

– Ein Grund mehr! Ich kenne – außer Ihnen natürlich – keinen Menschen, dessen Bekanntschaft so verlohnt. Ich garantiere Ihnen, Sie werden es ganz bestimmt nicht bereuen!

Also meinetwegen.

– Tausend Dank. Ich wußte ja, Sie können nicht Nein sagen. Es wird gewiß himmlisch werden. Wir kommen mit größten Freuden. Grüßen Sie Ihren Alfred!

– –

– Hier Frau Siebert!

Hier Frau Georgi!

– Sie hatten die große Liebenswürdigkeit, uns für heute abend unbekannterweise zu einem Putenbraten einzuladen. Meine Freundin, Frau Jenny Vogelsang, telephonierte mir eben, – wie war doch Ihre werte Adresse?

Doktor Georgi, Uhlandstraße 17a, zweiter Stock, rechts.

– Wielandstraße?

Nein. Uhlandstraße.

– Danke sehr. Wir hatten zuerst geschwankt, ob wir auch annehmen durften. Dann aber sagte mein Mann: Bei einer Herrschaft, die in heutiger Zeit solche Gastfreiheit übt, wäre es nicht nur unhöflich, sondern geradezu sündhaft, auszuschlagen. Wir rechnen natürlich auf spätere Gegenseitigkeit. Um wieviel Uhr wünschen Sie?

Acht Uhr, pünktlich.

– Danke sehr. Nur noch eine Frage, die unbescheiden klingen könnte, wenn sie nicht notgedrungen wäre: Wir erwarten nämlich heut nachmittag Logierbesuch, zwei Kusinen aus Leipzig, vom Konservatorium. Wir wußten es nicht vorher, die Mädchen haben sich eben telegraphisch angesagt.

Dann freilich wird es Ihnen wohl unmöglich sein. . . .

– Falls Sie nicht das Maß Ihrer Güte vollmachen wollten und uns erlauben, die beiden jungen, höchst talentvollen Damen mitzubringen.

Offen gestanden, gnädige Frau . . .

– Sie sind wirklich zu liebenswürdig! Und wir werden dafür sorgen, daß Ihr wertes Haus uns nicht vergebens offen gestanden haben soll. Also wir kommen gern und freuen uns sehr.

– –

Eigentlich war das ein harter Schlag für Frau Georgi; ursprünglich hatte sie sich auf zwei, höchstens drei Personen eingerichtet, und nun war auf dem Wege des Kettenhandels etwas ganz anderes daraus geworden: Der Uebergang von der Privatwirtschaft zur Massenspeisung. Die gute Frau, die nicht Nein sagen konnte, fing im Geiste an, ihre duftige Pute durch sieben zu dividieren: eine Gleichung, die sich um so schwieriger gestaltete, als sich »vier Unbekannte« darin befanden.

Aber damit war die Angelegenheit noch nicht beendet. Das niemals rastende Telephon arbeitete vielmehr unverdrossen weiter. Die aus Leipzig frisch angelangten Cousinen wollten es sich nicht nehmen lassen, nun auch ihrerseits der edlen Gastgeberin etwas zu bieten, nämlich einen Kunstgenuß in Gestalt des Rheintöchter-Terzetts. Das ließ sich um so eher ermöglichen, als sie auf der Fahrt nach Berlin die Bekanntschaft einer dritten Sängerin, von der Oper, gemacht hatten, der wiederum ein ausgezeichneter Klavierbegleiter zur Verfügung stand. Und wo ein Wille ist, da ist auch ein telephonischer Weg. Kurzum, Frau Georgi wurde verständigt, daß die Gäste den Geburtstagsschmaus durch einen ganz auserlesenen Ohrenschmaus vervollständigen würden; womit der Putendivisor von sieben auf neun emporschnellte.

Ziemlich kleinlaut eröffnete die liebende Gattin den Sachverhalt ihrem Gemahl. Und dieser ließ nicht den geringsten Zweifel darüber aufkommen, daß er sich den Abend anders vorgestellt hatte: nämlich intimer, minder geräuschvoll und drittens auch nahrhafter.

Alsdann traf er im Beisein der bedienenden Hausfee folgende Verfügung:

Hören Sie, Alma! wir bekommen zu unserem bescheidenen Kriegsabendbrot Besuch, und Sie werden für sieben Personen decken. Die eine davon, Frau Vogelsang, kennen Sie, die anderen sind fremdes Gesindel, sozusagen Selbstlader, sechs Stück, darunter drei Rheintöchter, die furchtbaren Appetit auf Eierkuchen, Pute und Maronentorte entwickeln werden.

Aber, meinte die Alma, wenn sieben Herrschaften kommen, dann muß ich doch für neun decken!

– Ach so, Sie zählen uns mit! ergänzte Herr Georgi; das ist nicht nötig. Setzen Sie nur den Leuten vor was das Zeug hält, und sie möchten sich's bis elf recht gemütlich machen. Und falls etwa die unbekannten Gäste nach uns fragen sollten, so sagen Sie, es täte uns sehr leid, aber wir beide, meine Frau und ich, wir wären plötzlich zu Kempinski abberufen worden!

 


 


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