Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Am Strick in der Luft

Mehrere meiner Kollegen haben Luftfahrten unternommen in Zeppelin-Kojen und Aeroplanen und sie wissen darüber anschaulich zu berichten. Mir ziemt es dabei, stumm anzuhören, da in meinen eigenen Erfahrungen dergleichen nicht vorkommt. Aber ich habe mir einmal einen Flug geleistet, der doch noch Besonderheiten abseits der richtigen Wolkentouristik darbot, obschon das Instrument, das mich hinaufspedierte, keineswegs zur Masse der Edelmechanismen gehörte. Es war ein Fesselballon: und so ein Gestell trägt keinen dädalischen, keinen ikarischen Charakter. Es ist ein Flugzeug, dem die irdische Gefangenschaft in Gestalt eines strammen Seiles anklebt. Das wird von ihm getragen, wie der Galeerensträfling, der ja auch in einem Fluidum hinausfährt, seine Kette mitschleppt. Und wenn man davon erzählt, so weckt man in der Regel ein mitleidiges Lächeln bei den Hörern. Darin steht zu lesen: Na ja, Höhenflug mit Angstmeierei! Immer hübsch am Gängelband geblieben! Kurzum: Lorbeeren sind damit nicht zu holen.

Trotzdem mußte ich mir doch erst einen moralischen Ruck geben, bevor ich das Vehikel bestieg. Es war auf dem Marsfelde in Paris, als eben die Reste der vorletzten Weltausstellung abgeräumt wurden. Dort hatte man zwei Möglichkeiten des raschen Emporkommens, und ich schwankte zwischen zwei Maschinen: dort drüben stand la Grande Roue, das Riesenrad in doppelter Höhe der Berliner Siegessäule, ein vertikal gestelltes Karussel mit baumelnden Hängeschiffchen, in denen man, wenn der Mechanismus nicht bockte, eine Totalumdrehung in zwanzig Minuten erleben konnte. Mir war das zu niedrig, und ich kokettierte mit dem andern Apparat, dem Ballon captif, der doch weit extravagantere Dinge versprach: Sechshundert Meter hoch und ansehlichen Aufenthalt im Wolkenbereich. Er war mit einer kleinen Maschinenbaracke verkuppelt, aus der es verheißungsvoll rasselte und trommelte: dort befand sich nämlich die Drehwalze, die den Fesselstrick losließ und nach erledigtem Flug wieder aufwickelte. Der riesige Ballonkörper sandte weithin den Atem von Leuchtgas, einen Duft, der mir lockender erschien als irgendwelches Blütenparfüm, kurzum, ich verspürte Lust, und da die Sache nicht sonderlich teuer war, so meldete ich mich zur Mitfahrt.

»Entrez, s'il vous plaît!«

Nein, nur nicht so hitzig. Ich habe Zeit. Erst möchte ich doch noch einen Probeflug anderer Passagiere abwarten, und wenn die heil zurückkommen, dann, wie gesagt, bin ich entschlossen, mein kostbares Leben Ihrem Strick anzuvertrauen.

Man befand sich damals eigentlich erst in den Anfängen der modernen Flugtechnik. Der Lenkballon war noch Traum patentlustiger Ingenieure und der Begriff des gaslosen Flugzeuges existierte nur als Utopie im Widerspruch zur strengen Wissenschaft. Hatten doch kurz zuvor Siemens und Helmholtz mathematisch »bewiesen«, daß ein Luftzeug schwerer als die Luft nur als Gedankenkonstruktion, nicht aber in Wirklichkeit möglich wäre, und dieser Beweis herrschte mit dogmatischer Wucht. Je mehr Freiballons die Luft bevölkerten, desto deutlicher war zu erkennen, daß der Typus selbst sich vom Modell der Montgolfière und Charlière nur wenig entfernt hatte. Ja in gewissem Betracht ließe sich behaupten, daß die Flugidee der Vorzeit weiter reichte, als die der Nachfahren vor etwa einem Menschenalter. Denn kaum hatten die Montgolfiers und Genossen ihre ersten Proben aufsteigen lassen, gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts, als die weisen Prognostiker der Welt ansagten, das wahre Wesen und die Zukunft aller Fliegertechnik läge in kriegerischer Zerstörung. Aber erst einer hochentwickelten Spätzeit war es vorbehalten, dieses Kulturideal zu verwirklichen, und die wirkliche »Eroberung der Luft« konnte erst platzgreifen, als man im Aether auch die ethischen Standpunkte erobert hatte. Jedenfalls konnte damals, als ich auf dem Marsfelde meine Aszension plante, alle Fliegerei noch als ein harmloser Spaß gelten. Mir war die Gefahrlosigkeit erwiesen, da ich meine Vormänner unbeschädigt landen sah: sie waren bei Windstille lotrecht aufgestiegen, kerzengerade niedergekommen, und um von dem Strick im Diminutiv zu sprechen: es ging alles wie am »Schnürchen«. Wir waren unser vier Personen im Korbe, als wir aufwärts schwebten, langsam, aber pompös, von der Illusion befangen, als stünden wir still, während ringsum die Erde mit allen Baulichkeiten versänke: der amtlich bestallte, in Goldtressen imponierende Kondukteur, ein Elsässer Techniker, ein Wiener Lebejüngling und meine Wenigkeit, die sich bald als Vielzuvielheit vorkam; denn der Kondukteur hatte eine fatale Methode, von dreihundert Metern aufwärts die Aussicht zu erklären, gegen die sich zuerst nicht das Mindeste einwenden ließ: Paris wie auf einer Landkarte, in rapid verkleinerten Dimensionen übersichtlich zusammenschrumpfend. Allein der Kondukteur suchte sich zu unserer Orientierung fast durchweg solche Punkte heraus, deren Erwähnung unser vogelperspektivisches Hochgefühl sehr merklich beeinträchtigte.

»Dies dort drüben, Messieurs, ist die Kathedrale von Saint-Denis, wo die französischen Könige begraben liegen. Dort wiederum erblicken Sie das Pantheon, wo Rousseau und Voltaire begraben liegen. Nordöstlich streckt sich der Stadtteil Montmartre mit dem Friedhof, auf dem Heinrich Heine (er sprach Henri Hène), begraben liegt. Was so golden glänzt, ist die Kuppel des Invalidendoms, wo Napoleon le Grand begraben liegt. Beachten Sie den weißen Punkt ganz nach Osten: das neue Krematorium auf dem Père Lachaise, wo Molière und Lafontaine begraben liegen. Auch Beaumarchais, Chopin und Bellini liegen dort begraben. Dies dort? Die Kirche Saint-Germain des Prés, wo Abailard und Heloise bis zum Jahre 1817 begraben lagen. Jetzt liegen sie gleichfalls auf dem Père Lachaise begraben.«

Ich war bloß neugierig, wo wir selber begraben liegen werden, wenn unserm Ballon etwas zustößt.

Dem Wiener vergingen alle Aussichtsgelüste. Er malte sich die Folgen eines Sturzes aus und kleidete diese Malerei in die grammatisch nicht ganz einwandfreie, sachlich aber ganz korrekte Form: »Tenez-vous cela pour dangereux?!«

Er empfing von dem Ingenieur höchst alarmierende Auskünfte: er selbst habe lange in einer Dynamitfabrik gearbeitet, mehrere Explosionen mitgemacht und sei gegen Todesschauer ziemlich abgebrüht. Aber im allgemeinen wäre doch solch ein Flug, wie der unsrige, eine Angelegenheit für ganz hartnäckige Selbstmörder. Jedenfalls ergäbe die Statistik geradezu fürchterliche Resultate.

Mir begannen trotz der Engnis im Korbe die Knie in weitausgreifender Amplitude zu schlottern, und ich gierte nach Beruhigung: Aber wir werden ja an einem Seil festgehalten, was soll uns denn da passieren?

Diese Laienansicht fand sofort schärfste Abfertigung: Das ist genau so, als ob Sie sich auf dem Rücken eines wilden Pferdes sicherer fühlten, wenn man Ihnen den Fuß mit einem Strick an den Steigbügel gefesselt hätte. Nichts potenziert die Gefahr so unheimlich, wie die Bindung. Ein Freiballon steht unbedingt vertikal, und keine Luftströmung wird den Insassen subjektiv fühlbar. Aber wenn uns hier ein Sturmstoß faßt, so legt er uns schief auf die Seite und drückt uns eventuell so vehement herab, daß eine Katastrophe erfolgen muß.

Die Worte des Technikers wurden augenblicklich atmosphärisch bekräftigt. Eine plötzliche Brise von Westen preßte uns in einer niederträchtigen Kurve nach Osten, wir hatten jetzt die Spitze des Eiffelturms genau unter uns und konnten uns der Ahnung hingeben, an dieser Turmspitze aufgespießt zu werden, was zweifellos ein sehr origineller Tod gewesen wäre. Allein der Wind setzte das Kurvenspiel fort und beschrieb mit uns in der Luft Kreisbögen von, gelinde ausgerechnet, achtzehnhundert Fuß Radius.

Der Kondukteur tröstete: Es ist ja leicht möglich, daß das Seil reißt, aber wir sind mit allem Erforderlichen versehen, um die Tour als Freifahrt fortsetzen zu können. Und dann werden wir schon irgendwo landen, vorausgesetzt, daß der Wind nicht umschlägt und uns in den Atlantischen Ozean wirft, was dann allerdings nicht als Erfreulichkeit aufzufassen wäre.

Der Techniker ergänzte: Wenn der Strick standhält, dann wird es noch schlimmer. Der gefirnißte Ballontaft hat nämlich, wie alle Nichtleiter, die Tendenz, bei jeder Reibung Elektrizität zu entwickeln. In unserem Fall sind alle Bedingungen gegeben: Das Netzwerk wird durch den Wind an die Hülle prall angedrückt, das widerstrebende Seil verschärft die Spannung, sehr leicht entladen sich elektrische Funken, die hineinschlagen, und dann steht der Ballon natürlich sofort in hellen Flammen. Erst in voriger Woche sei in Lille ein Ballon captif auf diese Weise verunglückt und ähnliches hätte sich fast gleichzeitig bei Straßburg, bei Chalons und bei Toulouse ereignet. Uebrigens wären die Fahrgäste von Lille nicht zerschmettert worden, sondern infolge der fallschirmartigen Wirkung der Ballonfetzen als ziemlich wohlerhaltene und nur teilweise geröstete Leichen unten angekommen.

Diese erquickliche Konversation verlängerte sich durch den Umstand, daß die Seiltrommel in der Tiefe nicht funktionierte. Wir hätten schon lange zurückgewickelt sein müssen, allein da haperte etwas an der Maschinerie auf dem Erdboden. Der Kondukteur tröstete abermals: Nächsten Morgen würde die Konstruktion ganz bestimmt in Ordnung gebracht werden, und selbst im Moment könne die Sache nicht gar so arg auslaufen, da das Luftschiff bei einer solventen Compagnie d'assurance zum vollen Werte versichert sei.

Zum Glück besann sich die Maschine nach einer weiteren halben Stunde, das Seil wurde angezogen, wir schnurrten zurück, und mit dem Faustischen Jubelruf »die Erde hat mich wieder!« durfte ich das Festland wieder betreten. Im Bureau der Fluggesellschaft wurde mir ein auf den Namen gefertigtes »Diplome de courage« ausgehändigt. Bis zum heutigen Tage bewahre ich dieses Dokument, das mir Kunde gibt von der außerordentlichen Tapferkeit, mit der ich damals nach überstandenem Schrecken aus dem Korb geklettert bin. Ich glaube, es ließen sich da Parallelen ziehen mit Mucius Scävola und mit Leonidas, die sich ja in kritischen Momenten auch ganz beherzt benommen haben.

 


 


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