Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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V. Teil

Sammlung aus dem Projekt Gutenberg-DE

2017

Leider, leider!

Beichtende Kavaliere

Diese Geschichte hat einen diskreten Hintergrund und beansprucht auch vom Erzähler ein hohes Maß von Diskretion. Ich selbst habe sie nur durch groben Vertrauensbruch erfahren und sollte mich jedem Unbefugten gegenüber zur größten Vorsicht verpflichten. Das habe ich auch getan, indem ich meinem Gewährsmann gelobte: »Verlassen Sie sich darauf, daß ich genau so verschwiegen sein werde wie Sie. Darüber gehe ich sogar noch hinaus: ich werde die Herrschaften, von denen ich rede, nur mit Vornamen bezeichnen.«

Das spielte also bei der Baronin Magda, einer jungen, exzentrischen Witwe von ziemlich freier Lebensauffassung, die eben einen kleinen, exquisiten Herrenkreis zum Fünfuhrtee bei sich sah. Lauter Verehrer und mehr oder minder aussichtsreiche Anwärter auf ihre Gunst. Man sprach davon, ob es einer unabhängigen Dame gestattet wäre, mit einem Herrn allein zu reisen. Und nachdem diese Vorfrage bejahend entschieden war, sollte Frau Magda denjenigen bezeichnen, den sie für ihre bevorstehende Sommerreise als Begleiter und Cavaliere servente annehmen würde.

Die Dame erklärte: »Mit diesem Vorzug werde ich denjenigen beglücken, der sich jetzt am besten aus der Affäre ziehen wird. Es handelt sich um ein Gesellschaftsspiel, dessen Anweisung ich in einem Roman von Dostojewski gefunden habe, und das er als »Petitjeu« empfiehlt. Als Preis und Gewinnst habe ich mich ja bereits selbst ausgesetzt, und ich übernehme auch das Amt der Jury, die den Sieger bezeichnen wird. Einverstanden?«

»Natürlich! Mit tausend Freuden! Aber wie wird denn das eigentlich gespielt??«

»Passen Sie auf, meine Herren. Jeder von Ihnen wird jetzt mit kurzen Worten eine Geschichte erzählen, eine wahre Begebenheit aus seinem eigenen Leben. Und jetzt kommt der erste Haken: ganz aufrichtig, ohne jede Verschleierung und Retouche; so wahrhaftig, wie der Mensch sonst nur redet, wenn er sich mit sich selbst unterhält.«

»Frau Magda, Sie sagten, das ist der erste Haken. Da gibt es also noch einen zweiten, wie lautet der?«

»Ja, jetzt kommt die eigentliche Aufgabe, und die ist wirklich etwas schwierig. Jeder Herr muß auf Ehr' und Gewissen diejenige Tat melden, die ihm selbst als die verwerflichste erscheint. Nur ein Heuchler redet sich vor, daß er niemals eine Gemeinheit begeht. Aber der Kern unseres Gesellschaftsspiels ist ja gerade die Aufrichtigkeit. Also ungeschminkt und ungelogen. Heraus mit den Geständnissen! Ein Schuft, wer von sich keine Schufterei zu erzählen weiß. Und selbstverständlich: es bleibt alles in diesen vier Wänden. Das gilt natürlich für sämtliche Teilnehmer ehrenwörtlich. Wollen Sie anfangen, Herr Heinzkunz?«

»Wird mir wohl nichts übrig bleiben. Denn wenn ich auch kein Ausbund an Tugend bin, Feigheit möchte ich mir nicht vorwerfen lassen: wenigstens nicht augenblicklich. Vielmehr gestehe ich tapfer, daß ich einmal feige gewesen bin, sogar erst vor einigen Monaten. Da steuerte ich mein Auto in Thüringen und hatte das Pech, einen Handwerksburschen umzufahren. Getötet habe ich ihn nicht, aber zweifellos erheblich beschädigt. Der Kerl schrie hinter mir her, ich aber wollte keine Scherereien haben, verdoppelte die Geschwindigkeit und entkam in der Dämmerung. Nachträglich hab' ich mich freilich meines Verhaltens geschämt, und heut erscheint es mir unbegreiflich. Aber ich sollte doch eben die schlechteste Tat meines Lebens erzählen, und da mir eine so hohe Belohnung winkt, heiligt der Zweck das Mittel. Ich glaube auch kaum, daß mich einer der anderen Erzähler an Aufrichtigkeit übertreffen wird.«

»Lassen wir es darauf ankommen!« meinte der Nächste. »Ich habe bei meiner letzten Steuererklärung ein ziemlich starkes Ding gedreht. Und um ganz streng bei der Wahrheit zu bleiben, so war die Ziffer 20 050. Soviel Gulden hatte ich nämlich bei einer holländischen Lieferung eingenommen, und diese Gulden hab' ich in meiner Deklaration als Mark eingestellt. Ein bißchen frech, allerdings. Und ich entsinne mich auch wirklich nicht, jemals im ganzen Leben etwas Aehnliches verübt zu haben.«

»Das schlimmste, dessen ich mich aus meiner Praxis erinnern kann, war folgendes:« – so berichtete Doktor Klausheinrich. »Ich hatte unter dem Mikroskop einen neuen Bazillus entdeckt, und da kam der Experimentierteufel über mich, ich wollte absolut wissen, wie das Zeug wirkt. Und deshalb habe ich einem Patienten, den ich zu ganz anderen Zwecken narkotisierte, eine Dosis davon unter die Haut gespritzt. Resultat: eine Art von Flecktyphus. Na, der Mann kam noch so knapp mit dem Leben davon, aber eine Infamie von mir war's trotzdem.«

So ging es weiter, mit Innehaltung des Programms. Wenn das Gewissen erst gesprächig wird, weiß es allerlei zu erzählen, und die Beichte jedes Vordermannes beflügelt das Geständnis der Nachfolger. Es kam alles in allem ein hübsches Bukett von Uebeltaten zustande, und die Aufrichtigkeit, die sich sonst so dürftig belohnte, feierte Triumphe.

Sind wir nun durch? Nein, einer fehlt noch, der kleine Assessor Eitelkuno. Der war doch eben noch im Zimmer? Scheint sich gedrückt zu haben, das zarte Herrchen mit dem schwachen Charakter.

Aber nach zwei Minuten erschien er schon wieder auf der Bildfläche. Er hatte sich bloß mal ein bißchen auf dem Flur aufgehalten.

»Sie sind uns noch Ihre Erzählung schuldig! Nur keine Bedenklichkeit vorgeschützt! Heraus mit der Beichte!«

»Sofort, gnädige Frau. Bin schon im Bilde. Also die größte Gemeinheit meines Lebens soll ich melden? Da brauche ich nicht lange in der Vergangenheit zu suchen, sie ist nagelneu. Untat frisch vom Faß.«

»Erklären Sie sich deutlicher, Herr Assessor. Was haben Sie denn begangen?«

»Ganz einfach: ich habe soeben telephonisch die Staatanwaltschaft angerufen und die Herren unseres reizenden Petitjeu mit Nennung von Namen, Adresse und Delikt einzeln angezeigt. Sie werden sämtlich wahrscheinlich schon morgen die Vorladung erhalten, und unseren Strafkammern steht lohnende Arbeit bevor.«

So eine Gemeinheit!

 


 


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