Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Das Gastmahl des Apicius
oder:
Die Freude im Rahmen

Mein Freund, der Maler Guido Stürmer, ist in seiner Weise ein Genie. Er hat sich mit Einsicht und Ausdauer in das tiefste Wesen des Lebensgenusses versenkt, und sein Streben geht dahin, in seinen Bildwerken das getreue Abbild menschlich-göttlicher Freude zu liefern. Ihm ist es gegenwärtig, daß es überhaupt keinen edleren, wonnevolleren Kult geben könne, als ein mit aller Kunst präpariertes Gastmahl, was übrigens schon der große Aristoteles gepredigt hat. Und deshalb hat sich der genannte Künstler vorgenommen, zur Krönung seines Schaffens ein Gemälde zu erfinden, das uns die Freude aller Freuden, ein Gastmahl aller Gastmähler darstellen sollte.

Als er mir seine Absicht vortrug, bemerkte ich: »Dein Plan, Guido, gefällt mir, und wie ich dich kenne, wirst du ihn in großem Stil durchführen. Du wirst zeigen, daß das Essen und Trinken nicht eine gemeine Notdurft ist, sondern ein Weiheopfer und eine Kulturblüte. Aber du solltest dich dabei nicht ausschließlich der ungebundenen Phantasie überlassen, sondern an einen wirklichen, historisch beglaubigten Vorgang anschließen. Wie wäre es mit einem Gastmahl des Lucullus?«

»Daran hatte ich auch schon gedacht,« entgegnete der Maler, »aber ich bin davon wieder abgekommen. Ich kam nämlich unlängst bei einem Berliner Restaurant vorbei, das die Aufschrift trug ›Zum Lucullus‹; und weißt du, womit der Wirt, um die Gelüste der Passanten anzustacheln, seine Schaufenster-Auslage garniert hatte? Mit lauter Rollmöpsen! Dieser Anblick hat mir den ganzen Begriff Lucullus verleidet und verekelt. Ich muß für den Gastgeber auf meinem Bilde eine Persönlichkeit haben, die noch in keiner Weise verpöbelt und ins Triviale verzerrt worden ist. Und ich habe sie gefunden: ich male ›Das Gastmahl des Apicius‹.«

»Ganz vortrefflich, Guido! In diesem Thema wirst du dich genießerisch ausleben können. Mir ist die Gestalt deines Helden nicht unbekannt. Gerade weil Apicius im Volksmunde noch nicht profaniert wurde, bewahrt er den Ruhm einer einzigartigen Erscheinung. Aber du wirst deinem Werk eine Erläuterung beigeben müssen, worin du dem Publikum erklärst, daß Apicius außer allem Vergleich steht; daß er, ein Zeitgenosse des Seneca, als Professor der Kochkunst und Inhaber gewaltiger Reichtümer Unerhörtes geleistet hat; daß er für seine, den Freunden offene Küche hundert Millionen Sesterzien, nach heutigem Gelde zwanzig Millionen Goldmark vorausgabte . . .«

»Und nicht zu vergessen, daß er der Freudenorgie seines Daseins einen tragischen, poetischen Abschluß zu geben verstand. Als er zum Leben nur noch zehn Millionen übrigbehielt, tötete er sich durch Gift. Darin liegt die künstlerische Idee, daß ein Genußkünstler den Vorhang fallen lassen muß, wenn das Drama seines Uebermenschentums abgeschlossen ist.«

Also mein Freund malte darauf los in seinem riesigen Atelier, worin das »Gastmahl« eine ganze Längswand im Ausmaß der Kaulbachschen Fresken beanspruchte. Und je weiter seine Arbeit fortschritt, desto üppiger entfaltete sich der Speiseluxus auf der Tafel, um die sich das Konvivium des römischen Gastgebers und seiner Kumpane in Dutzenden von schwelgerischen Figuren gruppierte. In der Mitte war Apicius selbst zu erblicken, noch nicht fertig ausgemalt, ihm zunächst ein Patrizier und eine Kurtisane, deren Decolleté bis an die Grenzen der Ausziehbarkeit reichte. Sie hatte Rosen im Haar, und auf diese Blüten beschränkte sich im wesentlichen das Gesellschaftskostüm dieser tafelnden Dame.

Allein es bestand doch ein Bedenken. Zwei Mitglieder der Jury erschienen im Atelier und erklärten, daß ein Bild von so enormen Dimensionen in der gegenwärtigen Kunstausstellung unmöglich Aufnahme finden könnte. Man müßte ihm im Hauptsaal eine ganze Wand einräumen, und das vertrüge sich nicht mit den bereits getroffenen Dispositionen, müßte auch manche andere Künstler kränken, deren Ausstellungsbilder durch das immense Format dieses Gastmahls einfach erdrückt würden. Am Ende der peinlichen Konferenz ergab sich für Guido Stürmer die Nötigung, sein Bild zu verkleinern, ungefähr auf ein Drittel der ursprünglichen Größe.

Natürlich durfte die ganze Anlage nicht etwa ins Diminutiv verjüngt werden. Die Großzügigkeit wäre zum Teufel gegangen, wenn hier eine Miniaturmalerei Platz gegriffen hätte. Nur was zuviel war, das mußte eben fort. In der Leinwand wütete die Schere. Eine Menge von Seitenfiguren wurde abgetrennt zugunsten der Mittelgruppe, die ja schließlich das Wichtigste war. Auch die Schlemmertafel mußte sich eine erhebliche Verkürzung gefallen lassen, und es gehörte schon eine starke Phantasie dazu, um sich vorzustellen, daß Apicius für die hier noch vorliegenden Braten, Fische, Pasteten und Konfekte Millionen ausgegeben haben sollte.

Hin und wieder huschten Schatten über das Antlitz meines Freundes, und er äußerte mir gegenüber: weißt du, Alex, ich hätte vielleicht doch nicht nachgeben dürfen; das eigentlich Erhabene, Königliche, Dionysische von der Tafel ist herunter, in ihrer gegenwärtigen Gestalt erinnert sie schon mehr an eine bessere Volksküche!

In der nächsten Woche meldete sich in der Werkstatt ein sehr kenntnisreicher Herr, Doktor Kornik, der einflußreiche und gefürchtete Kunstkritiker der »Weltschau«. Der beaugenscheinigte mit unheimlicher Eindringlichkeit und fällte alsdann das Gutachten: Ich fürchte, Verehrter, Sie werden mit diesem Werk nicht den Erfolg erleben, den Sie erträumen. Gegen die Prachttafel an sich hätte ich ja nichts einzuwenden, aber mit den drei prassenden Menschen begeben Sie sich in eine Konkurrenz, der Sie nicht gewachsen sind. Sie fordern den Vergleich mit Peter Paul Rubens heraus, und daran müssen Sie scheitern. Also fort mit den menschlichen Figuren, die zudem den eigentlichen Sinn Ihres Gemäldes verfälschen; denn was sind sie im Grunde? Fresser! während Sie doch die Lebensfreude als ein Abstraktum verherrlichen wollten.

Stürmer versuchte sich zu wehren, allein der Doktor Kornik ließ noch so viele und so wichtige Argumente aufmarschieren, daß dem Maler nichts übrigblieb, als die Unterwerfung unter den Willen des Aesthetikers. Sonach verschwand die menschliche Gruppe, und auf der Leinwand präsentierte sich nunmehr die mit Speisewerk beladene Tafel des Apicius, vom persönlichen Ballast befreit, als ein üppiges Stilleben.

Allein jetzt wurde die Einheitlichkeit der Wirkung durch das Mißverhältnis der Proportionen getrübt. Die Tafel erschien viel zu lang, da doch die Rechtfertigung ihrer Länge, die Zahl der schmausenden Gäste, vollständig fehlte. Das erörterte in einem lichtvollen Vortrag ein weiterer Besucher, der Kunstschriftsteller der »Universal-Zeitung«, Professor Sauerbrey, dessen Stimme um so merklicher ins Gewicht fiel, als er in der Ausstellungs-Jury ein Wörtchen mitzureden hatte. Ohne sein zustimmendes Votum kam ein Bild überhaupt nicht in den Ausstellungspalast.

Der Professor Sauerbrey holte seine Lehrmodelle von den berühmten Stilleben der Niederländer, Deutschen und Franzosen und zeigte sich besonders eingeschworen auf Adam Kunz, Preyer und Philippe Rousseau. Diese Meister hätten so etwas ganz anders aufgefaßt, viel prägnanter, gedrängter, während hier auf der Apicius-Tafel das Ueberflüssige vorherrschte. Das wäre Masse, aber nicht Qualität. Der Professor erklärte die Fülle der aufgetischten Lachse, Forellen, Hasen, Fasanen, Perlhühner inklusive der gekochten Paradiesvögel und Nachtigallenzungen für sinnloses Kuddelmuddel, für ein total unkünstlerisches Chaos, und verlangte durchaus Konzentration auf ein kulinarisches Hauptmotiv. Das war ja auch vorhanden, genau im Zentrum der Tafel: ein gedämpfter Wildschweinskopf, der eine Zitrone in der Schnauze hielt.

Der Zitrone besonders spendete er eifrigstes Lob mit einem ganzen Katalog von Superlativen, welch eine Frucht! so naturecht und dabei doch ins Idealistische stilisiert. Pomona selbst, die Göttin der klassischen Botanik, hätte ihre Freude daran gehabt, und in allen Galerien der Welt gäbe es kaum einen Niederländer, der solch ein Meisterwerk von einer Zitrone hätte schaffen können!

Freilich, da war ein Haken. Denn der Wildschweinskopf als Träger dieser Zitrone stimmte den Professor zu kritischen Sprüchen, die um so mißfälliger ausfielen, je länger er ihn betrachtete. Er fingerte mit der Hand an den Konturen herum und bewies dabei haarklein, daß der Eberkopf gründlich verzeichnet wäre, ganz abgesehen vom Kolorit, das seiner nachdrücklichen Prüfung nicht im geringsten standhielt.

Guido, schon stark verschüchtert, wollte sich anheischig machen, diesen Teil seiner Schöpfung durch Umarbeiten zu verbessern. Allein das Diktat des professoralen Kunstrichters entschied unweigerlich: Nichts da! Alles fort, alles mit Einschluß des Wildschweins! Nur die Zitrone bleibt, und die genügt auch, denn sie ist für sich eine künstlerische Offenbarung!

Und in dieser gedrängten Form gelangte »das Gastmahl des Apicius« auf die Ausstellung. Der Rahmen umspannte eine Fläche von ein elftel Quadratmeter. Immerhin hätte die einsame Frucht als Symbol der Lebensfreude Effekt gemacht, wäre nicht ein bedauerlicher Mißgriff passiert. Denn die Hängekommission nagelte das Ueberbleibsel des schlemmenden Apicius so hoch, dicht unter der Saaldecke, daß vom Standpunkt der Beschauer kaum ein gelber Farbentupf, aber nicht die Spur einer saftigen Zitrone zu sehen war.

Mein Freund beklagte sich beim Vorstand in Tönen tiefster Entrüstung. Und er wäre beinahe um seine ganze vergnügliche Lebensauffassung gekommen, wenn ihm die Jury nicht den ermunternden Bescheid erteilt hätte: Ihr Fruchtstück mit dem Titel »Das Gastmahl des Apicius« ist ein so vorzügliches Werk, daß es gar nicht hoch genug angeschlagen werden kann!

 


 


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