Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Mein dressierter Regenwurm

Um einen Regenwurm zu erziehen, muß man zuerst einen haben, und das ist nicht so einfach, wie es aussieht. Es kommt zwar vor, daß man auf dem Berliner Asphalt einen Aal findet, aber das rührt daher, daß ihn eine Köchin zuvor aus dem Einholekorb verloren hat. Wogegen es sich nur selten ereignet, daß eine Magd auf der Straße Regenwürmer entgleiten läßt. Ueberhaupt führt es zu Irrungen, wenn man Aal mit Regenwurm verwechselt.

Längere Zeit versuchte ich es vergebens in verschiedenen Läden und in einem großen Kaufhaus, wo mir eine sehr anmutige, aus Chemnitz stammende Verkäuferin erklärte: »Nee. Rägenwermer führen wer nich, meenen Se nich am Ende Pulswärmer?« Aber ich bestand auf meinem Regenwurm, und da die junge Dame neugierig war, so erklärte ich ihr den Sachverhalt:

»Sie müssen nämlich wissen, mein Fräulein, daß es sich hier um etwas wissenschaftliches handelt. Die neueste Naturforschung hat durch Versuche festgestellt, daß der Regenwurm eine höchst intelligente Kreatur ist, und nun will ich diese Versuche erweitern und vervollständigen.«

Ich hielt mich dabei ganz streng an die Wahrheit. Der amerikanische Gelehrte Yerkes hat nämlich soeben tatsächlich die Dressurfähigkeit des Regenwurms ermittelt. Man stelle sich vor: ein Regenwurm wird in ein Erdlabyrinth gesetzt, dessen eine Rinne durch einen elektrischen Faden abgesperrt ist. Hat der Wurm erst ein paarmal den elektrischen Schlag verspürt, so vermeidet er es prinzipiell, durch diese Rinne zu kriechen. Er besitzt also Erinnerung, Ortsgedächtnis und Ueberlegung, genau wie ein Mensch, der einmal in der Ritterstraße verhauen worden ist, und dann lieber den Umweg über die Oranienstraße macht, um nicht wieder in derselben Straße verhauen zu werden. Hier sind die Anfänge einer Dressur gegeben, und es lag mir daran, auf diesem Wege weiterzuforschen.

Aber da ich in Berlin kein solches Tier erwischen konnte, fuhr ich nach Swinemünde, und zwar auf den Rat eines guten Freundes, der sich entsann, dort welche gesehen zu haben. Sein Hinweis war ganz richtig, denn die Regenwürmer wissen, daß sie dort zum Angeln gebraucht werden, und deshalb kommen sie dort vor. Der Wurm, den ich erhandelte, war zwar sehr teuer, wie ja in der Zeit des Preisabbaues erklärlich, aber er machte einen vortrefflichen Eindruck und versprach bei liebevoller Erziehung die besten Resultate.

Das erste, was ich mit ihm vornahm, war die Namenstaufe. Ich nannte ihn Max, und merkte bald, daß er damit einverstanden war. Alsdann ging ich zu Experimenten über, und zwar zuerst zu akustischen; weil die Musik bekanntlich für jede Dressur einen ethischen Wert besitzt.

Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, anzunehmen, daß sich niedere Tiere aus Tönen nichts machen. Ich überzeugte mich bald vom Gegenteil, als ich Max auf ein Resonanzkästchen setzte und mit einem Mikrophon in Verbindung brachte. Schon am dritten Tage reagierte er deutlich auf die Klänge. Allerdings, mit Klavier durfte ich ihm nicht kommen, und er verriet Zeichen von Ungeduld, gleichviel, ob ich Salonmusik oder Sonaten anschlug; ja, der Wurm krümmte sich sogar, sobald Pedal getreten wurde. Dagegen wurde er bei Geigenmusik freudig aufmerksam. Dann erhob er zuerst den Vorderkörper zum Anzeichen, daß er Männchen machen wollte. Und einige Stunden später hatte ich ihn so weit, daß er seine ganze Wurmfigur in der Form eines Violinschlüssels vor mich hinlegte.

Ich beabsichtigte natürlich, ihm das Tanzen beizubringen. Aber das scheiterte zunächst daran, daß Max wie alle Regenwürmer keine richtigen Füße besaß, sondern nur verkümmerte Ansätze zu Beinen, sogenannte Parapodien. Er schien sich zunächst deswegen bei mir entschuldigen zu wollen. Plötzlich aber gab er sich einen Ruck und versuchte seiner Naturanlage zum Trotz mit seinen Bein-Surrogaten Tanzbewegungen zu exekutieren. Offen gesagt, er tanzte schlecht, aber die Gerechtigkeit fordert, anzuerkennen, daß er immer noch besser tanzte, als ich geigte. Ich glaube sogar, daß seine Evolutionen, wenn sie erst weiteren Kreisen bekannt werden, als Wurm-Trott in Mode kommen könnten.

Die Einschaltung des Mikrophons hatte einen besonderen Zweck. Seitdem Darwin entdeckt hat, daß es singende Fische gibt, trage ich mich mit dem Dogma, daß auch die Stummheit der Würmer nur eine Fabel sein müsse. Jetzt fand ich zu meiner Freude diese Ansicht bestätigt. Max entwickelte sich zum lautgebenden Geschöpf. Zuerst brachte er es freilich nur zu einem heiseren Bellen. Bald aber geriet der Regenwurm mit vernehmlichen Singetönen in die diatonische Skala, und zwar immer um mehrere Halbtöne zu tief; aber das passiert ja den besten Operntenoristen.

Für die weitere Dressur erwies sich die Eigenschaft vorteilhaft, daß man dem Regenwurm, wie bekannt, verschiedene Körperringe abtrennen kann, ohne ihn zu töten oder auch nur zu erbittern. Mein Max zeigte sich so gelehrig, daß er seine losgelösten Segmente nicht nur auf Anruf (durch Signalpfeife) apportierte, sondern sogar wie ein Zirkuskünstler durch seine eigenen Ringe sprang. Dies gelingt ihm besonders gut, wenn er kurz zuvor zur Anfeuerung einige Tropfen Pfefferminzlikör genossen hat. Ich stehe jetzt im Begriff, auf dem Rummelplatz eine Bude zu mieten, um die Dressurwunder Maxens einem größeren Publikum vorzuführen. Wenn er dabei bloß nicht vom Lampenfieber befallen wird!

 


 


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