Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Was dem Mann im Kasten passierte

Man kann auf sehr verschiedene Arten in den Kasten kommen, steckt man aber erst drin, dann ist es ungemütlich. Denn schwedische Gardinen vor dem Fenster, eine Zellenpritsche und ein Gefängniswärter mit rasselndem Schlüsselbund sind nicht nach jedermanns Geschmack.

Aber mit diesen Strafkästen hat unser Kasten gar nichts zu schaffen. Und sein Insasse ist nicht etwa nach § soundso verknaxt, sondern er selbst hat sich den Aufenthalt im Kasten ausgesucht, um darin die wichtigste Entdeckung des Jahrhunderts zu machen. Mit einem Wort, er ist der sogenannte »Physiker im Kasten,« von dem heutzutage alle Welt spricht, weil bekanntlich die berühmte Relativitäts-Theorie von ihm herstammt.

In Hunderten von Schriften kommt dieser »Physiker im Kasten« vor, der sich mutterseelenallein »irgendwo im Weltenraum« befindet. Sein Mobiliar ist sehr spärlich: es besteht eigentlich nur in einem Stein, den er abwechselnd in die Hand nimmt und fallen läßt. Denn der Stein hat die Marotte, zu Boden zu plumpsen, wenn man ihn aus den Fingern läßt, und über diese Marotte zerbricht sich der Physiker so lange den Kopf, bis aus seinem Grübeln eine ganz neue Astronomie herauskommt. Es war also ein großes Glück für uns, daß Einstein den Physiker im Kasten erschaffen hat, sonst wären wir alle heute noch so unwissend wie nebbich Kopernikus.

So weit ist die Sache noch gar nicht komisch, das kommt erst noch. Einstweilen wollen wir daran festhalten, daß jener Mann im Kasten wichtiger ist, als Chamberlain, Stresemann, Mussolini, Tschitscherin und Westarp zusammengenommen. Denn diese Leute besorgen doch nur bescheidene irdische Angelegenheit, während der Physiker im Kasten uns darüber aufklärt, was eigentlich im ganzen Universum los ist.

Da passierte es aber neulich, daß in Berlin etliche Beamte vom Wohnungsamt zu einer bedeutenden Sitzung zusammentraten. Es war nämlich amtlich ermittelt worden, daß da irgendwo ein Individuum in einem Kasten wohnte, und daß dies der einzige Mensch war, der noch keine Wohnungsscherereien auszustehen hatte. Das mußte folglich nachgeholt werden.

Über die Größe des Kastens war Zuverlässiges nicht festzustellen. Man legte daher taxweise den Kubikraum einer Fünfzimmerwohnung zugrunde und hielt es für gerechtfertigt, dem alleinhausenden Physiker noch einen Zwangsmieter auf den Pelz zu setzen.

Das war rasch gefunden. Er hieß Knusemack, war Akrobat, Varietékünstler und Boxmeister a. D. Augenblicklich beschäftigungslos, pennte er zwischen Humboldthain und Jungfernheide bei Mutter Jrün und war froh, als man ihm den Quartierzettel bei dem zwar anonymen, aber weltberühmten Naturforscher im Kasten aushändigte.

Wie er zu ihm gelangte, das ist für unsere Geschichte gänzlich belanglos. Genug, er fand ihn und klopfte an.

Draußen bleiben! rief der Physiker; Unbefugten ist der Eintritt nicht gestattet!

Ich bin aber befugt, erklärte Knusemack und schob seinen Logiszettel durch einen Spalt.

Na, da kann man nix machen! sagte der Physiker. Ich habe zwar Newton und Galilei überwunden, aber gegen das Wohnungsamt bin ich machtlos.

Eine Sekunde später befand sich Knusemack im Kasten: Recht gemütlich haben Sie's hier, meinte er, bloß bei Ihre Zentralheizung scheint was kaputt zu sein. Ich merk' das am Knieschlottern und Zähnebibbern.

– Ja, lieber Herr Zwangsmieter, das ist Welttemperatur, 273 Grad unter Null: aber wenn's Ihnen hier zu kühl wird, können Sie ja 'n bißchen austreten, bis zur Sonnenatmosphäre drüben links, da ist geheizt.

Könnt Ihnen so passen! entgegnete Knusemack; ich verlange 'n geheiztes Lokal hier in loco, also brechen Se gefälligst 'n paar Bretter aus Ihrem verdammten Kasten und machen se 'n anständiges Feuer in de Bude!

Das führte zu einem Wortwechsel, der in Tätlichkeiten ausartete. Unter irdischen Verhältnissen hätte Knusemack natürlich seinen Herbergsvater glatt niedergeboxt, allein hier herrschte ja das Relativitätsprinzip und damit die Umkehrung aller Phänomene. Mit anderen Worten: das Kräftepotential war hier so verteilt, daß der Physiker seinen Standpunkt behauptete und der andere in einer parabolisch gekrümmten Wurflinie hinausflog.

Da hing der Zwangsmieter im freien Weltenäther, jeder Schwerewirkung entrückt, und er wäre an diesem kosmischen Punkt verblieben – wenn nicht die vom Kasten ausgehende Gravitation ihm eine Beschleunigung erteilt hätte. Diese, in Verbindung mit seiner beim Hinausschmiß erlangten Anfangsgeschwindigkeit bewirkten einen für den Laien ganz fabelhaften Effekt:

Der Zwangsmieter wurde zu einem Planeten – oder Mond – des Kastens! Er rotierte um ihn wie ein Trabant um sein Gestirn, und er wird so um die ihm gesetzlich angewiesene Wohnung kreisen bis in alle Ewigkeit.

Der Physiker im Kasten aber kehrte zu seiner altgewohnten Beschäftigung mit dem plumpsenden Stein zurück und murmelte in seliger Verzückung die liebliche Formel:

x minus v, dividiert durch die Quadratwurzel aus eins minus v Quadrat durch c Quadrat, wobei c die Lichtgeschwindigkeit und v die Geschwindigkeit des Zwangsmieters Knusemack bedeutet.

 


 


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