Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Der Einbruch bei Schlemihls

Diese Geschichte spielt in der ohnehin traurigen Zeit vor zehn Jahren.

Mein Freund, der Herr Schlemihl, war zwar gegen Einbruch versichert, ist aber trotzdem wie so manche in jenen Tagen das Opfer handfester Diebe geworden. Und so wie hier wiedergegeben, hat er mir den Vorfall selbst erzählt:

Kaum hatte ich die fatale Geschichte entdeckt, als ich beim Bezirkskommissar vorsprach, um die Anzeige zu erstatten. Ein vorheriger telephonischer Anruf war mir mißglückt, ich hatte keine Verbindung bekommen, so daß ich mich persönlich auf den Weg machen mußte.

Der Kommissar hatte ein Aktenbündel vor sich, blätterte darin und war schlechter Laune. Als ich meinen Namen nannte, meinte er trocken: So, das sind Sie! Ich habe hier zufällig, – wirklich rein zufällig Ihre Personalakten auf dem Tisch, – doch das tut ja nichts zur Sache. Also was wünschen Sie?

– Bei mir ist gestern abend eingebrochen worden. Die Diebe haben eine Menge Gegenstände mitgenommen, einen Silberkasten, meinen Pelz, ein Grammophon und noch allerlei.

Sehr bedauerlich! meinte der Kommissar; und weshalb haben Sie das nicht schon gestern abend gemeldet?

– Ich bin erst sehr spät nach Haus gekommen, erst gegen drei Uhr morgens; und die telephonische Nachtverbindung hat nicht funktioniert.

Nun hoffentlich funktionieren Ihre mündlichen Angaben besser. Haben Sie das Verzeichnis der Einbrecher mitgebracht?

– Wie meinen Sie das?

Gott, sind Sie begriffsstutzig! Ich wünsche von Ihnen zu wissen, wieviel Diebe es waren, wie die Verbrecher heißen und wo sie wohnen.

– Aber, Herr Kommissar, das sollen Sie doch herausbekommen.

Ich? Sie verkennen die Sachlage. Meine Aufgabe ist es, die Spitzbuben dingfest zu machen auf Grund genügender Daten, die zur Ergreifung führen können. Diese Daten zu beschaffen, war Ihre Angelegenheit. Schließlich, mein Herr, ist doch wohl bei Ihnen eingebrochen worden, und nicht bei mir! Wissen Sie denn wenigstens um wieviel Uhr der Einbruch stattfand?

– Ich vermute, so zwischen zehn und elf.

Und wann hatten Sie das Haus verlassen?

– Kurz nach halb zehn.

Haben Sie vielleicht um diese Zeit auf den Treppen verdächtige Gestalten bemerkt?

– Nein, keinen Menschen. Wäre jemand da gewesen, so wäre er mir bestimmt aufgefallen, denn das Stiegenhaus war hell erleuchtet.

Und wo sind Sie dann hingegangen?

– In eine kleine Gesellschaft zu Bekannten.

Wieviel Personen waren dort anwesend?

– Das tut doch nichts zur Sache.

Es gehört sehr wesentlich zur Sache, es ist mir sogar höchst wichtig. Und ich ermahne Sie, streng bei der Wahrheit zu bleiben, denn es handelt sich hier um ein Protokoll. Also wieviel Personen?

– Ich denke, so ungefähr sechzig.

Und das nennen Sie eine kleine Gesellschaft?

– Ach, es wurde ein bißchen Musik gemacht.

Bloß Musik? Ist nicht vielleicht auch getanzt worden?

– Freilich, getanzt wurde auch, aber ganz unbedeutend.

Also weniger, als bei Ihnen selber getanzt wird, wenn Sie in Ihrer Behausung Gesellschaft haben?

– Bedeutend weniger, – – nein, mehr – – ach was red' ich denn da, bei mir in meiner Behausung wird überhaupt niemals getanzt.

Sie erklärten doch, bei dem Einbruch wäre Ihnen auch ein Grammophon entwendet worden. Da liegt doch wohl die Vermutung nahe, daß Sie derartige Vergnügungen auch in Ihrer Wohnung pflegen?

– Ich versichere Ihnen, Herr Kommissar . . .

Versichern Sie nicht ins Blaue hinein, sondern denken Sie daran, daß Sie hier quasi unter Eid aussagen!

– Aber Herr Kommissar, ich bin doch bloß hergekommen, um einen Einbruch anzuzeigen!

Um so verwerflicher sind Ihre Abschweifungen. Bleiben wir beim Thema. Wo stand das Grammophon?

– Auf dem Tisch.

Was befand sich noch auf dem Tische?

– Einige Bronzesachen und ein großer kupferner Aschbecher, die gleichfalls gestohlen wurden.

Und wo befand sich der entwendete Pelz?

– Im Korridor natürlich.

Das ist durchaus nicht natürlich, warum trugen Sie ihn denn nicht bei Ihrem Ausgang?

– Ach, mir war so schon riesig warm; mein Dienstmädchen hatte die Stuben überheizt . . .

Seit wann dient die bei Ihnen?

– Seit acht oder neun Tagen.

Und ist noch nicht polizeilich gemeldet, wie ich aus diesen Akten ersehe. Also um zum Schluß zu kommen, hm, hm! Ja! ich kann Ihnen nicht verhehlen, die Sache steht nicht gerade besonders gut für Sie.

– Sie meinen, es wird schwer sein, die Einbrecher zu ermitteln?

Sie schweifen schon wieder ab, mein Herr, beachten Sie, bitte: die Einbrecher habe ich nicht, mithin kann ich nicht gegen sie vorgehen; aber Sie habe ich, – das ist der Unterschied. Erwiesen ist zunächst durch Ihr eigenes Zugeständnis, daß Sie als Hauseigentümer in Ihrem Treppenhaus die Beleuchtung verschwenderisch bis in die Nacht hinein brennen lassen. Kennen Sie die Verordnung? wenn nicht, so schützt Sie auch die Nichtkenntnis nicht vor Strafe. Erwiesen ist ferner, daß Sie Silber-, Bronze- und Kupfersachen in Verwahrung hatten, als leichte Beute für Diebe, während es längst Ihre Pflicht gewesen wäre, diese Objekte der Reichsmetallstelle abzuliefern. Außerordentlich belastend ist demnächst für Sie der gestohlene Pelz. Auf dem Umwege über diesen Pelz ermittelten wir bekanntlich, daß in Ihren Zimmern eine höchst verwerfliche Verschwendung mit Heizmaterial getrieben wird, wofür Sie also noch ganz anders zu bestrafen sind, als durch einen immerhin ersetzbaren Pelzverlust. Daß Sie Ihr Dienstmädchen nicht melden, wie vorgeschrieben, na, das ließe sich am Ende mit einer mäßigen Polizeistrafe erledigen; aber als äußerst erschwerender Umstand tritt zu dem allen Ihre geradezu lasterhafte Sucht, in so ernster Zeit rauschende Lustfeste mitzumachen, ja sogar zu veranstalten. Wir werden da zu untersuchen haben, erstens, ob bei Ihnen eine flagrante Verletzung des Tanzverbots vorliegt, und zweitens, ob Sie sich nicht darüber hinaus durch Ihre Bacchanalien des groben Unfugs schuldig gemacht haben. So viel für heute. Das weitere wird sich finden. –

Woraus zu ersehen, daß es keineswegs zu den Annehmlichkeiten gehört, wenn man das Opfer eines Einbruchs wird, und besonders, wenn man dabei das besondere Pech hat, ein Schlemihl zu sein.

 


 


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