Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Aus dem Märchenbuch der Tante Physika

Da war einmal ein Meerschweinchen von ungewöhnlicher Intelligenz und bemerkenswertem Bildungsdrang. Und da es immer mehr zu lernen begehrte, begab es sich zur Universität, um dort mit zuzuhören, wenn die Dozenten Naturwissenschaft vortrugen. So ein Professor erblickte das Meerschweinchen in einer Ecke des Hörsals, ergriff es kurzerhand, und da er gerade pneumatische Experimente veranstaltete, steckte er es in die Glasglocke seiner Luftpumpe. Er wollte nämlich den Studenten beweisen, daß ein Tier bei Entzug von Atmungsluft ersticken müßte, womit er nicht Unrecht hatte. Nun setzte er die Maschine in Bewegung, und beim zwölften Kolbenstoß, als die Luft schon beinahe fortgepumpt war, sprach das Meerschweinchen halbtot vor sich hin: »Das ist zwar ein bißchen ungemütlich, aber in pneumatischer Hinsicht lernt man dabei doch eine ganze Menge!«

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In einer Bibliothek hauste eine Bücherlaus, die man in der Sprache der Zoologen Atropos pulsatoria nennt. Sie hatte sich in einem Band von Humboldts »Kosmos« heimisch gemacht, und im Laufe vieler Monate von der ersten bis zur letzten Druckseite hindurchgefressen. Am Schluß ihrer Wanderung äußerte sie: »Das war inhaltlich ganz vorzüglich, aber wieviel Zeit und Anstrengung muß man doch aufbieten, ehe man sich durch ein so schweres naturwissenschaftliches Werk durcharbeitet!«

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Was eine Wünschelrute ist, das ist euch Kindern wohl bekannt, aber nun sollt ihr auch erfahren, wie die Zauberkraft in die Wünschelrute hineingekommen ist.

Da war nämlich in grauer Vorzeit ein Gnom, ein Erdmännchen, das hatte sich in eine wunderschöne Waldfee verliebt und wollte sie gerne heiraten. Die Fee lachte ihn zuerst aus, gab aber schließlich seinem Drängen nach unter der schwierigen Bedingung: Schaffe mir den schönsten Gold- und Silberschmuck, dann will ich dich erhören. Nun sind die Gnome bekanntlich die trefflichsten Erzfinder und Metallschmiede, und so währte es nicht lange, da brachte der kleine Wicht die verlangte Gabe. Er konnte sie aber nicht sogleich überreichen, denn die hübsche Waldfee saß in einem Haselstrauch und war in den Zweigen fest eingeschlafen. Um sie aufzuwecken, zerrte der Gnom an dem Strauch so lange, bis die Fee das Wippen spürte, die Aeuglein aufschlug und den kostbaren Schatz zu ihren Füßen bemerkte. Und seitdem wippt jeder Haselzweig, wenn man aufmerksam werden soll, daß sich unterhalb wertvolles Metall befindet.

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Ein Huhn fand auf dem Geflügelhof einen fortgeworfenen Handspiegel und begann an diesem die Gesetze der Optik zu studieren. Guck' nur, Gockel, sprach die Glucke zu ihrem Gatten, schau nur, wie merkwürdig! Hier hinter diesem Glase ist genau so eine Henne wie ich, wenn ich scharre und picke, scharrt's und pickt's auch im Spiegel, kurzum, das Spiegelhuhn macht mir alles ganz genau nach.

Das ist nur bedingt richtig, erläuterte der kluge Hahn, denn wenn du zum Beispiel Eier legst, dann legt das andere Huhn deswegen noch lange keine Spiegeleier.

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Als Galvani mit Assistenz seiner Ehehälfte seine berühmten Froschexperimente begann, begab es sich, daß zwei abgehäutete Frösche, die nebeneinander am Draht hingen, noch nicht vollkommen tot waren, was sie nicht verhinderte, zu zucken und zu hüpfen, als der Professor den galvanischen Strom durch den Draht laufen ließ.

Wie findest du das? fragte der tanzende Frosch Brekekex seinen Nachbar, den nahezu verstorbenen Frosch Koax.

So weit ganz erträglich, meinte Koax, aber mir fehlt doch die richtige Tanzlust, ein bißchen Musik hätte Herr Galvani schon noch dazugeben können!

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Wenn ihr glaubt, Kinder, der Magnetberg, nahe bei der Insel Thule im Nordmeer, sei eine bloße Fabel, so befindet ihr euch im Irrtum. Der Berg existiert wirklich, und das hat der dänische Kapitän Rasmussen persönlich erfahren.

Als er nämlich in seine Nähe kam, zog der ungeheure Magnet alle Nägel, Schrauben und sonstige Eisenteile aus seinem Schiff, alles Eiserne flog dem Berg entgegen, und das Fahrzeug war eben dabei, entzweizubrechen, als der Kapitän es unternahm, die verzweifelt lamentierende Mannschaft zu beruhigen: »Deswegen brauchen wir noch nicht den Kopf zu verlieren, uns kann doch gar nichts geschehen, wir sind ja bei Lloyds in London zum vollen Werte versichert!«

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Die gefeierte Dichterin Sappho litt an einem Bandwurm, der genau so groß war wie ihr Genie. Und je mehr sich die Bestie verlängerte, je stärker er sie bedrängte, um so eifriger schrieb sie, um ihr Unbehagen niederzukämpfen, an ihren gefühlvollen Gedichten. Dabei wandelte sie auf und ab, in steter Deklamation ihrer liebeglühenden Strophen.

Das hörte der Bandwurm im Innern, und er lieferte hierzu eine Kritik, die immerhin ein gewisses Verständnis für organische Zusammenhänge verriet. Er sagte nämlich: diese Sappho besitzt wirklich ein sehr reiches Innenleben!

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Ueber den Kunstsinn niederer Tiere ist schon viel geschrieben worden, ihr müßt es euch indes einprägen, daß in dieser Hinsicht die Kellerasseln an der Spitze stehen. Da war eine Unzahl von Asseln, die sich in der Kellerecke mit der Einstudierung einer hübschen Revue vergnügten. Ein Skolopender, der schon weiter umhergekommen war, erzählte dabei seiner Kollegenschaft, daß die Menschen schon sehr froh wären, wenn sie in einer Revue zweihundert Girlbeine zu sehen bekämen. Wie bescheiden doch diese Geschöpfe sind! ergänzte eine längliche Assel, die sich als Tausendfüßlerin sehen lassen konnte: ich allein kann schon mehr Beine zeigen, als bei den Menschen ein ganzes Corps de Ballet!

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Ein deutscher Gelehrter, der sich vorwiegend mit tierphysikalischen Untersuchungen beschäftigte, wollte die Molekularstruktur der Bauchringe ergründen. Er hantierte dabei mit einem lebenden Regenwurm, entschloß sich indes aus ethischen Gründen, ihn erst einmal totzumachen. Er nahm daher den Regenwurm und tat ihn in eine mit neunzigprozentigen Alkohol gefüllte Spiritusflasche. Nach drei Zuckungen war der Wurm tot, aber bei der zweiten hatte er noch soviel Besinnung, um zu monologisieren: So eine Gemeinheit! In Amerika hätte mir das nicht passieren können, denn in den Vereinigten Staaten ist der Alkohol glücklicherweise verboten!

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Ein Knabe unterhielt sich mit seiner Katze über Physik, denn Papa hatte ihm kurz zuvor einen Experimentierkasten geschenkt. Paß mal auf, Katze, sagte er, jetzt sollst du etwas Elektrisches kennenlernen. Ich nehme hier eine Stange Schellack, haue dich mit der Stange aufs Fell, und sofort werden Funken umherfliegen; ich setze mir dazu eine Brille auf, damit mir die Funken nicht ins Auge springen.

Davor brauchst du keine Bange zu haben, meinte das Tierchen: wenn du mich prügelst, werden dir keine Funken ins Gesicht springen, sondern bloß – die Katze!

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Zwei junge Kakadus, Polly und Lora, saßen auf der Stange und unterhielten sich über die Lebensmittelpreise. Lora, meinte: Die Regierung hat doch versprochen, für schleunige Senkung der Preise zu sorgen, aber ob man die Verbilligung auch bald erleben wird? – Da sagte Polly: Wie sollen wir denn so was erleben, ein Kakadu wird doch nach Brehm höchstens hundertundzwanzig Jahre alt!

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Unter den Glühwürmern, auch Leuchtkäfer oder Feuerfliegen genannt, befand sich ein Exemplar, das sich durch Gewissenhaftigkeit vor seinen Artgenossen besonders ausgezeichnete. Als es von den jüngsten Verfügungen Kunde erhielt, schraubte es sofort den einen von seinen zwei glühenden Bauchringen ab und entfernte ihn vorschriftsmäßig aus seinem Beleuchtungskörper; und so gereichte es ihm zur Beruhigung, daß es fortan höchstens eine 32kerzige Leuchtkraft verbrauchte, wie es im Interesse der Lichtersparnis gewünscht wird.

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Die Brillenschlange trägt auf ihrem Vorderteile bekanntlich eine Zeichnung, die aussieht wie ein Nasenklemmer. Ein solches Individuum faßt den Plan, sich zu vervollkommnen und zu einer höheren Art emporzuläutern. Da schlängelte sie sich an einen Gummibaum und rieb sich daran, so daß der Gummi den größten Teil der Zeichnung fortradierte. Damit hatte sie ihre Absicht erreicht, denn aus der Brillenschlange war nunmehr eine Monokelschlange geworden.

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Ein Murmeltier in den Hochalpen litt an Schlaflosigkeit, und zwar so stark, daß ihm selbst Veronal und Chloralhydrat nicht mehr zu helfen vermochten. Da fand es einen Goldschnittband mit neuen lyrischen Gedichten, die ein Alpenwanderer am Wege vergessen hatte. Es setzte sich damit an die Felsenwand am Gletscher, blickte ein paar Minuten hinein, und seitdem schläft das Murmeltier wie ein Murmeltier.

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Ein sogenannter Einsiedlerkrebs hatte nach altbewährtem Usus seiner Sippe eine Schnecke aus ihrer Schale herausgefressen und sich selbst in diesem Gehäuse wohnlich eingerichtet. Ein vorübersegelnder Dorsch fand dies ein bißchen grausam und egoistisch. Der Einsiedlerkrebs aber wies die Vorwürfe zurück und sagte: »Dummer Dorsch, du weißt ja gar nicht, wie das juridisch zusammenhängt. Ich hatte nämlich eine Hypothek zu fünf Prozent auf das Schneckenhaus, und da die Zinsen ausblieben, was blieb mir übrig, als das Haus zur Subhastation zu bringen? Als Meistbieter gelangte ich ganz regulär in den Besitz des Hauses und wohne nun darin mit Fug und Recht nach § 1163 ff. des bürgerlichen Gesetzbuches.«

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Ein Süßwasserpolyp, Hydra viridis, geriet in die Hände eines Forschers, der eine Reihe von Vivisektionen an ihm ausführte. Jedes abgeschnittene Gliedchen wuchs nach, ergänzte sich wieder zu einem vollständigen, lebenden Polypen, und so ging es ins Hundertfache. Da meinte das kleine, vervielfältigte Geschöpf: »Das lasse ich mir gefallen; an dieser Aufwertung hundert zu eins sollte sich der preußische Finanzminister ein Beispiel nehmen!«

 


 


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