Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Quer durch das ABC.

Das ist ein sehr lohnender Marsch, besonders für Wandervögel, die unterwegs etwas lernen wollen. Ich verstehe hier unter ABC jene unentbehrlichen, nach dem Alphabet angelegten Handbücher, die sonst auch unter dem Titel des Berliner Telephon- und Adreßbuches bekannt sind, und die ich als die Fibeln für die Erwachsenen bezeichnen möchte. Greift nur hinein in dieses ABC, und wo ihr's packt, da ist es interessant. Wenn man zum Beispiel darin abzählt, wieviel Schulze es gibt, so lassen sich daraus wesentliche Rückschlüsse auf alle kommunalen Organisationen ableiten; denn die gesamte Namenssippe der Schulzen beruht auf der Grundform »Schultheiß«, und so läßt sich quellenmäßig ermitteln, wieviele Gemeindevorstände ursprünglich in unseren Gauen existiert haben müssen. Aber weit darüber hinaus ist dieses Wanderstudium auch geeignet, die innigen Beziehungen zwischen Namen und Beruf überhaupt aufzudecken, und in jedem Buchstaben der großen Fibeln finden wir massenhafte Beweise dafür, daß es ein Namensschicksal gibt, das dem Namensträger seinen Lebensweg vorzeichnet.

Ich persönlich ging ursprünglich nicht vom Buchstudium aus, sondern von der lebendigen Erfahrung auf Markt und Gasse. In der Berliner Mauerstraße geriet ich einst an ein Pfandleihe, und auf dem Firmenschild las ich den Namen des Geschäftsinhabers: H. Pumpe. Das gab mir zu denken. Sollte hier wirklich nur ein Spiel des Zufalls obgewaltet haben, oder zeigte sich hier ein Schicksalswink höherer Ordnung? Damals gab es noch nicht jene verwickelten psychologischen Prüfungen, die darauf hinzielen, die Berufseignung des Menschen experimentell zu ermitteln. Man verließ sich mit weit größerer Sicherheit auf den angeborenen Namen: und es war mir keinen Augenblick zweifelhaft, daß Herr Pumpe, als er diesem Orakel gehorchte, sich zu einem ganz vorzüglichen Pfandleiher entwickelt hat.

Diese Beobachtung war, wie gesagt, der erste Anstoß zu meinen späteren systematischen Streifereien im geordneten Adressen-ABC, die mir so reiche Ausbeute an Erkenntnissen eintragen sollten. Da stöberte ich zuerst einmal im Buchstaben C – und hierbei ließ ich mich allerdings lediglich vom Zufall führen –, mein Blick blieb magisch gebannt an dem Berliner Mitbürger Cucumus haften, und da ich furchtbar viel Lateinisch verstehe, so saß ich sofort auf der richtigen Fährte. Cucumis heißt nämlich im klassischen Römer-Jargon soviel als Gurke; und in der Tat, die Prognose deckte sich überraschend mit der Wirklichkeit; dieser Herr Cucumus war positiv Gurkenhändler, und man darf annehmen, daß er seinen Beruf verfehlt hätte, wenn er etwas anderes geworden wäre.

Die ABC-Bücher, die mir in den vorbereitenden Stufen meiner Studien als Stütze dienten, gehören vorwiegend zu den älteren Jahrgängen. Und ich gedenke weiterhin zu ihnen zurückzukehren, obschon auch die neuesten Exemplare jeder sinngemäßen Probe standhalten. Da brauche ich bloß das Telephonbuch aufzuschlagen, datiert von 1926. Nehmen wir meinetwegen den Buchstaben F, da ist es geradezu unmöglich, an dem Namen »Feuer« vorbeizulesen. Das amtliche Verzeichnis liefert hierzu die Erläuterung, erstens: Ludwig Feuer, Inhaber Franz Feuer: – Zündwaren en gros; zweitens Richard Feuer: – Gasglühlicht. Ist das feurig genug? Aber darin steckt noch eine besondere Pointe. Denn dieses Glühlicht ist bekanntlich eine Erfindung des Chemikers Auer, und dessen Name umschließt für sich das wundervollste Namensorakel: denn in der hebräischen Urschrift der Bibel steht auf der dritten Zeile des ersten Kapitels: »Jehi Aur« – zu deutsch: »Es werde Licht!«, woraus zu folgern: Das erste Licht, das über der Welt flammte, war Auer-Licht, und ein Chemiker, der so hieß, war schon durch seinen Namen prädestiniert, solches Glühlicht in die Welt zu setzen.

Ich höre den Einwand, ich hätte wohl durch mühseliges Umhersuchen im Fernsprechverzeichnis gerade diese vereinzelten Proben gefunden. Allein, das wäre eine grundlose Verdächtigung. Anderer Buchstabe gefällig? Schön, nehmen wir B; und aus dem reichhaltigen Register zitiere ich: Brettschneider, Ernst, Dampfsäge- und Hobelwerke. Das stimmt doch so ziemlich!

Zwischen neuen und älteren ABC-Büchern krame ich ein bißchen in meinen Erinnerungen. Eine Opernvorstellung taucht vor mir auf mit einem brillanten Tenoristen, der alles an Tönen herausholte, was nur eine feinkultivierte Sangeskehle herzugeben vermag. Und wie hieß dieser Sänger? Natürlich »Feinhals«! In meiner näheren Umgebung musizierte ein junger Geiger, der auf dem Instrument entsetzlich kratzte und sich später in obskuren Konzertlokalen ein ganz hübsches Geld zusammengekratzt hat. wie hieß er? Kratz! Aus meiner Studentenzeit ist mir ein prachtvoller Hüne gegenwärtig, der Waffenheros der Couleurverbindung »Vandalia«. Er schlug die beste Klinge der Universität und hieß auch wirklich Achilles, nicht etwa mit Spitznamen, sondern nach standesamtlicher Urkunde. In meine Jugendzeit fallen die Produktionen zweier großer Zirkusse, die sich nach ihren Direktoren benamsten: Zirkus Carré und Zirkus Hinné. Dieser Herr Carré hatte wahrscheinlich die Quadratur des Kreises gesucht und war infolge seines quadratischen Namens auf den Kreis, den Zirkus, verfallen. Anderseits bedeutet hinnire im Lateinischen: »Wiehern«, und wenn einer schon Hinné heißt, so wird er unweigerlich auf einen Beruf gedrängt, in dem wiehernde Gäule die Hauptrolle spielen.

Als ich auf engerem Gebiet Umschau hielt, fand ich im Kürschner-ABC, anders gesagt: im Literaturkalender nicht weniger als zehn Kollegen von der Feder, die allesamt auf den zutreffenden Namen »Schreiber« hören. Auch hier kommt das lateinische zu Hilfe: aus dem Schreiber, Scriba, hat sich der Komödiendichter Scribe entwickelt, der zwar schon lange tot, aber doch noch viel lebendiger ist, als manche moderne Lustspielautoren, die den fruchtbaren Scribe abgeskribelt haben. Auch die musikalische Komposition kommt in diesem Zusammenhang zu ihrem Recht, wenn auch mit einem Unterton von kritischer Ironie: Unter den Operettenkomponisten glänzte vormals einer, dem das Orakel den Beruf vorausgesagt hatte. Er wirkte auch in Berlin, hatte im Felde der musikalischen Komik ansehnliche Erfolge und hieß: »Krempelsetzer«. Unter seinen Nachfolgern in Apoll sollen sich etliche befinden, die gleichfalls theatralische Krempel in Noten setzen, bloß nicht so wirksam wie er.

Literarisch genommen sind derartige Wortbeziehungen ziemlich stark in Mißkredit geraten. Noch Nestroy durfte in seinem »Lumpazivagabundus« den Schneider: Zwirn, den Tischler: Leim und den Schuster: Knieriem nennen, und er hätte sich auf Shakespeare berufen können, der sich mit seinem Scharfrichter »Grauslich« und seinen Gerichtsdienern »Klaue« und »Schlinge« jener Beziehung in aller Freiheit bedient hat. Aber riskiere es heut ein Roman-, ein Dramenschreiber, seine Figuren so zu taufen, etwa einen Bankdirektor »Pinkepinke« oder einen Polizisten »Haltefest« zu benamsen. Das Publikum würde solchem Autor schön heimleuchten. Weil sich die meisten Menschen niemals auf die Wirklichkeit besinnen, die ihnen auf Ladenschildern, Adreßkalendern Telephonbüchern und ABC-Registern die Verwandtschaft von Namen und Lebensstellung dauernd vor Augen hält.

Welche Beredsamkeit strahlt hier aus allen Rubriken! In Paris grüßte mich vor Jahren eine Firma »Ledderhose«; ich sehe sie noch vor mir, nahe der Madeleine, der Inhaber war Engländer, aber er kam meinem Sprachgefühl entgegen, denn Ledderhose arbeitete ganz korrekt in Herrenkonfektion. Sein Gegenstück befand sich um dieselbe Zeit im Berliner Adreßbuch, wo er sich mit sanft anlautendem H mit dem Namen »Hoberock« als Atelier für solide und elegante Herrengarderobe empfahl. Aus dem nämlichen Bande nenne ich außer Zusammenhang einen Parfümeur »Roseno«, einen Wurstfabrikanten »Würst«, einen Papierhändler »Papier«, zwei Lichtfabrikanten »Blender« und »Lucks« (von lux lucis, das Licht), und als Vertreter der Holzbranche die Herren Buchholz, Keilholz, Rotholz und Kienast. Zahllos waren die onomatopoetischen Herrschaften in der Gilde der Gastwirte, wo »Hunger«, »Koch«, »Kochmann« vielfach und mit Variationen auftraten; ferner bei den nachgeborenen Kollegen des Meisters Hans Sachs, die auf den Anruf »Schuster« hörten und sich zur entsprechenden Zunft bekannten, während einer von ihnen das Substantielle seines Gewerbes betonte, indem er sich »Ledertheil« nannte. Seltsamerweise überwogen im Geschäftszweig der Geflügelzucht die Raubvögel mit den Familiennamen »Adler« und »Habicht«, während ich in dieser Rubrik die zahmeren Sorten nicht aufzuspüren vermochte.

Gewiß steckt meine Berufsstatistik noch in den ersten Anfängen, und es erscheint dringend erforderlich, sie nach den späteren und neuesten ABC-Büchern zu vervollständigen. Hoffentlich findet sich ein Forscher, der mich als Buchbesitzer und besonders auch als Zeit-Besitzer bedeutend übertrifft. Ihm bleibe es vorbehalten, zu dem Wort des Plautus »Nomen est omen« tausendfache ungeahnte Beweise aufzustöbern!

 


 


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