Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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Abenteuer im Bremer Ratskeller

Phantasie wie beim alten Hauff? Oder Wirklichkeit? – Vielleicht beides. Jedenfalls kommen hier Dinge vor, Preise und Zahlen, die auf Wahrheit beruhen, und für die ich jede Garantie übernehme.

*

Es war zehn Minuten vor Mitternacht am ersten September, als ich dort Einlaß begehrte. Der letzte Gast hatte den Keller verlassen, und der Ratsküfer machte Schwierigkeiten: »Wir sind kurz vor der Gespensterstunde, und es ist nicht recht geheuer da unten; wollen Sie trotzdem . . ..?«

»Ja ich will, unbedingt und absolut. Schließen Sie auf!«

Er führte mich durch hallende Gänge und über zahllose Stufen in einen düster erleuchteten Raum: »Die Weinkarte brauche ich Ihnen wohl nicht erst vorzulegen; Sie wissen wohl Bescheid?«

»Allerdings; es ist ja heut ein besonderes Datum.«

»Und Sie sind der einzige Mensch, der sich das gemerkt hat, das Dreihundertjahr-Jubiläum unseres weltberühmten Fasses, genannt ›Rose‹. Wir besitzen darüber eine uralte Verordnung unseres löblichen Bremer Senats: Sollte sich in dieser Geisternacht ein einsamer Gast anfinden, der zu trinken begehrt, dann soll er gratis bewirtet werden. Und er darf sich aus dem ganzen Ratskeller einen beliebigen Schoppen aussuchen.«

»Vortrefflich, Küfer! Ich wünsche also eine Flasche aus dem herrlichen Apostelfaß Johannes!«

»Ihr seid sehr anspruchsvoll, Herr! Der Apostel darf sonst niemals angezapft werden. Aber Ihr seid ja eine Ausnahme und besitzet den Freibrief. Ich habe zu gehorchen.«

Er schlürfte davon und brachte das Verlangte.

»Seit wann lagert dieser Wein im Bremer Keller?« fragte ich.

»Er ist ein Rüdesheimer vom Jahre 1670. Das Stück zu acht Ohm hat damals 300 Taler Gold gekostet.«

»Danke. Jetzt nehme ich ein Blatt Papier und will einmal ausrechnen, wieviel dieser Wein heute wert ist.«

»Das wird ein schwieriges Exempel; im Weinhandel rechnet man zehn Prozent auf Zinseszins . . .«

»Diese Unterlage genügt mir. In drei Minuten wird das Resultat auf dem Papier stehen.«

Und da stand es:

Heute, am 1. September von 1925, beträgt der Preis dieses Rüdesheimers

pro Flasche: 24 683 750 000 Mark!
pro Glas: 3 085 469 000 Mark!
pro Tropfen: 3 085 469 Mark!!!

»Glatte Sache, wenn wir annehmen, daß ein Ohm 180 Flaschen, die Flasche 8 Gläser und das Glas 1000 Tropfen hergibt. Und jetzt entfernt Euch, Küfer. Ich will mir diesen Trank solo solissimo in traumschwelgerischer Einsamkeit bezähmen!«

*

Das erste Glas! Ein Feuerstrom, der die Nebenbetrachtung heraufzaubert: Mehr als drei Milliarden gieße ich hier mit einem Zuge hinter die Krawatte. Mit diesem Betrage hätte man den größten Teil der Deutschen Reichsanleihen schon recht anständig aufwerten können. Für mich war das ein Schluck: prost Rest! Wie steh ich da?

Das zweite Glas! Ueberlegen wir doch einmal: Ein Reichstagsabgeordneter bekommt 20 Mark tägliche Diäten, macht fürs ganze Parlament rund drei Millionen im Jahr. Also habe ich hier ungefähr 1000 komplette Reichstage mit einem Hieb heruntergepichelt. Das soll mir erst einer nachmachen!

Das dritte Glas! Bilder aus vergangener Fahrtenlust steigen in mir auf. Für 20 Mark kann man sich heute sehr bequem eine Reise um die ganze Welt leisten. Also? Wie oft hätte ich für diesen Schluck rund um den Bauch des irdischen Globus reisen können? Reichlich 200 000 mal! Und wenn einer so'ne Masse Weltreisen tat, so kann er was erzählen!

Vivant sequentes! Beim letzten Glase lasse ich eine winzige Neige zurück, ein einziges Tröpfchen, aus künstlerischem Motiv; und denke dabei an die berühmte »Attische Göttin«, die jetzt vom Reiche, von Preußen und der Stadt Berlin zum Kaufpreis von einer Million erworben werden soll, von mir aus! Da wirtschafte ich doch ganz anders mit den Moneten! Jetzt pfeife ich extra den letzten Lippentriller, und mit diesem einzigen Tropfen träufle ich mir drei marmorne Attische Göttinnen auf die Zunge. Das nenne ich Groß-Zügigkeit.

Abgesehen davon habe ich bei meinem stillen Trinkfest die Weinsteuer gespart, das macht 20 Prozent vom Wert, gleich 4 Milliarden, 827 Millionen und 750 000 Mark, auf den Pfennig genau. Ich werde mich um die Zahlung dieser Summe nicht weiter bemühen, soll der Fiskus mir nachlaufen!

Also war das ein Genuß? Scheint so. Und da komme mir noch ein Abstinenter und erzähle mir von antialkoholischen Freuden! Den Kerl lache ich klaftertief unters Bremer Pflaster, wo er Grundwasser saufen soll. Ich habe mich für zahllose Milliarden amüsiert, und mein Kostenpunkt war alles in allem Null.

Herr Reichskanzler was sagen Sie zu der Preissenkung?!

 


 


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