Alexander Moszkowski
Von Genies und Kamelen
Alexander Moszkowski

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VI. Teil

Sammlung aus dem Projekt Gutenberg-DE

2017

Lockerer Kram

Zwischen Kunst und Geschäft

Man kennt die stolze Antwort Liszts auf die Frage, ob er bei seinem letzten Auftreten in Budapest gute Geschäfte gemacht habe: »Nein, Fürstin, ich habe gar keine Geschäfte gemacht, nur Musik.« Aber so schön das Wort auch klingt, es stimmt nicht ganz, denn so großzügig Liszt auch mit seinen Erträgnissen verfuhr, gleichgültig waren sie ihm nicht, er hatte schon seine Leute an der Hand, die ihm das Geschäft ganz tüchtig besorgten. Die Kunstgeschichte nimmt von diesen Handlangern gar keine Notiz, obschon sie ihnen verpflichtet ist. Wir besitzen treffliche Handbücher über alle Kategorien von Menschen: über Eroberer, Entdecker, Krösusse, Organisatoren auf industriellen Gebieten; aber kein Heldenbuch singt von den großen Impresarios, von den kühnen Wegbereitern der Kunst, ohne die in manchen Ländern die bedeutsamsten Veranstaltungen gar nicht möglich wären. Nur gelegentlich erinnert man sich der Unternehmungen eines Ullmann, Strakosch, Pollini, Mapleson, Ledner, Hermann Wolff, und ich selbst wäre mit der Liste schon zu Ende, wenn mir nicht eben noch der hervorragendste aller Manager einfiele, der mir einen untilgbaren Eindruck hinterließ, als ich ihn vor vielen Jahren kennen lernte.

Das war in einem Frühjahr zu Rom, wo wir deutschen Pilger in Scharen die Straße belebten, massenhaft gute Heimatsbekannte trafen und mit der Grußhand von der Hutkrempe gar nicht loskamen. Im Vorbau des Café Aragno am Korso mußten wir fünf Tische aneinanderrücken, um in freundlicher Fühlung zu bleiben mit unserem lieben Chordirektor Siegfried Ochs, mit unserem ausgezeichneten Meister Heinrich Grünfeld und den vielen, die sich ihnen kunstbummelnd ankristallisiert hatten. An einem Nebentisch, abgetrennt, saß ein großer schlanker Herr, ganz in Zeitungen vergraben. Manchmal blickte er auf und ließ das Auge schweifen: das war der Feldherrnblick eines Pompejus! Und dazwischen machte er auf geräumigen Blättern Notizen, die ahnen ließen, es ginge um Weltbegebenheiten. Ich erfuhr in unserer Aragnogesellschaft: Das ist der größte, unternehmungslustigste, wagemutigste Manager aller Zeiten; der Ueberimpresario; seine künstlerischen Wagnisse reichen von Patagonien bis Kamtschatka; mit einem Wort: das ist Lukas Cranach.

So nannte er sich vorzugsweise, aber nicht ausschließlich. Von Haus aus hieß er Louis Krojanker, aber auf seinen Visitenkarten und Reklamebogen kamen mehrfache Variationen vor. Den französischen Instituten gegenüber firmierte er als »Cranache« und in italienischen Bezirken neigte sein Name zu der Form »Luca Cranachio«.

Ich schlängelte mich an ihn heran, stellte mich vor und bat um ein Interview: Er gewährte leutselig.

»Weilen Sie schon lange hier?«

»Hier – ja wo sind wir eigentlich momentan? Richtig in Rom! Man hält das im Fluge des Reisens manchmal schwer auseinander. Also ich bin vormittag angekommen, von Moskau her, und gedenke mit dem Nachtexpreß weiterzufahren, nach Kapstadt.«

»Ein kurzer Aufenthalt. Sie werden da nicht viel besichtigen können.«

»Aus Ihnen spricht der beschäftigungslose Tourist, der am Baedeker klebt. Unsereiner hat unterwegs zu tun und nicht zu besichtigen. Ich kann mir doch hier nicht zum hundertstenmal den Orpheus von Benvenuto Cellini ansehen . . .«

»Den Orpheus?«

»Oder den Theseus, was dasselbe ist.«

»Sie meinen gewiß den Perseus. Der ist allerdings von Cellini, er steht jedoch in Florenz und war nie in Rom.«

»Aber ich bin vorige Woche in Florenz gewesen, damit entfällt also Ihr Einwand.«

»Ich vermute, Herr Impresario, Sie wollen die wenigen Stunden hier anwenden, um wichtige Engagements abzuschließen.«

»Richtig gedacht. Und Sie können sich vorstellen, die Auswahl ist schwer, da sich doch die meisten Stars längst in meinem Engagement befinden.«

»Sie wollen gewiß den berühmten Tenoristen Tamagno verpflichten.«

»Sie sind naiv. Tamagno gehört mir seit drei Jahren. Ich lasse ihn heute abend mit der Patti in Valparaiso singen.«

»Im dortigen Stadttheater?«

»In so einem Kasten? Das wäre ein Geschäft! Nein, in dem großen Opernhause, das ich bekanntlich in Valparaiso gebaut habe; natürlich mit einigen Geldleuten im Rücken. Morgan, Vanderbilt, der ältere Astor, der Herzog von Northumberland sind meine stillen Kommanditäre. Ich arbeite mit einem Orchester von zweihundert Mann, sechs Dirigenten und einer ganzen Armee von Personal und Verwaltungsbeamten. Aber das rentiert sich großartig, und wenn Tamagno seinen Romeo von Bellini hinlegt, mache ich vierzig ausverkaufte Häuser.«

»Verzeihung, ich wähnte, Tamagno wäre Tenor, und Bellinis ›Romeo‹ ist doch für eine weibliche Altstimme geschrieben.«

»Bekannt ist nur, daß Tamagno alles kann. Darauf beruht ja der ungeheure Erfolg, den ich mit ihm in Peru erzielte.«

»In Peru? Sie sagten doch eben in Chile?«

»Ich habe das Wort Chile gar nicht in den Mund genommen.«

»Doch, doch, besinnen Sie sich nur, Sie sagten in Valparaiso.«

»Da habe ich mich versprochen: ich meinte natürlich Buenos Aires.«

»Das wäre also weder Chile noch Peru, sondern Argentinien.«

»Kurzum, da drüben im Westen, der Ortsname tut ja nichts zur Sache.«

Mir ging es durch den Kopf: sollte der Herr nicht ein bißchen zur Masse der Phantasten gehören? Großzügig angelegt, zweifellos, aber doch dazu geneigt, gewisse exzentrische Bilder seiner Busineß-Phantasie für Realitäten zu nehmen.

Im nächsten Augenblick korrigierte ich meinen Zweifel. Worauf sollte sich Weitblick und Wagemut gründen, wenn nicht auf einen Ueberschwang der Anschauung? Die paar sachlichen Schnitzer waren nicht schwer zu nehmen und gehörten vielleicht zum Beruf. Ein Impresario ist kein Professor, und Bildungslücken sind ja schließlich geistige Poren, durch die der Intellekt atmet.

»Ich muß Ihnen sagen,« ergänzte er, »die ganze Sängersippe interessiert mich nicht so sehr wie die Werke, die ich inszeniere. Da sind wir beim Kernpunkt der Leidenschaft, in der ich ganz und gar aufgehe. Fragen Sie Verdi, er wird Ihnen bestätigen, was ich in dieser Hinsicht leiste. Zuletzt habe ich ihn beim »Falstaff« inspiriert. Bei der ersten Probe in der Scala mußte ich neben ihm in der Loge sitzen, und während Mascheroni die Ouvertüre dirigierte, hielt ich ihm Vortrag über die mise en scène des Werkes, dessen Partitur ich auswendig kannte.«

»Während der Ouvertüre? Das ist ein Kunststück: der ›Falstaff‹ von Verdi hat ja gar keine Ouvertüre.«

»Sie lassen mich niemals ausreden! Tatsächlich war ein Vorspiel vorhanden, vierzehn Minuten lang nach der Uhr, und erst auf mein Zureden hat Verdi in jener Probe die Ouvertüre fortgestrichen. Er war bei all seiner Genialität in praktischen Dingen ein Kind und bedurfte der Anleitung, wie die Komponisten überhaupt. Alles muß man ihnen geben, den Stoff, den Plan, die Idee. Momentan inszeniere ich eine Oper, deren Text und Musik im wesentlichen von mir allein herrühren.«

»Sind Sie damit schon fertig?«

»Noch nicht ganz. Aber ich habe den Titel, und der Titel ist die Garantie des Bombenerfolges. Sie wird heißen ›Artilleria Rusticana‹ und jetzt lanciere ich die Sache in Vornotizen durch die Presse. Die römischen Redakteure habe ich schon gestern bearbeitet.«

»Ich denke, Sie sind erst heute früh hier angekommen?«

»Vorgestern. Nebenbei handelt es sich noch um eine andere Transaktion. Ich verhandle nämlich durch Ricordi über den Erwerb der sieben Paganini-Geigen.«

»Schöne historische Erinnerung. Das sind doch die sieben wunderbaren Instrumente, die Paganini an Lipinski, Vieuxtemps, Sivori, Ole Bull, Wieniawski usw. testamentarisch vermacht hat . . .«

»Sie sind im Bilde. Und nun stellen Sie sich vor: ich vereinige diese mirakulöse Erbschaft durch Kauf in meinem Besitz. Ich engagiere Sarasate und noch sechs solche und lasse auf einer europäischen Tournee mit diesem Siebengestirn das Septett von Beethoven spielen.«

»Das wird schwer halten. Beethovens Septett beansprucht Cello, Kontrabaß, Klarinette, Fagott und Horn.«

»Immer die alte Pedanterie! Als ob man diese Stimmen nicht einfach für Violinen transponieren könnte! Wirklich, lieber Herr, Sie hätten nicht das Zeug zum Impresario. Sie würden sich auch nicht entschließen, »Carmen« mit richtigen Stierkämpfern aufzuführen.«

»Und Sie beabsichtigen das?«

»Demnächst. Deshalb reise ich doch jetzt nach Spanien!«

»Sie sagten nach Kapstadt.«

»Ganz recht, über Sevilla. Dort engagiere ich den weltberühmten Torero Espaduentes, studiere ihm den Escamillo ein, und dann gibt es endlich einmal eine stilgerechte Darstellung von »Carmen« mit andalusischen Stieren. Ich gedenke hierzu die Arena in Verona zu mieten.«

Wie ich weiterhin erfuhr, hat dieser Ultramanager den Kreis seiner Unternehmungen später noch erheblich ausgedehnt. Man sprach damals viel von der Wiederkehr des Halleyschen Kometen, und den wollte er zu internationaler Schau in Entreprise nehmen. Auch die totale Sonnenfinsternis in Brasilien fiel in den Bereich seiner Pläne. Und schließlich wollte er eine große Chorsymphonie ausrüsten, gesungen in einem Geschwader von Luftschiffen über der südlichen Arktis. Bei dieser Gelegenheit sollte dann auch der Südpol definitiv entdeckt werden.

Meines Wissens sind nicht alle Projekte des Mannes zur Reife gediehen. Aber meine Wertschätzung seines großartigen Ideenfluges wird hiervon nicht berührt. Bestehen bleibt das Wort des Properz: in magnis voluisse sat est, es genügt, Großes gewollt zu haben, und ein Impresario solchen Stils darf nirgends anderswo beheimatet sein als in Wolkenkuckucksheim.

 


 


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