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Shijū-Hatte. Die Stellungen beim Koitus

Das Wort »Shijūhatte« bedeutet wörtlich: die achtundvierzig Griffe oder Kunstgriffe der Ringer, im übertragenen Sinne: die achtundvierzig Stellungen beim Koitus, oder, wie man mit einem gelehrten Ausdruck sagt: die achtundvierzig Figurae Veneris. Man darf aber nicht erwarten, daß wir in den unten stehenden Angaben über die Koitusstellungen bei den Japanern wirklich auch wohlgezählte achtundvierzig Arten bringen werden. Denn einmal haben es die Japaner offenbar nicht so weit gebracht wie die Inder, und dann geben weder die literarischen Unterlagen, noch die im Volke vorhandenen Lieder, Liedchen oder Sprüche Gelegenheit, die bestimmte Anzahl von Koitusstellungen zusammenzubringen. Shijū-Hatte ist eben nur eine Übertragung auf ein anderes »Ringen«, bei der der Begriff der feststehenden Zahl 48 ganz verloren gegangen ist. Deshalb nennt man auch den Koitus »Toko-Sumō« oder »Toko-Zumō«, den Bettringkampf, oder besser: Ringkampf im Schlafzimmer, um dem nebenstehenden Bild gerecht zu werden. Dieses Bild stammt aus dem Volksliederbuch »Otsue Bushi« (Lieder mit schönen Bildern?), das von Hikkōsha zusammengestellt und mit Zeichnungen versehen wurde. Veröffentlicht ist es in der Bunkyū-Periode (1861–1863 u. Z.).

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Toko-sumō.

Statt Toko-Sumō sagt man auch abgekürzt »Sumō«, das Ringen.

Kōkwai

»Kōkwai« ist der Koitus in der gewöhnlichen Stellung, bei der der Mann oben und die Frau unten liegt. Nebenher hat das Wort auch zuweilen die Bedeutung des unerlaubten Geschlechtsverkehrs. Macht die Frau die Schenkel weit auseinander, so daß der Mann seine Schenkel dazwischen legen kann, so nennt man diese Stellung mit einem Gassenwort »Augibako«, die Schachtel für einen zusammenklappbaren Fächer (Fujisawa: ōgi), weil der Koitus in dieser Stellung wie eine solche Schachtel aussehen soll. Der Ausdruck hat nichts Unzüchtiges an sich, wie Satow angibt. Feiner ist allerdings »Matomo«, was man mit »Von Angesicht zu Angesicht« übersetzen kann, während »Jōtai«, von Angesicht zu Angesicht reiten, die Sache schon deutlicher ausdrückt.

»Honte«, der kunstgerechte Griff beim Ringen, ist das Wort für die sogenannte natürliche Lage, Vorderseite gegen Vorderseite, die Satow folgendermaßen beschreibt: Die Frau liegt auf dem Rücken und hat die unteren Extremitäten weit auseinander und die Knie- und Hüftgelenke halb eingebogen; der Mann liegt auf ihr mit seinen Schenkeln zwischen den ihrigen, wobei er sich auf die Hände oder die Ellbogen stützt. Dafür sagt man auch »Homma«, das wäre die »wahre« Stellung (Honma). »Bei dieser Stellung vereinigen die beiden ihre Lippen zum Kuß oder eher zum Zungenkuß, den wir Osashimi nennen.« Diese Angabe ist wichtig, weil viele Reisende behaupten, in Japan küßte man nicht!

Mit Honte gleichbedeutend ist »Jinori«, das gewöhnliche oder übliche Treiben. In der Vorrede zu dem erotischen Buche »Kaname Ishi« (Der Schlußstein), verfaßt und mit Bildern versehen von Katsukawa Shunshō, steht folgendes:

»Es gibt drei verschiedene Stellungen, nämlich: Jinori (das gewöhnliche Treiben), Kyokudori (das Zirkusreiten) und Hayawaza (das Taschenspielerkunststück).«

Von den beiden zuletzt genannten Stellungen werden wir noch sprechen.

Als Jinori kann man auch das »Kamo no Irekubi« ansehen. Der Ausdruck bedeutet: die Gestalt einer Wildente, die den Kopf unter ihren Flügel steckt. Aus dem Bild ergibt sich, daß der Koitus darin besteht, daß die Frau halb sitzend die Beine über dem Rücken des Mannes kreuzt, während dieser seinen Kopf unter einem Arm der Frau hindurchsteckt, mit einem Arm sie um den Hals, mit dem andern um den Rücken faßt. Das Bild stammt aus dem Buch »Anazumō Shijūhatte«, verfaßt von Azumaotoko und mit Bildern versehen von Nakanogō. Der Titel bedeutet etwa: »Belehrungen über die Stellungen beim Koitus.« – Mit »Kamo no Hara«, der Bauch der Wildente, bezeichnet man das Schamhaar eines Mädchens oder einer jungen Frau, das noch nicht ganz ausgewachsen ist und sich weich anfühlt, wie der Bauch einer Wildente.

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Kamo no Irekubi.

Liegt das Paar bei der Kōkwai-Stellung nicht Angesicht zu Angesicht, sondern der Mann quer über der Frau, so nennt man das »Isuka-Bobo«, den Kreuzschnabelkoitus. Das Wort Isuka ist in diesem Falle eine Abkürzung von »Isuka-ni chigau«, kreuzweise übereinanderliegend wie der Schnabel des Kreuzschnabels.

Yokozashi

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44. Nach dem Vorbild des Kissenbuches. Aus einer Holzschnittfolge der Schule Utamaros.

Das Wort »Yokozashi« bedeutet »in einer Seitenlage (quer) hineinstecken«. Damit ist die Stellung beim Koitus gemeint, wenn das Paar im Bett auf der Seite liegt, so daß sie sich dabei von Angesicht zu Angesicht sehen. Dafür sagt man auch »Yoko-Tori« oder »Yoko-Dori«, die seitliche Lage, oder kurz »Yoko«, seitlich.

Cha-usu

Den Mörser, der zum Zerstoßen des Tees benutzt wird, nennt man Cha-usu (Cha = Tee, Usu = Mörser). Dieser Ausdruck ist zu einem Gassenwort für diejenige Koitusstellung geworden, bei der der Mann unten liegt und die Frau auf seinen Leib steigt. Sie scheint in Japan sehr beliebt zu sein, wie die Senryūs und Volkserzählungen beweisen, die sich mit ihr beschäftigen. Wir wollen im folgenden einige Beispiele dafür bringen:

»Kō itasha Cha-usu to
         Mekake uwe ni nari.«

»›Sieh mal, mein Lieber! Dies ist das, was wir Cha-usu nennen!‹ sagte die Beischläferin, als sie auf seinen Leib hinaufstieg.«

»Cha-usu de nakute
         Shirozake-usu no yo.«

»Das ist kein Mörser zum Zerstoßen des Tees, sondern es sieht wie ein Gefäß für süßen, weißen Reiswein aus!« Shirozake ist das weiße Sake, der japanische Reiswein, oder ein süßes, berauschendes Getränk, das hergestellt wird, indem man gemahlenen Reis mit mirin, dem süßen Reiswein, längere Zeit gären läßt; es gibt dann ein dem Branntwein ähnliches Getränk. Nun ist Shirozake ein Gassenwort für die Samenflüssigkeit des Mannes, und darauf beruht der Witz des Senryū. Es nimmt nämlich doppelsinnig Cha-usu, läßt ihm aber zunächst seine eigentliche Bedeutung und bringt damit den »Shirozake-usu«, wörtlich: den Shirozake-Mörser, in Verbindung, so daß die Meinung herauskommt: »Der männliche Samen ist da besser in diesem Mörser am Platze.«

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Die Koitusstellung Cha-usu.
Maler unbekannt.

»Nyōbō wo kudoku wo mireba
         Cha-usu nari.«

»Als ich die Szene belauschte, wie er sein Weib unaufhörlich mit Bitten bestürmte, da begriff ich schließlich, daß er von seiner Frau verlangte, sie solle auf ihn steigen!« Viele Frauen in Japan verabscheuen diese Koitusstellung und wir begreifen die Weigerung der Frau, weil es ein Sprichwort gibt, das besagt:

»Cha-usu wo toru to Sakago wo umu.«

»Die Frau, die das Cha-usu bevorzugt, wird eine schwere Entbindung haben (infolge Querlage des Kindes).« Deshalb fürchten sich die Frauen vor dem Schwangerwerden nach dieser Stellung. Eine abergläubische Vorstellung bringt aber auch vollständige Kinderlosigkeit mit dem Cha-usu in Verbindung:

»Saka-Renge wa Ko wo haramanu.«

»Die umgekehrte Lotosblume wird kein Kind zur Welt bringen.«

In einem chinesischen Buche »Hsiao Lin Kuang Chi« (Sammlung humoristischer Erzählungen) ist eine kurze Geschichte enthalten, die »P'o San«, Der zerbrochene Regenschirm, betitelt ist.

»Ein verheiratetes Paar ist mit der Vollziehung des Beischlafes beschäftigt. Der Gatte ist oben und sein Weib liegt unten auf ihrem Rücken. Als sie beide einen Orgasmus hinter sich hatten, fing der Mann an, seine Frau zu befragen: ›Oh, mein Liebling! Wie nennst du diese Stellung?‹ Und seine Frau antwortete: ›Da ist die Schlange, die über das Gebirge klettert und ihren Kopf in den See steckt!‹ Nach einiger Zeit wollten sie einander wieder umarmen; da stieg die Frau auf den Leib ihres Gatten und frug ihn nun: ›Mein Herz! Und was ist der Name hierfür? Bitte, sage es mir!‹ Da öffnete der Mann sofort seinen Mund und sprach: ›Das ist der zerbrochene Regenschirm, mein Liebling!‹ Das verstand die Frau nicht und sie frug ihn deshalb noch einmal: ›Jawohl, das ist wirklich ein Regenschirm, aber weshalb setzest du denn das Wort ›zerbrochen‹ vor den Regenschirm?‹ Und da gab ihr der Mann folgendes zur Antwort: ›Ei nun! Wenn der Regenschirm nicht zerbrochen ist, wie kann denn da das Wasser am Stiel herunterlaufen?‹« –

Statt Cha-usu kann man auch kurz »Usu«, der Mörser, sagen, das nebenbei den Geschlechtsteil der Frau bedeutet; oder als Abkürzung »Chau«, ein Wort, das sonst keinen Begriff darstellt.

Andere Bezeichnungen für das Cha-usu, die aber eigentlich nur über diese Stellung beim Koitus aussagen, sind »Gyaku-Dori« und »Gyaku-Doko«, die umgekehrte oder die entgegengesetzte Stellung. In dem erotischen Buch »Shunjō Gidan Mizuagechō« (Ein Buch mit Liebesgeschichten von der Entjungferung der Geishas) steht folgendes zu lesen:

»Ima wa Sekirei no oshie omo matazu Chausu wo mite wa Gyakū-doko wo hajime.«

»Wenn wir auf einen Teemörser (Chausu) sehen, haben wir das Vorbild für den Koitus, bei dem die Frau auf dem Mann liegt, auch ohne die Belehrung durch die Bachstelze (den Wippsterz).« Die Schlußbemerkung beruht darauf, daß nach dem Nihongi, dem Buch der alten Überlieferungen, die Bachstelze dem Gott Izanagi und der Göttin Izanami die Kunst des Liebens gelehrt hat. Vorher gab es also keine Ars amatoria in der Welt.

Unter Verwendung des Wortes »Gyaku«, umgedreht, entgegengesetzt, hat man für Chausu das beinahe dichterisch klingende Wort »Gyaku-En«, das umgekehrte Schicksal oder Geschick, gebildet.

Eigenartig ist jedenfalls die Benennung »Hara-Yagura«, der Bauchturm, die Stellung des Chausu, bei dem die Frau aufrecht auf dem Mann sitzt, also gewissermaßen auf seinem Bauch einen Turm bildet. Man sagt auch nur »Yagura«, der Turm, das auch die Nebenbedeutung von Burgverlies hat, so daß man sich vorstellen kann, der Penis säße in der Vulva, wie in einem Burgverlies. Diese Anspielung wird um so deutlicher, weil auch der Penis mit mehreren Ausdrücken bezeichnet wird, in denen das Wort »Hara« vorkommt. Weiteres darüber brachten wir im Abschnitt »Der Penis im Volksmund und im Schrifttum«.

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45. Die Widerspenstige. Aus einer Holzschnittfolge der Schule Utamaros.

Eine besonders scherzhafte Bezeichnung für das Chausu ist »Kasabuse«, das Bedecken mit dem Bambushut. Kasa ist der große breitrandige Bambushut, mit dem man auch die Spatzen fängt. Der Sinn des Ausdrucks ist also der: Beim Chausu ist »der Spatz« vom »Hut« eingefangen. In dem Buch »Keisei Kyaku Mondō« (Ein Zwiegespräch zwischen einem Freudenmädchen und ihrem Gast), verfaßt von Tōri Sanjin und veröffentlicht im zweiten Bunsei-Jahr (1819 u. Z.) steht folgendes Lied:

»Hitotsu hiyodori, futatsu fukurō, mittsu mimizuku, yottsu Yotaka, yotaka to iu tori wa hisae kurereba atchi no sumi ja gosogoso, kotchi no sumi ja gosogoso, koitsu sai te kuryo to sao sashi nobeta ga, sao wa mijikashi Kasabuse de sashite kuryo, tentere tsuru ten tsuru ten.«

»Die erste ist eine braunohrige Nachtigall; die zweite eine Eule; die dritte ist eine Ohreule (ein Uhu) und die vierte ist ein Nachtfalke. Dieser Nachtfalkenvogel macht andauernd hier und dort Lärm, sobald die Sonne untergegangen ist. Fange ihn doch mit einem Kasabuse, denn die Stange, die hinausgestoßen wurde, war zu kurz, ach! viel zu kurz!« Der Sinn des Liedes ist zunächst der, daß die Nachtigall, die Eule und der Uhu unschuldige Vögel sind im Vergleich zum Nachtfalken, dem Yotaka. Denn als Yotaka bezeichnet man die niederste Art der Freudenmädchen, die Straßendirnen, von denen in einem besonderen Abschnitt noch die Rede sein wird.

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46. Die Zähmung der Widerspenstigen. Aus einer Holzschnittfolge der Schule Utamaros.

Das für Stange im Lied gebrauchte Wort Sao, von dem wir oben schon gesprochen haben, ist ein Gassenwort für den Penis. Demnach ist also der Penis zu kurz, um das Yotaka zu erreichen, und man fängt das Freudenmädchen besser mit einem Kasabuse, mit andern Worten: Für einen kurzen Penis ist die Koitusstellung Chausu besser als die gewöhnliche Lage. Daß gerade ein Nachtfalke im Volkslied herangezogen wird, um den Witz des Liedes anzubringen, erscheint sonderbar. Man will aber offenbar lediglich zum Ausdruck bringen, daß das »Spatzenfangen« nur bei einem auf der Straße herumstreichenden Freudenmädchen möglich ist. –

Eine besondere Art des Chausu wird von Satow folgendermaßen beschrieben: »Der Ehemann legt sich lang ausgestreckt auf das Bett oder auf einen Teppich; die Frau setzt sich in hockender Stellung auf seine Schenkel und schließt ihre Beine fest zusammen, nachdem sie die Einführung des Penis in die Scheide bewerkstelligt hat. Dann bewegt sie ihren Leib kreisförmig, sozusagen quirlend (wie beim Buttern), läßt ihren Mann genießen und befriedigt sich dabei vollkommen.« Das nennt man japanisch »No-no-ji-wo-kaku«, das Schriftzeichen »No« schreiben, oder »Shiri-de-no-no-ji-wo-kaku«, das Schriftzeichen »No« mit den Hüften (Hinterbacken) schreiben. Der Sinn dieser Ausdrücke beruht darauf, daß das japanische Schriftzeichen »No« wie ein Kreis aussieht, etwa wie unser o.

Ein Senryū sagt über diese Art des Chausu:

»Sā fude ga ataru to No-no-ji
         yatara kaki.«

»Wenn der Penis (die Gebärmutter) trifft, dann bewegt sie den Hintern kreisförmig, ohne daß sie es weiß.« Komischer klingt es natürlich im Japanischen, wenn man sagt: »Wenn der Penis trifft, schreibt sie ganz von selbst das Schriftzeichen ›No‹!« Hier wird den Stößen gegen die Gebärmutter, die bei der Stellung und entsprechend langem Penis gar nicht ausgeschlossen sind, ein eigentümlicher Einfluß auf die Bewegung des Hinterns der Frau zugeschrieben.

 

Das Gassenwort »Fude« für den Penis ist nicht ohne Absicht gewählt. Fude ist ein Haarpinsel, der, wie bekannt, in Japan als Schreibgerät dient. Daher sagt man »Fude oroshi«, schreiben; ein Gassenausdruck für einen Mann, der zum erstenmal mit einer Frau den Beischlaf ausübt, »er lernt mit dem Pinsel umgehen«. Ferner: »Fude mame«, einer, der gut oder schnell schreibt, ein sehr wollüstig veranlagter Mann.

Nun können wir das Senryū ganz kurz übersetzen: »Wenn er pinselt, schreibt sie ›No!‹!« Damit würde der Scherz wohl am besten wiedergegeben sein. –

Ushiro-dori

Die Weise von hinten oder, wie wir im Deutschen sagen, Coitus a posteriori, heißt japanisch »Ushiro-dori«, das wörtlich die gleiche Bedeutung hat. dori = tōri, Art, Weise.. In dem erotischen Buch »Kōso Myōron« (Ein merkwürdiger Wortstreit auf dem Kaiserthron, nämlich zwischen dem Kaiser Huang und der gnädigen Frau Su) wird diese Koitusstellung als »Ko-ho-zei«, die Stellung des einherschreitenden Tigers(?) bezeichnet. Nach »Naemara Initsu Den« (Lebensbeschreibung eines unvermögenden Mannes Nae-mara, unvermögendes Glied, von Naeru, unfähig zum Beischlaf, impotent. von Furai Sanjin (Hiraga Gennai) nennt man das Ushiro-dori auch Go-san-nen. Und das erotische Buch »Shunjō Gidan Mizuage Chō (Das Buch mit Liebesgeschichten über die Entjungferung von Geishas) sagt darüber:

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Hiyodorigoe.

»Ima wa Sekirei no oshie omo matazu shite chausu wo mite wa Gyaku-doko wo hajime, Sashi-saba ni naraite Ushiro-dori wo taku mi ...«

»Und nun übt er die umgekehrte Stellung aus, indem er auf einen Teemörser sieht, und versucht ohne Belehrung durch die Bachstelze einen Koitus a posteriori (Gyaku-doko, s. oben) auszuführen, als Nachahmung eines Sashi-saba ...« Sashi-saba, wörtlich Stabmakrelen, ist ein Paar gesalzener Makrelen, die an einen Bambusstab gebunden sind und so verkauft werden. Saba, die Makrele, ist an sich ein Wort für das Ushiro-dori, wie Sashi-saba auch. Wegen der Bachstelze als Lehrerin der Liebe siehe unter Chausu den Anfang der Anführung aus dem Shunjō Gidan Mizuage Chō.

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47. Die einträchtige Umarmung. Farbenholzschnitt von Toyohiro (1773-1828).

Das oben erwähnte »Go-san-nen« bedeutet wörtlich: die letzten drei Jahre. Über die Deutung dieses sonderbaren Ausdrucks ist in der literarischen Quelle, dem Naemara Initsu Den, keine Angabe enthalten und auch meine Unterlagen enthalten nichts darüber. Die Stelle lautet:

»Ushiro-dori wo Go-sannen to ii.«

»Den Coitus a posteriori nennt man ›Go-sannen‹.« –

 

Eine ganz merkwürdige Benennung für das Ushiro-dori ist »Hiyodori-goe-no-Sakaotoshi«, den Abhang von Hiyodori-goe hinunter reiten. Wie dieser Ausdruck für den Coitus a posteriori entstanden ist, wird so erklärt: Hiyodori-goe ist ein steiler Gebirgsweg zwischen Fukuhara, Hyōgo-ken, Settsu, und Mino-gun, Harima. Von diesem Passe herunter war Minamoto Yoshitsune, der Held des Genji Monogatari (Die Erzählung von dem Prinzen Genji), mit seinem Pferde gestürmt und hatte das feindliche Heer der Taira (d. h. Heike), das im Tale von Ichi-no-tani seine Zelte aufgeschlagen hatte, in die Flucht geschlagen. Von dem Tal Ichi-no-tani wird im Abschnitt über das Skatologische die Rede sein. Dieses Tal war ein altes Schlachtfeld und deswegen ist sein Name zu einer Bezeichnung für die weiblichen Geschlechtsteile geworden. Taira oder Heike war eine mächtige Familie der Provinz Sanyō, die in alten Zeiten mit ihrem gesamten Anhange wohl ein kleines Heer aufbringen konnte. Interessant ist, daß »Heike« in der Mundart der Provinz Sanyō heute noch die monatliche Reinigung der Frauen bedeutet, weil die Kriegsflagge dieser Familie rot war. Übrigens hat sich auch die Sonnenflagge Japans, »Hino-Maru«, die rote Sonnenscheibe mit ihren roten Strahlen, also die Staatsflagge, aus demselben Grunde der Verwendung als Gassenwort für die monatliche Reinigung nicht entziehen können, wie wir oben gesehen haben.

Unser Bild stammt aus einem erotischen Buch der Yedo-Periode. Der rechteckige Gegenstand neben dem Kopf der Frau ist ein hölzernes Kopfkissen, auf das beim Schlafen der Nacken gelegt wurde, um die kunstvolle Haartracht nicht in Unordnung zu bringen. Der Maler ist unbekannt.

Über diese Koitusstellung sagt ein Senryū:

»Saeji shite iru ni
         Hiyodori-goe wo suru.«

»Während sie auf dem Boden liegt, versucht ihr Mann von hinten an sie heranzukommen, obwohl sie ihr Kind säugt.« Im allgemeinen war es Sitte, in dieser Zeit den Koitus nicht mit der Frau auszuüben. –

Der Ausdruck »Usagi-no-senobori«, das Kaninchen, das auf den Rücken klettert, für das Ushiro-dori, ist ohne weiteres verständlich. –

Für den Coitus a posteriori sagt man auch etwas unbestimmt »Gyoku-dori«, eine Stellung, die anders ist, als die gewöhnliche.

Ebi.

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Eine etwas verwickelte Stellung des Ushiro-dori ist das »Ebi«, der Hummer. Der Mann liegt halb aufgerichtet auf dem Rücken, während die Frau, die ihm ihren Rücken zudreht, mit tief herabgebeugtem Oberkörper auf dem Penis des Mannes liegt, wobei sie mit ihren Beinen die Beine des Mannes umklammert. Das Bild stellt dieses Akrobatenkunststück dar; es stammt aus einem Tobae, einer Karikatur, und ist hier in der Hälfte der ursprünglichen Größe wiedergegeben. –

Der Koitus im Sitzen, d. h. bei dem der Mann sitzt und die Frau auf seinem Schoße hält, nennt man japanisch »Ijausu«, »I-Chausu«, oder »Idori«, d. h. der sitzende Teemörser oder die sitzende Art. In dem erotischen Buche »Tsūzoku Kan So Gundan« (Eine volkstümliche Geschichte des Huan-Ch'u-Krieges) steht folgendes zu lesen:

»Henoko wo iretaru sono-mama nite oki-mi ni matte kakae age Ijausu ni kumi naosare.«

»Ohne seinen Penis herauszuziehen, wachte er auf und hielt sie in der sitzenden Stellung fest.« –

Wenn Mann und Frau auf dem Rücken liegen, wobei der Mann sich unten befindet, und so den Coitus a posteriori ausüben, so nennt man das im Japanischen das »Matsuba«, was soviel bedeutet, wie die Nadeln der Kiefer, weil diese, wenn sie abgefallen sind, auf dem Boden kreuz und quer übereinanderliegen, was an die beim Matsuba übereinandergeschlagenen Beine des Paares erinnern soll. Im Volksmund nennt man merkwürdigerweise diese Lage: die Stellung des Ehebrechers und der Ehebrecherin. Man sagt dafür auch »Matsuba-Tsunagi«, die übereinanderliegenden Kiefernnadeln, oder »Ochi-Matsuba«, die abgefallenen Kiefernnadeln. –

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48. Analkoitus. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787 – 1863)

Bekanntlich springt der Frosch bei der Begattung auf das Weibchen und umklammert es mit den Beinen. Dieses Ushiro-dori nennt man im Japanischen »Kawazugake«, die Art des Frosches. Dieselbe Bedeutung hat auch »Yanagi-ni-Kaeru«, der Weidenbaum und der Frosch, weil der Frosch, wenn er auf der Jagd nach Insekten ist, auf den Zweigen dicht mit dem Leibe am Holze gewissermaßen angeheftet ist. Gleichbedeutend damit ist »Tobitsuki-Bobo«, d. h. der Koitus, bei dem man über eine herfällt, oder kurz: der Überfallkoitus, weil der Frosch auf das Weibchen aufspringt. Bei dieser Gelegenheit sei auf einen Sprachscherz hingewiesen, der darin besteht, daß man eine Ehefrau, die älter ist, als ihr Mann, in Japan »Kawazu Nyōbō«, ein Froschweib, nennt. Dieses Gassenwort ist durch ein Wortspiel entstanden, daß man »me«, die Frau, und »me«, das Auge, in Beziehung bringt, indem man sich dabei vorstellt, daß die dicken Augen des Frosches hoch am Kopf sitzen, also gewissermaßen höher als der Frosch sind, während die Frau im Lebensalter »höher« ist. Dieser Scherz ist allerdings etwas weit hergeholt. –

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Taue-Bobo.

Wird das Ushiro-dori auf der Erde hockend ausgeführt, wobei sich der Mann hinter der Frau befindet, so heißt diese Stellung »Taue-Bobo«, der Koitus in der Stellung, wie man ein Reisfeld bepflanzt, weil man beim Arbeiten in den Reisfeldern in dieser hockenden Stellung die jungen Pflanzen einsetzt. Das nachstehende Bild gibt ein Taue-Bobo in der Küche wieder. Um die humoristische Wirkung der Szene zu steigern, hat der Künstler die Frau dargestellt, wie sie während des Aktes ihren kleinen Jungen »abhält«, wobei wir im Deutschen dieses Abhalten doppelsinnig auslegen können, indem die Frau gleichzeitig den Jungen vom Zuschauen bei ihrer Beschäftigung »abhält«. Daß das Paar außerdem aufpaßt, daß es von anderer Seite nicht überrascht wird, sieht man an dem Ausdruck der seitwärts gewendeten Gesichter. Im Hintergrunde sehen wir die Feuerstelle mit dem an einem breiten Rande aufgesetzten eisernen Topf, dem Okama, dessen sinnbildliche Bedeutung wir im Abschnitt Nanshoku kennen gelernt haben. Es ist daher möglich, weil Okama den Anus bedeutet, daß der Künstler einen Analkoitus andeuten wollte.

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49. Der Höhepunkt. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787-1865).

Eine lustige Geschichte verwertet das Taue-Bobo in folgender Weise: »Ein Mann, der einen Sack mit Reis auf der Schulter trug, kam an einem Reisfeld vorüber; auf diesem Reisfeld arbeitete dicht an seinem Wege mit ihrem Gatten eine Frau, mit der dieser Mann Ehebruch beging. Der Mann warf einen Blick auf das Ehepaar und sagte dann zu dem Mann jener Frau: ›Was für sonderbare Sachen machst du denn da auf dem Reisfeld am hellichten Tage?‹ Der Ehemann erwiderte: ›Ich bearbeite mein Feld; das ist alles, was ich mache!‹ ›Aber höre einmal! Du machst es doch, sogar während du mit mir redest!‹ ›Das ist doch sehr merkwürdig!‹ ›Nun, dann will ich einmal die Hacke an deiner Stelle in die Hand nehmen, während du meinen Reissack auf die Schulter nimmst und von meinem Platze aus zusiehst, wie die Sache vor sich geht!‹ Während er dies sagte, ging der Mann auf das Reisfeld, ließ den Ehemann, dem er seinen Reissack auf die Schulter legte, an seinen Platz gehen und führte mit der Frau den Koitus aus. ›Wahrhaftig, du hast recht!‹ rief der Ehemann mit dem Reissack auf der Schulter, ›oh, was sehe ich da für eine merkwürdige Sache!‹«

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50. Eine stürmische Szene. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787-1865).

Eine ähnliche Geschichte aus der Yedo-Periode, die allerdings eigentlich mit dem Taue-Bobo nichts zu tun hat, wollen wir deshalb hier bringen, weil sie denselben Gedanken des geprellten Ehemanns zum Ausdruck bringt. Den Geschlechtsverkehr eines Ehebrechers mit der Frau eines andern nennt man »Nusumi-Bobo«, Diebstahl des Cunnus. Das lustige Geschichtchen lautet so:

»Eine Frau, deren Mann ein ziemlicher Dummkopf war, beging Ehebruch mit einem jungen Mann aus der Nachbarschaft. Eines Tages sagte ihr Geliebter zu ihr: ›Wir wollen uns einmal in Gegenwart deines Mannes einen Koitus leisten! Du brauchst gar keine Angst zu haben, denn ich kenne eine List!‹ und dann flüsterte er ihr noch mehr ins Ohr. Als die Frau am nächsten Tag im Gespräch mit ihrem beschränkten Mann auf der Veranda ihres Hauses stand, kletterte der junge Mann auf einen Baum, der dicht am Gartenzaun stand, und rief: ›Was ist das für eine spaßhafte Geschichte, wenn ich ein Pärchen, wie euch, in dieser Stellung sehe! Ich beobachte euch, wie ihr diese Sache macht! Bei meiner Seele, das ist ja ein ganz merkwürdiges Ding!‹ Als der Dummkopf von Ehemann ihn so reden hörte, sagte er zu sich selbst: ›Wenn das so ist, dann will ich doch einmal hingehen und nachsehen, ob das wahr ist oder nicht!‹ und er rief: ›Dann bleib du jetzt neben meiner Frau stehen!‹ Der junge Mann war sehr erfreut darüber, ging zu der Frau, umarmte sie und begann sofort mit dem Koitus. Als der Dummkopf von Ehemann dies von dem Baum aus ansah, schrie er: ›Oh! Das ist wahrhaftig wahr! Was ist das für eine merkwürdige Sache!‹«

Diese Geschichte ist auch in den westlichen Ländern so bekannt, daß wir keine Nachweise beizubringen nötig haben. –

Eine besondere Art des Ushiro-dori ist das »Hiro-Bobo«, der Coitus a posteriori mit einer Frau, die ein »Hiro-tsubi«, eine geräumige Vulva hat, das heißt, einen sehr weiten Scheidenkanal. In dem erotischen Buch »Inyō Tegoto-no-Maki« (Handbuch für das männliche und das weibliche Geschlecht) lesen wir darüber folgendes:

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Hiro-tsubi.

»Die weite Vulva kommt bei älteren Frauen vor, die mehrere Geburten durchgemacht haben, und hat einen sehr schlechten Geruch an sich.«

Originell ist jedenfalls die Art, wie auf dem Bild der Geschlechtsverkehr mit einer Hiro-tsubi-Frau dargestellt ist. Die Unterschenkel der Frau sind in der Stellung des Ushiro-dori mit einem Tuche fest zusammengebunden. Die Unterschrift lautet: »Wie man eine Frau mit einem Hiro-tsubi behandelt. Koitusstellung bei einer Frau mit einer weiten Vulva.« Das Bild stammt aus dem erotischen Buch »Shunjo Anasagashi«, das gegen Ende der Yedo-Periode erschien. Der Titel bedeutet etwa: »Wie man in der Wollust Fehler sucht und findet.« Der Künstler hat offenbar in diesem Falle keine ältere Frau darstellen wollen.

Die anderen Shijū-Hattes

Neben den »üblichen« Shiju-Hatte sind in unseren Unterlagen noch mehrere erwähnt, die wir im folgenden kurz behandeln wollen, weil sie in ihrer literarischen oder volkstümlichen Verwertung in Schrift und Wort treffende Schlaglichter auf japanisches Denken und Fühlen im Geschlechtsleben werfen.

»Tachi-Bobo« ist wörtlich übersetzt: Der Standkoitus, wofür wir: der Koitus im Stehen, oder kurz: Im Stehen, sagen. Dieses Gassenwort wird in einem Volksliedchen in launiger Weise verwertet:

»Tatte Bobo surya
         Ki ga yuki korobu,
Korobya Henoko no
         Kubi nejiru.«

»Wenn ich im Stehen vögele, könnte ich während des Orgasmus hinfallen und dabei würde ich meinem lieben Penis den Hals herumdrehen!« Tatte Bobo ist soviel wie Tachi-Bobo; Ki und Henoko sind oben erklärt. Das Senryū soll eine Warnung vor dem Tachi-Bobo sein.

Nimmt der Mann beim Tachi-Bobo die Frau so hoch, daß sie die Beine um seine Hüften schlagen kann, so daß also der Mann allein steht, so nennt man das »Mikoshi-Bobo«, den Sänftekoitus. Mikoshi ist eine kastenartige Sänfte, in der sich Frauen tragen lassen; dieses Wort kann aber auch ein Tempelchen bedeuten, das bei feierlichen Gelegenheiten durch die Straßen getragen wird. Im ersteren Fall wäre der Mann der Träger der Sänfte, im andern Fall der Träger des Tempelchens. Das nachstehende Bild ist ein Tobae, eine Karikatur eines unbekannten Malers und etwa in halber Größe des Originals wiedergegeben. Auffallend, weil sehr selten, sind die aufgelösten Haare der Frau.

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51. Coitus a posteriori. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787-1865).

Wenn eine Frau mit mehreren Männern abwechselnd den Koitus ausführt, so nennt man das »Enza-Bobo«, der Koitus im Kreis herum, oder wörtlich: der Kreislaufkoitus.

Ein Shijū-Hatte, über das die Unterlagen keine Auskünfte geben, heißt: »Uguisu-no-Tani-Watari«, Das Überkreuzen des Tales durch ein Uguisu. Das ist der japanische Buschsänger, Cettia cantans, eine Nachtigallenart, nach Brehms Tierleben: Lusciniola. Darüber wird folgende lustige Geschichte erzählt:

»Es war einmal ein eifersüchtiger Ehemann, der hatte seiner Frau auf die rechte Seite der großen Schamlippen eine Nachtigall gemalt, um zu verhindern, daß die Gattin während seiner Abwesenheit Ehebruch treibe. Dann ging er weg zu seinem Dienst. Als er nach seiner Rückkehr die Sache untersuchte, fand er die Nachtigall auf der linken Seite! Er nahm seine Frau ins Verhör und hielt ihr vor, daß sie ganz gewiß in seiner Abwesenheit mit ihrem Geliebten Geschlechtsverkehr gehabt habe. Aber die Frau wehrte seinen Angriff sehr gewandt ab, indem sie sagte: ›Weißt du denn nicht, daß die Nachtigall die Gewohnheit hat, über jedes Tal zu fliegen? Das ist doch wirklich kein Wunder, wenn du sie jetzt auf der linken Seite findest!‹«

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52. Analkoitus mit gleichzeitiger Selbstbefriedigung der Frau. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787-1865).

Wir haben im Abschnitt »Harikata« zwei andere Fassungen mitgeteilt, die in der gewöhnlichen Weise erzählen, daß das Bild einer Kuh oder eines Pferdes auf den Leib der Frau oder der Geliebten als Tugendwächter gemalt wurde.

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Mikoshi-Bobo.

Shakuhachi

Zu den Shijū-hatte zählt auch Fellatio, Cunnilinctus und die Verbindung beider, in der von den Franzosen Neunundsechzig (69) genannten Stellung.

Shakuhachi ist eine gerade Bambusflöte, die an dem einen Ende geblasen wird; sie heißt deshalb Shakuhachi, weil das Stück Bambusrohr, aus dem sie hergestellt wird, die vorschriftsmäßige Länge von einem Shaku und acht (hachi) Sun (etwa 55 cm) haben muß. Wenn diese Flöte geblasen werden soll, wird die Spitze, die mit der Zunge angefeuchtet wird, in den Mund genommen und beim Hineinblasen der Unterkiefer hin und her geschoben, um die verschiedenen Töne herauszubringen. Nach den Bewegungen der Gesichtsmuskeln, die bei dem Blasen des Shakuhachi entstehen, hat man die Fellatio nach dem Namen dieser Flöte genannt, weil tatsächlich der Eindruck entsteht, als ob der Bläser an der Flöte »lutscht«. Der volkstümliche Ausdruck dafür lautet dementsprechend »Shakuhachi wo sū«, an der Flöte saugen. Einen Penis, der bei der Erektion sich nach oben richtet, wie die Bambusflöte, nennt man Shakuhachizori.

In dem Abschnitt Ananashi (die Gynatresie) haben wir bereits ein Bild gebracht, das die Fellatio zeigt, allerdings nur in der Nebensache, da es dem Künstler zunächst auf die humoristische Darstellung der Art ankam, wie die Frau von ihrem Scheidenverschluß geheilt werden soll. Das nebenstehende Bild, das dem erotischen Buch »Insho Kaikō Ki«, Bd. 5, entnommen ist, zeigt uns neben der Fellatio noch eine Besonderheit: die gleichzeitige Befriedigung der Frau mit der großen Zehe, die wir im Abschnitt »Das Vorspiel« kennen lernten. Es ist das Ashi-de-kai-fumu, die Muschel mit dem Fuß bearbeiten. Auffallend ist an dem Bild auch die anscheinende Gleichgültigkeit des Mannes, der mit übereinandergeschlagenen Beinen dasitzt und in den Tabakbeutel greift, um sich eine Pfeife zu stopfen. Es handelt sich hier um eine im Osten weit verbreitete Sitte, den Orgasmus durch Ablenkung möglichst lange hinauszuschieben. Der Künstler hat allerdings in der bekannten feinen Weise an dem Mienenspiel des Mannes zum Ausdruck gebracht, daß er den Bemühungen seiner Partnerin gegenüber durchaus nicht gleichgültig bleibt.

Shita-Ningyō. Der Cunnilinctus

Wir haben im Abschnitt über die Selbstbefriedigung davon gesprochen, daß man das Befingern des Cunnus mit Ningyō, die Puppe, bezeichnet und daß dieses Ningyō eine Abkürzung von Yubi-ningyō, die Fingerpuppe, d. h. die Marionette, die Gliederpuppe, ist. Nach diesem Muster ist Shita-ningyō gebildet, das wörtlich die Zungenmarionette bedeutet, daß also die Zungenspitze mit dem Cunnus spielt, wie ein Finger mit der Gliederpuppe, die an einem Draht oder Bindfaden hängt. Shita-ningyō ist wohl das verbreitetste Gassenwort für den Cunnilinctus. Ein Senryū sagt:

siehe Bildunterschrift

Shakuhachi.

»Gokuzui no Asagi
         Shita-ningyō ga suki.«

»Ein Landedelmann ist für den Cunnilinctus sehr eingenommen.« Ein Asagi ist ein ländlicher Lehnsmann, ein Mitglied der Kriegerkaste, das zwei Schwerter zu tragen berechtigt war. In dem Abschnitt Tsuki-no-mono ist mehr gesagt und das Bild eines Asagi von Utamaro, auf dem man sieht, daß der Maler den Ruf der Asagis, nicht sehr klug zu sein, im Gesicht zum Ausdruck gebracht hat.

Über eine Deutung von zwei weiteren Bezeichnungen für den Cunnilinctus »Kiku-Itadaki«, die Krone des Chrysanthemum, und »Chindai-Shappon«, die Garnison-Mütze, geben die Unterlagen keine Auskunft.

Die nackte Landschnecke, Limax rufus, ist wohl durch ihre Ähnlichkeit mit der menschlichen Zunge zu einem volkstümlichen Wort für den Cunnilinctus geworden. Sie heißt japanisch »Namekujiri« oder »Namekuji«. Trennt man Name-kujiri, so steckt darin obendrein ein Wortspiel, da name = belecken und kujiri = befingern ist. Dies bringt das untenstehende Bild sinnbildlich zum Ausdruck, indem es einen Arm, dessen Hand die oben bereits erwähnte Haltung der Finger zeigt, wie sie zur Digitatio benutzt wird, mit einer Zunge in Verbindung bringt. Das Bild stammt aus dem Buch »Ehon Sansai Zue«. Auch ein Volksliedchen aus der Yedo-Periode, oder genauer aus der Bunkwa-Keiwō-Zeit (1804–1867 u. Z.) verwendet den zufälligen Sinn, der sich aus der Trennung von Namekujiri ergibt:

siehe Bildunterschrift

Namekujiri.

»Ari ga Tai nara
         Imomushi ya Kujira,
Namete kujireba
         Namekujiri.«

»Wenn man die Ameise mit dem Einsiedlerkrebs vergleicht, kann auch die grüne Raupe ein Walfisch sein; und wenn du beleckst und bestreichst (nämlich den Cunnus mit der Zunge), dann kann man das auch als die Nacktschnecke bezeichnen!« Allzuviel Folgerichtigkeit darf man von einem Volksliedchen nicht verlangen, im Japanischen liegt der Scherz im Gleichklang der Wörter; deshalb ist auch der Walfisch, »Kujira« eingeschoben.

Vor einigen Jahren hatte die Hauptpolizeiverwaltung von Tōkyō Erhebungen über die Tatuierungen der Frauen angestellt und entdeckte eine ganz außergewöhnliche unter den gewerbsmäßigen Betrügerinnen eines gewissen Bezirks der Altstadt. Eine Frau hatte sich auf die kleinen Schamlippen (sic!) eine Nacktschnecke tatuieren lassen, deren Gestalt und Rücken durch die geschickte Hand des Künstlers so ähnlich ausgefallen waren, daß man diese Körperteile für eine wirkliche Nacktschnecke halten konnte. –

 

Nachstehende Volkserzählung aus Kogaimura, Hagagun, in der Provinz Shimotsuke, will eine Erklärung für das Entstehen des »Enashime« geben. Enashime ist eine mundartliche Bezeichnung für Namekuji.

»Es war einmal ein Mann, der hatte einen ganz gewaltigen Penis. Das war der Grund, weshalb er keine passende Frau finden konnte. So ging er denn auf die Reise, um eine Frau mit einer entsprechend großen Vulva zu suchen. Andererseits war da nun wieder eine Frau, die eine sehr geräumige Vulva hatte; wegen dieses Zustandes ihrer Geschlechtsteile hatte sie keinen Ehemann bekommen können. Deshalb ging sie auf Reisen, um einen Mann mit einem recht großen Penis zu suchen. Diese beiden trafen sich nun in einem Gasthaus, in dem sie wohnten, und hatten zusammen Geschlechtsverkehr. Dabei waren ihre Gefühle so lieblich, wie sie sie seit ihrer Geburt noch niemals gehabt hatten. Bei der andauernden Befriedigung vergossen beide so große Menge an Samenflüssigkeit, daß sie schließlich beide in eine fettig-wässerige Masse zergingen, weil sie zuviele Orgasmen hatten. Aus der Stelle, wo sie ihren letzten Atem aushauchten, ging das Enashime hervor. Dieses ist der Ursprung der Nacktschnecke.« –

siehe Bildunterschrift

Akagai wo sū.

Im Abschnitt »Das Vorspiel« haben wir davon gesprochen, daß die Arca inflata, die Archenmuschel, Akagai, in ihrer äußeren Gestalt dem Cunnus so ähnlich sieht, daß Akagai zu einem volkstümlichen Wort dafür geworden ist. Deshalb sagt man auch »Akagai wo sū«, an der Archenmuschel oder einfacher: an der Muschel saugen, als Ausdruck der Gassensprache für die Ausübung des Cunnilinctus. In dem erotischen Buch »Shunjō Iro no Sugatami« (Der große Spiegel der wollüstigen Liebe), verfaßt und mit Bildern versehen von Hōsai Ren Ren Sanjin, herausgegeben von Kō-En-Dō während der Tempō-Anyei-Periode (1830–1860 u. Z.), befindet sich das Bild eines buddhistischen Priesters, der bei seinem Weibe das Shita-Ningyō ausführt. Im folgenden geben wir die Unterhaltung wieder, die sich zwischen den beiden abspielt:

»Der Priester: ›Heute erhielt ich von Harimaya, einem Gönner, 500 Goldstücke. Ich habe deshalb gleich meinen Diener zu Kutsuwa-ya geschickt, damit er für dich dort einen Gürtel kauft. Ich nehme an, daß er bald zurück sein und das Päckchen hierher bringen wird. Laß mich deshalb, mein Liebling, an der mir so teueren Muschel saugen!‹

Das Weib: ›Höre einmal, Ehrwürdiger! Das kann ich nicht zulassen! Das ist eine arge Sünde, mein Teuerster!‹

Der Priester: ›Aber ich werde trotzdem an ihr saugen, ob du damit einverstanden bist, oder nicht! Da sieh einmal selbst! Oh, wie gut du schmeckst! Das werde ich niemals vergessen! Chū-chū-chū-chū-chū!‹

Und er sog geräuschvoll an der Muschel.«

Beachtenswert an dem Bild ist, daß der Künstler nicht vergessen hat, das Toilettenpapier, das in Japan bei allen geschlechtlichen Handlungen bereit sein muß, in die Szene einzuzeichnen; es liegt davon sowohl neben dem Mann, als auch neben der Frau. –

Eine sehr witzige Bezeichnung für das Shita-Ningyō, die aber nicht ohne weiteres verständlich ist, findet sich in dem Wort »Tokobashira«. Das Tokobashira ist eine, oft künstlerisch bearbeitete Säule, die den oberen Balken einer Ziernische (toko-no-ma) zu tragen hat; gewöhnlich hängt an ihr ein Hanaike (eine Blumenvase). Das witzige Rätselwort, das die Veranlassung ist, daß Tokobashira zu einer volkstümlichen Bezeichnung des Cunnilinctus wurde, lautet: »Hanaike ga kakaru«, da hängt eine Blumenvase. Daraus kann man nun einen anderen Satz durch Trennung der Silben machen:

»Hana e ke ga kakaru«, das Schamhaar der Frau berührt die Nase! Es wird sich wohl um einen schnell zu sprechenden Satz handeln, der dadurch eine zweifelhafte Bedeutung bekommt, wie sie ja auch bei uns bekannt sind und besonders in den vokalreichen romanischen Sprachen häufig ausgeklügelt werden.

siehe Bildunterschrift

53.Coitus inversus. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787-1865).

Zweideutigen Sinn hat aber auch das Wort toko, d. h. Bett, das in vielen Zusammensetzungen nur noch die Bedeutung des Geschlechtsverkehrs hat. Von Tokoiri haben wir schon gesprochen; es ist soviel wie »Mann und Frau zusammen zu Bett gehend, zusammen schlafend«, wird aber auch für den Vollzug der Ehe, für den ersten Koitus des jungen Paares verwendet. »Toko-Kasegi«, Bettarbeit, bedeutet: im Bett fleißig sein, den Koitus mehrere Male hintereinander ausüben, wie es z. B. die Freudenmädchen tun. »Tokoshi«, das unserem »Bettschwester« entspricht, ist eine Frau, die den Koitus geschickt ausführt, eine geile oder wollüstige Frau, kann in diesem Fall aber auch für einen Mann gebraucht werden. »Toko-Sumo«, der Ringkampf im Bett, ein Scherzwort für den Koitus, haben wir oben erwähnt. »Toko-Yoshi«, eine Frau, die einen Gast im Bett unterhält, das heißt: im Koitus Übung hat. –

Daß man dem Cunnilinctus eine besondere Verbreitung unter den buddhistischen Priestern zuschreibt, beweist nicht nur das oben mitgeteilte Geschichtchen, sondern geht aus dem folgenden Senryū noch viel deutlicher hervor:

»Ii Oshō Sanegashira kara
         Kubi wo dashi.«

»Ein weiser Priester entblößt das Haupt vor der Klitoris.« Oshō ist der buddhistische Priester. »Sanegashira« ist wörtlich: die Spitze der kleinen Schamlippen; im übertragenen Sinn ein volkstümlicher Ausdruck für den Kitzler. Das Senryū deutet scherzhaft an, daß der Priester seine Kopfbedeckung abnehmen muß, ehe er den Cunnilinctus ausführen kann. Weil das ganz selbstverständlich ist, wird es in grotesker Weise als »weise« bezeichnet.

Als weiteres Zeugnis für den Ruf der buddhistischen Priester führen wir im folgenden ein Volkslied an, von dem wir im Abschnitt »Schaustellungen« bereits gesprochen haben, das wir aber hier um zwei Zeilen ergänzen:

»Shimpo Kōdaiji wa nande ki ga soreta
         Oichi Kemanjū de ki ga soreta,
Oichi no memetcho nametara shioppai.«

»Was war eigentlich die Veranlassung, die dem Priester von Kōdaiji den Kopf verdreht hat? Es war das haarige Brötchen der Oichi, das ihm den Kopf verdreht hat! Aber Oichis Vulva schmeckte sehr salzig, als er mit dem Munde daran sog!« Wie oben erwähnt, soll nach der Volksüberlieferung ein Priester, namens Mansui, von Kōdaiji, einem buddhistischen Tempel zu Kassai, mit einer jungen Frau, namens Oichi, durchgebrannt sein. Das Volkslied macht sich nun über den Priester lustig, indem es ihm gewissermaßen als einen Reinfall anrechnet, daß die Vulva der Frau Oichi sehr salzig geschmeckt habe. Auffallend ist dabei, mit welcher Selbstverständlichkeit das Volk annimmt, daß der Priester bei der Frau den Cunnilinctus ausgeführt habe; es handelt sich also darum, daß die Volksmeinung über diese geschlechtliche Betätigung der buddhistischen Priester feststand. Das für eine Vulva gebrauchte Wort »Memetcho« ist verderbt aus »Meme«, das der Kindersprache angehört und die in der Kindersprache sehr häufige Silbenverdoppelung aufweist. Man sagt auch »Memekko«, wobei kko, ebenso wie tcho, keine Bedeutung hat, sondern lediglich als Anhängsel zu betrachten ist, das dem Wort einen volleren Klang geben soll. Ein Senryū lautet:

»Memekko e hameru tokoro e yobi ni kuru.«

»Das ist doch wirklich Pech, wenn einer kommt, um ihn abzuholen, als er gerade (seinen Penis) in die Vulva hineinstecken will.« –

siehe Bildunterschrift

54. Heimlicher Besuch. Farbenholzschnitt von Kunisada (1787-1865).

Ein eigentümlicher Name für einen Mann, der das Shita-Ningyō ausübt, ist »Yama-San«. Yama ist der Berg, der Hügel, und San = Sama ein höflicher Titel, der dem Namen von Personen nachgesetzt wird. Satow gibt die englische Übersetzung als »a master-hill«, ein Herrenhügel. Yama-San ist ein Spitzname, den man einem Kimban-mono gab, d.h. dem Lehnsmann eines Daimyō, der bei seinem Herrn in der früheren Hauptstadt Yedo (heute Tōkyō) an dessen Hoflager Dienst hatte. Einige von diesen Lehnsleuten sollen in den Yoshiwaras den Cunnilinctus ausgeübt haben und daher stammt dieses Gassenwort. Es ist wohl möglich, daß diese Landedelleute, wenn sie zur Dienstleistung in die Hauptstadt kamen, sich geschlechtlich austobten; wir haben bereits von den Asagis gesprochen, die man auch für etwas bäuerisch-beschränkt hielt. Ich möchte deshalb in dem Spitznamen Yama-San eine Andeutung sehen, die etwa unserem »Gebirgler« entspricht, also »der Herr aus den Bergen«, wie der Asagi »der Herr vom Lande« war. –

siehe Bildunterschrift

55. Koitus. Holzschnitt von Shunshö (1726-1793).

Nach diesen etwas trockenen Ausführungen als Schluß eine lustige Volkserzählung, die sich auf das Shita-Ningyō bezieht:

»Es war einmal ein Lüstling, der die Angewohnheit hatte, öfters nachts dem Schlafzimmer des Dienstmädchens einen Besuch abzustatten, um mit diesem unerlaubten Geschlechtsverkehr zu pflegen. Seine Frau war darüber sehr erbost, so daß sie sich ein abschreckend häßliches Mädchen verschaffte, um in Zukunft solche schlimmen Geschichten zu unterbinden und ein ruhiges Leben führen zu können. Ihr Ehegesponst schlich sich jedoch noch in derselben Nacht in das Schlafzimmer dieses Dienstmädchens, wo er sie in friedlichem Schlummer fand. Er dachte, daß es kein besonderes Vergnügen wäre, wenn er sie im Schlafe geschlechtlich brauche und dabei fiel ihm ein, daß eine Frau wach wird, wenn man sie am Körper leckt. So leckte er ihr zuerst die Nase, dann das Kinn, den Hals und die Brüste, aber sie wachte von alledem nicht auf. Schließlich leckte er ihr den Leib und den Nabel. In demselben Augenblick drückte das Dienstmädchen plötzlich den Kopf ihres Herrn hinab und sagte: ›Weiter unten!‹«

Einen Mann, der nachts sich nach dem Schlafraum einer Frau schleicht, um mit ihr Geschlechtsverkehr zu haben, nennt man »Hau«, einen Kriecher. Hau ist eine Abkürzung von »Yobau«, von dem wir

siehe Bildunterschrift

Ai-name 1.

im Abschnitt über das Papier im Geschlechtsleben der Japaner ausführlich gesprochen haben und wo auch zwei Bilder solcher »Kriecher« wiedergegeben sind. –

Ai-name. Neunundsechzig

Neunundsechzig ist keine Übersetzung von »Ai-name«, ich habe aber keinen anderen Ausdruck finden können, der für eine Überschrift gepaßt hätte, um kurz das auszudrücken, worum es sich handelt.

»Ai-name« bedeutet wörtlich »gegenseitiges Saugen« und ist das Gassenwort für die gleichzeitige Ausübung von Cunnilinctus und Fellatio durch ein Paar, wird aber im Japanischen auch für zwei Frauen gebraucht, die gleichzeitig den Sapphismus aneinander vollziehen. Statt Ai-name kann man auch »Ryōname« sagen, das dieselbe Bedeutung hat.

Das erste Bild stammt aus dem erotischen Buch »Chigusa no Hana futatsu Chōchō« von Insui-tei-Kaikō, erschienen im vierten Ansei-Jahr (1857 u.Z.). Das zweite Bild ist ein Ausschnitt aus einem Tobae, wir würden sagen: einer Karikatur. Aber im eigentlichen Sinn müssen ja alle japanischen erotischen Bilder als Karikaturen angesehen werden, als Zerrbilder, die niemals die Wirklichkeit darstellen, da immer gewisse Übertreibungen in der Größe des Penis usw. darin vorhanden sind. Satow gibt zu Tobae folgende Erklärung: »Es ist der Stil, Bilder zu zeichnen, in denen die Besonderheiten einer Person oder einer Sache so übertrieben werden, daß sie lächerlich erscheinen. Das Wort ist abgeleitet von dem Namen eines buddhistischen Priesters Toba-no-Sōjo, der zuerst solche Zeichnungen anfertigte; eine Karikatur.« Toba-e würde also weiter nichts bedeuten als »ein Bild nach Art des Toba.«

Irogurui. Feinheiten der Ars amatoria

Im eigentlichen Sinne ist »Feinheiten der Ars amatoria« keine Übersetzung von Irogurui, das eher Tollheiten der Liebe bedeutet. Man kann auch sagen »Tollheiten des Geschlechtsverkehrs«, denn Iro ist sowohl die himmlische als auch die irdische Liebe. Deshalb kann »Irogoto« ein Liebesverhältnis sein, das Volk versteht aber auch den Koitus darunter; »Iro ni mayou«, von der Liebe zu einer andern Person entzückt, verzaubert sein; »Iro ni naru«, sich verlieben; »Iro-onna«, die Geliebte, der »Schatz«; »Iro-otoko«, der Liebhaber, ein ritterlicher Mann, ein schöner Mann; Irome, verliebte Blicke usw.

siehe Bildunterschrift

Ai-name 2.

betonen die himmlische Liebe, während »Iro ni fukeru«, sich der Wolllust hingeben, ein ausschweifendes Leben führen; »Iro wo aisuru«, für das Geschlechtliche sehr eingenommen sein; »Iro ni oboru«, in der Wollust ertrinken, d.h. ihr ganz verfallen sein; »Irogonomi«, ein Lüstling, aber auch: Geilheit, Gier nach Geschlechtsgenuß; »Iromekashii«, eine Person, der man die Geilheit ansieht usw., Beziehungen zur irdischen Liebe darstellen. Ganz eindeutig sind: »Iromachi«, das Hurenviertel (Fujisawa), das Viertel der Freudenmädchen, und »Irozato« oder »Irosato«, das auch »Hurenviertel« bedeutet (eigentlich: Dorf des Geschlechtsverkehrs). Wir sollen dabei aber nicht vergessen, daß der Japaner am Betrieb der irdischen Liebe nichts Anstößiges findet, solange gewisse Grenzen des Anstandes eingehalten werden. Als »Huren« werden nur die »Freudenmädchen geringer und geringster Sorte« angesehen. Ein Yoshiwara ist vorläufig noch kein Hurenviertel; es wird es erst dann werden, wenn die alten Anschauungen ausgestorben sind. Und anscheinend sind dazu die ersten Schritte bereits getan, worüber wir im Abschnitt über die Freudenmädchen noch sprechen werden.

Im folgenden geben wir eine Zusammenstellung der »Feinheiten« der japanischen Ars amatoria, soweit sie in unseren Unterlagen enthalten sind, unter Voranstellung des japanischen Ausdrucks, da eine zusammenhängende Darstellung dieser ganz verschiedenen Handlungen nicht möglich ist.

siehe Bildunterschrift

56. Der Höhepunkt. Holzschnitt von Shunsho (1726-1793).

»Mitokorozeme«, der Angriff auf drei Teile oder Örter, auch »Sangokuzeme«, der Angriff auf drei Gegenden genannt; san ist die chinesische Form der Grundzahl 3, mi die japanische. Man versteht unter diesem Angriff auf drei Örtlichkeiten ein Shijū-Hatte, bei dem der Mann an der Zunge der Frau saugt, den Cunnus befingert, bis die Frau zum Orgasmus gelangt, während er den Analkoitus ausführt. Das untenstehende Bild, das diesen Geschlechtsverkehr darstellt, ist die verkleinerte Wiedergabe eines Makurae, eines Kissenbildes; der Maler ist unbekannt.

Noch verwickelter als das Mitokorozeme ist das »Shikokuzeme«, der Angriff auf vier Gegenden, Reiche oder Staaten. Dieses Shijū-Hatte besteht im gewöhnlichen Koitus, während dem der Mann an der Zunge der Frau saugt, mit der rechten Hand eine Brustwarze anfaßt und drückt, und mit den Fingern der linken Hand die Klitoris kitzelt, bis der Orgasmus eintritt.

siehe Bildunterschrift

Mitokorozeme.

»Hyakunade«, wörtlich: Einhundert Liebkosungen; Hyaku = hundert, nade von naderu = streicheln. In dem erotischen Buch »Shunjō Hana no Oboroyo« (Die bewölkte Mondnacht verliebter Frühlingsblüten) findet sich als Beleg für dieses Wort die folgende Angabe:

»Henoko no ura de Towatari no suji
         wo Hyaku-nade shi.«

»Mit der Spitze des Penis streichelte er die Stelle des Dammes einhundertmal.« Towatari, der Damm, das Perineum, ist eine Abkürzung von Ari-no-Towatari, der enge Übergang für die Ameisen, worüber wir im Abschnitt »Nanshoku« ausführlich gesprochen haben.

»Usan-Sasan-Jōriku-Kaichi«, wörtlich: Dreimal auf der rechten Seite, dreimal auf der linken, sechsmal oben und einmal unten. Es handelt sich hierbei um ein Reiben der äußeren Schleimhäute der Vulva mit dem Penis, dreimal auf der rechten Seite, d.h. die kleinen Schamlippen und die innere Seite der großen, dreimal auf der linken Seite ebenso, sechsmal oben in der Klitorisgegend und einmal unten am Scheideneingang. Der Ausdruck ist belegt durch das erotische Buch »Kōshoku Koshibagaki« (Die wollüstigen kleinen [aus Reisig gefertigten] Hecken).

siehe Bildunterschrift

57. Coitus a posteriori. Holzschnitt von Shunsho (1726-1793).

»Isshin Kusen no Hō«, wörtlich: Die Kunst des einen tiefen und der neun leichten Stöße. Eine weitere Erklärung dieser Spitzfindigkeit der Ars amatoria ist wohl nicht nötig. Auffallend ist nur, daß es sich hier, wie auch im vorhergehenden Absatz, immer um die Zahl 3 oder ein vielfaches derselben handelt. Der Ausdruck ist zu finden in dem »Kō-So Myōron« (Eine merkwürdige Debatte zwischen dem Kaiser Huang und der Dame Su), dem ältesten erotischen Buch der Japaner, das von Imaōji Michizō aus dem Chinesischen übersetzt und im Januar des 12. Temmon-Jahres (1543 u.Z.) herausgegeben wurde.

»Sentsuki-Hitotaki«, wörtlich: Tausend Stöße und ein Schlag. Über diesen merkwürdigen Ausdruck gibt das Buch »Shikidō Kimpishō« (Die Geheimnisse der Liebeskunst), verfaßt von Tokakusai und veröffentlicht während der Kayei-Periode (1848–1853 u.Z.), die folgende Auskunft:

»In diesem Sprichwort wird uns gesagt, daß ein Tausend Stöße von einem Mann mit einem kleinen Penis viel weniger zu bedeuten haben, als ein Schlag mit einem großen Hodensack. Wenn die Frau sich auf den Rücken legt und die beiden Beine nach oben ausstreckt, dann drängen sich die Schleimhautfalten nach dem Perineum zu. Dann schlage jedesmal, wenn du deinen Penis einführst, mit dem Hodensack gegen das Perineum. Dadurch wird die Frau ein starkes Gefühl der Befriedigung empfinden, da es eine Art Massage zu sein scheint, die sie den Orgasmus viel früher erreichen läßt, als dies bei der gewöhnlichen Weise der Fall ist.« –


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