Adolph Freiherr Knigge
Geschichte Peter Clausens
Adolph Freiherr Knigge

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Achtes Capitel

Peter wird in höherer Weisheit eingeweiht und bekömmt einen andern Führer.

Unterwegens war unser Philosoph sehr übler Laune. Indessen suchte ich ihn aufzuheitern und ihm die Verlegenheit zu benehmen, in welcher er gegen mich zu seyn schien, weil ich das Gespräch zwischen ihm und dem ungläubigen Arzte mit angehört hatte. »Nicht wahr, gnädiger Herr!« sagte ich daher, als wir den ersten Tag Mittag hielten, »die Menschen sind es nicht werth, daß man für sie sorgt? Es ist uns nicht gut in Frankfurt gegangen. Aber was schadet es? Verlieren Sie den Muth nicht! Unsre Theorien sind gut, wenn sie auch nicht aller Orten anwendbar sind; die hochwürdigen Obern werden uns schon schützen. Das war, meiner Seele! ein grober Kerl, der Doctor!« »Sey nur ruhig, mein lieber Peter!« rief mir hier der redliche Chevalier mit getroster Miene entgegen – »Er wird seiner Strafe nicht entgehn. Ehe die nächste Messe herankömmt, muß Einer unsrer Leute eine solche Schandschrift gegen ihn drucken lassen, ihn dem Publicum so verdächtig machen (und das alles von hintenher), daß er nicht wissen soll, an wen er sich zu halten habe, und daß Andre ein Beyspiel an ihm nehmen können. Zugleich wollen wir aller Orten schimpfliche Gerüchte von ihm ausstreun – Es soll ihn schon reuen, daß er uns das Handwerk hat legen wollen. Und wenn nichts helfen will – Tithymalum, Ancoram, et aquam tofanam semper aestima, nam sedant sitim persecutorum veritatis (vide reflectionem primae noctis) – Kurz! es soll ihn schon reuen! Sey nur indessen treu und verschwiegen! Das wird Dein Schaden nicht seyn, und ich will Dich in Regensburg mit Männern bekannt machen, die weiter für Dich sorgen werden.« So fuhren wir dann getrost Tag und Nacht fort und kamen des Nachmittags in dieser Stadt an, worauf sich mein Herr sogleich umkleidete und seine Bundesgenossen aufsuchte, mit denen er vierzehn Tage hindurch viel geheime Conferenzen hatte.

Ich muß es offenherzig gestehn, daß die Lehrer dieser höhern Weisheit, die ich dort und andrer Orten kennenlernte, in der That von Seiten ihrer Sittlichkeit nicht eben in einem sehr apostolischen Rufe standen. Der Eine hatte seiner Magd ein Kind angemessen, der Andre war nach Tische nie nüchtern, der Dritte unterhielt vor aller Welt Augen neben seiner gesunden Ehefrau noch eine Comödiantin als Maitresse. Dies möchte wirklich manchem Schwachen Mißtrauen gegen eine Philosophie einflößen, welche ihre Bekenner nicht zu bessern Menschen macht, aber das war auch eigentlich das Fach der hochwürdigen Obern nicht. Man stoße sich auch nicht an die Erbärmlichkeit des Styls, der in den Schriften herrscht, welche sie damals herausgaben. Es war theils nicht möglich, auch ihrem Interesse gar nicht gemäß, viel vernünftige, grade denkende Männer, die sie als Schriftsteller hätten gebrauchen können, in ihre Gewalt zu bekommen, theils ist es eine feine Politik, einen solchen barbarischen Styl zu schreiben, um zu zeigen, wie sehr man über alles hinaus sey, was die leichtfertige Welt verständig, fein und witzig nennt.

Unter allen dortigen Freunden meines Herrn zeichnete sich vorzüglich ein Apotheker aus, der kürzlich aus Rußland gekommen und eben derselbe war, zu welchem, als er noch in Petersburg wohnte, ein Mann reisete, um mit ihm den Betrug zu verabreden, durch den er und seine Gesellen sich hernach für gewisse geistliche Personen ausgaben – Doch das gehört nicht hierher. Peter Claus mag niemand öffentlich beschämen, obgleich ihm manches Anecdötchen von der Art bekannt ist, womit man Menschen entzaubern könnte. Genug! dieser Neunundneunziger war ein durchtriebner Schalk, bey den Jesuiten erzogen, von ihnen geleitet, ein würdiger Schüler würdiger Lehrer.

Da itzt mein Herr ernstlich daran dachte, mir eine bessere Versorgung zu verschaffen, und sich zugleich, weil er im Begriff war, eine größere Reise zu machen, eine Zeitlang ohne Bedienten zu behelfen, so empfahl er mich diesem berühmten Apotheker, der grade eines Gehilfen bedurfte. Das war für mich ein sehr glücklicher Umstand, denn es ging herrlich in dieses Mannes Hause her, und da ich nun mit den feinsten Grundsätzen ihrer mystischen Wissenschaft bekannt werden sollte, konnte ich mir auch die sichern Früchte einer so einträglichen Kunst versprechen. Ich trat also mit Vergnügen mein Ämtchen an, arbeitete mit in der Officin und brachte es in kurzer Zeit, durch meines Patrons fleißigen Unterricht und seine Hilfe, dahin, daß ich für seinen Provisor gelten konnte. In den Nebenstunden machten wir Proben von allgemeinen Arzeneyen, aus Recepten und chymischen Processen, die wir hie und da auftrieben. Wenn nun eine solche Panacäe fertig war, theilten wir davon eine Menge unter unsre Schüler aus, welche damit die Probe an kranken Profanen machen und uns berichten mußten, wie Viele den Versuch überlebt hatten. Auf diese Weise jagten wir manche gute Seele aus ihrer irdischen Hülle, doch schoben wir alsdann immer die Schuld auf den Mangel an Glauben, Reinigkeit und Vorsichtigkeit Derer, welche die Cur übernommen hatten. Mit dem Allen aber fanden sich sogar Ärzte, welche schwankend genug in ihrer Kunst waren, die Wirkung unsrer Arzeneyen an ihren Patienten zu versuchen. Überhaupt hatte ich in meiner itzigen Laufbahn Gelegenheit, die traurigsten Erfahrungen von der Unwissenheit dieser Söhne Aesculaps zu machen. Ich sah, daß die Mode, auf Unkosten der armen Kranken, auch in dieser Wissenschaft das Menschengeschlecht tyrannisiert. Was in diesem Jahr in einer Krankheit als höchst gefährlich anerkannt wurde, das verschrieb man im folgenden Jahre, unter eben den Umständen, als das einzige sichre Hilfsmittel dagegen. Wenn ein englischer oder französischer Arzt ein Buch in die Welt schickte, worin er irgendeinen neuen auffallenden Satz behauptete, so machten unsre jungen teutschen Doctorn sogleich den Versuch damit an ihren Leidenden. Die Medicin, welche die Quacksalber auf Märkten durch gedruckte Zettel ausbiethen, z.B. die Alliudschen Pulver u.d.gl., wurde von der Facultät zwar laut verschrien, weil sie selbst nicht wußte, woraus sie zusammengesetzt war, aber dennoch heimlich aufgekauft und den Kranken gegeben. Kurz! ich überzeugte mich täglich mehr, daß Mäßigkeit und Ordnung im Moralischen und Physischen die einzige sichre Universalarzeney sey und daß man dem Grabe um eine Stufe näher trete, sobald man anfange, die Natur in die Hände der Ärzte zu liefern (einige wenige Fälle ausgenommen, wo unschädliche Mittel derselben zu Hilfe kommen können).

Um meinen Lesern einen Begriff von der Art des Unterrichts zu machen, den mir mein Apotheker ertheilte, so will ich Ihnen nur noch zuletzt Rechenschaft von einem Gespräche geben, das er einst mit mir über diese Gegenstände hielt.

Ich hatte ihm meine Verwunderung bezeigt, wie man es doch anfangen möchte, manche vernünftige Männer so lange bey der Nase herumzuführen, ohne je entdeckt zu werden. Seine Antwort hierauf war folgende: »Ohne mich darauf einzulassen, welche Mittel wir wählen, Jedem etwas zu geben, was ihm gefällt; wie wir aller Orten die seltensten Kenntnisse aufspüren und einem Ungläubigen einen solchen Brocken vorwerfen; wie wir durch unsre Spione alles erfahren, was andrer Orten vorgeht, und dadurch uns in eine Art von Allwissenheitsruf setzen; wie wir Leute, welche es wagen, gegen uns zu reden oder zu schreiben, Andern zum Beyspiel, tödlich verfolgen; wie wir geistlich schwache, aber sonst mächtige Menschen an uns ziehen; wie wir uns in so manches Kleid zu werfen verstehen und da, wo unser Betrug entdeckt wird, selbst gegen unsre Leute zu Felde ziehen, also immer im Hinterhalte bleiben; wie wir aller Orten mehrere Parthien erwecken, wovon die eine auf uns schimpfen muß, dadurch wir dann nicht nur alles erfahren, was gegen uns unternommen wird, sondern auch die ganze Welt in Rotten theilen, welche alle heimlich von uns zu unsern Zwecken geleitet werden; wie wir alle Fehler, welche vorgehen, auf die Schuld der Mittelobern schieben; wie wir von gewissen allgemeinen Volkssagen Nutzen zu ziehen wissen – Von dem Allen will ich itzt schweigen, und ich versichre Sie, es braucht wahrlich nicht so künstlicher Anstalten, um aus der Welt zu machen, was man will. Es gibt zwey Dinge, die für jedermann höchst wichtig seyn müssen, und diese sind Vernunft und Religion. Wenn beyde gehörig verbunden würden, so würden die Menschen an moralischer Glückseligkeit unendlich gewinnen (was man auch dagegen einwenden mag). Wenn wir mit den Augen der Vernunft, die uns der Schöpfer zur Leiterin gegeben hat, den ganzen Wirkungskreis, der uns hier angewiesen ist, überschaun, dies Leben mit Mäßigkeit genießen, unsre Pflichten gegen das höchste Wesen, gegen unsre Mitmenschen und gegen uns selbst gehörig überdenken und die Winke nützen wollten, welche uns die geoffenbarte Weisheit dazu gegeben hat, so würde jeder einzelne Mensch seinen Platz in der großen Kette ausfüllen und keines weitern Schutzes als seiner Rechtschaffenheit bedürfen, würde frey und ruhig seyn und sich also zu jener Zukunft, durch Veredlung seiner Selbst, vorbereiten. Aber dabey würden sich diejenigen Menschen sehr übel befinden, die auf Unkosten Andrer sich mächtig, reich und wichtig machen wollen. Solcher Menschen aber gibt es immer, weil nicht Jeder das einzige wahre Interesse, seine Wünsche zweckmäßig zu dirigieren, versteht, sondern von Leidenschaften irregeführt wird. Da es also stets eine unterdrückende herrschende und eine leidende Parthie in der Welt gibt, so befindet man sich am besten dabey, wenn man sich auf jene, nicht diese Seite schlägt. Hierzu ist also nöthig, die feinsten Mittel zu studieren, wie man auf die beyden großen Ressorts, auf Vernunft und Religion also wirken könne, daß man die Freyheit und das Gewissen der Leute in seiner Hand habe. Dann sind sie unser, wir theilen uns in ihre vergänglichen Güter und nützen sie, wozu wir wollen. Der erste Schritt dazu ist, daß man die Aufklärung soviel möglich hindre, damit die Leute nie lernen, wie man es anzufangen habe, frey und unabhängig zu werden, welches nur allein das Eigenthum des Weisen ist. Man umwölke also ihren Kopf, erfülle denselben mit Schwärmereyen, mit Träumen, erschwere ihnen die Mittel, den Grund der Dinge zu untersuchen, und wenn man es dahin gebracht hat, dann kann man sich durch Gaukeleyen (die jeder verschrobne Kopf gern glaubt, ja sich vor dem Andern schämen würde, nicht daran zu glauben) in den Ruf setzen, allein in dem Besitze gewisser Geheimnisse zu seyn, welche alle diese von uns selbst erregten Zweifel heben. Dies gibt uns ein solches überirdisches Gewicht, daß es uns leicht wird, die Menschen glauben zu machen, wir stünden mit höhern Wesen in unmittelbarer Verbindung, welches dann der erste Schritt ist, auch die Religion des Volks in unsre Gewalt zu bekommen. Hat man es dahin gebracht, so wird es nicht viel Schwierigkeit haben, die Sittlichkeit nach unsern Zwecken zu lenken und die Welt durch ein süßes Band an uns zu knüpfen. Da nur der weise Mann der mäßige und redliche Mann seyn und nur Dieser Ruhe, Frieden und Freyheit in der Welt finden kann, wir aber die Menschen nicht frey wissen wollen, so müssen wir, nachdem wir die Aufklärung verhindert haben, auch die Moralität zerstören und in der Religion Mittel ausfindig machen, das Gewissen der Leute, das innere Gefühl der Richtigkeit, zu übertäuben, folglich Schlupfwinkel ausfindig machen, wo man, unter unserm Schutze, seine Leidenschaften befriedigen und sich dabey beruhigen kann. Wer wollte dann nicht in unsre Arme eilen? – Und wer mit lebhafterem Vergnügen, wie die Großen der Erde? Diese lenken wir, wenn wir Meister über Kopf und Herz sind, nach unsern Zwecken, und wer widersteht uns dann? Auch ist diese Practik nicht neu. Sie ist so alt wie die Welt und stets von Fürsten, Pfaffen, Gesetzgebern und Philosophen mehr oder weniger ausgeübt worden.«

Es ist eine leichte Sache, ein solches System teufelisch boshaft zu finden, wenn uns kein Interesse daran knüpft, aber nicht so leicht, wenn wir dabey zu gewinnen glauben. Dennoch bekenne ich, daß ich nicht verderbt genug war, diese vermaledeyeten Grundsätze ohne Schauer anzuhören – Was für eine unerhörte Verblendung! bey so feinen Kenntnissen ein studierter Bösewicht seyn zu können! – Aber ich wurde wieder eingeschläfert, durch Geschenke, Versprechungen, Schmeicheleyen gefesselt – Kurz! ich überließ mich vor wie nach meinem edeln Führer.


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