Adolph Freiherr Knigge
Geschichte Peter Clausens
Adolph Freiherr Knigge

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Zweytes Capitel

Er wird Bedienter bey einer adeligen Dame.
Was er dort erlebt, und warum er diesen Dienst verlassen muß.

Meine ganze Habseligkeit bestand, außer der Kleidung, welche ich am Leibe, und einigem kleinen Hausrathe, den ich in der Tasche hatte, in einem Bündelchen, darin ich zwey Hemden führte, nebst einem Paar schwarzen wollenen Strümpfen, zwey Kämmen und einem Viertel-Lotterie-Lose, das mein Vater kurz vor seinem Tode an sich gekauft und der hochlöbliche Magistrat nicht mit in Arrest genommen hatte. Ich nahm Abschied von dem Herrn Bürgermeister, der mir drey Mariengroschen und eine Vermahnung, welche ungefähr ebensoviel werth seyn mochte, auf den Weg gab, und ging mit diesem Reichthume sorglos zu der Frau von Lathausen. Diese nahm mich, ihrem Versprechen gemäß, sehr gütig auf, ließ mir wenig Tage nachher aus einem alten Überrocke eine neue Livree machen. Der Jäger mußte mich unterrichten, wie ich mich bey der Aufwartung zu verhalten hätte, wie ich die gnädige Frau und alle übrigen Leute im Hause nennen müßte, und so wurde ich dann ein Stück von einem Bedienten.

Die Schöpferin meines Glücks war eine Dame von etwa vierzig Jahren, sehr tugendhaft – ob aus Mangel an Temperament und Gelegenheit, aus Furcht oder weil sie nie sehr schön gewesen war, immer auf dem Lande gelebt und weil kein Verführer ihr die Ehre erwiesen hatte, Pläne auf sie zu machen – wer kann von allen unsern Tugenden die Quelle entdecken? – Genug, sie war eine sehr tugendhafte Witwe, sprach viel von Zucht und Sitten, war äußerst strenge in ihren Urtheilen über Andre und konnte besonders nicht leiden, wenn unter ihrem Hausgesinde kleine Liebschaften vorfielen. Doch gab es zwey Leute, denen sie alle Schwachheiten nachsah, und diese zwey Leute waren: ein junger hübscher Vetter, Herr von Redmer, und ihr Kammermädchen, die Jungfer Nagelborn.

 

Der Herr von Redmer war Lieutenant in *** Diensten. Es hätte vielleicht ein guter Mensch aus ihm werden können, wenn er nicht in der Jugend von seinen Eltern und nachher, seiner schönen Figur wegen, von Frauenzimmern zu sehr wäre verzogen worden. Man sagt es den armen Weibern nach, daß sie viel dazu beytragen sollen, hübsche Jünglinge eitel und thöricht zu machen, welche dann hernach, wann die Frühlingsjahre vorbey sind, langweilige kraftlose Männer und zuletzt kindische lächerliche Greise werden. Ich habe in der Folge der Zeit wirklich oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß dieser Vorwurf einigen Grund haben könnte. Auch kluge Frauen, bey denen der Körper mitspricht, sind sehr geneigt, einen jungen Laffen, und wäre er ein noch so leerer Kopf, einem Paar rother Wangen und runder Waden wegen recht artig zu finden. Ihr erster Lobspruch auf einen Menschen, der ihnen gefällt, lautet gewöhnlich: »Das ist ein hübscher Mann«, indes wir Männer, auch da, wo uns weibliche Schönheit rührt, unser Urtheil aus einer Art Schamhaftigkeit damit zu rechtfertigen pflegen, daß wir hinzusetzen: »Die Frau scheint viel Güte, Verstand oder dgl. zu haben.« Doch das gehört nicht hierher – Genug, der Herr von Redmer war ausnehmend zufrieden mit seiner Person, äußerst vorlaut, von der hohen Würde seiner innern und äußern Vorzüge überzeugt, von der Wichtigkeit seines Officierstandes eingenommen und so geschwätzig, daß er das Wasser seiner Beredsamkeit nicht halten konnte, wenn irgend dazu gepfiffen wurde, obgleich er mehrentheils die schalsten Dinge sagte. Da er ein wenig in einer Postkutsche herumgereist war, folglich viel Postmeister hatte kennengelernt, bildete er sich ein, er habe die Welt gesehn und beobachtet; und weil er einige Höfe besucht hatte, meinte er, er habe Menschenkenntnis, feine Welt, französische Lebensart. Das machte ihn, wenigstens in solchen Gesellschaften, wo man auf Character, Bescheidenheit, Talente und Kenntnisse sah, unerträglich. Aber wer das nicht merkte, war mein Herr von Redmer; Seine Eigenliebe ließ das nicht zu. Voll Selbstgenügsamkeit schob er seine lange Figur aller Orten hervor, mischte sich in alles und übersah in seinem Sinne alle Leute – Kurz! er war so, wie ich nachher manche junge Officiere gesehn habe. Nicht selten sprach er Zweydeutigkeiten, die seine gnädige Frau Base, bey welcher er zuweilen und grade damals, als ich in ihren Dienst trat, seinen Urlaub aushielt, gewiß von keinem Andern ohne Entsetzen würde angehört haben. Aber was soll man machen? Sie mußte wohl wissen, daß er es so böse damit nicht meinte, und so pflegte sie denn gewöhnlich nichts weiter zu sagen, als: »Pfuy! böser Mensch!« oder so etwas.

Jungfer Nagelborn war ein volljähriges Frauenzimmer, etwas lang, mager und bräunlich, übrigens nicht übel gewachsen. Ein halbes Dutzend Zähne mochten ihr wohl an derjenigen Anzahl fehlen, welche in des Ritters Linné Systeme stehen, allein da sie den Mund sehr behutsam öffnete und, wenn sie lachte, die Hand vorhielt, fiel dies nicht besonders in die Augen. Ad vocem Augen dient zur Nachricht, daß die ihrigen ungefähr wie geschmolzenes Calphonium aussahen und viel zu fordern schienen; Ihr Haar aber war pechrabenschwarz – So viel von ihrer Person!

Dies züchtige Frauenzimmer hatte viel Gewalt über ihre gnädige Frau, welche sich so sehr an dieselbe gewöhnt hatte, daß sie kein Geheimnis vor ihr verbarg. Sie führte den Haushalt, war zugleich Kammermädchen, und alles was sie that war wohlgethan. Auch war sie von gar guter, plauderhafter Gemüthsart, lobte immer den Herrn Lieutenant von Redmer, wußte alle kleinen Geschichtchen aus der Nachbarschaft zu erzählen und schimpfte tapfer auf alle Mädchen, die so dumm gewesen waren, Kinder zu bekommen.

Jungfer Nagelborn hatte übrigens ein zärtliches Herz, und, ich kann es ihr nicht anders nachsagen, sie nahm sich vom ersten Augenblicke meines Eintritts in das Haus sehr gütig Meiner an. Sie sprach freundlich mit mir, nannte mich »mein lieber Peter!«, steckte mir zuweilen einen bessern Bissen vom herrschaftlichen Tische zu und kniff mich wohl gar dabey in den Arm oder in die Backe. Zuweilen rief sie mich des Morgens mit einer Art von Heimlichkeit in ihr Zimmer, um mir ein Schälchen Caffee zu geben, und wenn dann das Halstuch, das ihre platte Brust deckte, von ungefähr aus seiner Richtung gekommen war und ich dies in meiner Unschuld nicht bemerkte, schob sie es doch bey dem geringsten Geräusche, das etwa draußen entstand, zurecht und sagte wohl dabey: »Ey Du Himmel! Das ist nicht, wie es seyn sollte. Wenn mich jemand so bey einem hübschen jungen Purschen sitzen sähe, so sollte er wohl etwas Böses davon denken.« – Unglücklicherweise war ich noch so neu in der Welt, daß Caffee, Pasteten, Wein, Nuditäten und schöne Worte vergebens an mir verschwendet wurden.

Aber meine Blödigkeit dauerte nicht lange. An einem Morgen kam der Jude aus Eldagsen eilig geritten und verkündigte mir, das Lotterielos, wovon ich den vierten Theil besaß, habe zweyhundert Thaler gewonnen. Wer war froher wie ich! Ich fand es billig, dem Juden ein Geschenk zu machen, allein weil ich kein bares Geld hatte, rechneten wir zusammen ab; und nach Vergütung seiner Reisekosten, dem Geschenke für ihn und den kleinen, höchst billigen Procenten zu Bestreitung der Unkosten an die landesväterliche Lotteriedirection (die überhaupt nur für das Beste der Menschheit arbeiten und, wie die Bilanz am Ende der gedruckten Pläne bezeugt, gar keinen Vortheil für sich verlangen); nach Abzug alles dessen bekam ich noch siebenundzwanzig Thaler, ein grünes lackiertes Zahnstocher-Etui, eine schwarze Schnupftabaksdose und eine Halsbindenschnalle von Glassteinen heraus. Der Jude bat mich, ich weiß nicht warum, die Sache zu verschweigen, welches ich auch that und das Geld in der Stille behielt.

Aber ich glaube, der Teufel, salva venia! fährt in uns, wenn wir reich werden. Wenigstens hat man alsdann gleich eine solche Zuversicht zu seiner werthen Person, daß uns kein Rock mehr weit genug ist; es geht alles oben hinaus. Doch daran sind oft andre Leute Schuld, und ich habe, wie ich nachher in der Fremde herumgekommen bin, die elendesten, an Leib und Seele hospitalsfähigen Menschen angetroffen, die, wenn sie nur viel Geld hatten und täglich Gäste füttern konnten, von einem Haufen Schmarotzer so geschmeichelt wurden, daß sie sich für gar außerordentliche Leute hielten. Es gab zwar unter diesem Haufen auch Personen, welche solchen Mäcenaten nur aus Spott also begegneten, sie genug fühlen ließen, daß sie mehr der guten Gesellschaft, die sie bey ihnen antrafen, als des Wirths wegen dahin kämen, und solche Häuser wie einen Gasthof betrachteten. Aber glücklicherweise merken das solche Menschen nicht, und man befindet sich indessen recht wohl bey ihnen, scherzt, schmaust, lacht auf ihre Unkosten, und sie sind Könige in ihrer Einbildung.

Mein Reichthum war freylich nicht ganz außerordentlich; unterdessen schienen mir dreyßig Thaler immer ebensoviel wie einem Banquier seine tausende, und da ich hie und da nicht unterlassen konnte, meine blanken Thaler vorzuzeigen, fand ich auch (ich kann es ohne mich zu rühmen sagen) viel Freunde im Dorfe. Die Leute fingen an zu finden, daß ich ein hübscher artiger Junge wäre. Ein Barbier, der auch zugleich Musik trieb und neben der Klistierspritze noch ein andres Instrument, die Violine, cultiviert hatte, auch bey allen Kirchenmusiken an hohen Festtagen gebraucht wurde, da er dann zugleich geigte und sehr fistulös sang, machte sich bekannt mit mir. Er fand, daß ich Genie zu allem hatte, wie es der Fall bey allen Leuten ist, die Geld haben, und bat mich um Gotteswillen, doch ja die Musik nicht liegen zu lassen. Wir übten uns also fleißig miteinander, und die Jungfer Nagelborn fand ein nicht geringes Vergnügen an unsern Bogenstrichen. Dabey nahm sie oft mein grünes Etui in die Hand, bewunderte es, und in einem Anfalle von Freygebigkeit (wie denn überhaupt die Musik sehr weich macht) schenkte ich ihr dasselbe. Hierdurch und durch meine immerwährende Aufmerksamkeit für sie wurde sie mir täglich mehr zugethan. Die alten Jungfern nehmen sich gern, wie man sagt, der Knaben, die mannbar werden, an, um sie vor Verführungen zu warnen. Indessen lockte mich, ihrer Aufsicht ungeachtet, Herr Haber, der Barbier, zuweilen mit sich in das Wirthshaus. Es fügte sich dann gewöhnlich, daß er grade kein Geld bey sich hatte; also bezahlte ich für uns beyde, und wenn ich nach Hause kam, waren meine Lebensgeister so herrlich in Bewegung gesetzt, daß Jungfer Nagelborn keinen Beruf fand, mich von der Gesellschaft dieses musikalischen Wundarztes abzuhalten. Weil sie aber nichts dagegen hatte, daß ich in das Wirthshaus ging, erfuhr es auch die gnädige Frau nicht, bey welcher sie mich überhaupt sehr in Gunst setzte.

Die vielen leichtfertigen Reden, welche ich im Wirthshaus hörte, und von der andern Seite die menschenfreundlichen Zuvorkommungen der Kammerjungfer siegten endlich über meine Blödigkeit. Ich wagte allerley Freyheiten, und da meine erfahrne Schöne meinem ersten Angriffe nicht sehr tapfer widerstand, vielmehr immer mehr Blöße gab, wurden wir bald im höchsten Grade vertraulich. Ich darf nicht vergessen zu erwähnen, daß ich einst in der gnädigen Frau Zimmer ein Buch voll muthwilliger Gedichte von einem unsrer neuen teutschen Schriftsteller fand, daß ich glaubte, was eine so züchtige Dame wie die Frau von Lathausen lesen dürfte, das werde auch mir nicht schaden können, daß ich aber nachher wohl fühlte, wie leicht solche Bücher die wachsenden Begierden junger Leute entzünden und wie gut es wäre, wenn auch Witwen dergleichen ungelesen ließen.

Drittehalb Jahre waren seit meinem Eintritte in das adelige Haus verstrichen, und der Herr von Redmer hatte wiederum einen Winter bey uns hingebracht, als die Zeit herannahete, da er zurück in die Garnison mußte. Den Tag vor seiner Abreise fuhr die Herrschaft zu einem benachbarten Edelmanne nach Pattensen, wo der Herr Vetter Abschied nehmen wollte. Der Jäger ging mit, und ich blieb mit der liebenswürdigen Jungfer Nagelborn allein zu Hause. Wir ließen es uns gut seyn, hatten eine Bouteille Wein, Kuchen u.d.gl. vor uns stehn und führten uns dabey nicht ganz in allen Ehren auf. Da wir also nur mit uns selber beschäftigt waren, hörten wir nicht, daß unterdessen die Kutsche wieder zurückkam (denn die benachbarte Familie war nicht zu Hause gewesen), und wie groß war unser Schrecken, als sich die Thür öffnete, die gnädige Frau und der Herr Lieutenant hereintraten und uns in einer nicht sehr consistorialrechten Beschäftigung antrafen. Herr von Redmer schlug ein so gewaltiges Gelächter auf und ließ seinen Witz auf Unkosten der armen Jungfer so beißend heraus, daß ich nicht weiß, ob uns mehr dieser Spott oder der Dame Schimpfworte demüthigten. Allein diese brach in ein fürchterliches Toben aus – Es war auch wahrlich kein Spaß, sich bey solchen Gelegenheiten nicht besser vorzusehn. –

Ich stand da wie ein armer Sünder und erwartete mein Urtheil. Dies blieb nicht lange aus. War es aber, weil die gnädige Frau geheime Ursachen hatte, der Kammerjungfer ihre Sünden zu verzeihn, oder damit es nicht ruchbar werden sollte, daß ihre Vertraute sich so weit vergessen hatte, oder war Diese ihr so unentbehrlich geworden, daß sie darüber wider ihre Natur tolerant gegen weibliche Gebrechen war, oder ging es nach dem gewöhnlichen Laufe der Welt, daß die kleinern Unschuldigen für die vornehmen Sünder büßen müssen – Genug! die bejahrte Schöne wurde begnadigt und ich zum Hause hinausgejagt.

Doch fand ich an dem viel nachsichtigern Herrn Lieutenant einen Beschützer. Er versprach mir heimlich, mich in seine Dienste zu nehmen, und als er des folgenden Morgens wegfuhr, mußte ich ein Stück Weges vorausgehn, da er mich dann mit aufsitzen ließ und also zum Regiment führte.


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