Adolph Freiherr Knigge
Geschichte Peter Clausens
Adolph Freiherr Knigge

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Drittes Capitel

Was Peter Clausen in der *** Garnison begegnet;
wen er dort antrifft und wie er lebt.

Die Übereinkunft, welche der Herr von Redmer mit mir wegen meiner künftigen Versorgung getroffen hatte, war, wie ich schon erwähnt habe, ich sollte bey ihm Bedienter werden. Allein sein Eifer für seines Herrn Dienst schien ihm heiliger wie sein gegebnes Wort. Er fand an mir einen wohlgebaueten Jüngling im besten Wachsthume. Kaum waren wir daher an den Ort unsrer Bestimmung gekommen, als ich unter eine hölzerne Maschine gestellt wurde, an welcher man die Verdienste Derer nach Zollen abmißt, die für das Vaterland streiten sollen. Man fand mich sehr tüchtig, für die gerechte Sache und um das Gleichgewicht von Europa mit erhalten zu helfen, meine graden Glieder daran zu wagen, und ließ mich also, ohne sich um meine Neigung zu bekümmern, Soldat werden. Vergebens reclamierte ich die Freyheitsrechte der Menschheit, die Rechte meines hannoverschen, noch nicht an Sclaverey gewöhnten Vaterlandes, das Ehrenwort eines Cavaliers – Es hieß immer: »Der Herr braucht Leute; Du kannst da Ehre einernten, und wenn Du Dich gut aufführst, einmal Unterofficier, vielleicht gar Officier werden.« Ich versicherte, es fehle mir durchaus an Muth und Tapferkeit; aber man bedeutete mich, diese hohen Tugenden würden theils gar nicht mehr zum Krieg führen erfordert, theils durch gewisse fühlbare Mittel den Helden niedrer Classe eingeprägt. Die Officiere aber würden durch Ehrgeiz festgehalten, daß sie stehnbleiben müßten; doch habe man Beyspiele, daß Leute, die es hernach bis zum Obersten gebracht, in der ersten Schlacht, der sie beygewohnt hätten, fortgelaufen wären. Die Tapferkeit sey heut zu Tage ein Ding, das man lernen könne wie die Regula de Tri. Was war also zu thun? Ich faßte mich in Geduld, und nachdem ich nur erst die schwere Kunst, meine Brüder von der Erde zu vertilgen, systematisch im Kopfe oder vielmehr im Griffe hatte, wobey es zuweilen einige Schläge setzte, fing mein Zustand an, mir leidlicher vorzukommen, wie man sich überhaupt an alles gewöhnen kann. Ich aß mein grobes Brot mit frohem Sinne, trank so klares Wasser dazu, als ich bekommen konnte, ließ meinen Körper in ein enges Röckchen spannen, meine Waden in Gamaschen einzwängen und fühlte zuletzt diese Grade der Tortur nicht mehr.

Während dies mit mir vorging, hatten meine ehemaligen Gespielen, die jungen Herrn von Reyerberg, auch ihren Geburthsort verlassen. Sie waren beyde zuerst nach Closter Bergen auf das Gymnasium gekommen. Die Art, wie dort die jungen Leute damals gebildet wurden, trug alles dazu bey, die Anlage des ältesten Bruders zu einem sittsamen, heuchlerischen, nur nach der äußern Form und der Meinung andrer Menschen gerichteten Tugendwandel auszubilden. David wurde also bald allen Mitschülern zum Muster dargestellt. Er war in Gesellschaften erwachsener Personen gern gesehn, kramte da seine affenmäßige Weisheit aus, lernte bald den Ton der sogenannten großen Welt, spielte Kartenspiele mit Feinheit und Begierde, sah, wenn er konnte, seinem Nachbar in die Karte, gab, wenn er gewann, von dem Gewinnste dem ersten Armen, der ihm in Gegenwart andrer Leute begegnete, seinen Antheil, ließ sich von dem Reste ein Gebethbuch in schönen Saffian einbinden und war allgemein geehrt und geliebt. Ludwig hingegen konnte sich durchaus nicht an den Schulzwang und an die falsche Frömmigkeit gewöhnen; und als er einmal bey einer Gelegenheit die Lehrer und seinen Bruder ein Pack Scheinheilige genannt hatte und deswegen gezüchtigt werden sollte, entwischte er, nahm seinen Hut, ließ alle seine Sachen zurück und lief, ohne einen Heller Geld zu haben, fort in Gottes weite Welt hinein.

Nachdem er, ohne sich umzusehn, lange so fortgegangen war, wendete er sich, ermüdet vom Gehn und hungrig, an einen Dorfpfarrer, sechs Stunden von Closter Bergen, und erzählte ihm, voll Zutrauen zu seiner Redlichkeit und Menschenliebe, seine Geschichte. Der Herr Pastor zuckte die Achseln, erkundigte sich nach des Vaters Vermögensumständen und schickte darauf zu dem Herrn Amtmann, welcher den armen Jungen in Verhaft nehmen ließ, an den alten Reyerberg schrieb und, nach Erstattung aller Unkosten, demselben seinen Sohn auslieferte. Der Herr Hauptmann wüthete wie ein Türke, fragte alle Geistlichen der Nachbarschaft um Rath, was nun zu thun sey, und der allgemeine Schluß fiel dahin aus, den ungerathenen Buben zur Züchtigung eine Zeitlang die Muskete tragen zu lassen. Hiervon wurde kaum meinem gestrengen Herrn Lieutenant ein Wink gegeben, als er den jungen Menschen durch einen Unterofficier abholen ließ, für ihn bestens zu sorgen versprach; und so hatte mich denn auf einmal das Schicksal wieder mit meinem Jugendfreunde vereinigt.

Es ist gewiß eine sehr falsche Curart, einen Jüngling, der unsittlich lebt, zur Strafe mit Menschen umgehn zu lassen, die noch schlechtere Sitten haben. Viel besser ist es, dem Ehrgeize eines Solchen dadurch einen neuen Sporn zu geben, daß man ihn mit Leuten in Verbindung bringe, die gleiche Talente, gleiche Erziehung mit ihm genossen haben, ihn aber an Tugend, Klugheit im Umgange und Aufmerksamkeit auf sich selbst übertreffen. Von dieser Behandlungsart habe ich oft, von jener aber noch nie gute Folgen gesehn, welches denn auch bey dem jungen Reyerberg eintraf. Er fing nun an, aus einer Art von Verzweiflung so liederlich zu werden, daß er täglich tiefer in seinen und andrer Leute Augen sank. Da meine Gesellschaft sein einziger Trost war, erweckte mich bald sein Mißmuth aus meiner Schlafsucht; zugleich zog er mich aber auch in diejenige Lebensart mit hin, welcher er sich ergeben hatte, um sich gegen sein Schicksal durch Übertäubung zu waffnen.

Ich hatte noch einige Louisd'or von meinem Lotteriegewinnste und dem mir aufgedrungnen Handgelde übrig, und Ludwig bekam theils zuweilen etwas von unserm Herrn Lieutenant vorgestreckt, theils, weil man seine Geschichte wußte und glauben mochte, sein Vater werde ihn nicht lange in diesem Zustande lassen, fand er auch Leute, die ihm Credit gaben.

Bey demselben Regimente diente ein Mann von etwa vierunddreyßig Jahren, der elf Jahre des Studierens wegen auf Universitäten gewesen, seiner wilden Aufführung und Schlägereyen halber aber aus Göttingen, Jena und Halle fortgeschickt worden, hernach in österreichsche Dienste gegangen, dort desertiert und nun zu den *** übergegangen war. Dieser hieß Haudritz, war der ungerathne Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Kleve, ein Mensch voll Talente, voll Genie, aber ein durchtriebner Bösewicht, von Grund aus verderbt, ohne Gefühl und also beynahe keiner Besserung fähig. In dieses gefährlichen Menschen Klauen geriethen wir. Er merkte, daß wir ein bißchen Geld hatten, und zehrte also mit uns. Die Annehmlichkeit seines Umgangs, der durch die Erfahrungen aus den mannigfaltigen Lagen, darin er gelebt hatte, interessant wurde, zog uns in seine Schlinge. Unser Kleeblatt schloß sich nun fest aneinander; wir begingen so viel böse Streiche und lebten (insofern es die militairische Zucht zuließ) so lange ausschweifend und wild, bis keiner mehr weder Geld noch Credit hatte. Herr von Redmer hätte bessere Aufsicht auf uns haben sollen, allein der war mit andern Dingen beschäftigt, lief zu den Damen, spielte den Stutzer, trug seine Weisheit in alle Gesellschaften umher, wo er sie an den Mann bringen konnte, und bekümmerte sich wenig um uns, bis wir endlich, wegen kleiner, kürzlich verübten Bubenstücke an einem Commissair, alle Drey auf acht Tage in Arrest kamen.


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