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XI. Kapitel

Als Gyp das Bewußtsein wiedererlangte, lag sie im Bett, und ihre erste schlaftrunkene Bewegung galt ihrem Gefährten. Mit geschlossenen Augen wandte sie sich um, wie es ihre Gewohnheit war, um ihn zu berühren, ehe sie wieder einschlief. Sie fühlte keine Wärme, nichts Körperliches, in ihren noch morphiumverwirrten Geist drang der verschwommene, einsame Gedanke: Ach ja, er ist in London! Sie legte sich auf den Rücken. London? Dort war doch etwas? Sie öffnete die Augen. Hatte das Feuer die ganze Nacht gebrannt? Dort saß jemand – oder träumte sie? Und plötzlich, ohne zu wissen weshalb, begann sie halb schluchzend zu keuchen. Die Gestalt rührte sich, der Flammenschein fiel auf ihr Gesicht. Betty! Gyp schloß die Augen. Kalter Schweiß brach aus ihren Poren. »Betty!«

»Ja, mein Liebling.«

»Was ist geschehen?«

»Nicht nachdenken, nicht nachdenken. Gleich wird Ihr Väterchen hier sein, Süße.«

Gyps Augen schweiften vom Feuer und der schwankenden Gestalt zu dem schwachen Schimmer, der durch den Fenstervorhang sickerte, und noch kein eigentliches Licht war. Sie befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge, kreuzte unter der Decke krampfhaft die Hände über dem Herzen. Sie war also nicht mit ihm gestorben! War nicht mit ihm in die Erde zurückgekehrt, nicht … Jählings schoß in ihr eine Flamme auf. Die anderen zwingen sie, am Leben zu bleiben. Gott verdamme sie!

»Betty, ich bin so durstig. Bring mir eine Tasse Tee.«

»Ja, Liebste, sofort. Er wird Ihnen gut tun. Sie sind ein tapferes Mädchen.«

Kaum hatte sie die Tür geschlossen, sprang Gyp aus dem Bett. Sie stürzte zum Schrank, nahm ihren langen Pelzmantel heraus, schlüpfte mit den bloßen Füßen in Pantoffel, warf ein Spitzentuch über den Kopf und öffnete die Tür. Alles war dunkel und still. Sie hielt den Atem an, huschte lautlos die Treppe hinunter, öffnete die Haustür und glitt hinaus. Gleich einem Schatten eilte sie über den Rasen, durch das Gartentor, auf die Landstraße, unter die schwarzen, tropfenden Bäume. Die Morgendämmerung vermischte ihr fahles Grau mit der Nacht. Gyp konnte ihre Füße zwischen den Pfützen sehen. Sie hörte das Surren und Rattern eines Autos und verbarg sich hinter der Hecke. Das Licht strömte über die Straße, erhellte plötzlich Büsche und Baumstämme, ließ die feuchte Landstraße erglänzen. Gyp sah, wie der Chauffeur den Kopf nach ihr wandte, dann verschwand das Auto in der Dunkelheit, auch die Schlußlaterne tauchte unter. Sie fuhren nach dem roten Haus, vielleicht war es ihr Vater, der Arzt, irgend jemand, der sie zum Leben zwingen wollte. Sie rannte weiter. Ein Mann und ein Hund kamen aus einem Tor, der Mann rief: »Hallo!« Sie hatte ihre Pantoffel verloren, lief barfuß weiter, achtete nicht der Steine und der abgerissenen Zweige, strebte dem Pfad zu, der nach dem Fluß führte, links vom Gasthaus, dort, wo freies Ufer war.

Schon konnte sie im schwachen Licht die Weiden unterscheiden, etwa hundert Yards entfernt das helle Grau des Flusses. Der Fluß, der ihr die glücklichsten Stunden ihres Lebens zurückrief. Wenn er noch irgendwo ist, so wird sie ihn dort finden, dort, wo sein Kopf an ihrer Brust gelegen, wo sie geträumt, Schönheit gesehen, ihn so geliebt hatte. Sie erreichte das Ufer. Kalt, grau und schweigend, reißender als gestern, strömte der Fluß dahin, sein fernes Ufer leuchtete allmählich auf, im ersten Morgengrauen. Gyp verharrte reglos, keuchte nach dem langen Lauf, ihre Knie zitterten, gaben nach. Sie sank aufs nasse Gras, schlang die Arme um die Knie, wiegte sich hin und her, das offene Haar fiel ihr übers Gesicht. Sie vermeinte zu ersticken. Sie saß – wartete, daß ihr der Atem wiederkomme – Atem und Kraft, um das Leben fortzuwerfen, sich in das graue Wasser sinken zu lassen. Und die seltsame Loslösung von der eigenen Persönlichkeit – eine Begleiterscheinung hohen Fiebers – überkam sie, so daß sie glaubte, sich selbst hier wartend, sitzen zu sehen. Sie dachte: ich werde mich tot sehen, zwischen dem Schilf treibend. Ich werde sehen, wie über mir die Vögel staunen. Und plötzlich brach sie in wildes Schluchzen aus. Ihr Junge, ihr Junge, und sein armes Haar! Schwankend fiel sie aufs Gesicht, klammerte sich an die Erde und das nasse Gras.

Die Sonne warf einen blassen Streifen über das Wasser. Ein Rotkehlchen zwitscherte, ein Blatt fiel auf Gyps nackten Fuß.

Winton, der am Sonnabend in Mildenham zur Jagd gewesen war, hatte London am Sonntag mit dem Abendzug erreicht und sich sogleich in seinen Klub begeben, um zu soupieren. Er schlief über seiner Zigarre ein und mußte geweckt werden, als der Klub für die Nacht geschlossen wurde. Er kehrte erst gegen zwei Uhr heim und fand ein Telegramm vor.

»Herrn Summerhay ist etwas Furchtbares zugestoßen. Kommen Sie sofort. – Betty.«

Nie hatte er so den Verlust seiner Hand verflucht wie in den folgenden Stunden, da ihn Markey ankleiden, seine Sachen packen und ein Auto holen mußte. Um halb vier machten sie sich auf den Weg. Während der ganzen Fahrt saß Winton vorgebeugt neben dem Chauffeur, um ihm den rechten Weg zu weisen. Es war eine stürmische Nacht, und er wollte nicht, daß Markey, der eine schwache Brust hatte, vorne saß und als Führer diene. Zweimal hatte der Schweigsame gesprochen:

»Das wird für Fräulein Gyp schrecklich sein, Herr.«

»Ja, sehr schrecklich.«

Und etwas später: »Glauben Sie, Herr, daß er tot ist?«

»Gott weiß, Markey, – wir müssen das Beste hoffen.«

Konnte das Schicksal so grausam sein, ihr, die so weich und anschmiegend ist, einen derartigen Schlag zu versetzen?

Betty und ein Stubenmädchen standen in der Dämmerung am Gartentor, rangen die Hände. Er sprang aus dem Auto, rief: »Was ist geschehen, Frau? Schnell!«

»O Herr! Meine Gyp, sie ist fort. Ich ließ sie einen Augenblick allein, um Tee zu holen, – da, sie ist in die Kälte hinausgelaufen.«

Winton stand zwei Sekunden wie erstarrt. Dann packte er Betty an der Schulter und fragte ruhig: »Was ist ihm geschehen?«

Betty brachte kein Wort hervor, das Stubenmädchen sagte: »Das Pferd hat ihn bei der Ruine getötet, Herr, in der ›Wildnis‹. Die gnädige Frau war bis vor einer Viertelstunde bewußtlos.«

»In welche Richtung ist sie gegangen?«

»Hier hinaus, die Haustür und das Gartentor standen offen, doch wissen wir nicht, wohin.«

Der Fluß!

»Umkehren! Bleiben Sie im Auto, Markey. Betty und Sie, Mädchen, gehen sofort in die ›Wildnis‹, suchen Sie dort. Ja, was gibt's?«

»Als wir den Hügel herauffuhren, Herr, sah ich eine Dame oder jemand in einem langen dunklen Mantel mit etwas Weißem auf dem Kopf an der Hecke lehnen.«

»Gut. Fahren Sie dorthin, machen Sie Ihre Augen ordentlich auf!«

In solchen Augenblicken ist es unmöglich, zu denken. Doch bedurfte es auch keines weiteren Denkens. Die Gärten der Villen und des Gasthauses schlössen den Fluß bis auf eine einzige Stelle ein. Winton ließ das Auto halten, wo der schmale Pfad abzweigte, und begann zu laufen. Er lief stumm den grasigen Saum entlang, von Markey gefolgt. Als er ein dunkles Etwas am Ufer liegen sah, durchlitt er einen Augenblick tiefster Qual; er dachte, es wäre ein fortgeworfenes Kleidungsstück. Dann sah er, daß es sich bewegte. Er befahl Markey durch eine Handbewegung, stehenzubleiben, und schlich leise durch das Gras. Vorsichtig kniete er sich zwischen die liegende Gestalt und den Fluß und sagte:

»Mein Liebling!«

Gyp hob den Kopf und starrte ihn an. Ihr weißes Gesicht, mit den unnatürlich dunklen und großen Augen, dem herabfallenden Haar erschien ihm fremd, – das verkörperte Leid. Er wußte nicht, wie er trösten, wie er helfen sollte. Er sah in ihren Augen den Blick des wilden Tieres, das sich gefangen weiß, und der Instinkt ließ ihn sagen: »Ich habe sie auf ebenso grausame Weise verloren, Gyp.«

Er sah, wie die Worte ihr Gehirn erreichten; der wilde Blick wurde unsicher. Er streckte den Arm aus, zog sie näher an sich, bis ihre Wange die seine berührte, ihr bebender Körper dicht an dem seinen lag, flüsterte: »Mir zulieb, Gyp, mir zulieb!«

Nachdem er sie mit Markeys Hilfe in das Auto getragen hatte, brachte er sie nicht heim, sondern in das Gasthaus. Sie hatte hohes Fieber, phantasierte. Um die Mittagszeit trafen Tante Rosamunde und Frau Markey – durch ein Telegramm verständigt – ein. Winton nahm alle Zimmer im Gasthaus, damit Gyp durch keinen Lärm gestört würde.

Um fünf Uhr wurde Winton in das kleine Lesezimmer gerufen. Eine hochgewachsene Frau stand am Fenster, beschattete die Augen mit der behandschuhten Hand. Obwohl sie so viele Jahre nur zehn Meilen voneinander gelebt hatten, kannte er Lady Summerhay nur vom Sehen; er wartete, daß sie zu sprechen beginne.

»Ich habe nichts zu sagen; nur … ich mußte Sie sehen. Wie geht es ihr?«

»Sie deliriert.«

»Mein armer Junge! Haben Sie seine – seine Stirn gesehen?« Ihre Lippen bebten. »Ich werde ihn nach Hause bringen.« Langsam flossen unter dem Schleier die Tränen über ihr Gesicht. Sie wandte sich zum Fenster, wischte sich mit dem Taschentuch unter dem Schleier die Augen. Winton starrte auf den dunkelnden Rasenplatz hinaus. »Ich werde Ihnen alles schicken, außer – außer Dingen, die meiner armen Tochter ein Trost sein könnten.«

Sie wandte sich um. »Nun hat es so geendet! Major Winton, steckt nichts dahinter? Waren sie wirklich glücklich?«

Winton sah ihr gerade in die Augen und erwiderte: »Zu glücklich.«

Ohne mit der Wimper zu zucken, begegnete er ihren tränenschweren, weit geöffneten Augen, die sich forschend auf ihn hefteten. Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich dann ab, zog den Schleier herunter und eilte fort.

Es war nicht wahr, – er hatte es aus Gyps Fieberworten erfahren, – doch durfte es niemand, nicht einmal Summerhays Mutter, wissen.

In den folgenden Tagen, da Gyp, ohne Bewußtsein, zwischen Leben und Tod schwebte, verließ Winton fast nie ihr Zimmer, das niedrige Zimmer mit den umwachsenen Fenstern, von denen aus man den Fluß sehen konnte, schimmernd im blassen Novembersonnenschein, oder schwarz unter den Sternen. Winton pflegte wie gebannt das Wasser zu betrachten. Er hatte sie wie durch ein Wunder dem Fluß entrissen.

Er weigerte sich, eine Pflegerin zu nehmen. Tante Rosamunde und Frau Markey verstanden sich auf die Pflege, und er ertrug den Gedanken nicht, daß eine Fremde Gyps Fiebergemurmel lauschte. Sein Teil beschränkte sich darauf, neben ihr zu sitzen, ihre Geheimnisse vor den anderen zu hüten – soweit er es konnte. Stundenlang saß er am Bett, die Augen auf ihr Gesicht gerichtet. Keiner verstand es so gut wie er, ihr den Faden des Alltäglichen hinzuhalten, an dem Fieberkranke sich, ohne es zu wissen, aus dem dunklen Labyrinth zurückzutasten vermögen.

Er war erstaunt über die große Anzahl Leute, die sich erkundigen kamen; selbst jene, die er für Feinde gehalten hatte, gaben Karten ab oder schickten ihre Diener. Die kleinen Leute jedoch rührten ihn am meisten durch ihre ehrliche Sorge um sie, deren Anmut und Weichheit ihre Herzen gewonnen hatte. Eines Morgens erhielt er einen Brief, der ihm aus der Bury-Straße nachgeschickt worden war.

»Lieber Major Winton!

Ich habe in der Zeitung den Tod des armen Herrn Summerhay gelesen. Und, oh, es tut mir so furchtbar leid um sie. Sie war so gut zu mir, ich fühle tief mit ihr. Sagen Sie ihr, bitte, wie sehr wir alle mit ihr fühlen! Es ist zu grausam.

Ihre ergebene
Daphne Wing.«

Sie kannten also Summerhays Namen, – das kam ihm unerwartet. Er beantwortete den Brief nicht, wußte nicht, was er schreiben sollte.

Bisweilen hielt er sich die Ohren zu, um der Qual zu entgehen, von der er zu ahnen begann. Die letzte Tragödie schien ihr Geist nicht erfaßt zu haben, denn ihre Lippen sprachen immer nur von ihrer Liebe, von der Angst, die seine zu verlieren. Manchmal lachte sie leise, es klang unheimlich und fremd, oder wie ein Aufblitzen vollkommenen Glückes. Dieses Lachen war für ihn das Ärgste. Doch fand er einen gewissen schaurigen Trost in der Erkenntnis, die ihm allmählich aufgezwungen wurde: Summerhays tragischer Tod hatte einer Situation ein Ende gemacht, die noch tragischer hätte werden können. Eines Nachts, im großen Lehnstuhl an ihrem Bett sitzend, bemerkte er, daß Gyps Augen auf ihn geheftet waren. Sie sahen, waren wieder ihre Augen. Ihre Lippen bewegten sich,

»Väterchen.«

»Ja, mein Herz.«

»Ich erinnere mich an alles.«

Bei diesen furchtbaren Worten neigte Winton sich vor und küßte ihre Hand, die auf der Decke lag.

»Wo ist er begraben?«

»In Widrington.«

»Ja.«

Es war mehr ein Seufzer als ein Wort. Als Winton den Kopf hob, sah er, daß ihre Augen sich wieder geschlossen hatten. Die durchsichtige Weiße ihrer Wangen und der Stirn gegen das dunkle Haar und die dunklen Wimpern wirkten fast erschreckend. War das ein lebendiges Gesicht oder war es die Schönheit des Todes?

Er beugte sich über sie, – sie atmete, schlief.


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