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II. Kapitel

Gyp war viel zu stolz, um halb zu geben, und in diesen ersten Tagen gab sie Fiorsen alles – bis auf ihr Herz. Sie hatte den innigen Wunsch, ihm auch dies zu schenken, doch kann sich ein Herz nur selbst geben. Vielleicht wäre ihr Herz mit ihren Lippen gegangen, wenn nicht das Animalische in ihm, durch den Besitz ihrer Schönheit zur Raserei gebracht, das Geistige völlig verdrängt hätte. Er wußte, daß er ihr Herz nicht besitze und schlug, seiner Wildheit und der natürlichen Verderbtheit des Menschen gemäß, einen falschen Weg ein, wollte sie durch die Sinne statt durch die Seele erobern.

Doch war sie trotzdem nicht unglücklich, es quälte sie nur ein Gefühl, als ob sie nach etwas greife, das ihr immer wieder und wieder entglitt. Wenn er ihr vorspielte, wenn der vergeistigte Ausdruck auf seinem Gesicht erschien, dachte sie: nun werde ich ihm sicherlich ganz nahekommen! Doch bald entschwand dieser Ausdruck, sie verstand es nicht, ihn festzuhalten, und mit ihm schwand auch ihr Gefühl.

Ihre Zimmer lagen in einem abgelegenen Flügel des Hotels, damit er ungestört spielen könne, soviel er wolle. Während er am Morgen übte, pflegte sie in den Garten zu gehen, der terrassenförmig zum Meer abfiel. Dort saß sie, in Pelze gehüllt, ein Buch in der Hand. Bald kannte sie jedes Immergrün, jede Blume, die aufzukeimen begann, Steinlorbeer und Aubretia, eine kleine weiße. Blüte, deren Namen sie nicht wußte, eine Sternblume. Die Luft war meist milde, die Vögel sangen bereits, dachten an Hochzeit, und bisweilen kam in ihr Herz der Frühling – das wundervolle Gefühl, wenn das ganze Wesen das neu erwachende Leben ahnt, das sich in Erde und Wind vorbereitet – das Gefühl des Vorfrühlings. Oft flogen Möwen über sie dahin, rissen gierig die Schnäbel auf, schrien wie miauende junge Katzen.

Sie erkannte nicht, wie sehr sie sich in diesen wenigen Tagen entwickelt hatte, wie laut bereits der Baß in ihre Lebensmelodie mit einstimmte. Das Zusammenleben mit Fiorsen öffnete ihr nicht nur über die männliche Natur die Augen, ihre verhängnisvolle Aufnahmefähigkeit ließ sie allmählich von seiner Philosophie durchtränkt werden. Er befand sich in steter Opposition gegen alles, war jedoch, wie die meisten ausübenden Künstler, kein kritischer Kopf, nur einer, der sich instinktiv wider den Stachel auflehnte. Er vermochte sich vor Entzücken zu verlieren über einen Sonnenuntergang, einen Duft, eine Melodie, eine neue Liebkosung; ein stürmisches Mitleid erfaßte ihn mit einem Bettler, einem Blinden, und jählings konnte ihn wilder Haß gegen einen großfüßigen oder großnasigen Mann, gegen eine flachbrüstige oder frömmelnde Frau packen. Wenn er ging, so raste er entweder mit großen Schritten dahin oder schlich unsäglich langsam; er sang und lachte, brachte Gyp zum Lachen, bis die Seiten sie schmerzten, eine halbe Stunde später saß er wortlos da, starrte wie in eine dunkle Grube, sein ganzes Ich in Düsterheit versunken. Unbewußt nahm auch sie an diesem tiefen Rausch der Gefühle teil, doch blieb er bei ihr stets anmutig, zartfühlend; sie verlor nie die Achtung vor dem Gefühl der anderen.

In seinen Liebesentzückungen kam er oft der Grenze nahe, die ihren Nerven peinlich gewesen wäre, doch überschritt er sie nicht, weil es ihm stets gelang, sie seine Anbetung ihrer Schönheit empfinden zu lassen; außerdem hinderte sie das stete Bewußtsein, nicht zu den ehrbaren und ordentlichen Leuten zu gehören, wie sie einst dem Vater erklärt hatte, chokiert zu sein. In anderen Dingen freilich chokierte er sie. Sie konnte sich nicht an seine völlige Rücksichtslosigkeit gegen die Gefühle anderer gewöhnen, an die wilde Verachtung, mit der er Leute betrachtete, die ihm auf die Nerven gingen, und sie mit halblauten Bemerkungen bedachte, wie er es einst, da er mit Graf Rosek am Schillerdenkmal vorbeigegangen, bei ihrem eigenen Vater getan. Wenn er solche Bemerkungen machte, wich sie sichtlich zurück, obschon diese bisweilen so komisch waren, daß sie lachen mußte. Sie fühlte, daß ihn ihr Zurückweichen reize, doch schien es ihn nur noch mehr anzustacheln. Einmal stand sie auf und ging fort. Er folgte ihr, setzte sich neben sie auf den Boden, schob seinen Kopf unter ihre Hand wie eine große Katze.

»Verzeih mir, meine Gyp; aber sie sind solche Bestien. Wer könnte anders handeln? Sag mir, wer könnte es – außer meiner Gyp?« Und sie mußte ihm vergeben. Eines Abends jedoch, während des Diners, da er tatsächlich zu weit gegangen war, erwiderte sie ihm:

»Nein, ich kann es nicht verzeihen. Du bist die Bestie.«

Er schnellte auf; Wut und Traurigkeit lagen auf seinem Gesicht, als er das Zimmer verließ. Es war das erstemal, daß er ihr gegenüber Zorn zeigte. Gyp saß am Kamin, sehr betrübt, hauptsächlich deshalb, weil sie nicht trauriger darüber war, ihm weh getan zu haben. Sie müßte doch darüber verzweifelt sein!

Als er jedoch um zehn Uhr noch nicht zurück war, wurde sie allen Ernstes besorgt. Sie hatte etwas Entsetzliches gesagt. Und doch vermochte sie in ihrem Herzen das Urteil nicht zurückzunehmen. Es war das erstemal, daß sie gegen das anging, was Winton seine »unmöglichen Manieren« genannt haben würde. Niemals hätte ein Engländer sie anzuziehen vermocht, der derart auf den Gefühlen anderer Leute herumtrampelte. Was hatte sie denn eigentlich an ihm angezogen? Seine Seltsamkeit, seine Wildheit, das Hypnotische seiner Leidenschaft, seine Musik! Diese konnte nichts vernichten. Der Schwung, das Brausen, das Seufzen seines Spiels glich dem Meere dort draußen, dunkel und gischtumbrandet, gegen die Felsen schlagend, oder dem tieffarbigen Meere der Tageshelle, über das weiße Möwen segeln, oder der geheimnisvollen, lächelnden, schweigenden See, die ihre unergründliche Rastlosigkeit bezähmt, lauernd, bis sie wieder aufspringt und gischtet. Die Musik war es, was sie von ihm verlangte – nicht seine Umarmungen, nicht einmal seine Anbetung, seinen Witz, seine eigenartige, katzenhafte Schönheit, nein, nur das, was durch seine Finger aus seiner Seele strömte und an ihrer Seele riß. Wenn sie bei seiner Rückkehr ihm entgegenliefe, die Arme um seinen Hals schlänge, seine Nähe erzwänge, sich an ihn verlöre! Weshalb nicht? Es ist doch ihre Pflicht; und warum nicht auch ihre Freude? Ein Instinkt, zu tief, um analysiert zu werden; etwas im Innersten ihrer Nerven ließ sie zurückschrecken, als habe sie Angst, fürchte, sich gehen zu lassen, zu lieben – der Trieb der Selbsterhaltung gegen etwas Unerbittliches, etwas, das sie von sich selbst fortführt – ja, dieses Gefühl glich dem seltsamen triebhaften Zurückweichen vor einem Abgrund, der Furcht, zu nahe an ihn heranzutreten, um nicht unwiderstehlich hinabgerissen zu werden.

Sie betrat das Schlafzimmer. Schlafen zu gehen, ohne zu wissen, wo er war, was er trieb, was er dachte, erschien ihr bereits fast unmöglich; sie saß vor dem Spiegel, bürstete langsam das Haar mit der silbernen Bürste, starrte auf ihr blasses Gesicht, die unheimlich großen und dunklen Augen. Schließlich fühlte sie: ich kann da nichts tun! Es ist mir einerlei! Sie legte sich ins Bett, verlöschte das Licht. Alles erschien ihr merkwürdig und seltsam; das Feuer war ausgegangen. Dann jedoch schlief sie rasch ein.

Sie träumte, daß sie mit ihrem Vater und mit Fiorsen in einem Eisenbahnwagen am Ufer des Meeres war, das Wasser stieg höher und höher, gischtete und stöhnte. Sie erwachte; es war ihre Eigenart, gleich einem Hund sofort zu klarem Bewußtsein zu erwachen, und sie wußte, daß er nebenan im Wohnzimmer Geige spiele. Jetzt, mitten in der Nacht! Sie lag still, der zitternden, ruhelosen Melodie lauschend. Zweimal war sie halb aus dem Bett gesprungen, doch war es, als wollte das Schicksal sie zurückhalten; jedesmal war drüben der Ton angeschwollen, und sie mußte denken: nein, ich kann nicht. Es ist ja wieder das gleiche, es liegt ihm gar nichts daran, wie viele Leute er aufweckt. Er tut, was ihm gefällt, kümmert sich um niemanden. Die Ohren mit den Händen deckend, lag sie reglos.

Als sie nach langer Zeit die Hände von den Ohren fortzog, hatte er zu spielen aufgehört. Dann vernahm sie seine Schritte und tat, als ob sie schliefe. Am nächsten Morgen schien er alles vergessen zu haben, – doch das war bei Gyp nicht der Fall. Sie hätte gerne gewußt, was er am Abend empfunden hatte, wohin er gegangen war, aber ihr Stolz hinderte sie daran, ihn zu fragen.

In der ersten Woche hatte sie dem Vater zweimal geschrieben, später sandte sie nur hin und wieder eine Postkarte. Weshalb sollte sie ihm erzählen, was sie in der Gesellschaft eines Menschen trieb, den er nicht ausstehen konnte? Hatte er recht gehabt? Dies zuzugeben, wäre ihrem Stolz allzu schmerzlich gewesen, doch fing sie an, sich nach London zu sehnen. Der Gedanke an ihr Haus war wie eine Oase in der Öde. Hatten sie sich einmal eingerichtet, konnten sie nach ihrem Belieben leben, ohne fürchten zu müssen, die Gefühle anderer zu verletzen, so würde vielleicht doch noch alles gut werden. Wenn er sich ernstlich an die Arbeit macht, sie ihm dabei hilft, dann wird alles anders sein. In ihrem neuen Garten werden bald die Obstbäume in Blüte stehen, sie wird Hunde und Katzen haben. Wenn Väterchen zur Stadt kommt, kann sie wieder reiten. Auch Tante Rosamunde wird sie besuchen, und andere Freunde werden sich einfinden, es wird Musik geben, vielleicht auch Tanz – er tanzte wundervoll. Und dann seine Konzerte – das Glück, an seinem Erfolg teilzuhaben! Vor allem aber die Freude daran, das neue Heim so schön wie möglich zu machen, kühne Experimente in Form und Farbe anzustellen. In ihrem Innern aber wußte sie, daß dieses In-die-Zukunft-blicken ein schlechtes Zeichen sei.

An einer Sache fand sie auch hier viel Vergnügen – am Segeln. Es gab blaue Tage, an denen die Märzsonne warm leuchtete und die Brise stark genug war. Er vertrug sich ausgezeichnet mit dem alten Seebären, in dessen Boot sie fuhren, zeigte sich überhaupt von seiner besten Seite im Verkehr mit einfachen Leuten.

In solchen Stunden kam Gyp ein romantisches Gefühl. Das Meer war so blau und die noch kahl aufragenden Bäume der Küste so traumhaft in dem hellen Nebeldunst. Des alten Seebären nicht achtend, legte er oft den Arm um sie, und sie war dankbar, daß sie sich ihm geistig so nahe fühlte. Sie bemühte sich redlich, ihn zu verstehen, in diesen Wochen, die trotzdem eine gewisse Enttäuschung mit sich brachten. Das sinnliche Moment in der Ehe störte sie nicht; empfand sie auch keine Leidenschaft, so wurde sie doch von der seinen nicht abgestoßen. Das störende Element lag tiefer, – war das Gefühl einer unüberbrückbaren Kluft, und das instinktive Zurückschrecken, die Angst, sich gehen zu lassen. Sie vermochte nicht, sich ihm zu offenbaren, konnte aber auch ihn nicht kennenlernen. Weshalb hafteten seine Augen so oft stier an ihr und schienen sie dennoch nicht zu sehen? Weshalb verfiel er mitten im ernsten Spiel in eine zornige oder trostlose Melodie oder ließ die Geige sinken? Was war der Grund dieser Stunden tiefster Verstimmung, die auf tolle Fröhlichkeit folgten? Vor allem aber, was für Träume bewegten ihn in den seltenen Augenblicken, da die Musik sein seltsames blasses Gesicht verklärte? Oder war dies eine physische Illusion – waren ihm Träume unbekannt? Das Herz des anderen ist ein dunkler Wald – außer für den, der liebt.

Eines Morgens hielt er ihr einen Brief hin.

»Da – lies! Paul Rosek hat unser Haus besichtigt und nennt es ein niedliches Turteltaubennest.«

Die Erinnerung an das sphinxartige, süßliche Gesicht seines Freundes, an die Augen, die so viele Geheimnisse zu kennen schienen, berührte Gyp immer unangenehm. Sie fragte still:

»Weshalb kannst du ihn eigentlich leiden, Gustav?«

»Ach, er ist zu allerlei zu gebrauchen, versteht sich auf Musik – und noch auf vieles andere.«

»Ich finde ihn abscheulich.«

Fiorsen lachte. »Abscheulich? Weshalb, meine Gyp? Er ist ein guter Freund. Und er bewundert dich – oh, er bewundert dich sehr. Il dit qu'il a une technique merveilleuse mit Frauen.«

Gyp lachte. »Auf mich wirkt er wie eine Kröte.«

»Ah, das werde ich ihm erzählen, er wird sehr geschmeichelt sein.«

»Wenn du das tust …«

Er sprang auf, nahm sie in die Arme, sein Gesicht drückte so drollige Reue aus, daß sie sich sofort besänftigen ließ. Nachher überlegte sie ihre Worte und bedauerte sie. Trotzdem hielt sie Rosek für einen hinterlistigen, kalten Genußmenschen. Der Gedanke, daß er ihr kleines Heim ausspionierte, verdarb ihr die Freude daran.

Drei Tage später reisten sie in die Stadt zurück. Während der Taxameter an dem Lords-Cricket-Platz vorüberfuhr, ließ Gyp ihre Hand in die Fiorsens gleiten. Sie fühlte eine heftige Erregung. In den Gärten knospten die Bäume, die Mandelblüten schimmerten bereits ein wenig. Nun bogen sie in die Straße ein. Fünf, sieben, neun – dreizehn. Zwei Häuser noch! Da ist es, auf dem grünen Zaun steht in weißen Ziffern Nummer neunzehn, die Fliederbüsche tragen kleine Knospen, und auch hier blühen schon die Mandelbäume. Sie konnte über das hohe Gitter gerade noch das niedrige weiße Haus mit seinen grünen Jalousien sehen. Als sie aus dem Wagen sprang, fiel sie fast Betty in die Arme, die über das ganze breite, gerötete Gesicht lächelte und unter jedem Arm einen kleinen schwarzen Kopf hielt, mit aufrechtstehenden Ohren, diamantklaren Augen.

»Betty! Oh, die lieben Tierchen!«

»Ein Geschenk von Herrn Major Winton, liebste … gnädige Frau!«

Hastig die breiten Schultern umarmend, packte Gyp die Scotch-Terriers und lief auf das Haus zu; die jungen Hündchen, die sie fest gegen ihre Brust preßte, gaben leise Laute von sich, leckten ihr Nase und Ohren. Durch die viereckige Halle lief sie in den Salon, dessen Fenster auf einen Rasenplatz hinausgingen, und betrachtete das schön eingerichtete Zimmer, in dem allerdings alles auf dem falschen Fleck stand. Die Farben, weiß und ebenholzschwarz, machten sich sogar noch besser, als sie gehofft hatte. Draußen im Garten – in ihrem Garten – waren die Birnbäume voller Knospen, blühten aber noch nicht, in den Beeten leuchteten einige Narzissen, auf dem Magnolienbaum hatte sich eine Knospe schon entfaltet.

Die ganze Zeit über drückte sie die Hündchen an sich, freute sich an ihrem warmen, reinen, haarigen Tiergeruch. Dann lief sie aus dem Salon, eilte die Treppen hinauf. Oh, wie gut war es, im eigenen Heim zu sein, zu … Plötzlich fühlte sie sich, von rückwärts festgehalten, vom Boden aufgehoben; in dieser würdelosen Stellung wandte sie, mit flatternden Augen, den Kopf, bis er ihre Lippen berühren konnte.


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