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VIII. Kapitel

Gyp verbrachte eine schlaflose Nacht. Die Frage, ob sie Fiorsen alles sagen solle, verwirrte ihre Gedanken. Wird er sich scheiden lassen, wenn sie es tut? Seine Verachtung für das, was er die »Bourgeoismoral« nannte, seine Unbeständigkeit, das Peinliche, seine Eitelkeit Verletzende des Falles wird ihn daran hindern. Nein, er wird sich nicht scheiden lassen, dessen war sie gewiß, es sei denn, er verlangte selbst nach legaler Freiheit, und das war äußerst unwahrscheinlich. Was würde sie also durch ein Bekenntnis erreichen? Durfte sie ihr Gewissen beruhigen, wenn dadurch der Geliebte geschädigt wurde? Und war es nicht beinahe lächerlich, einem Menschen gegenüber von Gewissen zu reden, der im ersten Jahr der Ehe eine Mätresse genommen, nicht einmal das Heim, das seine Frau bezahlte und erhielt, geschont hatte? Nein, wenn sie es Fiorsen sagte, so geschah dies nur um ihres Stolzes willen, der darunter litt, daß sie etwas tat, was sie verheimlichen mußte.

Sie kam zum Frühstück, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben. Weder sie noch Winton berührten das Gespräch vom vergangenen Abend, und Gyp ging in ihr Zimmer zurück, um sich nach all den ländlichen Wochen wieder um ihre Toiletten zu kümmern. Um die Mittagszeit vernahm sie ein gedämpftes Pochen an der Tür, sie öffnete, Markey stand draußen. »Entschuldigen Sie, gnädige Frau.«

Gyp rief Markey herein und schloß die Tür.

»Herr Fiorsen, gnädige Frau, in der Halle, – schlüpfte an mir vorbei, als ich die Tür öffnete. Ich hätte seinen Eintritt nur durch einen Stoß verhindern können.«

»Ist mein Vater daheim?«

»Nein, gnädige Frau, der Major ist in den Fechtklub gegangen.«

»Was haben Sie gesagt?«

»Daß ich nachsehen würde, – soviel ich wisse, sei niemand zu Hause. Soll ich versuchen, ihn fortzubekommen, gnädige Frau?«

Gyp schüttelte den Kopf. »Sagen Sie, daß niemand ihn empfangen könne.«

Markeys Rebhuhnaugen sahen sie unter den dünnen, dunklen, verschobenen Brauen hervor wehmütig an; er öffnete die Tür. Fiorsen stand draußen, glitt mit einer raschen Bewegung an ihm vorüber ins Zimmer. Sie sah, wie Markey die Arme hob, als wollte er Fiorsen packen und sagte gelassen: »Markey – bitte, warten Sie draußen.«

Als sich die Tür schloß, wich sie gegen den Toilettetisch zurück und starrte ihren Mann an, während ihr Herz schlug, als wenn es bersten wollte.

Er hatte sich einen kurzen Bart wachsen lassen, seine Wangen schienen etwas voller, seine Augen ein wenig grüner, sonst sah er genau so aus, wie sie ihn in der Erinnerung hatte. Der erste Gedanke, der ihr kam, war: weshalb habe ich ihn denn bedauert? Er wird sich nie zu Tode grämen oder trinken, – er hat Vitalität genug für zwanzig Menschen.

Das starre nervöse Lächeln verschwand von seinem Gesicht, seine Augen schweiften in der wohlbekannten, halb wilden, halb scheuen Art durch das Zimmer.

»Nun, Gyp«, sagte er, und seine Stimme bebte ein wenig. »Endlich! Willst du mir keinen Kuß geben?«

Wie töricht war das! Plötzlich wurde sie ganz ruhig.

»Wenn Sie meinen Vater sprechen wollen, – er ist ausgegangen.«

Fiorsen zuckte heftig die Achseln. »Schau, Gyp! Ich bin gestern aus Rußland zurückgekommen. Habe dort viel Geld verdient. Komm zu mir zurück! Ich werde gut sein – ich schwöre es! Gyp, komm zurück zu mir und sieh, wie gut ich sein werde. Ich will mit dir ins Ausland reisen, mit dir und der Bambina. Wir werden nach Rom fahren – wohin du willst – leben wie du willst. Nur komm zu mir!«

Gyp erwiderte eisig: »Sie reden Unsinn.«

»Gyp, ich schwöre dir, ich habe keine Frau gesehen, die würdig wäre, dir an die Seite gestellt zu werden. Dies eine Mal sei noch gut zu mir! Diesmal werde ich dich nicht täuschen. Versuche es! Versuche es, – bitte!«

Während seines Flehens, dessen tragischer Ton ihr zugleich kindisch und gemacht erschien, erkannte Gyp die Gewalt des neuen Gefühls, das ihr Herz beherrschte. Und je stärker sie es empfand, desto härter wurden ihr Gesicht und ihre Stimme.

»Wenn Sie sonst nichts zu sagen haben, so gehen Sie, bitte. Ich werde niemals zu Ihnen zurückkehren. Bitte, verstehen Sie das ein für allemal.«

Das Schweigen, mit dem er ihre Worte entgegennahm, machte ihr einen weit stärkeren Eindruck, als es sein Bitten getan hatte. Mit einer seiner katzenhaften Bewegungen kam er an sie heran, so nahe, daß sein Gesicht fast das ihre berührte. »Du bist meine Frau. Ich will dich wieder haben. Wenn du nicht kommst, so werde ich entweder dich oder mich töten.«

Plötzlich fühlte sie, wie er die Arme um ihre Taille schlang, sie an sich preßte. Sie unterdrückte einen Schrei, dann faßte sie jählings einen Entschluß, erstarrte in seinen Armen und sagte: »Lassen Sie mich los, Sie tun mir weh. Setzen Sie sich. Ich habe Ihnen etwas zu sagen.«

Der Ton ihrer Stimme veranlaßte ihn, sie loszulassen und sich vorzuneigen, um ihr Gesicht zu sehen. Gyp machte sich frei, setzte sich auf eine alte Eichentruhe und wies auf den Fenstersitz. Ihr Herz pochte entsetzlich, eine fast physische Übelkeit kam sie an. Als er sich ihr genähert, hatte sie den Geruch von Kognak verspürt. Es war ihr, als wäre sie in einem Käfig mit einem wilden Tier, allein mit einem Wahnsinnigen. Die Erinnerung an ihn, wie er mit krallenhaft gekrümmten Fingern vor dem Baby gestanden hatte, wurde in diesem Augenblick so lebendig, daß sie ihn kaum sehen konnte, wie er wirklich wartend vor ihr saß. Die Augen auf ihn heftend, sagte sie langsam: »Sie sagen, daß Sie mich lieben, Gustav. Auch ich habe versucht, Sie zu lieben, doch konnte ich es nicht, – gleich vom Anfang an nicht. Ich habe es redlich versucht. Es kann Ihnen doch nicht ganz einerlei sein, was eine Frau empfindet, selbst wenn es Ihre eigene Frau ist.«

Sie sah, daß sein Gesicht bebte, und sprach hastig weiter: »Doch können Sie nicht erwarten, daß ich durchs Leben gehe, ohne Liebe zu empfinden. Sie müssen das verstehen, der Sie so oft Liebe empfunden haben.« Sie preßte die Hände zusammen, flüsterte, über sich selbst staunend: »Und jetzt liebe ich. Und habe mich hingegeben.«

Er stieß einen seltsamen wimmernden Ton aus, verbarg das Gesicht in den Händen. Durch Gyps Kopf schoß sinnlos die Bettlerphrase: »Haben Sie ein fühlendes Herz, Herr, ein fühlendes Herz!« Wird er aufschnellen und sie erwürgen? Soll sie zur Tür stürzen, rufen? Einen langen verzweifelten Augenblick beobachtete sie ihn, wie er schwankend auf dem Fenstersitz saß, mit vergrabenem Gesicht. Dann schnellte er auf, preßte die geballte Hand gegen den Mund und eilte hinaus.

Durch die offene Tür sah Gyp Markeys reglose Gestalt gleichsam zum Leben erwachen, da Fiorsen vorüberschritt. Sie verschloß die Tür und legte sich aufs Bett. Ihr Herz pochte heftig. Wenn er nach diesem Stoß wieder zu trinken begönne, was konnte nicht alles geschehen? Er hatte etwas Drohendes gesagt. Mit welchem Recht empfand er ihr gegenüber Eifersucht und Zorn? Mit welchem Recht? Sie erhob sich, trat zum Spiegel, ordnete zitternd, mechanisch ihr Haar. Wie ein Wunder empfand sie es, daß sie unversehrt geblieben war.

Sie sollte mit Summerhay um drei Uhr im St. James-Park zusammentreffen. Nun aber war alles erschwert, erschwert und gefährlich. Sie mußte warten, sich mit dem Vater beraten. Wenn sie aber nicht hinkam, wie besorgt würde er sein – sich alles mögliche vorstellen, was geschehen sein könnte, vielleicht sogar denken – oh, wie töricht –, daß sie die Verabredung vergessen habe oder ihre Liebe bereue. Was hätte sie selbst gedacht, wenn er zu ihrem ersten Stelldichein nach jenen seligen Tagen nicht gekommen wäre? Daß er es sich anders überlegt, eingesehen habe, sie sei es nicht wert, erkannt habe, daß eine Frau, die sich so rasch, so leicht gibt, nicht das Opfer eines ganzen Lebens wert ist.

In dieser grausamen Unsicherheit verbrachte sie die nächsten zwei Stunden, bis es fast drei Uhr war. Ging sie nicht, so würde er bestimmt in die Bury-Straße kommen, und das war noch gefährlicher. Sie setzte ihren Hut auf, strebte eilends dem St. James-Park zu. Als sie sich vergewissert hatte, daß niemand ihr folgte, stieg ihr Mut. Sie hatte sich bereits um zehn Minuten verspätet, sah ihn schon auf und ab schreiten, jede Sekunde den Kopf wenden, um die Bank nicht aus den Augen zu verlieren. Nachdem sie einander in der rührend gespielten gleichgültigen Art Liebender, die ja doch niemanden zu täuschen vermag, begrüßt hatten, gingen sie in den Park, unter die Bäume. Sie erzählte ihm von ihrem Vater; von Fiorsen sprach sie erst, als seine Hand, unter dem auf ihren Knien liegenden Sonnenschirm verborgen, die ihre hielt.

Er ließ ihre Hand los, fragte: »Hat er dich angerührt, Gyp?«

Die Frage erschütterte sie. Sie angerührt? Ja!

Ein zitternder Laut kam über seine Lippen. Er hatte die Zähne zusammengebissen, die Hände verkrampft. Sie sagte leise:

»Bryan! Nicht! Ich hab' mich nicht küssen lassen!«

Es schien, als müßte er seine Augen zwingen, sie anzusehen.

»Es ist schon gut.«

Gyp saß reglos, bis ins Herz getroffen. Nun erschien sie ihm beschmutzt, verdorben! Aber ihr Herz war unberührt geblieben, gehörte ganz ihm. Doch genügt das einem Manne nicht, – er verlangt auch noch überdies einen unberührten Leib. Den konnte sie nicht geben, das hätte er früher bedenken sollen, nicht erst jetzt. Tieftraurig starrte sie vor sich hin.

Ein kleiner Knabe kam, stellte sich vor sie, betrachtete sie mit ruhigen, runden Augen. Er hielt ein Konfitürenbrot in der Hand, Mund und Wangen waren rot beschmiert. Eine Frau rief: »Jacky, komm doch!« und er wurde fortgezogen, sah sich noch immer um, hielt sein Brot hin, als wollte er Gyp einen Bissen anbieten. Summerhay schlang den Arm um sie. »Es ist vorüber, Liebling. Nie wieder, ich verspreche es dir.«

Wohl konnte er es versprechen, konnte auch sein Versprechen halten, doch wird er bei dem Gedanken an den anderen leiden – wird immer leiden. Sie sagte: »Du kannst mich nur haben, wie ich bin, Bryan. Ich kann mich nicht für dich erneuern, ich wollte, ich könnte es, ach, – ich wollte, ich könnte es!«

»Denk nicht mehr daran. Komm nach Hause, Tee trinken – dort sind wir allein. Komm!«

Er nahm ihre Hände, und Gyp fühlte nur noch die Freude seiner Nähe.


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