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IV. Kapitel

Gyp pflegte Winton morgens zum Kochbrunnen zu begleiten, dessen Wasser er, gleich den anderen Patienten, täglich zwanzig Minuten langsam schlürfen mußte. Während dieser Zeit saß sie in einem entlegenen Teil des Parkes und las in einem Reclam-Heftchen ihre tägliche deutsche Lektion.

Am Morgen nach dem Jour der Baronin von Maisen las sie Turgenjews »Frühlingswogen«, als sie Graf Rosek, ein Glas in der Hand, gemächlich den Weg entlang kommen sah. Die Erinnerung an das Lächeln, mit dem er ihr Fiorsen vorgestellt hatte, veranlaßte sie, sich hinter dem Sonnenschirm zu verstecken. In Lackschuhen und sorgfältig aufgekrempelten Beinkleidern ging er mit den steifen Schritten eines miedertragenden Mannes vorüber. Die Gewißheit, daß er dies ausschließlich weibliche Kleidungsstück trug, bestärkte ihre Abneigung. Wie konnte ein Mann so weibisch sein? Und doch hatte ihr jemand erzählt, er sei ein guter Reiter und Fechter und sehr stark. Als er vorbei war, schloß sie, aus Angst, er könnte zurückkommen, das Büchlein und huschte davon. Ihre Gestalt jedoch und ihr federnder Gang waren unverkennbarer, als sie selbst wußte.

Als sie am nächsten Morgen fast atemlos die Fensterszene zwischen Gemma und Sanin las, hörte sie plötzlich hinter sich Fiorsens Stimme.

»Fräulein Winton!«

Er hielt ebenfalls ein Wasserglas in der einen Hand und in der anderen seinen Hut.

»Ich habe soeben die Bekanntschaft Ihres Herrn Vaters gemacht. Darf ich mich einen Augenblick hersetzen?«

Gyp rückte in die eine Bankecke, und er setzte sich neben sie.

»Einen Roman: Frühlingswogen.«

»Ah, eines der schönsten Bücher, die je geschrieben wurden. Wo halten Sie?«

»Bei Gemma und Sanin während des Gewitters.«

»Warten Sie, jetzt kommt noch Madame Polozow. Welch herrliche Schöpfung! Wie alt sind Sie, Fräulein Winton?«

»Zweiundzwanzig.«

»Dann müßten Sie, wären Sie nicht Sie, eigentlich zu jung sein, um den Roman zu genießen. Doch Sie werden vieles rein instinktiv verstehen! … Verzeihen Sie, wie lautet Ihr Vorname?«

»Ghita.«

»Ghita? Das klingt nicht weich genug.«

»Ich werde stets Gyp genannt.«

»Gyp – ah, Gyp? … Ja, Gyp.«

Er wiederholte ihren Namen in einem so unpersönlichen Ton, daß sie ihm nicht zu zürnen vermochte.

»Ich habe Ihrem Vater gesagt, daß ich bereits das Vergnügen hatte, Sie kennenzulernen. Er war sehr höflich zu mir!«

»Mein Vater ist immer höflich«, erwiderte Gyp kalt.

»Wie das, in das man Champagner stellt! Man hat Ihnen wohl erzählt, daß ich ein ›mauvais sujet‹ bin?«

Gyp senkte bejahend den Kopf. Er sah sie gelassen an. »Es ist wahr, – ich könnte besser sein – viel besser.«

Sie hätte ihn gerne angesehen, vermochte es jedoch nicht. Eine seltsame Freude durchflutete sie. Dieser Mann besaß Macht über andere, aber sie hatte Macht über ihn. Wenn sie es wollte, konnte sie ihn zu ihrem Sklaven, ihrem Hund machen, ihn an sich ketten. Sie brauchte nur die Hand auszustrecken, er würde auf die Knie fallen und sie küssen. Sie brauchte nur zu sagen: »Komm«, und er würde ihr folgen, sie brauchte nur zu sagen: »Sei gut«, und er würde gut sein. Es war das erste Erleben ihrer eigenen Macht; eine Art Trunkenheit befiel sie. Aber Gyp konnte nie sich selbst vertrauen, ihre siegreichsten Augenblicke wurden von Mißtrauen beschattet. Als läse er in ihren Gedanken, sagte Fiorsen:

»Befehlen Sie mir etwas – irgend etwas, und ich werde es tun, Fräulein Winton.«

»Dann gehen Sie sofort nach London zurück. Hier vergeuden Sie sich, das wissen Sie ja.«

»Sie verlangen das einzige, was ich nicht tun kann, Fräulein – Fräulein Gyp!«

»Bitte, nennen Sie mich nicht so, – so sagen bei uns die Dienstboten!«

»Ich bin Ihr Diener!«

»Und trotzdem wollen Sie nicht tun, worum ich Sie bitte?«

»Sie sind grausam!«

Gyp lachte.

Er sagte mit jäher Wildheit:

»Ich werde nicht von Ihnen fortgehen, glauben Sie das nicht.« Dann bückte er sich hastig, nahm ihre Hand, hob sie an die Lippen und ging. Gyp starrte beunruhigt und erstaunt auf die Hand nieder, die noch vom stacheligen Druck seines Schnurrbarts prickelte. Dann lachte sie abermals – es war eben »ausländische Art«, die Hand zu küssen –, sie wandte sich ihrem Buche zu, las weiter, verstand aber kein einziges Wort.

Hat es wohl jemals eine seltsamere Werbung gegeben als jene, die nun folgte? Gyp verlor niemals das Gefühl, die Oberhand zu haben, Almosen zu spenden, Gunst zu erweisen, dennoch hatte sie die Empfindung, nicht mehr loskommen zu können, schien dem Zauber, den sie auf ihn ausübte, selbst zu erliegen. Es gelang ihr nicht, ihm gegenüber skeptisch zu bleiben. Er war allzu traurig und unglücklich, wenn sie ihm ihr Lächeln versagte, zu lebhaft und dankbar erregt, wenn sie es ihm schenkte. Die Veränderung seiner Augen vom ruhelosen, wilden, scheuen in den Ausdruck demütiger Anbetung oder schmerzlichen Verlangens konnte nicht geheuchelt sein. Und sie hatte Gelegenheit genug, diese Veränderung zu beobachten. Wohin sie auch ging, stets fand er sich ein. Besuchte sie ein Konzert, so stand er wenige Schritte von der Tür entfernt und wartete auf sie, trank sie in einer Konditorei Tee, so war es fast unvermeidlich, daß er dort auftauchte. Jeden Nachmittag spazierte er auf den Wegen, die sie bei ihrem Ritt nach dem Neroberg einschlagen mußte.

Außer im Kochbrunnen-Park, wo er schüchtern an sie herantrat und bat, fünf Minuten mit ihr zusammen sitzen zu dürfen, drängte er sich niemals auf; er versuchte auch nicht, sie auf irgendeine Art zu kompromittieren. Der Instinkt mußte ihn gewarnt haben, daß dies bei einem so empfindsamen Geschöpf gefährlich sei. Es flatterten auch noch andere Motten um dieses helle Licht und verhinderten, daß seine Aufmerksamkeit auffiel. Begriff sie, was vorging, erkannte sie die Gefahr, die darin lag, ihn in ihrer Nähe zu dulden? Wohl nicht ganz! … Die triumphierende Trunkenheit ließ sie sich immer mehr und mehr in das Leben verlieben, immer bewußter erkannte sie, daß sie bewundert und geschätzt werde, daß ihr eine Macht gegeben war, die anderen versagt blieb.

Fiorsen regte sie auf. Welche Gefühle seine Gegenwart auch hervorrufen mochte, jedenfalls langweilte man sich nie mit ihm. Eines Morgens erzählte er ihr sein Leben.

Sein Vater war ein kleiner schwedischer Grundbesitzer gewesen, ein starker Mann und schwerer Trinker, seine Mutter die Tochter eines Malers. Sie hatte ihn das Geigenspiel gelehrt, war jedoch gestorben, als er noch ein Knabe gewesen war. Mit siebzehn Jahren überwarf er sich mit dem Vater und mußte in den Straßen von Stockholm Violine spielen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein bekannter Geiger hörte ihn eines Tages und nahm sich seiner an. Bald darauf hatte sich der Vater zu Tode getrunken, das kleine Gut kam an den Sohn. Er hatte es sofort verkauft, um Geld für »Torheiten« zu haben, wie er offen zugab.

»Ja, Fräulein Winton, ich habe mancherlei Torheiten begangen, doch sind diese nichts im Vergleich zu denen, die ich an dem Tage begehen werde, da ich Sie nicht mehr sehen darf.« Mit dieser besorgniserregenden Bemerkung erhob er sich und verließ sie. Sie hatte zu seinen Worten gelächelt, aus Erregung, Skeptizismus, Mitleid und einem Gefühl, das ihr unbegreiflich war. In jenen Tagen verstand sie sich selbst sehr schlecht.

Wie aber beurteilte Winton das, was vorging? In Wirklichkeit war er erschrocken. Hätte er nicht befürchtet, seine Besorgnis zu verraten, wäre er mit ihr vierzehn Tage vor Beendigung seiner Kur abgereist. Allzu bekannt waren ihm die Zeichen der Leidenschaft. Dieser lange, widerliche Geigerkerl mit den breiten Backenknochen, dem kleinen Backenbart (Guter Gott!), den grünlichen Augen, deren Blicke nach Gyp er insgeheim beobachtete, erregte sein tiefstes Mißtrauen. Vielleicht hielt die ihm angeborene englische Verachtung für Ausländer und Künstler ihn vom Handeln zurück. Er konnte die Sache nicht ernst nehmen. Gyp, seine wählerische, vollkommene Gyp, sollte sich von einem solchen Kerl den Kopf verdrehen lassen? Niemals! Außerdem würde sie sich bestimmt in allen Zweifeln und Schwierigkeiten an ihn wenden. Er vergaß die empfindsame Verschlossenheit der Mädchennatur, vergaß, daß seine Liebe es stets verschmäht hatte, sich in Worten zu verraten und ihre Liebe sich nie in Vertraulichkeiten äußerte. Überdies sah er nur wenig von dem, was es zu sehen gab, und dieses wenige wurde für seine scharfen Augen von Fiorsen zurechtgestutzt. Tatsächlich war ja auch alles Vorgefallene bedeutungslos, bis auf eine Episode, die sich am Tage vor ihrer Abreise zutrug und von der Winton nichts wußte.

Der letzte Nachmittag war still, ein wenig traurig. In der vergangenen Nacht hatte es geregnet, die feuchten Baumstämme, die nassen, herabgefallenen Blätter strömten einen leisen süßlich-faden Duft aus. Gyp war zumute, als wäre in ihr plötzlich jede Freude versiegt. Nach dem Lunch, während Winton mit den Rechnungen beschäftigt war, wanderte sie durch den langen Park im Tal. Der Himmel war düster grau, die Bäume regungslos und schwermütig. Sie schritt weiter und weiter, über den Fluß, auf einem schmutzigen Pfad, der an einem Dorf vorüberführte und in die Höhe stieg, wo sie dann auf die Hauptstraße gelangen mußte. Warum sollte alles jetzt zu Ende sein? Zum erstenmal in ihrem Leben dachte sie ohne Begeisterung an Mildenham und die Jagden. Lieber würde sie in London bleiben. Dort wäre sie nicht so abgeschnitten von Musik, Tanz, Menschen, von der Freude, bewundert zu werden. Das schrille, dumpfe Dröhnen einer Dreschmaschine tönte durch die Luft, der Klang schien ihren Gefühlen zu entsprechen. Weiß schimmernd gegen den bleigrauen Himmel flog eine Taube auf, die schon golden leuchtenden Birken erschauerten und ließen glänzende Tropfen fallen. Wie einsam war es doch hier! Urplötzlich sprangen hinter einer Hecke zwei Knaben hervor, warfen sie fast um und rannten die Straße entlang. Gyp hob das Antlitz, um besser sehen zu können; wie feine Nadelstiche fielen die Regentropfen darauf. Ihr Kleid würde ruiniert werden, und sie mochte es gerne; es war taubengrau, samtig, nicht für schlechtes Wetter geeignet. Sie wandte sich Schutz suchend den Birken zu. Vielleicht war der Regenschauer bald vorüber. Durch die Entfernung gedämpft, klang noch immer das klagende Dröhnen der Dreschmaschine zu ihr herüber, vertiefte ihre Traurigkeit. Dann hob sich jählings über die Hecke, aus der die Knaben gesprungen waren, eine Männergestalt, strebte auf sie zu, sprang ans Ufer, zwischen die Birken. Und sie sah, daß es Fiorsen war – atemlos, verrauft, blaß vor Erregung. Er mußte ihr gefolgt, den Berg heraufgeklettert sein, um ihr den Weg abzuschneiden. Die Klettertour hatte seiner künstlerischen Eleganz übel mitgespielt. Er sagte keuchend:

»Sie fahren also morgen fort, haben mir kein Wort davon gesagt, meinten, Sie würden entkommen – ohne ein Wort für mich! Sind Sie immer so grausam? Nun, ich will Sie auch nicht schonen!«

Jählings niederkniend, erfaßte er ihre breite Schärpe, vergrub darin sein Gesicht. Gyp stand zitternd da. Er umschlang ihre Knie mit den Armen.

»O Gyp, ich liebe dich – ich liebe dich, schick' mich nicht fort! – Laß mich bei dir bleiben! Ich bin dein Hund, dein Sklave. O Gyp, ich liebe dich!«

Seine Stimme erschütterte und erschreckte sie. Sie hatte während der letzten zwei Jahre schon manchen Mann sagen hören: »Ich liebe dich!«, doch niemals hatte in den Worten diese Leidenschaft einer verlorenen Seele geklungen, nie hatten Augen derart zu ihr aufgeschaut, hungrig und flehend, – nie hatten sie Hände derart ruhelos, schüchtern und heiß berührt. Sie konnte nur flüstern:

»Bitte, stehen Sie auf!«

Er aber fuhr fort:

»Liebe mich ein wenig, nur ein ganz klein wenig – liebe mich, Gyp!«

Vor wie vielen hat er schon gekniet?, durchzuckte es Gyp.

Sein Gesicht zeigte eine seltsame Schönheit in dieser völligen Hingabe, die Schönheit, die der Sehnsucht entspringt – und allmählich verging ihre Angst. Er sprach weiter, stammelte halblaute Worte: »Ich bin ein Verlorener, ich weiß es; wenn du mich aber liebst, werde ich es nicht mehr sein. Für dich kann ich Großes leisten. O Gyp, wenn du mich eines Tages heiraten würdest! Nicht jetzt! Wenn ich es dir bewiesen habe. O Gyp, du bist so süß – so wundervoll!«

Seine Arme glitten höher, bis er sein Gesicht an ihrer Hüfte barg. Ohne recht zu wissen, was sie tat, berührte Gyp sein Haar, wiederholte:

»Bitte, stehen Sie jetzt auf.«

Er erhob sich und flüsterte:

»Sei barmherzig! Sprich zu mir!«

Sie aber konnte ihm nur mit ihren bekümmerten dunklen Augen ins Gesicht sehen. Und jählings packte er sie und drückte sie fest an sich. Sie wich zurück, stieß ihn mit allen Kräften fort. Beschämt, mit geschlossenen Augen, zitternden Lippen verbeugte er sich; eine Regung des Mitleids durchlief ihr Herz. Sie sagte leise:

»Ich kann ihnen jetzt nicht antworten, vielleicht – später, in England.«

Er kreuzte die Arme, als wollte er ihr dadurch ein Gefühl der Sicherheit einflößen. Und als sie, des Regens nicht achtend, sich auf den Weg machte, schritt er etwa einen Meter entfernt neben ihr her, demütig, als habe er mit der Heftigkeit seines Kusses nie ihren Lippen weh getan.

In ihrem Zimmer angelangt, versuchte Gyp, während sie ihr nasses Kleid auszog, sich zu entsinnen, was er eigentlich gesagt und welche Antwort sie ihm gegeben habe. Sie hatte ihm nichts versprochen, ihm nur ihre Londoner und ihre Landadresse mitgeteilt. Wenn sie sich nicht zwang, an andere Dinge zu denken, fühlte sie noch immer die ruhelose Berührung seiner Hände, die Kraft seiner Arme, sah den Ausdruck seiner Augen, als er sie küßte, empfand von neuem Angst und Aufregung.

Am Abend dann spielte er im Konzert – ihrem letzten Konzert. Sicherlich hatte er noch niemals so gespielt, mit dieser verzweifelten Schönheit, diesem verzückten Wahnsinn. Sie lauschte seinem Spiel, und ein Gefühl des Schicksals überkam sie: Ob sie wollte oder nicht, nie würde sie sich von diesem Menschen befreien können.


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