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VI. Kapitel

Bryan Summerhay stieg, mit geteilten Gefühlen im Herzen, in den Mitternachtsexpreß von Edinburgh, – Bedauern wegen des Mädchens, das er verließ, und Sehnsucht nach der Frau, zu der er fuhr. Wie war es möglich, zu gleicher Zeit beide Empfindungen zu haben? Bryan brachte es ganz leicht fertig, in seinem Schlafcoupe liegend, in Erinnerungen an Diana zu schwelgen, wie sie ihm Tee reichte, zu ihm aufblickte, während er ihr am Klavier die Noten umblätterte, an ihre verführerischen Augen; im nächsten Augenblick jedoch bestürmte ihn das Verlangen nach Gyps Armen, ihrer Stimme, ihrem Blick, ihren Lippen. Er kehrte zu den Gefühlen, zu der Kameradschaft zurück, von denen er wußte, daß sie ihm geistig und körperlich mehr boten, als andere es konnten. Und dennoch sehnte er sich ein wenig nach dem rothaarigen Mädchen!

Das seltsame Auf und Nieder der Gefühle ließ ihn bald einschlafen. Er träumte, wie Menschen nur in der Eisenbahn träumen können, erwachte in der hohlen Stille irgendeines Bahnhofs, schlief dann wieder – stundenlang schien es ihm –, um auf dem gleichen Bahnhof zu erwachen, schlief von neuem ein und erwachte bei hellem Tageslicht in Willesden. Jetzt beherrschte ihn nur noch ein einziges Gefühl, eine einzige Sehnsucht: Gyp. Er lehnte sich lächelnd im Wagen zurück, genoß den Geruch des Londoner Morgens.

Sie stand in ihrem Schlafzimmer im Hotel, totenblaß, bebend vom Kopf bis zu den Füßen, und als er die Arme um sie schlang, schloß sie die Augen. Seine Lippen auf die ihren gepreßt, fühlte er, daß sie einer Ohnmacht nahe war, und auch er empfand nur den einen, langen Kuß.

Am folgenden Tag fuhren sie an einen kleinen Ort in der Nähe von Fécamp. In der Normandie hat alles so große Dimensionen – die Menschen, die Tiere, die freien Felder, die Höfe der Bauernhäuser, von hohen Bäumen umfriedet, der Himmel, die See, ja sogar die Brombeeren. Anfangs war Gyp unsäglich glücklich. Zweimal jedoch kamen Briefe in der wohlbekannten Handschrift, die den schottischen Poststempel trugen. Ein Phantom wird größer in der Dunkelheit, körperhafter, im Nebel gesehen. Eifersucht wurzelt nicht im Verstand, sondern in der Natur dessen, der leidenschaftlich liebt, stolz empfindet. Auch der Skeptizismus ist ein guter Boden für die Eifersucht. Selbst wenn ihr Stolz ihr nicht jede Frage verboten hätte, – sie würde seine Antworten ja doch nicht geglaubt haben. Natürlich würde er – wenn auch nur aus Mitleid – sagen, daß sich seine Gedanken niemals mit einer anderen Frau beschäftigten. Bis jetzt war das Ganze nur ein Phantom. Sie fühlte in diesen drei Wochen oft, daß er sie wirklich liebe, und deshalb war sie glücklich.

In der ersten Oktoberwoche kehrten sie heim. Die kleine Gyp war eine gute Reiterin geworden. Unter der Leitung des alten Pettance war sie auf den Feldern, die sie die »Wildnis« nannte, umhergeritten, die braunen runden Beine auf beiden Seiten gegen das mausgraue Pony gepreßt, das kleine gebräunte Gesicht mit den aufgeregten dunklen Augen geradeaus gerichtet, die rotbraunen kurzen Locken im Winde flatternd. Sie wollte mit Großpapa, Mütterchen und Bryan ausreiten. Die ersten Tage erfüllten ihren Wunsch, – dann fingen die Gerichtssitzungen an, und für Gyp begann von neuem das Leben, in dem sie Summerhay mit der anderen Welt teilte.


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