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IX. Kapitel

Fiorsen stürzte, an Markey vorüber, wie ein Geblendeter auf die Straße, doch kehrte er nach etwa hundert Schritten wieder zurück, denn er hatte seinen Hut vergessen. Der Diener stand noch immer da, reichte ihm die breitkrempige Kopfbedeckung und schloß hinter ihm die Tür. Fiorsen strebte Piccadilly zu. Wäre nicht der seltsame Ausdruck auf Gyps Gesicht gewesen, was hätte er getan?! … In das Gefühl peinigender Eifersucht mischte sich eine gewisse Erleichterung, als wäre er vor etwas Entsetzlichem bewahrt geblieben. Sie hatte ihn also nie geliebt! Niemals? … Unmöglich, daß eine Frau, die er mit seiner Leidenschaft überschüttet, niemals die geringste Leidenschaft für ihn empfunden hatte. In unzähligen Bildern sah er sie, – aber stets nachgiebig. Das alles konnte doch nicht bloße Heuchelei gewesen sein! Er war kein alltäglicher Mensch, besaß Charme – wenigstens hatten andere Frauen das gefunden. Sie hatte gelogen, mußte gelogen haben!

Er trat in ein Café, verlangte einen »fine Champagne«. Man brachte ihm eine Karaffe, auf der das Maß vermerkt war. Hier saß er lange. Als er sich erhob, hatte er neun Gläser getrunken. Er empfand eine gewisse wohltuende Wildheit in den Adern, einen befriedigten Edelmut in der Seele. Mag sie lieben! Aber die Kehle ihres Geliebten möchte er zwischen die Finger bekommen! Unvermittelt blieb er stehen; vor ihm, auf einer Plakattafel, leuchteten die Worte: »Daphne Wing, Pantheon. Daphne Wing. Plastische Tänzerin. Die Poesie der Bewegung. Heute um drei Uhr. Pantheon. Daphne Wing.«

Die hatte ihn geliebt, die kleine Daphne! Es war drei Uhr vorüber. Er nahm einen Sperrsitz, nahe der Bühne, empfand eine Art bitterer Belustigung. Das war tatsächlich Ironie! Da kam sie! Als Pierrette, in zartem, durchsichtigem Musselin, mit geweißtem Gesicht; eine Pierrette, die wirbelnd auf den Zehen stand, die Arme im Bogen über das schimmernde Haar hielt.

Eine idiotische Pose! Doch lag auf ihrem Gesicht der alte Ausdruck, klar, taubenhaft. Und der göttliche Funke ihres Tanzes berührte Fiorsen über das Törichte ihrer Posen hinweg. Sie flatterte hin und her, machte Pirouetten, wurde zeitweilig von einem schwarzgekleideten, weißgesichtigen Pierrot aufgefangen, emporgehalten, beugte dann das eine Knie seitlings, legte die Zehe des einen Fußes auf den Knöchel des anderen, erhob bogenförmig die Arme. Später stand sie, vom Pierrot gestützt, auf einer Zehe, drehte sich langsam, hob das andere Bein hoch, leise zitternd, um zu beweisen, wie schwer es sei, schwebte dann in die Kulissen und wieder zurück, und stets trug ihr Gesicht den verlorenen Taubenausdruck, während die vollkommen schönen Beine weiß schimmerten. Fiorsen hob die Hände, klatschte, rief: »Bravo!« Er merkte, wie ihre Augen sich rundeten, ein kleiner Schauder sie überlief, – nichts weiter. Sie hatte ihn erblickt. Er dachte: es gibt doch noch Frauen, die mich nicht vergessen.

Nun erschien sie für den zweiten Tanz, ganz allein; nur ein kleiner überwucherter Teich in der Mitte der Bühne gab spiegelnd ihre Gestalt wieder. »Ophelias letzter Tanz«. Fiorsen grinste. Sie trug ein enganliegendes meergrünes Gewand, hier und dort geschlitzt, um die prachtvollen Beine zu zeigen. Margueriten und Kornblumen im offenen Haar, umtanzte sie ihr eigenes Spiegelbild, blaß, trostlos, verloren. Dann versetzte sie sich in volle Raserei, tanzte wie wahnsinnig, in mondblasser Beleuchtung, bis sie schließlich in das Wasser sank, dort zwischen papierenen Wasserlilien dahintrieb. Sie sah wunderschön aus, mit geöffneten Augen und Lippen, das lange Haar herabhängend. Und wieder hob Fiorsen die Hände, klatschte und rief: »Bravo!« Der Vorhang fiel, und Ophelia erschien nicht mehr. War daran sein Anblick schuld oder wollte sie die Illusion aufrechterhalten, daß sie ertrunken sei? Dieser »künstlerische« Zug würde ihr ähnlich sehen.

Mit einem vernehmbaren Zischen für zwei Artisten, die in Kattunkostümen auf der Bühne einander verprügelten, erhob er sich und ging. Er kritzelte auf eine Visitenkarte: »Wollen Sie mich empfangen? G. F.« und ließ sie hinter die Kulissen bringen. Die Antwort kam: »Fräulein Wing wird Sie in einer Minute empfangen, Herr.« Und während Fiorsen im zugigen Korridor an der gestrichenen Wand lehnte, fragte er sich, warum zum Teufel er eigentlich hier sei, und was zum Teufel sie ihm sagen werde?

Als er eingelassen wurde, stand sie bereits mit dem Hut auf dem Kopf, die Garderobiere knöpfte ihr eben die Lackstiefel zu. Sie streckte ihm über den Kopf der Frau die Hand hin und sagte: »Oh, Herr Fiorsen, wie geht's?«

Fiorsen ergriff die kleine feuchte Hand, seine Augen streiften über Daphne hin, ihren Augen ausweichend. Ihr Gesicht war das gleiche und dennoch verändert, härter, selbstsicherer, nur die vollkommene kleine Gestalt war noch genau wie früher. Die Garderobiere murmelte: »Guten Tag, Fräulein«, und verschwand.

Daphne Wing lächelte ein wenig. »Ich habe Sie lange nicht gesehen, nicht wahr?«

»Ja, ich war im Ausland. Sie tanzen ebenso schön wie früher.«

»O ja, es hat meinem Tanzen nicht geschadet.«

Er zwang sich, ihr ins Gesicht zu blicken. War das wirklich dasselbe Mädchen, das sich an ihn geklammert, ihn mit ihren Küssen, ihren Tränen, ihrem Flehen um Liebe – ein ganz klein wenig Liebe – übersättigt hatte? Sie war ja begehrenswert, viel begehrenswerter als früher. Und er sagte: »Küß mich, kleine Daphne!«

Daphne Wing rührte sich nicht, ihre weißen Zähne wurden über der Unterlippe sichtbar, als sie sagte: »O nein, danke. Wie geht es Frau Fiorsen?«

Fiorsen wandte sich hastig um: »Es gibt keine.«

»Oh, hat sie sich von Ihnen scheiden lassen?«

»Nein. Hören Sie auf, von ihr zu sprechen, hören Sie auf, sage ich Ihnen!«

Daphne Wing, noch immer unbeweglich in der Mitte des übervollen Ankleidezimmers, meinte in alltäglichem Ton: »Sie sind nicht sehr höflich, nicht wahr? Es ist komisch, ich weiß nicht einmal, ob ich mich freue, Sie zu sehen. Es ist mir sehr schlecht gegangen, wissen Sie, und Frau Fiorsen war ein Engel. Weshalb sind Sie eigentlich gekommen?«

»Ja, weshalb?« Der Gedanke durchzuckte ihn: sie wird mir vergessen helfen, und er sagte: »Ich habe mich Ihnen gegenüber sehr schlecht benommen, Daphne. Ich kam, um es wieder gutzumachen.«

»O nein, das können Sie nicht wieder gutmachen, danke!« Sie zog langsam die Handschuhe an. »Wissen Sie, Sie haben mich eine Menge gelehrt. Ich müßte Ihnen eigentlich dankbar sein. Oh, Sie tragen jetzt einen Bart?! … Finden Sie, daß er Ihnen gut steht? Sie sehen damit ein wenig wie Mephisto aus.«

Fiorsen starrte beharrlich auf das vollkommen geformte Gesicht, auf dessen Blässe ein feiner rosiger Schimmer leuchtete. Verhöhnte sie ihn? Sie sah viel zu gelassen aus.

»Wo wohnen Sie jetzt?« fragte er.

»Ich wohne allein in einem Atelier. Sie dürfen mich besuchen, wenn Sie wollen. Sie müssen aber recht verstehen: von der Liebe habe ich übergenug.«

Fiorsen grinste.

»Auch bei anderen?«

Daphne Wing erwiderte gelassen: »Es wäre mir angenehm, wenn Sie mich als Dame behandeln wollten.«

Fiorsen biß sich auf die Lippen.

»Darf ich das Vergnügen haben, Sie zum Tee einzuladen?«

»Ja, danke. Ich bin sehr hungrig. An Matineetagen frühstücke ich nicht, weil es sich so besser tanzt. Gefällt Ihnen mein Ophelia-Tanz?«

»Er ist sehr gekünstelt.«

»Ja. Der Teich ist aus Spiegelglas mit einem Drahtnetz. Mache ich den Eindruck des Wahnsinns dabei?« Fiorsen nickte. »Das freut mich. Wollen wir gehen? Ich sehne mich nach Tee.«

Sie wandte sich um, betrachtete sich im Spiegel, hob beide Hände zu ihrem Hut empor, wobei sich die ganze Schönheit ihrer Gestalt offenbarte. Dann nahm sie von der Stuhllehne eine kleine Tasche und sagte: »Vielleicht gehen Sie voraus, damit es weniger auffallend ist. Ich werde Sie bei Ruffel erwarten, – da gibt es köstliche Kuchen. Au revoir.«

Verwirrt, gereizt, seltsam demütig durchschritt Fiorsen die Coventry-Straße, betrat Ruffels leere Konditorei und besetzte einen Tisch in der Nähe des Fensters. Die plötzliche Vision von Gyp, wie sie auf der Eichentruhe am Fußende des Bettes saß, hatte jählings das Bild des Mädchens verdrängt, bis er, aufblickend, draußen Daphne Wing sah, die die Kuchen im Schaufenster musterte. Sie trat ein.

»Oh, da sind Sie. Ich möchte Eiskaffee und Nußtorte. Oh, und Schlagsahne zur Torte und einige Marzipanbonbons.« Sie setzte sich und richtete die Augen auf sein Gesicht.

»Wo sind Sie gewesen?«

»In Stockholm, Budapest, Moskau und an anderen Orten.«

»Wie herrlich! Finden Sie, daß ich sehr englisch bin?«

»Vollkommen. Ihre Art …«, er stockte, selbst er vermochte nicht den Satz »Ihre Art, vulgär zu sein, könnte nirgends sonst produziert werden« zu beenden.

»Meine Art Schönheit?«

Fiorsen grinste und nickte.

»Oh, das ist das Netteste, was Sie mir je gesagt haben. Obschon ich lieber den griechischen Typus hätte, – mehr heidnisch, wissen Sie?«

In diesem Augenblick hob sich ihr Profil gegen das Licht rein und weiß ab. Er sagte: »Sie hassen mich wohl, kleine Daphne? Sie müssen mich ja hassen.«

Daphne Wings runde, blaugraue Augen streiften ihn mit dem gleichen Blick wie die Marzipanbonbons.

»Nein, ich hasse Sie nicht, – jetzt nicht mehr. Wenn ich Sie noch liebte, würde ich Sie freilich hassen. Oh, klingt das nicht witzig? Doch kann man jemand für einen Schurken halten, ohne ihn zu hassen, nicht wahr?«

»Sie halten mich also für einen Schurken?«

»Sind Sie es denn nicht? Man muß doch einer sein – wenn man solche Dinge tut wie Sie.«

»Und trotzdem trinken Sie mit mir Tee?«

Daphne Wing, die zu essen begonnen hatte, erwiderte mit vollem Mund: »Sehen Sie, jetzt bin ich selbständig und habe das Leben kennengelernt. Sie sind darum für mich ungefährlich.«

Fiorsen streckte die Hand aus, erfaßte die ihre, dort, wo der kleine warme Puls regelmäßig und ruhig schlug. Sie blickte nieder, nahm die Gabel in die andere Hand und aß gelassen weiter. Fiorsen zog die Hand zurück, als hätte ihn etwas gestochen.

»Sie haben sich wirklich verändert, das steht fest.«

»Ja! Sie konnten aber auch nichts anderes erwarten, nicht wahr? So etwas durchlebt man nicht vergeblich. Ich war eine schreckliche kleine Närrin –« sie stockte, den Löffel auf halbem Weg zum Munde – »und dennoch …«

»Ich liebe Sie noch immer, kleine Daphne.«

Sie seufzte leise. »Was hätte ich damals nicht dafür gegeben, das zu hören.«

Sie wandte abermals den Kopf ab, suchte aus der Torte eine große Nuß heraus und steckte sie in den Mund.

»Wollen Sie sich mein Atelier ansehen? Es ist hübsch und neu; ich habe jetzt fünfundzwanzig Pfund die Woche, bei meinem nächsten Engagement werde ich dreißig haben. Ich würde es gerne Frau Fiorsen wissen lassen … Oh, ich vergaß, ich soll ja nicht von ihr sprechen. Weshalb eigentlich nicht? Erzählen Sie mir doch von ihr!« Sie blickte in sein wütendes Gesicht und fuhr fort: »Ich weiß nicht, wie es kommt, ich habe gar keine Angst mehr vor Ihnen. Und hatte doch solche Angst. Wie geht es übrigens Graf Rosek? Ist er noch immer so blaß? Wollen Sie nichts mehr nehmen? Sie haben fast gar nichts gegessen. Wissen Sie, was ich möchte? Einen Schokoladenéclair und ein Himbeercremesoda mit einem Stück Orange darin.«

Nachdem sie langsam das Getränk geschlürft hatte, das Orangenstück mit dem Strohhalm durchstoßend, verließen sie die Konditorei und nahmen einen Wagen. Auf der Fahrt zum Atelier versuchte Fiorsen, ihre Hand in die seine zu nehmen, – sie jedoch kreuzte die Arme über der Brust und sagte gelassen: »Es ist äußerst unmanierlich, das Alleinsein in einem Wagen auszunutzen.«

Er zog sich grollend in die Ecke zurück und betrachtete sie von der Seite. Spielte sie nur mit ihm? Oder lag ihr wirklich gar nichts mehr an ihm? Das schien ihm unglaublich.

Der Wagen, der durch das Gewirre der Soho-Straßen fuhr, hielt an. Daphne Wing stieg aus, schritt durch einen engen Korridor zu einer Tür auf der rechten Seite, zog einen Hausschlüssel hervor und sagte: »Es gefällt mir, in einer schäbigen, kleinen Straße zu wohnen, das macht wenigstens keinen dilettantischen Eindruck. Natürlich war dies früher kein Atelier, sondern gehörte zu einer kleinen Papierfabrik. Es ist immer etwas wert, einen Raum für die Kunst zu erobern, nicht wahr?« Sie führte ihn über einige mit einem grünen Teppich bedeckte Stufen in ein großes Zimmer mit Oberlicht, dessen Wände mit japanischer azaleengelber Seide tapeziert waren. Hier verharrte sie einen Augenblick wortlos, in die Schönheit ihres Heims versunken, dann zeigte sie auf die Wände.

»Das hat mich viel Zeit gekostet. Ich habe alles selbst gemacht. Sehen Sie sich meine kleinen japanischen Bäume an, sind sie nicht süß?«

Sechs kleine, dunkle Baummißgeburten standen auf einem geräumigen Fensterbrett, vom Oberlicht hell beleuchtet. Unvermittelt fuhr sie fort: »Ich glaube, dieses Zimmer würde Graf Rosek gefallen. Es hat etwas Bizarres, nicht wahr? Das habe ich angestrebt, ich wollte auch in meine Kunst die bizarre Note hineintragen. Heutzutage ist das äußerst wichtig. Auf der anderen Seite habe ich ein Schlafzimmer, ein Badezimmer und eine kleine Küche; alles sehr bequem, mit heißem Wasser. Meine Angehörigen sind, was das Zimmer hier anbetrifft, so komisch. Bisweilen besuchen sie mich und stehen dann ratlos herum. Sie können sich auch nicht an meine Umgebung gewöhnen; sie ist ja tatsächlich schäbig, doch muß ein Künstler über dergleichen erhaben sein.«

Fiorsen erwiderte mit plötzlicher Rührung: »Ja, kleine Daphne.«

Sie blickte ihn an, ein leichter Seufzer entrang sich ihr.

»Weshalb haben Sie so schlecht gegen mich gehandelt?« fragte sie. »Es ist so schade, jetzt fühle ich Ihnen gegenüber gar nichts mehr.« Und plötzlich fuhr sie mit der Hand über ihre Augen. Ehrlich ergriffen, trat Fiorsen auf sie zu, doch sie streckte die Hand aus, um ihn abzuhalten, verharrte still, Tränen in den Augenwimpern.

»Bitte, setzen Sie sich auf den Diwan. Wollen Sie rauchen? Hier sind russische Zigaretten.« Sie nahm von einem kleinen Birkenholztisch eine weiße Schachtel mit gelben Zigaretten. »Alles hier ist russisch und japanisch. Ich finde, das erzeugt eine eigenartige Atmosphäre. Ich habe auch eine Balalaika. Auf diesem Instrument können Sie nicht spielen, nicht wahr? Schade! Ich möchte Sie so gerne wieder einmal spielen hören.« Sie faltete die Hände. »Erinnern Sie sich, wie ich im Feuerschein für Sie tanzte?«

Fiorsen erinnerte sich nur zu gut. Die Zigarette zitterte zwischen seinen Fingern, er sagte etwas heiser: »Tanzen Sie wieder für mich, Daphne.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich traue Ihnen nicht über den Weg. Niemand kann das, – nicht wahr?«

Fiorsen schnellte auf. »Weshalb haben Sie mich dann hergebracht, Sie kleine«? … Mit runden, unbeweglichen Augen erwiderte sie gelassen: »Ich dachte, es würde Sie beruhigen, daß ich darüber weggekommen bin, – das war alles. Sie brauchen ja nicht länger zu bleiben, wenn Sie keine Lust haben.«

Fiorsen sank auf den Diwan zurück. Es wurde ihm allmählich klar, daß sie jedes Wort buchstäblich meinte. Er stieß den Rauch mit einem Lachen aus.

»Worüber lachen Sie?«

»Ich dachte nur, daß Sie ebenso egoistisch sind wie ich.«

»Ich will es sein. Es ist das einzig richtige, nicht wahr?«

Fiorsen lachte wieder. »Sie können unbesorgt sein, Sie waren es immer.«

Sie hatte sich auf einen Hocker gesetzt und erwiderte ernst: »Ich war es nicht, solange ich Sie liebte. Doch es hat sich nicht gelohnt, nicht wahr?«

»Es hat Sie zum Weibe gemacht, Daphne. Ihr Gesicht ist ganz anders geworden. Ihr Mund ist hübscher. Sie sind überhaupt hübscher.« Daphne Wings Wangen färbten sich rosig; davon ermutigt, fuhr er mit größerer Wärme fort: »Wenn Sie mich jetzt liebten, würde ich Ihrer nicht überdrüssig werden. – Das dürfen Sie mir glauben. Ich …«

Sie schüttelte den Kopf. »Wir wollen nicht von Liebe reden, nicht wahr? Hatten Sie in Moskau und Petersburg große Erfolge? Es muß herrlich sein, wirklich große Erfolge zu haben.«

Fiorsen erwiderte düster: »Ich habe viel Geld verdient.«

»Oh, dann müssen Sie ja sehr glücklich sein!«

Wollte sie ihn verhöhnen?

»Ich bin unglücklich.«

Er erhob sich, trat auf sie zu. Sie blickte in sein Gesicht.

»Es tut mir leid, wenn Sie unglücklich sind. Ich kenne das Gefühl.«

»Sie können mir darüber weghelfen, Sie können mir vergessen helfen, kleine Daphne.« Er stand vor ihr, legte ihr die Hände auf die Schultern. Ohne sich zu rühren, erwiderte sie: »Sie wollen wohl Frau Fiorsen vergessen, nicht wahr?«

»Als ob sie gestorben wäre. Lassen Sie uns wieder so sein wie früher, Daphne. Sie haben sich entwickelt, sind eine vollendete Künstlerin …«

Daphne Wing drehte den Kopf in die Richtung der Treppe. »Das war die Glocke. Vielleicht sind es die Eltern, die kommen meist um diese Zeit. Oh, wie peinlich!«

Fiorsen wich gegen die Wand zurück. Mit dem Kopf einen der kleinen japanischen Bäume berührend, biß er sich in die Faust.

»Meine Mutter hat den Schlüssel, und es wäre sinnlos, Sie irgendwo zu verstecken, weil sie immer durch alle Zimmer geht. Überdies habe ich jetzt auch keine Angst mehr, – es ist doch ein großer Unterschied, wenn man selbständig ist.«

Sie verschwand. Fiorsen hörte eine säuerliche Frauenstimme, dann eine heisere, schmalzige Männerstimme, einen schmatzenden Kuß. Er stand da: Gefangen! Der kleine taubenhafte Teufel! Er sah eine Dame in einem rotgrünen Changeantkleid eintreten, hinter ihr folgte ein kurzer, dicker Herr mit rundem ergrauenden Bart, in einem grauen Anzug, eine kleine Dahlie im Knopfloch. Dann kam Daphne Wing, errötend, mit sehr runden Augen. Fiorsen trat vor, wollte ohne weiteres entfliehen. Der Herr sagte: »Mach uns bekannt, Daisy. Ich verstehe nicht recht – Herr Dawson? Guten Tag. Sie sind Impresario meiner Tochter? Sehr erfreut, Sie kennenzulernen.«

Fiorsen verbeugte sich. Herrn Wagges kleine Schweinsaugen blieben auf den japanischen Bäumen haften.

»Sie hat einen hübschen Raum hier für ihre Arbeit – ruhig, unkonventionell. Ich hoffe, Sie halten etwas von ihrem Talent, Herr? Man kann so leicht nichts Besseres finden, glaube ich.«

Fiorsen verbeugte sich abermals.

»Sie dürfen auf Ihre Tochter stolz sein«, sagte er. »Sie ist ein aufgehender Stern.«

Herr Wagge räusperte sich. »Ja–a. Als sie noch ganz klein war, haben wir schon ihr Talent entdeckt. Ich habe großes Interesse für ihre Arbeit. Sie schlägt zwar nicht in mein Fach, doch ist Daisy zäh dabei, und ich liebe die Ausdauer. Hat man Ausdauer, so ist der halbe Kampf um den Erfolg bereits gewonnen. So viele junge Menschen meinen, das Leben sei nur ein Spiel. Das müssen Sie in Ihrem Beruf oft gemerkt haben.«

»Robert! Der Herr heißt nicht Dawson

Ein endloser Augenblick folgte. Auf der einen Seite stand die säuerliche Frau, streckte den Kopf vor wie eine zornige Henne, auf der anderen Daphne Wing mit immer runder werdenden Augen, röter werdenden Wangen, die Hände gegen die vollkommen schöne Brust gepreßt, und in der Mitte die breite, grauhaarige Gestalt, mit purpurnem Gesicht, wütenden Augen, heiserer Stimme.

»Sie Schurke! Sie verdammter Schurke!« Herr Wagge sprang vor, hob seine dicke Faust. Fiorsen rannte an ihm vorüber, hinaus, die Treppen hinunter und eilte fort.


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