Autorenseite

 << zurück weiter >> 

V. Kapitel

Von nun ab kam Gyp tagtäglich mehr in Berührung mit der oberen Boheme, jenem merkwürdigen Teil der Gesellschaft, der Musik, Literatur und Theater an sich zieht. Sie fühlte, daß sie nicht zu ihr gehöre, ebensowenig wie Fiorsen, der ein viel zu echter Bohemien und Künstler war, die Gallants und sogar die Roseks dieser Welt verspottete, so wie er Winton, Tante Rosamunde und deren Welt verhöhnte. Das Zusammenleben mit ihm ließ Gyp sich immer weniger zugehörig zu der alten orthodoxen, wohlerzogenen Welt fühlen, die, ehe sie geheiratet hatte, die ihre gewesen war, der sie aber, seitdem Winton ihr das Geheimnis ihrer Geburt verraten, stets ein wenig fremd gegenübergestanden hatte. Tatsächlich ließ sie sich viel zu leicht beeinflussen und war zu kritisch, um die Satzungen dieser durch äußere Formen regierten Welt anzuerkennen; doch hätte sie aus eigener Initiative niemals ihre Grenzen überschritten. Losgelöst von diesen Wurzeln, unfähig, in dem veränderten Boden neue zu schlagen, geistig unverbunden mit ihrem Manne, wurde sie immer einsamer und einsamer. Ihre einzigen glücklichen Stunden verbrachte sie mit Winton oder am Klavier. Stets staunte sie über das, was sie getan hatte, sehnte sich danach, den tiefen, genügend starken Grund dafür zu finden. Je mehr sie jedoch suchte, desto größer wurde ihre Verwirrung, desto stärker das Gefühl, sie sei in einen Käfig geraten. In der letzten Zeit war noch eine neue, bestimmte Sorge hinzugekommen.

Sie verbrachte jetzt viel Zeit in ihrem Garten. Alle Blüten waren abgefallen, der Flieder verblüht, die Akazien begannen zu knospen und die Amseln waren verstummt.

Winton, der nach vorsichtigem Experimentieren entdeckt hatte, daß ihm von halb vier bis sechs keine Gefahr drohe, den Schwiegersohn anzutreffen, kam fast jeden Tag zum Tee, rauchte auf dem Rasenplatz friedlich seine Zigarre. Eines Tages saß er mit Gyp dort, als Betty eine Visitenkarte mit dem Namen »Daphne Wing«, brachte.

»Führ' sie her, Betty, bitte, und bring' frischen Tee und viel gebutterten Toast und Bonbons, Schokoladebonbons und alle anderen, die du findest, Betty, Liebling.«

Betty ging über den Rasen zurück, mit dem verklärten Ausdruck, den ihr Gesicht stets bekam, wenn Gyp sie »Liebling« nannte, und Gyp sagte zum Vater:

»Das ist die kleine Tänzerin, von der ich dir erzählt habe, Väterchen. Du wirst etwas Vollkommenes sehen. Nur schade, daß sie angezogen sein wird.«

Sie war es. In eine warme Elfenbeinfarbe gehüllt, über der blattgrüner Chiffon lag, mit einem Gürtel aus winzigen künstlichen Blättern, den Kopf von ebensolchen grünen Blättern umrahmt, glich sie einer aus dem Hain spähenden Nymphe. Es war etwas auffallend, aber immerhin reizend, auch vermochte kein Kleid die Schönheit ihrer Gestalt zu verbergen. Sie schien nervös.

»Oh, Frau Fiorsen, Sie haben doch hoffentlich nichts dagegen, daß ich komme?! … Ich wollte Sie so gerne wiedersehen. Graf Rosek sagte, ich könnte es wagen. Der Tag meines Auftretens ist schon festgesetzt. Oh, guten Tag!« Augen und Lippen öffneten sich für Winton, da sie sich ihm gegenüber niederließ. Gyp, die ihn beobachtete, fühlte Lachreiz. Väterchen und Daphne Wing!

»Haben Sie in letzter Zeit wieder bei Graf Rosek getanzt?«

»O ja, haben Sie … wußten Sie … ich … o ja …« Sie stockte verwirrt.

Gyp durchzuckte der Gedanke: Gustav ist mit ihr zusammengetroffen und hat mir nichts davon gesagt. Doch erwiderte sie sogleich: »Natürlich, ich hatte es vergessen. Wann ist Ihr erstes Auftreten?«

»Freitag nächster Woche. Im Oktagon. Ist das nicht herrlich? Ich habe einen so günstigen Kontrakt. Und ich möchte so gerne, daß Sie und Herr Fiorsen kommen!«

»Natürlich werden wir kommen. Auch mein Vater liebt den Tanz sehr, nicht wahr, Väterchen?«

»Gutes Tanzen liebe ich sehr«, sagte Winton verbindlich.

»Oh, ich tanze gut, nicht wahr, Frau Fiorsen? Ich habe daran gearbeitet – seit meinem dreizehnten Jahr. Ich glaube, Sie müßten sehr gut tanzen, Frau Fiorsen. Sie haben eine so prachtvolle Gestalt. Es ist eine Freude, Ihren Gang zu beobachten.«

Gyp errötete, sagte: »Essen Sie doch von diesen Bonbons, Fräulein Wing, es sind ganze Himbeeren drin.«

Die kleine Tänzerin steckte eins in den Mund.

»Oh, bitte, nennen Sie mich nicht Fräulein Wing. Nennen Sie mich Daphne. Herr Fior …, alle Leute tun es.«

Den Ausdruck auf dem Gesicht des Vaters wahrnehmend, murmelte Gyp:

»Es ist ein reizender Name. Wollen Sie nicht so eins, da sind Aprikosen drin.«

»Sie schmecken herrlich. Wissen Sie, mein erstes Kostüm besteht ganz aus Orangenblüten; Herr Fiorsen hat mich auf die Idee gebracht. Er hat es Ihnen ja bestimmt erzählt. Vielleicht war es sogar Ihre Idee?« Gyp schüttelte den Kopf. »Graf Rosek sagt, die ganze Welt warte auf mich …« Sie verstummte, hielt ein Bonbon in der Hand, dann fügte sie hinzu: »Glauben Sie, daß das wahr ist?«

»Hoffentlich.«

»Er sagt, ich sei etwas Neues. Es ist so angenehm, dies zu glauben. Er hat viel Geschmack, auch Herr Fiorsen hat viel Geschmack, nicht wahr?«

Gyp sah, wie sich die Lippen des Vaters auf seiner Zigarre zusammenpreßten. Sie nickte stumm.

Die kleine Tänzerin steckte das Bonbon in den Mund. »Natürlich, er hat doch Sie geheiratet.«

Dann schien sie plötzlich zu merken, daß Wintons Augen auf sie geheftet waren, wurde verwirrt und sagte: »Oh, wie herrlich ist es hier – wie auf dem Lande. Ich fürchte, ich muß jetzt gehen, üben. Es ist so wichtig für mich, meine Zeit gut auszunützen, nicht wahr?« Und sie erhob sich.

Auch Winton stand auf. Gyp sah, wie die Augen des Mädchens die künstliche Hand anstarrten, immer runder und runder werdend, hörte, wie ihre vorsichtige Stimme, vom Winde getragen, in den Garten zurückklang. »Oh, ich hoffe …« Doch was sie hoffte, hörte man nicht mehr.

Gyp saß reglos. Zwischen den Blumen raunten die Bienen, in den Bäumen gurrten die Tauben, die Sonnenstrahlen wärmten ihre Knie und ihre ausgestreckten Beine durch die durchbrochenen Strümpfe. Durch den Garten schwang das Lachen des Stubenmädchens, das Knurren der in der Küche spielenden Hündchen, aus der Ferne der Ruf des Milchmanns. Alles war sehr friedvoll, dennoch bestürmten ihr Herz seltsame, verwirrende Gefühle. Der Augenblick, der ihr die Unaufrichtigkeit ihres Mannes offenbarte, fiel mit einer anderen Offenbarung zusammen, die ihr geworden war. Sie hatte einmal zu ihrem Vater gesagt, daß sie kein Kind haben wolle. Bei ihr, deren Geburt den Tod der Mutter verursacht hatte, war dies ein mehr oder weniger bewußter Widerwille. Und nun wußte sie gewiß, daß sie eines bekommen werde. Sie hatte jenen Punkt geistiger Vereinigung nicht erreicht – wußte, daß sie ihn nie erreichen werde –, den Punkt, der einzig und allein den Gedanken an die Mutterschaft in ein Glück verwandelt. Sie lag gefangen in den Netzen eines törichten, anmaßenden Irrtums. Einige kurze Ehemonate – und schon war sie ihres Mißerfolgs so sicher, sah so gänzlich hoffnungslos in die Zukunft. Eine harte, natürliche Tatsache ist vonnöten, damit einem sehnsüchtigen, verwirrten Geist die Wahrheit über sich selbst offenbar wird. Die Enttäuschung ist stets unwillkommen, ist es um so mehr, wenn sie eine Enttäuschung über sich selbst und über den anderen ist. Was hatte sie tun wollen? Fiorsen vor sich selbst retten! Lächerlich! Sie hat nur sich selbst verloren. Schon jetzt fühlte sie sich als Gefangene und würde durch das Kind noch stärker gefesselt sein. Manchen Frauen bringt das Gefühl der Unvermeidlichkeit eine gewisse Beruhigung der Nerven; bei Gyp war es genau das Gegenteil. Jeder Zwang rief widersprechende Gefühle wach.

Und während die Tauben gurrten und der Sonnenschein ihr die Füße wärmte, durchlebte sie die bittersten Augenblicke ihres Lebens. Der Stolz kam ihr zu Hilfe. Niemand durfte es wissen – jedenfalls nicht der Vater, der sie so eindringlich gewarnt hatte. Wie sie sich gebettet hatte, mußte sie nun liegen.

Als Winton zurückkehrte, sagte er:

»Ich kann nichts Reizvolles an der Dame sehen,

»Findest du ihr Gesicht nicht vollkommen schön?«

»Gewöhnlich.«

»Ja, doch das verschwindet, wenn sie tanzt.«

Winton sah sie unterhalb geschlossenen Lidern an. »Wie findet Fiorsen sie?«

»Hat er denn über sie nachgedacht? Ich weiß es nicht.«

Sie fühlte das wachsame Härterwerden seines Gesichtes.

»Daphne Wing! … Großer Gott!«

Die Worte verrieten Zorn und Mißtrauen. Von so etwas sollte seiner Tochter Gefahr drohen!

Nachdem er gegangen war, saß Gyp im Garten, bis die Sonne verschwand und der Tau durch ihr dünnes Kleid drang. Es hieß doch: andere beglücken, sichert das eigene Glück. Sie wird es versuchen. Die dicke Betty mit ihrem rheumatischen Bein, dachte die je an sich selbst? Und Tante Rosamunde, die stets damit beschäftigt war, herrenlose Hunde, lahme Pferde und arme Musiker zu retten? Und Väterchen, trotz seinen weltmännischen Allüren, tat er nicht immer etwas für die Leute seines alten Regimentes, suchte er nicht immer, ihr Freude zu machen? Alle zu lieben, zu beglücken, war das möglich? Freilich ist es schwer, die Menschen zu lieben, schwerer jedenfalls als Tiere und Blumen, bei denen die Liebe natürlich und leicht erscheint.

Sie ging in ihr Zimmer, kleidete sich zum Diner um. Welches ihrer Kleider war ihm das liebste? Das tief dekolletierte, hell-bernsteinfarbene oder das weiche weiße mit den Elfenbeinspitzen? Sie entschloß sich für das letztere. Als sie sich im Spiegel betrachtete, schauderte sie. All dies wird verschwinden, sie wird den Frauen gleichen, über deren Mut, sich so zu zeigen, sie immer gestaunt hatte. Weshalb mußte man häßlich werden, um Leben zur Welt zu bringen? Einige Frauen schienen darauf stolz zu sein. Wie ist das möglich? Sie wird es nie wagen, sich in diesem Zustand öffentlich zu zeigen.

Als sie angekleidet war, ging sie hinunter. Fiorsen war noch nicht heimgekehrt. Mit einem Seufzer der Erleichterung wandte sie sich vom Fenster ab und ging ins Speisezimmer. Sie aß, die beiden Hündchen neben sich, ließ dann abräumen und setzte sich ans Klavier. Betty, die für Chopin eine Schwäche hatte, saß an der Tür, die in die hinteren Räumlichkeiten führte. Sie stellte sich ihre »Hübsche« vor, in dem weißen Kleid, auf beiden Seiten von den Kerzenflammen beleuchtet, neben denen die schönen, schwerduftenden Lilien standen. Näherte sich ihr eines der Mädchen, so trieb sie es unwirsch fort.

Es wurde spät. Die Dienstmädchen hatten sich schlafen gelegt. Gyp hörte zu spielen auf, stand am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Wie warm es war, Jasmin an der Gartenmauer. Kein Stern am Himmel. In London sah man stets so wenig Sterne. Ein Geräusch ließ sie auffahren. An der offenen Tür stand im dunklen Zimmer etwas Großes. Sie rief erschrocken: »Bist du es, Gustav?«

Er sagte einige unverständliche Worte. Rasch das Fenster schließend, trat sie auf ihn zu. Das Licht von der Halle beleuchtete eine Seite seines Gesichts. Er war blaß, hatte seltsam glänzende Augen, – einer seiner Ärmel war ganz weiß. Mit heiserer Stimme sagte er: »Kleiner Geist.«

Zum erstenmal sah Gyp Trunkenheit aus der Nähe. Wie schrecklich, wenn jemand es sähe – wie schrecklich! Sie wollte in die Halle laufen, um die zu den hinteren Räumlichkeiten führende Tür zu verschließen, doch er packte sie bei der Schulter. Sie blieb stehen, fürchtete, Lärm zu machen oder ihn durch eine Bewegung umzuwerfen; seine zweite Hand griff nach ihrer anderen Schulter, so stand er, sich an ihr festhaltend. Sie war nicht entsetzt. Sie dachte nur: Was soll ich tun? Wie kann ich ihn die Treppe hinaufbringen, ohne daß jemand es merkt? Sie blickte ihm ins Gesicht; es erschien ihr rührend mit den glänzenden Augen und der starren Blässe. Sie sagte sanft: »Es ist schon gut. Stütze dich auf mich, wir wollen hinaufgehen.«

Stärker noch als Ekel durchbebte sie ein schauerliches Mitleid. Den Arm um ihn legend, schritt sie der Treppe zu. Wenn nur niemand etwas hörte, wenn sie ihn unauffällig hinaufbringen könnte. Sie flüsterte: »Sprich nicht. Stütze dich auf mich.«

Er schien eine große Anstrengung zu machen, atmete tief, mit einem Ausdruck, der komisch gewirkt hätte, wenn er nicht so tragisch gewesen wäre.

Ihn mit aller Kraft haltend, begann sie die Treppe hinaufzusteigen. Es ging leichter, als sie erwartet hatte. Jetzt noch der Korridor, ins Schlafzimmer hinein, und die Gefahr ist vorüber. Es war getan! Er lag auf dem Bett, die Tür war geschlossen. Dann ließ ihre Spannung einen Augenblick nach, sie zitterte so heftig, daß sie ihre Zähne gegeneinander schlagen hörte. Sie erblickte sich im großen Spiegel. Ihre hübschen Spitzen waren ganz zerrissen, ihre Schultern rot, wo er sich festgehalten hatte. Sie warf das Kleid ab, schlüpfte in einen Schlafrock und trat zu ihm. Er lag in einer Art Betäubung, nur mit Mühe gelang es ihr, ihn aufzusetzen und gegen das Kopfende des Bettes zu lehnen. Sie zerbrach sich den Kopf, was sie ihm wohl eingeben könnte. Natron, – das mußte das richtige sein! Endlich lag er im Bett, und sie stand daneben, blickte auf ihn hinab. Seine Augen waren geschlossen; wenn sie zusammenbräche, er würde es nicht sehen. Aber sie wollte nicht weinen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ebenfalls zu Bett zu gehen. Sie entkleidete sich, drehte das Licht aus. Er schlief schnarchend. Ins Dunkel starrend, lächelte Gyp. Sie gedachte der jungen Frauen, von denen sie in Romanen gelesen hatte, die errötend und bebend ihrem jungen Gatten ins Ohr flüstern: »Ich habe dir etwas, etwas ganz Besonderes zu sagen!«


 << zurück weiter >>