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XII. Kapitel

Gyps Genesung ging anfangs mit einer steten Schnelligkeit vor sich, die Winton in helles Entzücken versetzte. Die Pflegerin erklärte, die junge Frau sei vorzüglich gebaut und das mache ungeheuer viel aus.

Noch vor Weihnachten durfte sie das Haus verlassen, und am Weihnachtsmorgen erklärte der alte Arzt – als eine Art Weihnachtsgeschenk –, sie könne getrost nach Hause zurückkehren. Am Nachmittag jedoch fühlte sie sich plötzlich weniger wohl, am nächsten Tag mußte sie das Zimmer hüten. Es schien nichts Ernsthaftes, nur eine verzweifelte Müdigkeit, als ob das Bewußtsein, sie könne wieder nach Hause zurück und dies hinge hauptsächlich von ihrem Entschluß ab, eine zu schwere Last für sie wäre. Und da niemand ihre innersten Gefühle kannte, waren, außer Winton, alle erstaunt. Sie durfte das Kind nicht mehr nähren.

Mitte Januar sagte sie: »Ich muß heim, Väterchen.«

Das Wort »heim« tat ihm weh, doch erwiderte er nur: »Gut, Gyp, wann?«

»Das Haus ist in Ordnung, ich werde wohl am besten schon morgen fahren. Er ist noch bei Rosek, ich will ihn nicht verständigen; es wäre gut, wenn ich zwei oder drei Tage für mich haben könnte, um mit Baby in Ordnung zu kommen.«

»Gut, ich werde dich begleiten.«

Er machte keinen Versuch, etwas Bestimmtes über ihre Gefühle Fiorsen gegenüber zu erfahren; er kannte sie allzu genau.

Am nächsten Tag reisten sie in die Stadt, erreichten London um halb zwei. Das Unterbringen von Betty und dem Baby in dem unbewohnten Zimmer, das jetzt als Kinderzimmer dienen sollte, nahm Gyps ganze Energie in Anspruch. Es dämmerte bereits, als sie, noch im Pelzmantel, den Schlüssel nahm, um ins Musikzimmer hinüberzugehen. Sie wollte sehen, ob nach ihrer zehnwöchigen Abwesenheit alles in Ordnung sei. Wie winterlich war der Garten! Wie verschieden von der schwülen, mondhellen Nacht, da Daphne Wing aus dem Schatten der dunklen Bäume hervorgetanzt war. Wie nackt und scharf hoben sich die Baumäste gegen den grau dunkelnden Himmel ab – kein Vogellaut, keine Blume. Sie blickte zurück nach dem Haus. Es sah weiß und frostig aus, doch waren ihr Zimmer und das Kinderzimmer erhellt, in dem eben jemand die Vorhänge zuzog. Jetzt, da alle Blätter abgefallen waren, konnte man die Nachbarhäuser sehen, jedes verschieden in Form und Farbe, wie das bei Londoner Gebäuden der Fall ist. Es war kalt, unbehaglich. Gyp eilte den Pfad entlang. Vom Fenster des Musikzimmers hingen vier kleine Eiszapfen nieder. Sie brach im Vorübergehen einen ab. Im Musikzimmer mußte ein Feuer brennen, sie konnte durch die Vorhänge die Flammen flackern sehen. Die sorgsame Ellen hatte bestimmt dort gelüftet. Jählings jedoch hielt Gyp inne. Durch einen Vorhangspalt sah sie zwei Gestalten auf dem Diwan sitzen. Etwas begann sich in ihrem Kopf zu drehen. Dann blickte sie mit übermenschlicher Ruhe ins Zimmer. Er und Daphne Wing! Sein Arm lag um ihren Hals. Das Gesicht des Mädchens war emporgehoben, es blickte zu ihm auf, die Lippen halb geöffnet, die Augen wie gebannt, anbetend.

Gyp hob die Hand. Eine Sekunde hielt sie den Arm erhoben, als wolle sie gegen das Fenster pochen, dann ließ sie ihn sinken. Ein Gefühl der Übelkeit überkam sie; sie wandte sich ab.

Niemals wird sie ihm oder diesem Mädchen zeigen, daß sie ihr weh tun können! Sie sind vor jeder Szene sicher, – sicher in ihrem Nest. Sie schritt über das bereifte Gras, durch den dunklen Salon, ging in ihr Zimmer, versperrte die Tür und setzte sich vor den Kamin. Ihr Stolz tobte. Sie preßte unbewußt das Taschentuch zwischen die Zähne. Die Flammen taten ihren Augen weh, doch dachte sie nicht daran, sie mit der Hand zu schützen.

Wenn sie ihn geliebt hätte! Das Taschentuch fiel auf ihren Schoß, und sie blickte es erstaunt an: es war blutbefleckt. Sie lehnte sich weiter von den Flammen entfernt zurück, saß ganz still, ein Lächeln um die Lippen. Die Augen des Mädchens, gleich denen eines anbetenden kleinen Hundes, – dieses Mädchens, das ihr so geschmeichelt hatte! Nun war es zu seinem »distinguierten Mann« gekommen! Gyp schnellte auf, sah rasch in den Spiegel. In ihrem eigenen Hause! Weshalb nicht hier, in diesem Zimmer? Weshalb nicht vor ihren Augen? Und sie waren noch nicht ein Jahr verheiratet! Es war fast komisch, wirklich fast komisch. Dann kam ihr der erste ruhige Gedanke: »Ich bin frei!«

Doch schien ihr dies belanglos, hatte keinen Wert für ihren verwundeten Stolz. Sie rückte näher ans Feuer. Weshalb hatte sie nicht gegen das Fenster geklopft? Zu sehen, wie das Gesicht des Mädchens vor Schreck aschgrau wird! Ihn ertappt zu sehen, – in dem Zimmer, das sie für ihn so schön gemacht, in dem sie ihn so viele Stunden auf dem Klavier begleitet hatte. Wie lange diente es schon ihren Zusammenkünften, wie lange stahlen sie sich bereits durch die Hintertür herein? Vielleicht noch ehe sie fortgegangen war, um sein Kind zur Welt zu bringen. Jetzt stand ihr ein harter Kampf zwischen ihrem Muttergefühl und ihrer Empörung bevor, ein stummer Kampf: wird sie fühlen, daß das Kind nun ganz ihr gehöre, oder wird es ihrem Herzen entgleiten, für sie etwas Abscheuliches werden?

Zusammengekauert, rückte sie noch näher ans Feuer, fror, fühlte sich körperlich übel. Und plötzlich dachte sie: Wenn ich den Dienstboten nicht sage, daß ich hier bin, könnten sie hinausgehen und sehen, was ich sah! Hatte sie bei ihrer Rückkehr die Salontür geschlossen? Sie läutete, öffnete die Tür. Das Stubenmädchen erschien.

»Bitte, schließen Sie das Fenster im Salon, Ellen, und sagen Sie Betty, ich hätte mich auf der Reise ein wenig erkältet und ginge zu Bett. Fragen Sie, ob sie allein mit dem Baby fertig werden kann.« Auf dem Gesicht des Mädchens lag ein besorgter, etwas mitleidiger Ausdruck, doch nicht ein erschrockener, der verraten hätte, daß sie alles wisse.

»Ja, gnädige Frau, ich werde Ihnen eine Wärmflasche bringen. Wollen Sie nicht ein heißes Bad nehmen und eine Tasse heißen Tee trinken?«

Gyp nickte. Irgend etwas! Und da das Mädchen gegangen war, dachte sie: Eine Tasse heißen Tee! Weshalb sollte er nicht heiß sein?

Das Stubenmädchen kam mit dem Tee; es war ein gutherziges Mädchen, empfand Gyp gegenüber bewundernde Zuneigung, ergriff für sie Partei in einem Heim, wo die Einigkeit fehlte. Ihrer Ansicht nach war die Herrin viel zu gut für Fiorsen, – einen Ausländer, und noch dazu mit solchen Gewohnheiten! Manieren hatte er überhaupt keine! Daraus konnte nichts Gutes werden, das war ihre Meinung.

»Ich habe das Wasser einlaufen lassen, gnädige Frau. Soll ich ein wenig Senf hineintun?«

Und das Mädchen ging in die Küche, um den Senf zu holen, und erzählte der Köchin: »Die Frau hat etwas so Rührendes an sich.« Die Köchin fingerte eben auf ihrer Ziehharmonika, für die sie eine Leidenschaft hatte, und erwiderte:

»Sie verbirgt ihre Gefühle. Gott sei Dank spricht sie nicht so gedehnt wie die alte Tante, – der möchte ich immer sagen: ›Nur frisch drauflos, Alte, gar so wertvoll bist du auch nicht.‹«

Die Köchin zog die Harmonika aus und spielte gefühlvoll: »Home, sweet Home.«

Gyp lag im heißen Bad, die Töne drangen gedämpft an ihr Ohr, glichen dem fernen Summen großer Fliegen. Die Wärme des Wassers, der durchdringende Senfgeruch, das leise Summen der Musik beruhigten sie, schläferten ihr allzu heftiges Gefühl ein. Eines Tages wird auch sie lieben. Seltsam, daß sie dies in einem derartigen Augenblick fühlt! Ja, eines Tages wird auch zu ihr die Liebe kommen. Vor ihrem Geist verschwamm Daphne Wings anbetender Blick, das Beben ihres Armes, und in Gyps Herz schlich sich Mitleid ein, halb bitteres, halb bewunderndes Mitleid. Weshalb sollte sie, die nicht liebte, ihn der anderen mißgönnen? Die Töne, die dem Summen großer Fliegen glichen, schwollen an, bäumten sich auf. Die Köchin ließ im Baß die Musik lauter werden bei dem Satz:

»Und sei es noch so bescheiden,
Nichts kommt dem Heime gleich!«


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