Autorenseite

 << zurück weiter >> 

III. Kapitel

Freitag abend wurden in der Oper »Cavalleria« und »Bajazzo« gegeben, außer »Faust« und »Carmen« die einzigen Opern, bei denen Winton nicht die ganze Zeit schlief.

Frauenaugen, die nicht starren dürfen, nehmen mehr auf als Männeraugen. Gyp hatte Summerhay erblickt, ehe er sie sah. Er kam herein, klappte seinen Hut, ihn gegen die weiße Weste drückend, zu, und blickte sich um, als suche er jemanden. Er sah im Abendanzug gut aus. Als er sich setzte, konnte sie gerade noch sein Profil sehen, und während sie zerstreut Santuzza und den dicken Turiddu beobachtete, fragte sie sich, ob er sich wohl, wenn sie ihn scharf anblickte, umwenden würde. In diesem Augenblick bemerkte er sie. Sie war ein wenig betroffen, da sie fühlte, daß sie nach diesem einen Blick noch einen zweiten verlange. Wird ihr Kleid ihm gefallen? Ist sie gut frisiert? Hätte sie sich doch heute morgen nicht den Kopf gewaschen! In der Pause jedoch sah sie sich nicht um, ehe sie seine Stimme hörte: »Guten Abend, Herr Major!«

Winton hatte bereits von der Begegnung im Zug gehört. Er sehnte sich nach einer Zigarette, wollte aber seine Tochter nicht allein lassen. Nach einigen Bemerkungen erhob er sich. »Nehmen Sie meinen Platz ein, Summerhay, – ich gehe rauchen.«

Summerhay setzte sich. Gyp empfand ein seltsames Gefühl, als ob das ganze Gebäude und alle Leute verschwänden und sie wieder im Coupe säßen – sie beide allein. Zehn Minuten hatte sie zur Verfügung, aus denen sie alles herausholen mußte! Sich am Blick seiner Augen, dem Klang seiner Stimme, seinem Lachen zu erfreuen, selbst zu lachen, freundlich zu ihm zu sein. Sie waren Freunde. Als er sie verließ, sagte sie: »In der Nationalgalerie ist ein Bild, das Sie sehen müssen.«

»Wollen Sie es mir zeigen? Um welche Zeit? Um drei?«

Gyp fühlte, wie sie errötete; sie hatte die bestimmte und angenehme Empfindung, daß sie, mit der Wärme in ihren Wangen und dem Lächeln in ihren Augen, schön sei. Dann war er verschwunden. Der Vater setzte sich neben sie, und sie berührte, den verräterischen Ausdruck ihres Gesichtes fürchtend, seinen Arm: »Väterchen, sieh dir mal den Hut in der zweiten Reihe an, hast du schon je etwas Hübscheres gesehen?«

Während Winton in die Luft starrte, spielte das Orchester die Ouvertüre der »Bajazzi«. Der herzzerreißenden kleinen Erzählung folgend, verstand Gyp sie zum erstenmal nicht nur mit dem ästhetischen Gefühl. Arme Nedda! Armer Canio! Armer Silvio! Ihre Augen füllten sich mit Tränen. In diesen Gestalten der Tragikomödie schien sie die leidenschaftliche Liebe zu sehen, zu fühlen – die allzu rasche, zu gewaltige, zu süße, zu furchtbare Liebe.

»Du hast mein Herz, ich bin für ewig dein,
Bin heute nacht und bin für immer dein!
Was bleibt mir noch? Was bleibt mir noch, als
ein gebrochen Herz?«

La commedia é finita!

Während sie ihren Mantel anzog, begegneten ihre Augen Summerhays Blick. Sie versuchte zu lächeln, vermochte es aber nicht. Sie riß ihre Augen von den seinen los und schickte sich an, Winton zu folgen.

 

Am nächsten Tag kam sie nicht aus Koketterie zu spät, sondern weil sie fürchtete, allzu eifrig zu erscheinen. Sie sah ihn sofort in der Säulenhalle, bemerkte die Veränderung seines Gesichtes, als er sie erblickte. Sie führte ihn geradeswegs vor das Bild. Der steife Hut und moderne Kragen vergrößerten zwar die Ähnlichkeit nicht, aber sie bestand dennoch.

»Nun!«

»Weshalb lächeln Sie?«

»Seit meinem fünfzehnten Jahr besitze ich eine Photographie von diesem Bild. Sie sehen also, daß ich Sie schon lange kenne.«

Er starrte sie an.

»Wirklich? Sehe ich so aus? Gut, nun will ich versuchen, Sie zu finden.«

Gyp schüttelte den Kopf. »Das dort ist mein Lieblingsbild. ›Procris' Tod.‹ Das Staunen in den Augen des Fauns, Procris' geschlossene Augen, der Hund, die Schwäne, die Wehmut eines Etwas, das hätte sein können.«

»Etwas, das hätte sein können! Haben Sie gestern die ›Bajazzi‹ genossen?«

»Ich glaube, ich habe zu sehr mitempfunden.«

»Das schien auch mir so. Ich habe Sie beobachtet.«

»›Zugrunde gehen‹ durch Liebe – erscheint mir schrecklich. Jetzt zeigen Sie mir Ihre Lieblinge. Übrigens glaube ich sie erraten zu können.«

»Nun?«

»Der ›Admiral‹ zum Beispiel.«

»Ja. Und die anderen?«

»Die beiden Bellinis.«

»Sie sind wirklich unheimlich.«

Gyp lachte. »Sie verlangen Entschlossenheit, Klarheit, Farbe und Feinheit. Stimmt das? Hier ist noch eines meiner liebsten Bilder.«

Eine winzige »Kreuzigung« von da Messina – ein dünnes, hohes Kreuz, ein magerer, schlichter, leidender Christus, einsam, unendlich lebendig in der klaren, verdüsterten Landschaft.

»Ich finde, dies rührt einen mehr als die großen, idealisierten. So muß es gewesen sein. Und hier die Francescas! Sind sie nicht wundervoll?«

Seine Augen sagten: Du bist wundervoll.

Sie verbrachten zwei Stunden unter den unzähligen Bildern fast ebenso allein wie im Coupé. Als sie seine Begleitung ablehnte, blieb Summerhay regungslos in der Säulenhalle. Die Sonne strömte herein, Tauben putzten ihre Federn, Menschen gingen auf dem Platz vorbei, erschienen schwarz und winzig gegen die Löwen und die gewaltigen Säulen. Doch sah er all dies nicht. Sie war anders als alle, die er je gekannt hatte. Anders als die Frauen und Mädchen der Gesellschaft. Sie glich auch niemandem aus der Halbwelt. War auch nicht vom neuen Frauentyp, keine Studentin oder Suffragette. Glich niemandem. Und er wußte so wenig von ihr. Wußte nicht einmal, ob sie je wirklich geliebt hatte. Was mochte ihr ihr Mann noch bedeuten? …

»Die Seltene, Stumme, die Unsagbare!« Wenn sie lächelte, wenn ihre Augen – doch nein, ihre Augen waren so flink, senkten sich, ehe er hineinblicken konnte. Wie schön war sie gewesen, als sie die Bilder betrachtete, ein kleines verschwommenes Lächeln auf den Lippen! Dürfte er sie küssen! Mit einem Seufzer schritt er die grauen Stufen hinab, in den Sonnenschein hinaus. Und London, dröhnend vom Leben der Saison, erschien ihm plötzlich völlig leer. Morgen – ja, morgen wird er sie besuchen.


 << zurück weiter >>